Mittwoch, 3. Juli 2013

(2) KAPITEL 9

SAPHIR

In meiner tierischen Gestalt schlang ich das Fleisch hinunter und verwandelte mich dann wieder zurück. Langsam setzte ich mich hin und schaute Shino an. Wieso ist er so nett zu mir? Womit hab ich das verdient? Mir wurde auch etwas bewusst. Ich konnte nicht weg. Ich wollte nicht weg. „Ich will hier nicht weg“, sagte ich ruhig. Shinos Blick fing meinen und ich sah Mitgefühl in ihnen. „Ich weiß das es schwer ist, ich kann auch nicht sagen, dass ich weiß wie du dich fühlst. Denn das wäre gelogen. Aber ich werde für dich da sein“, „Wieso?“. Auf diese Frage hin musste er lange überlegen. Er klang unsicher, jedoch auch stolz als er antwortete. „Weil ich mich für dich verantwortlich fühle. Außerdem passiert hier nie etwas Interessantes.“ Ich musste lächeln. Das war eine gute Antwort. Shino kam näher und musterte mich. „Bist du verletzt oder schwach?“, „Ich und schwach?“, gab ich empört zurück. Er musste lächeln und langsam setzte er sich neben mich, wobei er mich immer noch musterte. „Mir geht es soweit ganz gut. Und dir?“, „Ich lebe noch“, gab er zurück und wand den Blick ab. Auch ich wand den Blick ab und sah auf den Wasserfall. Es war glatt hypnotisierend und wunderschön zugleich. Wie sollte das weiter gehen? „Weißt du, es ist schön mit dir zureden. Du hast mir schon viel geholfen und ich bin dir verdammt dankbar“, flüsterte ich in das Schweigen. Er sah mich an und vorsichtig umarmte ich ihn. „Du bist ein richtiger Freund“, flüsterte ich. Er verstärkte seinen Griff und ich spürte, dass er wieder lächelte. „Stör ich euch?“, fragte plötzlich eine mir fremde Stimme. Sofort löste sich Shino aus der Umarmung und sprang auf. Mit großen Augen starrte er das Mädchen vor uns an. Ich war ziemlich verwirrt. Schließlich kannte ich keine Tiger in Menschenform. Das Mädchen hatte lange, glatte schwarze Haare und braune Augen. „Malou“, flüsterte Shino. Er rührte sich immer noch nicht. „Du wusstest das sie hier ist und hast nichts gesagt? Ihr ganzes Rudel läuft fast Amok! Shino, was soll das?“, fragte Malou entgeistert. „Ihr geht es nicht gut und sie will nicht zurück – vorerst. Bitte Malou, hilf mir! Ich kann sie nicht zurückschicken!“, „Oh nein Bruderherz! Das kannst du vergessen! Ich lass mich nicht auf so einen Schwachsinn ein!“, „Kann ich mal mit dir reden? Bitte?“, fragte Shino traurig. Malou nickte genervt und Shino deutete auf den Wasserfall. „Du zuerst“, sagte er und Malou verwandelte sich. Elegant sprang sie durch den Wasserfall und auch Shino verwandelte sich. Er schaute mich noch einmal besorgt an wobei ich ihn anlächelte. „Mach dir keine Sorgen, mir geht es gut“, versicherte ich und auch Shino sprang durch den Wasserfall. Womit möchte er sie überzeugen? Hat das den überhaupt einen Sinn? Sollte ich nicht doch einfach zurück zu meinem Rudel? Immer diese Fragen... Eine lange Zeit später sprang Malou wieder durch den Wasserfall und verwandelte sich in ihre menschliche Gestalt. Ruhig kam sie auf mich zu und ließ sich neben mir nieder. Auch sie hatte diesen mitfühlenden Blick. „Wo ist Shino?“, fragte ich ruhig. Sie machte mir keine Angst, eigentlich wirkte sie ziemlich sympathisch. „Er schaut nach Kaito. Der müsste hier noch durch die Gegend laufen. Er hat gesagt das er gleich wieder kommen würde und ich wollte mit dir reden.“ Na toll. „Wie geht es dir, Saphir?“, „Mir geht es gut. Ich bin nur erschöpft und...“, ich brach ab. Sie sah mich fragend an. „Du kannst es mir erzählen. Ich möchte mich gerne in deine Lage hineinversetzen können“, „Oh nein, dass möchtest du bestimmt nicht“, gab ich traurig zurück. Nach kurzem Schweigen beschloss ich doch, ihr alles zu erzählen. Ich brauchte mal eine Freundin mit der man so über Jungs reden konnte und Malou schien dafür genau richtig.
