SAPHIR
In meiner tierischen Gestalt schlang
ich das Fleisch hinunter und verwandelte mich dann wieder zurück.
Langsam setzte ich mich hin und schaute Shino an. Wieso ist er so
nett zu mir? Womit hab ich das verdient? Mir
wurde auch etwas bewusst. Ich konnte nicht weg. Ich wollte
nicht
weg. „Ich will hier nicht weg“, sagte ich ruhig. Shinos Blick
fing meinen und ich sah Mitgefühl in ihnen. „Ich weiß das es
schwer ist, ich kann auch nicht sagen, dass ich weiß wie du dich
fühlst. Denn das wäre gelogen. Aber ich werde für dich da sein“,
„Wieso?“. Auf diese Frage hin musste er lange überlegen. Er
klang unsicher, jedoch auch stolz als er antwortete. „Weil ich mich
für dich verantwortlich fühle. Außerdem passiert hier nie etwas
Interessantes.“ Ich musste lächeln. Das
war eine gute Antwort.
Shino kam näher und musterte mich. „Bist du verletzt oder schwach?“, „Ich und schwach?“, gab ich empört zurück. Er
musste lächeln und langsam setzte er sich neben mich, wobei er mich immer
noch musterte. „Mir geht es soweit ganz gut. Und dir?“, „Ich
lebe noch“, gab er zurück und wand den Blick ab. Auch ich wand den
Blick ab und sah auf den Wasserfall. Es war glatt hypnotisierend und
wunderschön zugleich. Wie
sollte das weiter gehen? „Weißt
du, es ist schön mit dir zureden. Du hast mir schon viel geholfen
und ich bin dir verdammt dankbar“, flüsterte ich in das Schweigen.
Er sah mich an und vorsichtig umarmte ich ihn. „Du bist ein richtiger Freund“,
flüsterte ich. Er verstärkte seinen Griff und ich spürte, dass er
wieder lächelte. „Stör ich euch?“, fragte plötzlich eine mir
fremde Stimme. Sofort löste sich Shino aus der Umarmung und sprang
auf. Mit großen Augen starrte er das Mädchen vor uns an. Ich war
ziemlich verwirrt. Schließlich kannte ich keine Tiger in
Menschenform. Das Mädchen hatte lange, glatte schwarze Haare und
braune Augen. „Malou“, flüsterte Shino. Er rührte sich immer
noch nicht. „Du wusstest das sie hier ist und hast nichts gesagt?
Ihr ganzes Rudel läuft fast Amok! Shino, was soll das?“, fragte
Malou entgeistert. „Ihr geht es nicht gut und sie will nicht zurück
– vorerst. Bitte Malou, hilf mir! Ich kann sie nicht
zurückschicken!“, „Oh nein Bruderherz! Das kannst du vergessen!
Ich lass mich nicht auf so einen Schwachsinn ein!“, „Kann ich mal
mit dir reden? Bitte?“, fragte Shino traurig. Malou nickte genervt
und Shino deutete auf den Wasserfall. „Du zuerst“, sagte er und
Malou verwandelte sich. Elegant sprang sie durch den Wasserfall und
auch Shino verwandelte sich. Er schaute mich noch einmal besorgt an
wobei ich ihn anlächelte. „Mach dir keine Sorgen, mir geht es
gut“, versicherte ich und auch Shino sprang durch den Wasserfall.
Womit möchte er
sie überzeugen? Hat das den überhaupt einen Sinn? Sollte ich nicht
doch einfach zurück zu meinem Rudel? Immer diese Fragen... Eine
lange Zeit später sprang Malou wieder durch den Wasserfall und
verwandelte sich in ihre menschliche Gestalt. Ruhig kam sie auf mich
zu und ließ sich neben mir nieder. Auch sie hatte diesen
mitfühlenden Blick. „Wo ist Shino?“, fragte ich ruhig. Sie
machte mir keine Angst, eigentlich wirkte sie ziemlich sympathisch.
