SHINO
Fröhlich
sangen die Vögel ihre Lieder zum späten Nachmittag. Ihr gezwitscher
war die schönste Musik, es war als würden sie eine Geschichte
erzählen. Aber was konnten ein paar Vögel schon erzählen? Über
die Lüfte und die weite Welt vielleicht, denn von Problem wohl eher
kaum. Allein an vier Tagen, oder auch mehr oder weniger, konnte ich
mehr Probleme aufzählen, als sie es in ihrem ganzen Leben können
würden. Wie schön es sein musste ein Vogel zu sein. Fliegend und
unbeschwert durch die Lüfte gleiten. Hoch hinaus über die Wolken
bis zu den Sternen. Das bedeutete wahre Freiheit. Gehen wann man
will, wohin man will, aber vorallem: mit wem man will. Müde legte
ich mich nieder und schaute träge nach oben. So gerne wäre
ich ein Vogel, so wie ihr. Jeden Abend mein Lied vom Tag singen,
immer ein anderes. Auf dem höchsten Ast würde ich mein Nest bauen
und von oben auf alle herabschauen. Dann fände ich dort draußen ein
Weibchen aus einem anderen Lande. Tags würden wir die Welt zusammen
umfliegen und Abends Lieder singen. Lieder von uns, unserer Heimat
und unserer Wünsche und Träume. Irgendwann käme ich dann nach
hause und fände kleine bezaubernde Küken wieder, welchen ich meine
Geschichten erzählen würde. Jeden Abend würden sie auf mich
warten, mich freudig begrüßen. Ich würde sie fliegen lehren und
sie eines Tages alleine in die Freiheit lassen. Sie ihr eigenes Leben
leben lassen, ihre Wünsche und Träume. Ihre Lieder von der Welt
singen lassen. Mit meinem Weibchen würde ich weiterleben und
Abenteuer erleben. Wenn ich mein letztes Lied singen würde, würde
es von meinem Leben und meiner Geschichte handeln. Wie frei und
sorglos ich wäre, dass mein Leben lebenswert gewesen wäre. Dann
würde ich verstummen und mein Lied würde ein anderer auffassen und
weitergeben, so wie ich das getan hatte. Ich wäre weg, doch mein
Lied würde weiter gesungen werden, von Vögeln, die ich nicht kannte
und von Tieren, die sie hörten. So wie ich jetzt würden sie hier
liegen und lauschen. Sich ausmalen dieses Lied käme von ihnen und es
wäre ihre Geschichte gewesen. Ich wusste in meinem anderen Leben
würde ich gerne ein Vogel werden. Mehr als alles andere wünsche ich
mir das. Aber nicht jetzt. Bevor ich die Freiheit genießen kann,
muss ich erst mal in Gefangenschaft überleben, mich durchlagen und
durchkämpfen. Erst dann verdiene ich die Freiheit. Langsam
schloss ich meine Augen und hörte weiterhin die Lieder der Vögel
an. Sie waren wunderschön und so befreiend. Bis ich einschlief
versuchte ich die Geschichten zu verstehen, doch für mich blieb es
nur eine fröhliche, helle Melodie. Wie ein Geheimnis, dass nur die
Vögel kannten. Niemand außer ihnen hatte es verdient, diese zu
kennen. Also auch ich nicht.
NICO
In einem Tempo, das unvorstellbar war, rannte ich so schnell ich
konnte durch die Felder, bis ich am Dschungel ankam. Doch dort
steigerte ich mein Tempo sogar und wich problemlos allen Bäumen und
Sträuchern aus. Wie ein Blitz schnellte ich bis zum Feind und blieb
mitten in ihrem Dorf stehen. Sorge und Wut plagten mich. Niemand
konnte sich vorstellen wie sehr sie mich innerlich auffraßen. Mein
Brüllen verursachte fast ein Erdbeben und prompt standen sie alle um
mich herum. Ihre Augen durchbohrten mich und ihr Knurren drang durch
meine Ohren. Hier rein und da raus. Das war mir zu viel. Ein
gefährliches Knurren von mir und alle verstummten. Sie hatten keine
Angst, sie wollten mich nur anhören. Da trat auch schon der Mann
hervor, zu dem ich eigentlich wollte. Die wohl wichtigste Person des
Rudels. Chaisen. „Nico, was für eine nette Überraschung. Was
führt dich in mein Dorf?“, fragte er sarkastisch und blieb ein
paar Meter vor mir stehen. „Wo ist sie?“, fragte ich wütend. „Wo
ist wer?“ Seine Stimme hatte einen hinterlistigen Ton angenommen
und durch Sarkasmus geprägt. Er versuchte unschuldig zu klingen,
doch das provozierte mich umso mehr. „Wo ist sie? Wo verdammt ist
meine Tochter?!“ Als ich einen Schritt vorwärts machte fingen die
anderen an zu knurren. Chaisen deutete ihnen sie sollen still sein
und sofort verstummten alle. „Deine Tochter? Ach deine kleine
Saphir. Du hast sie mir ja gar nicht vorgestellt, fällt mir grade so
auf“, erwiedert er und nähert sich mir ebenfalls. „Ich habe sie
dir aus gutem Grund nicht vorgestellt“, knurrte ich. „Na, wieso
denn so verärgert mein Freund, ich bin sicher wir können das ganz
leicht regeln. Wie wäre es mit einem Deal? Wir bekommen meine
Tochter zurück und du deine. Wie wäre das?“ „Mila will aber
nicht zu euch!“ „Bist du dir da wirklich sicher Nico? Habt ihr
ihr nie die Wahrheit erzählt? Will sie wirklich nicht zu ihrer
Familie, zu ihrem Vater?“ Ein kleiner Schauer überfuhr mich. Nein,
Mila wusste nicht was geschehen war. Sie durfte es auch niemal
erfahren. Das würde unseren ganzen Stamm zerreißen. Sie war mutig
und eine gute Freundin. Ganz davon abgesehen, dass ich sie fast
geheiratet hätte. Mila würde nicht in ihr altes Rudel wechseln, da
war ich mir ganz sicher. Das würde sie uns nicht antun. „Na, wieso
bist du denn so still, Nico?“ „Erst will ich Saphir sehen, dann
reden wir weiter“, stellte ich ihm klar und stellte mich grade hin.
