Freitag, 5. Juli 2013

(2) KAPITEL 10

SHINO

Verdammt, was habe ich jetzt schon wieder angestellt? Warum kann ich denn nie was Richtig machen? „Saphir, warte doch bitte!“, rief ich ihr hinterher, doch sie blieb nicht stehen, im Gegenteil, sie wurde sogar noch schneller, doch ich konnte Problemlos mithalten und beeilte mich ebenfalls, bis ich sie überholte und vor ihr stand. Saphir blieb abrupt stehen. „Was willst du? Wenn du versuchen willst mich schon wieder so zu verarschen, dann vergiss es gleich!“, knurrte sie mich feindselig an. „Es tut mir Leid, wie oft soll ich dir das noch sagen? Ich wollte dir nie etwas böses, sondern nur das Beste! Verarscht habe ich dich schon mal gar nicht, alles was ich getan habe ist den Schmerz von dir genommen, damit du ruhig schlafen konntest! Du musst mich doch auch verstehen, es war Nothandel“, versuchte ich ihr zu erklären und sie schaute mich an. Kurz standen wir so voreinander, schweigend und in Gedanken versunken. Plötzlich zuckte Saphir zusammen und machte leichte Schritte zurück. „Bring mich zurück, sofort“, flüsterte sie mir zu und ich schaute mich irritiert um. Wo sind wir hier? Es ist eindeutig nicht mehr unser Gebiet, das wüsste ich.. „Los jetzt!“, drängte sie. „Ich weiß nicht wo wir sind“, flüsterte ich immer leiser werdend und duckte mich ebenfalls. „Leg dich hin und beweg dich nicht!“, befahl ich ihr und ohne Wiederworte legte sie sich hin. Rascheln war aus allen Richtungen zu hören. Vorsichtig platzierte ich mich neben Saphir und legte meinen Kopf auf den Boden. Sie zitterte. „Hab keine Angst, ich bring uns hier wieder raus“, versicherte ich ihr. Ein lautes Brüllen hallte an uns vorbei, gefolgt von einem zweiten und kurz darauf von noch einem dunklerem und intensiverem Brüllen. Wir zuckten beide zusammen und wagten kaum auch nur noch einen weiteren Atemzug zu machen. Das Brüllen verstummte und es wurde wieder ganz ruhig. So ruhig, dass ich mich sicher genug fühlte, um mich aufzurichten. Auch Saphir setzte sich langsam auf und atmete tief durch. Mit einer kurzen Kopfbewegung deutete ich ihr mir zu folgen. Langsam und aufmerksam tastete ich mich vorwärts. Saphir schlich mir hinterher und versuchte keinen Pieps zu machen. Als wir dachten keiner wäre mehr hier, sprang plötzlich ein heller großer Tiger vor mich und fing an zu knurren. Während Saphir sich zurückzog blieb ich mutig vor ihm stehen und bewegte mich kein bisschen. Vielleicht sah das heldenhaft aus, wie ich sie vor einem doppelt so großen Tiger beschützen wollte, doch innerlich schrie ich mir die Seele aus dem Leib. Mein Herz schlug mir bis zum Hals, als er auch noch anfing zu fauchen. Er ging in Angriffsposition. Was mache ich nun? Bin ich eigentlich nicht mehr ganz dicht im Kopf? Dieses Monster legt mich doch mit nur einem Hieb um! Moment.. Je mehr Angst ich zeige, desto sicherer fühlt er sich... Nein, auch wenn er mir körperlich überlegen ist, so bin ich im doch geistig viel überlegener. Denn eines steht fest: Er kann mich nicht manipulieren, zumindest nicht auf meine Art. Ich hatte keine Zeit mehr lange so herum zu stehen und zu warten bis er mich endgültig in tausend Fetzen zerreißen würde. Kurz bevor er grade abspringen wollte fing ich seinen Blick. Meine Augen verschmälerten sich und ich baute eine Bindung zwischen ihm und mir auf. Man konnte es mit einem Faden vergleichen, welcher zu einem festen Seil wuchs. Als ich mir sicher war, dass dieses Seil nicht reißen würde, machte ich einen Schritt auf ihn zu. Seine Augenfarbe ist von einem tiefen Schwarz in ein helles Grau übergegangen. Starr saß er da, immer noch in seiner Angriffsposition. Je näher ich an ihn kam, desto stärker wurde das Seil. „Steh auf!“, befahl ich ihm. „Wie lautet dein Name, Fremder?“, fragte ich ihn. „Gekk“, antwortete er emotionslos. Da ich ihn nun hundert prozentig unter Kontrolle hatte, wagte ich noch einen Schritt weiter; den in seine Erinnerungen. Was ich hier sah, schockierte mich. Ich musste nicht tief wühlen, da sah ich bereits ein bekanntes Gesicht: Mila. Was hat es damit auf sich? Ich suchte weiter und fand noch weitere Tiger seiner Art, er gehörte dem Stamm eines Masons an. Wer das war, wusste ich selbst nicht, doch ich prägte mir sein Gesicht ein. Des weiteren stieß ich oftmals auf den Namen „Saphir“. Ein genaues Bild von ihr fand ich nicht, nur einen schemenhaften Umriss. Trotzdem löschte ich direkt alles was mit ihr zu tun hatte. Mehr wollte ich nicht wissen. Es würde zu lange dauern seine ganzen Gedanken zu durchsuchen, also ging ich zurück in die Realität. Nun sah ich wieder seine Augen. „Bring uns sicher hier raus!“, sagte ich stumpf und er bewegte sich. Am Rand des Dschungels blieb er stehen, sein Blick immer noch starr grade aus gerichtet. Ich nickte und deutete ihm zu gehen. Denn je tiefer er in den Dschungel tauchte, desto schwächer wurde die Verbindung zwischen uns, bis der dünne Faden endlich riss. In der Zwischenzeit waren auch wir weiter gerannt, bis wir endlich auf dem richtigen Weg zurück zu meinem Stamm waren. „Hast du das selbe mit mir gemacht?“, fragte sie mich ohne mich anzusehen. „So ungefähr. Aber ich wollte dir nichts böses. Es tut mir Leid wenn ich dir damit Schaden zugefügt hatte“, entschuldigte ich mich. „Du warst in seinem Kopf, oder? Hast du da etwas gesehen?“ Kurz dachte ich nach. Sollte ich ihr sagen, dass sie Mila gesucht hatten? Sollte ich ihr sagen, dass sie Jagd auf sie machten? Nein, das würde sie nur verunsichern.. Nach einer langen Pause antwortete ich ihr: „Ja, aber nichts besonderes. Er gehört zu Masons Stamm, aber wer dieser Mason ist weiß ich auch nicht.“ „Du hast noch mehr gesehen, du willst es nur nicht zugeben“, flüsterte sie kaum hörbar. „Hast du bei mir noch mehr Erinnerungen verdrängt? Was hast du alles gesehen?“, fragte sie unsicher. „Saphir, bitte. Das habe ich dir doch bereits gesagt. Ich habe nicht in deinen Erinnerungen gewühlt und nur die Erinnerung an mich gelöscht. Das wars“, beendete ich die Diskussion.

