Mittwoch, 17. Juli 2013

(2) KAPITEL 14

SHINO

Zwei Tage also noch. Und dann? Geht Saphir wieder zurück zu ihrem Stamm und tut so als wäre nichts gewesen? Das zweifel ich irgendwie stark an und dennoch wäre es möglich. Wird sie so tun als würde sie mich nicht kennen oder bleiben wir Freunde? Naja, wenn wir überhaupt welche sind.. Auf dem Weg zurück zum Dorf überlegte ich wie es wohl sein würde, wenn sie zurück gehen wird. Ich werde sie aus dem Dschungel begleiten und sie ab da alleine gehen lassen. Saphir würde zu hause ankommen, Lian zur Rede stellen und sich mit ihm vertragen. Ihre Eltern würden ihr helfen ihre Beziehung zu ihm richtig aufzubauen. Sie würde Lian heiraten und glücklich werden. Mich würde sie nach nur wenigen Tagen vergessen. Und ich? Ich werde dann wohl mit Lura leben müssen, wenn sie mir jemals verzeihen wird.. Dann nimmt alles wieder seine Normalität an. Das was doch alle erreichen wollen: Das Schicksal unter Kontrolle zu halten.
Shino! Da bist du ja. Wo warst du?“, fragte meine Mutter und kam besorgt auf mich zu. „Bin ein wenig rumgelaufen“, brummte ich genervt von ihrer Neugier und Sorge. Aber Chayenne ignorierte meine schlechte Laune einfach und erzählte weiter: „Saphir ist anscheinend wieder aufgetaucht. Nico weiß wo sie ist, zumindest indirekt.“ „Schön“, meinte ich nur und legte mich hin. „Hey, was ist den los mit dir? Wieso bist du denn so schlecht drauf?“, wollte Chayenne wissen und legte sich zu mir. „Nichts. Lasst mich einfach alle in Ruhe, okay?“, wies ich sie ab und drehte mich von ihr weg. Langsam konnte ich spüren wie Wut in ihr aufstieg. „Was ist eigentlich dein Problem? Ich versuche mich dir zu nähern und du stößt mich weg. Das ist verletzend, weißt du das? Und du bist der einzige der nicht geholfen hat Saphir zu suchen. Du benimmst dich so als wäre es dir egal!“, schnauzte sie mich an und ich konnte einen enttäuschten Unterton in ihrer Stimme heraushören. Ohne über meine eigenen Worte nachzudenken, fing ich einfach an los zu reden: „Es geht mir nunmal nicht so gut. Ihr lebt euer Leben, ihr habt euren Spaß und haltet uns in diesem Drecksdschungel gefangen! Vielleicht will Saphir nicht zurück. Vielleicht fühlt sie sich ja auch wie eine Gefangene und von ihren Freunden hintergangen? Gut, ihr macht euch Sorgen um sie, aber es ist ihr vielleicht egal. Sie möchte auch tun was sie möchte, ihr eigenes Leben leben und alles, nur nicht zurück! Am liebsten würde ich es ihr gleichtun und ebenfalls einfach abhauen!“ Stille. Nur unser Atem drang durch die Lautlosigkeit und ich hörte, wie das Herz von ihr aus dem Takt schlug. Chayenne war so geschockt, dass sie nicht wusste, was sie noch sagen sollte. „Ich.. Aber warum sagt ihr denn nichts? Ich meine.. Es ist doch alles nur zu eurem Besten! Du weißt einfach nur nicht was es für Probleme als Erwachsener zu bewältigen gibt. Wie wollen euch davor nur schützen“, stotterte sie. „Und wie sollen wir dann Erwachsen werden? Das Leben ist dafür da um Probleme zu lösen, nicht um ihnen zu entgehen!“ Erneut umgab uns Schweigen. „Du warst die ganze Zeit über bei ihr“, versuchte sie zu begreifen und schüttelte bei ihrer Feststellung den Kopf. „Shino, es tut mir wirklich Leid. Möglichwerweise werde ich es niemals nachvollziehen können, aber du bist vielleicht der einzige der Saphir versteht. Trotzdem hättest du uns sagen sollen, dass du sie versteckst.. Sie bedeutet dir viel, oder?“, fragte sie nachdenklich. Allerdings wartete sie meine Antwort nicht ab, sondern stand auf und ging. Na toll, Mutter. Lass mich mit dieser Frage alleine hier sitzen. Danke.

