Mittwoch, 10. Juli 2013

(2) KAPITEL 12

SHINO

Fröhlich sangen die Vögel ihre Lieder zum späten Nachmittag. Ihr gezwitscher war die schönste Musik, es war als würden sie eine Geschichte erzählen. Aber was konnten ein paar Vögel schon erzählen? Über die Lüfte und die weite Welt vielleicht, denn von Problem wohl eher kaum. Allein an vier Tagen, oder auch mehr oder weniger, konnte ich mehr Probleme aufzählen, als sie es in ihrem ganzen Leben können würden. Wie schön es sein musste ein Vogel zu sein. Fliegend und unbeschwert durch die Lüfte gleiten. Hoch hinaus über die Wolken bis zu den Sternen. Das bedeutete wahre Freiheit. Gehen wann man will, wohin man will, aber vorallem: mit wem man will. Müde legte ich mich nieder und schaute träge nach oben. So gerne wäre ich ein Vogel, so wie ihr. Jeden Abend mein Lied vom Tag singen, immer ein anderes. Auf dem höchsten Ast würde ich mein Nest bauen und von oben auf alle herabschauen. Dann fände ich dort draußen ein Weibchen aus einem anderen Lande. Tags würden wir die Welt zusammen umfliegen und Abends Lieder singen. Lieder von uns, unserer Heimat und unserer Wünsche und Träume. Irgendwann käme ich dann nach hause und fände kleine bezaubernde Küken wieder, welchen ich meine Geschichten erzählen würde. Jeden Abend würden sie auf mich warten, mich freudig begrüßen. Ich würde sie fliegen lehren und sie eines Tages alleine in die Freiheit lassen. Sie ihr eigenes Leben leben lassen, ihre Wünsche und Träume. Ihre Lieder von der Welt singen lassen. Mit meinem Weibchen würde ich weiterleben und Abenteuer erleben. Wenn ich mein letztes Lied singen würde, würde es von meinem Leben und meiner Geschichte handeln. Wie frei und sorglos ich wäre, dass mein Leben lebenswert gewesen wäre. Dann würde ich verstummen und mein Lied würde ein anderer auffassen und weitergeben, so wie ich das getan hatte. Ich wäre weg, doch mein Lied würde weiter gesungen werden, von Vögeln, die ich nicht kannte und von Tieren, die sie hörten. So wie ich jetzt würden sie hier liegen und lauschen. Sich ausmalen dieses Lied käme von ihnen und es wäre ihre Geschichte gewesen. Ich wusste in meinem anderen Leben würde ich gerne ein Vogel werden. Mehr als alles andere wünsche ich mir das. Aber nicht jetzt. Bevor ich die Freiheit genießen kann, muss ich erst mal in Gefangenschaft überleben, mich durchlagen und durchkämpfen. Erst dann verdiene ich die Freiheit. Langsam schloss ich meine Augen und hörte weiterhin die Lieder der Vögel an. Sie waren wunderschön und so befreiend. Bis ich einschlief versuchte ich die Geschichten zu verstehen, doch für mich blieb es nur eine fröhliche, helle Melodie. Wie ein Geheimnis, dass nur die Vögel kannten. Niemand außer ihnen hatte es verdient, diese zu kennen. Also auch ich nicht.