„Sie ist nicht hier“, hörte ich eine bekannte Stimme rufen.
Natürlich, es war Alice und sie kam schnurstracks auf mich zu.
Sofort ließ ich Flammen zwischen uns aufgehen, sodass sie sofort
zurücksprang. „Komm bloß nicht näher, ich warne dich“, fauchte
ich ihr zu und sie fing an zu lachen. „Bist du immernoch sauer
wegen der Sache von damals? Wie naiv du doch nur warst. Und nun warne
ich dich mein Lieber: Du weißt ich bin stark. Versuch es auch nur
und du wirst winselnd am Boden liegen“, sagte sie grinsend und
stellte sich zu Chaisen. Lange schaute ich den Beiden in die Augen.
Niemand um uns herum wagte es auch nur einen kleinen Laut von sich zu
geben. „Ihr wisst nicht wo sie ist“, sagte ich ernst und sie
grinsten. „Aber ich meine sie gesehen zu haben. Da war ich mit Gekk
unterwegs und er hatte sich von mir abgewand“, sagte Kronx mit
einer tiefen Stimme. Sofort suchte ich mit den Augen das Rudel ab,
bis ich ihn fand. Ich sprang auf ihn zu und schenkte ihm Blicke, die
ihn erzittern ließen. „Du hast sie gesehen. Wo ist sie?“ fragte
ich ihn einmal. „Ich weiß es nicht“, antwortete er mir. Wut
stieg in mir auf. „Wo ist meine Tochter? Du hast mit ihr geredet.
Sag mir wo sie ist!“, brüllte ich Gekk an. „Ich weiß es
wirklich nicht. Mir fehlt jede Erinnerung an den Tag. Ich weiß nicht
mal wer deine Tochter ist“, sagte er diesmal leiser und zog sich
zurück. Bei seinen Worten öffneten sich meine Augen. Ich wusste wo
Saphir war, naja indirekt. Ohne auch nur ein weiteres Wort zu
verlieren rannte ich weg. Aber klar, wieso bin ich da nicht schon
früher darauf gekommen. Anstattsie außerhalb zu suchen, müssen wir
sie innerhalb suchen! Anstatt bei Feinen zu suchen, müssen wir bei
Freunden suchen.. Shino hat sich als einziger aus dieser Sache
rausgehalten, weil er genau weiß, wo sie ist. Sie ist bei Shino!
Während ich zu ihm lief überlegte ich was ich zu ihm sagen wollte.
Doch irgendwie war ich zu keinem Entschluss gekommen und musste das
ganz spontan machen. Shino war alleine im Dorf, alle anderen waren
unterwegs und würden bald auch wiederkommen. Er lag auf dem Boden
und schlief, trotzdem fing ich an zu reden: „Shino, bitte wach
auf“, befahl ich ihm und er öffnete langsam seine Augen. „Es tut
mir Leid, dass ich dich wecke, aber ich muss mit dir reden“,
entschuldigte ich mich bei ihm und er setzte sich auf. „Worum geht
es denn?“, fragte er vorsichtig. „Es geht um Saphir. Ich weiß,
dass sie bei dir ist“, fing ich an. „Nein, sie ist nicht bei mir,
zumindest sehe ich sie nicht“, sagte er blitzschnell. „Aber du
weißt wo sie ist. Bitte, ich mache mir große Sorgen um meine
Tochter. Kannst du mir nur sagen wie es ihr geht? Mehr verlange ich
nicht“, flehte ich ihn an. Stille. Er wandte seinen Blick ab und
schaute an mir vorbei. Lange Zeit saßen wir so, doch ich blieb
ruhig. „Es geht ihr gut“, sagte er leise. „Danke. Kannst du ihr
sagen, dass wir sie alle vermissen? Scarlett und ich sind schon ganz
krank vor Sorge..“ „Saphir möchte nicht zurück“, sagte er
schnell und ich stutzte. „Vermisst sie uns denn nicht?“, sprach
ich meine Gedanken aus, doch ich wollte darauf keine Antwort. „Shino,
bitte rede mit ihr und sorg dafür, dass es ihr gut geht! Ich
verlasse mich da auf dich. Wenn sie beschließt wieder nach Hause zu
kommen werden wir dort alle auf sie warten. Ich muss jetzt gehen“,
verabschiedete ich mich. „Ich passe auf sie auf!“, rief er mir
noch nach und schon verschwand ich außer seiner Sichtweite. Zu hause
traf ich dann Chayenne, welche grade gehen wollte. „Ich habe sie
gefunden“, rief ich und sofort hatte ich die volle Aufmerksamkeit.
„Wo ist sie?“, fragte Scarlett beinahe mit Tränen in den Augen.
Nach kurzem zögern antwortete ich: „Es geht ihr gut, aber sie wird
von alleine kommen. Saphir braucht noch ein wenig Zeit. Es geht ihr
gut, sie ist in guten Händen“, sagte ich voller Zuversicht und
Scarlett lehnte sich an mich. „Es geht ich gut, Liebes“, tröstete
ich sie.
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