Ich führte sie bis zum Wasser, von wo sie alleine weiterging. Etwas in mir drinnen sagte mir, dass sie immer noch verletzt war und mir nicht wirklich glaubte. „Du solltest jetzt gehen, Lura ist hier“, sagte sie noch. „Ich komme später zu dir“, versicherte ich und sie verschwand. Wie und wann hatte sie sie gesehen? Hinter mir hörte ich rascheln und ich deutete an, dass ich trinken würde. „Shino? Da bist du ja!“, rief Lura überschwänglich und küsste mich. „Oh, Lura. Schön dich zu sehen“, sagte ich irritiert und fragte mich, ob das hier Richtig war. Ist es das was ich will? Luras Nähe spüren und sie bei mir haben? Es ist schön und seltsam zugleich... Mein Blick fixierte den Wasserfall. Nein, ich bilde mir das alles bestimmt nur ein! „Was ist denn da?“, fragte Lura neugierig und starrte ebenfalls in die selbe Richtung. „Nichts. Nichts ist da. Ich finde.. dieser Ort ist überwältigend“, log ich und schaute sie an. „Also, was machst du überhaupt hier?“, versuchte ich sie abzulenken. „Ich wollte dich sehen, weißt du, ich habe dich vermisst“, piepste Lura ein wenig traurig und kuschelte sich an mich. Irgendwie fühlte es sich nicht so an wie Anfangs. Lura überforderte mich ein wenig. Dieser Moment war persönlich, zu persönlich für mich, doch ich wollte sie nicht verletzten. „Suchst du denn nicht Saphir?“, erkundigte ich mich und sie stutzte. Habe ich was falsches gesagt? „Ähm nein, wieso sollte ich, wenn alle anderen das schon tun?“ „Sorgst du dich denn gar nicht um sie? Vielleicht braucht die ja Hilfe“, versuchte ich ihr zu verdeutlichen und wollte eine vernünftige Erklärung. „Was willst du eigentlich von mir? Ich komme extra her um dich zu sehen und du? Du redest die ganze Zeit nur über diese Saphir! Alle reden nur von Saphir. Keiner hat Zeit für mich, keinen interessiert es wie es mir geht oder was ich mache“, sagte sie etwas gekränkt. „Es dreht sich nun mal nicht alles nur um dich! Manchmal gibt es auch wichtigere Dinge“, platzte es aus mir heraus und ich erschrak genauso über meine Worte wie Lura. Tränen füllten ihre Augen. „Achso, ich verstehe. Vielleicht sollte ich dann lieber gehen“, sagte sie kopfschüttelnd und ging beleidigt davon. Einer musste es ihr ja sagen. Und dieser Einer bin anscheinend ich. Aber jetzt mal ehrlich; wie eingebildet und selbstverliebt ist dieses Mädchen eigentlich? Was ist mit der nur falsch gelaufen? 

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