SAPHIR
„Saphir? Bist du schon wach?“,
flüsterte Shino leise. Natürlich war ich wach. Ich musste darüber
nachdenken, was ich ihm anvertraut hatte. Und ich hatte nicht gelogen,
ich vertraute ihm. Ich hob meinen Kopf und musterte ihn. Er sah müde
und erschöpft aus. „Was ist passiert?“, „Dein Vater.“
Erschrocken starrte ich ihn an. Mein Vater? „Was
ist mit ihm?“, ich versuchte den Schock nicht in meine Stimme zu
lassen. „Er war bei mir. Ihm ist bewusst, dass du hier bist. Er
wollte wissen wie es dir geht und ich soll dir sagen, dass sie dich
vermissen und hoffen das du wieder zurück kommst“, sagte er und
starrte zu Boden. Er ist traurig. Es
versetzte mir einen Stich Shino so traurig zu sehen und zu hören,
wie besorgt alle waren. Ich muss zurück. Ich hab keine
Wahl. Aber ich will nicht zurück. Und ich habe auch nicht das
Gefühl, dass Shino mich loswerden will.. Mir
stiegen Tränen in die Augen. „Ich muss zurück“, flüsterte ich
und mir kullerten die ersten Tränen hinunter. „Ich weiß“,
sagte Shino bitter. Nun wand er seinen Kopf und suchte meinen Blick.
Als er ihn fand, sah ich, dass auch er den Tränen nahe war. „Es
tut mir leid“, flüsterte ich. Shino schwieg. „Wann willst du
gehen?“, fragte er vorsichtig und starrte wieder zu Boden. Ich
will nicht gehen. Ich
muss. „Ich...
Ich weiß es nicht. In zwei Tagen? Wäre das in Ordnung für dich?“,
„Natürlich“, sagte er fest und stand auf. „Ich sollte gehen.
Es fällt langsam auf, dass ich nicht so oft da bin“, sagte er und
tapste zum Ausgang. Irgendetwas wollte ich sagen. Etwas was ihn
aufhalten sollte, etwas was ihm sagen sollte, was ich für ihn
empfand. Aber ich konnte es nicht. Es war gegen das Gesetz. Ich
hasse dieses Gesetz! Wieso bestimmt man unser Schicksal? Haben wir
den keine Wahl? - Nein. Die haben wir nicht. Es ist als würde man
uns wegsperren. Als hätten wir ein Verbrechen begangen. Wir sind
noch Kinder und haben nichts zu sagen. Ist das fair? - Nein. Aber wir
sind gezwungen, damit zu leben. Was soll ich nur dagegen tun? Mich
gegen die Gesetze auflehnen? Einen Aufstand machen? - Nein. Das darf
man nicht. Wenn man Unruhen verbreitet, wird man verbannt. Und
deswegen wollte ich auch niemandem von Lian erzählen. Er und Aya
würden verbannt werden, und das will ich nicht. Ich wäre weiterhin
dort – gefangen. Lieber möchte ich gehen und meinen eigenes Leben
leben. Also wäre es gar nicht so falsch, einen Aufstand zu machen.
Vielleicht wäre es sogar das Beste. Für mich, Lian und Aya. Und was
wird aus Shino? Er wird Lura heiraten. Glückwunsch, dachte
ich bitter. Wut stieg in mir auf, über all diese Gesetze. Langsam
holte ich tief Luft und ließ einen kräftigen Brüller in der Höhle
als Echo erklingen. Es ist nicht fair,
dachte ich wütend und plötzlich hörte ich draußen Donner und
Blitzschlag. Wieso gewittert es? Es war gerade noch gutes
Wetter!, dachte ich verwirrt.
Ich hörte noch weitere Donnerschläge und nun auch die Regentropfen,
welche auf den Wasserfall prasselten. Erschrocken fuhr ich hoch, als
Shino wieder in die Höhle sprang. Er war völlig durchnässt und
seine Augen waren aufgerissen. „Es gewittert hier total selten und
ich dachte es wäre nicht so klug, im Dschungel unter Bäumen zu
stehen wenn Blitze einschlagen. Ich bleibe hier bis das Unwetter
wieder vorbei ist“, sagte er aufgeregt. Ich musste lächeln, aber
meine Wut war noch lange nicht vorbei. Langsam tapste Shino zu mir
und legte sich neben mich. „Ehrlich gesagt mag ich das Gewitter. Es
beruhigt mich“, sagte ich leise. Shino schaute mich an und
erwiderte ruhig: „Ich weiß was du meinst.“ Und so lagen wir
nebeneinander und warteten das Gewitter ab. Dabei entstand so eine
Ruhe, dass ich schon dachte meinen eigenen Herzschlag hören zu
können. Diese Ruhe war nicht so eine unbehagliche, wo man nie weiß
was man sagen soll. Sie war angenehm. Auch wenn ich mir lieber
wünschte, dass Shino mit mir reden würde. Wir haben nur
noch zwei Tage Zeit. Danach wird alles anders werden. Er wird irgendwann Lura
heiraten und was mit mir passieren wird, weiß ich nicht. Vielleicht
werden wir nie wieder miteinander reden können. Vielleicht wird das
in zwei Tagen ein 'Leb wohl' für immer...
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