Nachdem ich damit geendet hatte, dass ich hier aufgewacht bin ohne jegliche Erinnerung, runzelte sie die Stirn. Nach kurzem Schweigen fragte sie ruhig: „Wie viel bedeutet dir Shino?“ „Er ist nett und scheint ein guter Freund zu sein...“, „Nein, dass meinte ich nicht. Wie viel bedeutet er dir?“ Das war eine gute Frage. Was kann ich dazu sagen? Ich hatte das Gefühl ihm vertrauen zu können. Und das ist selten bei mir. Wie viel bedeutet er mir? - Ziemlich viel. Wenn ich ihn verlieren würde wäre es komisch. Und er scheint mich als Einziger noch nie angelogen zu haben. „Er bedeutet mir wirklich viel. Er hat mich noch nie angelogen und das bewundere ich an ihm.“ Malou schaute mich plötzlich traurig an. „Du solltest vielleicht wissen, dass Shino eine Gabe hat.“ „Eine Gabe? Was für eine?“, „Er kann hypnotisieren...“, flüsterte Malou mitfühlend. Und sofort wurde mir etwas klar. Er hat mich belogen! Er hat mich hierher gebracht! Unter Hypnose! Er hat mich alles vergessen lassen! Und ich wollte ihm wieder vertrauen. Wie konnte ich nur so dumm sein? „Du solltest jetzt gehen“, flüsterte ich traurig und wütend zugleich. Malou schaute mich noch einmal traurig an und ging dann. Kurze Zeit später kam Shino wieder und gesellte sich zu mir. Doch ich kam ihm zuvor. Ich sprang auf und er blieb abrupt stehen. „Du hast mich belogen! Du hast mich hypnotisiert um mich hierher zu bekommen und du hast mir meine Erinnerungen genommen! Wieso? Wie konntest du nur? Ich habe dir vertraut!“, schrie ich ihn an. Er schaute mich verletzt an und sagte: „Du hättest mich dir nicht helfen lassen. Ich wollte doch nur das es dir besser geht. Ich wollte dir helfen! Und du solltest dich nicht an mich erinnern weil ich dir keine Angst machen wollte! Du wärst nie in der Höhle geblieben. Es tut mir leid, aber ich wollte wirklich nur das Beste für dich!“ „Ich kann dir nicht mehr vertrauen! Du hast mich belogen und wahrscheinlich nicht nur bei der Sache! Ich habe in dir einen Freund gesehen, doch nun sehe ich einen Fremden! Ich kann einfach nicht mehr. Verstehst du das? Meine Nerven sind kaputt, wegen Aya, Lian und nun auch wegen dir! Ich kann nicht noch einen weiteren Lügner in meinem Leben gebrauchen! Ich wünschte ich hätte dich nie kennengelernt!“, schrie ich. Ich wollte ihm einfach alles sagen, was ihm am meisten verletzen könnte. Als ich schließlich Verzweiflung und Trauer in seinem Blick sah, wusste ich das mir das gelungen war. Nun musste ich nur noch hier raus. Weg aus diesem Dschungel und einfach weg von Shino. So stürmte ich an ihm vorbei, verwandelte mich in einen Tiger und sprang durch den Wasserfall. Ich lief los, einfach irgendwohin. In einen fremden Dschungel hinein. Nach ein paar Sprüngen merkte ich schon, dass Shino mir folgte. Und er war verdammt schnell. 

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