NICO

In einem Tempo, das unvorstellbar war, rannte ich so schnell ich konnte durch die Felder, bis ich am Dschungel ankam. Doch dort steigerte ich mein Tempo sogar und wich problemlos allen Bäumen und Sträuchern aus. Wie ein Blitz schnellte ich bis zum Feind und blieb mitten in ihrem Dorf stehen. Sorge und Wut plagten mich. Niemand konnte sich vorstellen wie sehr sie mich innerlich auffraßen. Mein Brüllen verursachte fast ein Erdbeben und prompt standen sie alle um mich herum. Ihre Augen durchbohrten mich und ihr Knurren drang durch meine Ohren. Hier rein und da raus. Das war mir zu viel. Ein gefährliches Knurren von mir und alle verstummten. Sie hatten keine Angst, sie wollten mich nur anhören. Da trat auch schon der Mann hervor, zu dem ich eigentlich wollte. Die wohl wichtigste Person des Rudels. Chaisen. „Nico, was für eine nette Überraschung. Was führt dich in mein Dorf?“, fragte er sarkastisch und blieb ein paar Meter vor mir stehen. „Wo ist sie?“, fragte ich wütend. „Wo ist wer?“ Seine Stimme hatte einen hinterlistigen Ton angenommen und durch Sarkasmus geprägt. Er versuchte unschuldig zu klingen, doch das provozierte mich umso mehr. „Wo ist sie? Wo verdammt ist meine Tochter?!“ Als ich einen Schritt vorwärts machte fingen die anderen an zu knurren. Chaisen deutete ihnen sie sollen still sein und sofort verstummten alle. „Deine Tochter? Ach deine kleine Saphir. Du hast sie mir ja gar nicht vorgestellt, fällt mir grade so auf“, erwiedert er und nähert sich mir ebenfalls. „Ich habe sie dir aus gutem Grund nicht vorgestellt“, knurrte ich. „Na, wieso denn so verärgert mein Freund, ich bin sicher wir können das ganz leicht regeln. Wie wäre es mit einem Deal? Wir bekommen meine Tochter zurück und du deine. Wie wäre das?“ „Mila will aber nicht zu euch!“ „Bist du dir da wirklich sicher Nico? Habt ihr ihr nie die Wahrheit erzählt? Will sie wirklich nicht zu ihrer Familie, zu ihrem Vater?“ Ein kleiner Schauer überfuhr mich. Nein, Mila wusste nicht was geschehen war. Sie durfte es auch niemal erfahren. Das würde unseren ganzen Stamm zerreißen. Sie war mutig und eine gute Freundin. Ganz davon abgesehen, dass ich sie fast geheiratet hätte. Mila würde nicht in ihr altes Rudel wechseln, da war ich mir ganz sicher. Das würde sie uns nicht antun. „Na, wieso bist du denn so still, Nico?“ „Erst will ich Saphir sehen, dann reden wir weiter“, stellte ich ihm klar und stellte mich grade hin. „Sie ist nicht hier“, hörte ich eine bekannte Stimme rufen. Natürlich, es war Alice und sie kam schnurstracks auf mich zu. Sofort ließ ich Flammen zwischen uns aufgehen, sodass sie sofort zurücksprang. „Komm bloß nicht näher, ich warne dich“, fauchte ich ihr zu und sie fing an zu lachen. „Bist du immernoch sauer wegen der Sache von damals? Wie naiv du doch nur warst. Und nun warne ich dich mein Lieber: Du weißt ich bin stark. Versuch es auch nur und du wirst winselnd am Boden liegen“, sagte sie grinsend und stellte sich zu Chaisen. Lange schaute ich den Beiden in die Augen. Niemand um uns herum wagte es auch nur einen kleinen Laut von sich zu geben. „Ihr wisst nicht wo sie ist“, sagte ich ernst und sie grinsten. „Aber ich meine sie gesehen zu haben. Da war ich mit Gekk unterwegs und er hatte sich von mir abgewand“, sagte Kronx mit einer tiefen Stimme. Sofort suchte ich mit den Augen das Rudel ab, bis ich ihn fand. Ich sprang auf ihn zu und schenkte ihm Blicke, die ihn erzittern ließen. „Du hast sie gesehen. Wo ist sie?“ fragte ich ihn einmal. „Ich weiß es nicht“, antwortete er mir. Wut stieg in mir auf. „Wo ist meine Tochter? Du hast mit ihr geredet. Sag mir wo sie ist!“, brüllte ich Gekk an. „Ich weiß es wirklich nicht. Mir fehlt jede Erinnerung an den Tag. Ich weiß nicht mal wer deine Tochter ist“, sagte er diesmal leiser und zog sich zurück. Bei seinen Worten öffneten sich meine Augen. Ich wusste wo Saphir war, naja indirekt. Ohne auch nur ein weiteres Wort zu verlieren rannte ich weg. Aber klar, wieso bin ich da nicht schon früher darauf gekommen. Anstattsie außerhalb zu suchen, müssen wir sie innerhalb suchen! Anstatt bei Feinen zu suchen, müssen wir bei Freunden suchen.. Shino hat sich als einziger aus dieser Sache rausgehalten, weil er genau weiß, wo sie ist. Sie ist bei Shino!
Während ich zu ihm lief überlegte ich was ich zu ihm sagen wollte. Doch irgendwie war ich zu keinem Entschluss gekommen und musste das ganz spontan machen. Shino war alleine im Dorf, alle anderen waren unterwegs und würden bald auch wiederkommen. Er lag auf dem Boden und schlief, trotzdem fing ich an zu reden: „Shino, bitte wach auf“, befahl ich ihm und er öffnete langsam seine Augen. „Es tut mir Leid, dass ich dich wecke, aber ich muss mit dir reden“, entschuldigte ich mich bei ihm und er setzte sich auf. „Worum geht es denn?“, fragte er vorsichtig. „Es geht um Saphir. Ich weiß, dass sie bei dir ist“, fing ich an. „Nein, sie ist nicht bei mir, zumindest sehe ich sie nicht“, sagte er blitzschnell. „Aber du weißt wo sie ist. Bitte, ich mache mir große Sorgen um meine Tochter. Kannst du mir nur sagen wie es ihr geht? Mehr verlange ich nicht“, flehte ich ihn an. Stille. Er wandte seinen Blick ab und schaute an mir vorbei. Lange Zeit saßen wir so, doch ich blieb ruhig. „Es geht ihr gut“, sagte er leise. „Danke. Kannst du ihr sagen, dass wir sie alle vermissen? Scarlett und ich sind schon ganz krank vor Sorge..“ „Saphir möchte nicht zurück“, sagte er schnell und ich stutzte. „Vermisst sie uns denn nicht?“, sprach ich meine Gedanken aus, doch ich wollte darauf keine Antwort. „Shino, bitte rede mit ihr und sorg dafür, dass es ihr gut geht! Ich verlasse mich da auf dich. Wenn sie beschließt wieder nach Hause zu kommen werden wir dort alle auf sie warten. Ich muss jetzt gehen“, verabschiedete ich mich. „Ich passe auf sie auf!“, rief er mir noch nach und schon verschwand ich außer seiner Sichtweite. Zu hause traf ich dann Chayenne, welche grade gehen wollte. „Ich habe sie gefunden“, rief ich und sofort hatte ich die volle Aufmerksamkeit. „Wo ist sie?“, fragte Scarlett beinahe mit Tränen in den Augen. Nach kurzem zögern antwortete ich: „Es geht ihr gut, aber sie wird von alleine kommen. Saphir braucht noch ein wenig Zeit. Es geht ihr gut, sie ist in guten Händen“, sagte ich voller Zuversicht und Scarlett lehnte sich an mich. „Es geht ich gut, Liebes“, tröstete ich sie.

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