„Er schaut nach Kaito. Der müsste hier noch durch die Gegend
laufen. Er hat gesagt das er gleich wieder kommen würde und ich
wollte mit dir reden.“ Na
toll. „Wie
geht es dir, Saphir?“, „Mir geht es gut. Ich bin nur erschöpft
und...“, ich brach ab. Sie sah mich fragend an. „Du kannst es mir
erzählen. Ich möchte mich gerne in deine Lage hineinversetzen
können“, „Oh nein, dass möchtest du bestimmt nicht“, gab ich
traurig zurück. Nach kurzem Schweigen beschloss ich doch, ihr alles
zu erzählen. Ich brauchte mal eine Freundin mit der man so über
Jungs reden konnte und Malou schien dafür genau richtig.
Nachdem
ich damit geendet hatte, dass ich hier aufgewacht bin ohne jegliche
Erinnerung, runzelte sie die Stirn. Nach kurzem Schweigen fragte sie
ruhig: „Wie viel bedeutet dir Shino?“ „Er ist nett und scheint
ein guter Freund zu sein...“, „Nein, dass meinte ich nicht. Wie viel
bedeutet er dir?“
Das war eine
gute Frage. Was kann ich dazu sagen? Ich hatte das Gefühl ihm
vertrauen zu können. Und das ist selten bei mir. Wie viel bedeutet
er mir? - Ziemlich viel. Wenn ich ihn verlieren würde wäre es
komisch. Und er scheint mich als Einziger noch nie angelogen zu
haben. „Er
bedeutet mir wirklich viel. Er hat mich noch nie angelogen und das
bewundere ich an ihm.“ Malou schaute mich plötzlich traurig an.
„Du solltest vielleicht wissen, dass Shino eine Gabe hat.“ „Eine
Gabe? Was für eine?“, „Er kann hypnotisieren...“, flüsterte
Malou mitfühlend. Und sofort wurde mir etwas klar. Er
hat mich belogen! Er hat mich hierher gebracht! Unter Hypnose! Er hat
mich alles vergessen lassen! Und ich wollte ihm wieder vertrauen. Wie
konnte ich nur so dumm sein? „Du
solltest jetzt gehen“, flüsterte ich traurig und wütend zugleich.
Malou schaute mich noch einmal traurig an und ging dann. Kurze Zeit
später kam Shino wieder und gesellte sich zu mir. Doch ich kam ihm
zuvor. Ich sprang auf und er blieb abrupt stehen. „Du hast mich
belogen! Du hast mich hypnotisiert um mich hierher zu bekommen und du
hast mir meine Erinnerungen genommen! Wieso? Wie konntest du nur? Ich
habe dir vertraut!“, schrie ich ihn an. Er schaute mich verletzt an
und sagte: „Du hättest mich dir nicht helfen lassen. Ich wollte
doch nur das es dir besser geht. Ich wollte dir helfen! Und du
solltest dich nicht an mich erinnern weil ich dir keine Angst machen
wollte! Du wärst nie in der Höhle geblieben. Es tut mir leid, aber
ich wollte wirklich nur das Beste für dich!“ „Ich kann dir nicht
mehr vertrauen! Du hast mich belogen und wahrscheinlich nicht nur bei
der Sache! Ich habe in dir einen Freund gesehen, doch nun sehe ich
einen Fremden! Ich kann einfach nicht mehr. Verstehst du das? Meine
Nerven sind kaputt, wegen Aya, Lian und nun auch wegen dir! Ich kann nicht noch einen weiteren Lügner in meinem Leben gebrauchen! Ich
wünschte ich hätte dich nie kennengelernt!“, schrie ich. Ich
wollte ihm einfach alles sagen, was ihm am meisten verletzen könnte.
Als ich schließlich Verzweiflung und Trauer in seinem Blick sah,
wusste ich das mir das gelungen war. Nun musste ich nur noch hier
raus. Weg aus diesem Dschungel und einfach weg von Shino. So stürmte
ich an ihm vorbei, verwandelte mich in einen Tiger und sprang durch
den Wasserfall. Ich lief los, einfach irgendwohin. In einen fremden
Dschungel hinein. Nach ein paar Sprüngen merkte ich schon, dass
Shino mir folgte. Und er war verdammt schnell.
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