Meine Mutter hatte mir vorgeschlagen ein wenig Zeit mit Nico zu verbringen. Er und Silas arbeiteten an einer Werkstatt. Es war die von Lucien. Nico kam bereits am frühen morgen zu mir und holte mich ab. Zusammen schlenderten wir zur Werkstatt, wo ein Mann über den Hof hastete. „Wer ist das?“, fragte ich verwirrt und Nico fing an zu lachen. „Das ist Silas, erkennst du ihn nicht wieder?“, sagte er und verwandelte sich ebenfalls. „Na komm, du musst mit anpacken. Mit deinen Pfoten geht das schlecht“, bemerkte er amüsant und ging vor. Auch ich änderte meine Gestalt und lief auf zwei Beinen weiter. Als ich das Lager betrat, stand Nico bereits da und sortierte sie Einzelteile. Da ich eh nichts besseres zu tun hatte, half ich ihm. Vor mir befand sich ein riesiges Sortiment von Autoteilen, von der kleinsten Schraube bis hin zu Türen und riesigen Reifen. Erneut hastete Silas an uns vorbei, er sah ziemlich gestresst aus. Auf einmal blieb er stehen und schaute zurück. „Da bist du ja Nico. Eben haben zwei Leute angerufen, mitten im Nichts liegen geblieben. Komm, sie warten!“, forderte er ihn auf und Nico nickte. „Dann übernimmst du kurz die Aufsicht hier. Wenn ein Anruf kommt, nach Details fragen und sagen er solle sich gedulden. Wir sind sofort wieder da“, sagte er und gab mir sein Handy. Zudem drückte er mir noch eine Liste in die Hand. „Was soll ich damit?“, rief ich ihm noch hinterher, aber er war bereits weg. Ein Motor sprang an und die beiden fuhren davon. Das Handy legte ich neben mich auf den Boden und musterte den Block. Einige Dinge waren hier durchgestrichen und bei einigen standen dahinter „zu besorgen!“. Bei der Liste handelte es sich um die Autoteile. Sorgfältig checkte ich die ganze Liste durch und versuchte sie fortzuführen. Es fehlten nur ein paar Kabel, Ventile und ein wenig Werkzeug. Grade war ich dabei alles ordentlich zurückzustellen, als mich eine Schockwelle durchfuhr. Schritte hallten durch das Lager und ich hörte eine Frauenstimme lachen. Aus einem unerklärlichem Grund konnte ich mich nicht mehr bewegen, als hätte ich die Kontrolle über meinen Körper gefunden. Ein Stechen durchdrang meinen Rücken und ich zuckte zusammen. „Ich hab doch gesagt wir werden uns bald wieder sehen, Nico“, trällerte eine Stimme und die Schritte wurden immer lauter. Der Schmerz war so unerträglich, dass ich mittlerweile auf meine Knie gefallen bin und angefangen habe zu schreien. Plötzlich packte mich eine schmale Hand an meiner Schulter und zog mich zurück. „Du bist gar nicht Nico“, stellte sie verwirrt fest und ließ mich los. Kurzerhand hörte der Schmerz auf und ich richtete mich auf. Vor mir stand eine verwirrte Frau die mich hasserfüllt musterte. „Wer bist du?“, fragte sie mich. Immernoch war ich von eben total geschockt. Was zur Hölle war das? Diese Frau vor mir starrte mich gradewegs an. Auch wenn ich Angst hatte wollte ich sie kontrollieren. Ich versuchte bis zu ihr vorzudringen, sie unter meinen Bann zu bekommen. Noch bevor ich es schaffte auch nur durch die Oberfläche ihrer Augen lesen zu können, kniff sie diese zusammen und erneut sackte ich zusammen. „Versuch es gar nicht erst, Tiger. Dein Name“, forderte sie mich auf und wurde immer ungeduldiger. Wie macht sie das? Wie ist das möglich? Ein weiterer Stich folgte und ich stöhnte laut auf. „Shino. Shino ist mein Name!“, rief ich und der Schmerz brach in sekundenschnelle ab. Trotzdem blieb ich auf dem Boden liegen. „Shino also. Aus welchem Stamm bist du?“ „Neros“, antwortete ich prompt, aus angst sie würde mir wieder Schmerzen zufügen. Sie lächelte und kniete sich zu mir. „Hab keine Angst, ich tue dir nichts, Shino. Ich bin eine alte Freundin von Mila, kennst du sie vielleicht?“, erkundigte sie sich mit einer lieblichen Stimme. Außer einem kleinen Nicken gab ich nichts von mir. Nichtmal richtig Atmen traute ich mich in ihrer Gegenwart. „Was weißt du alles über Mila?“, fragte sie nett und ich versuchte meine Sprache wieder zu finden. „Sie ist.. Mila ist bei Lucien. Und.. Und Mila ist verheiratet..“, stotterte ich und ihr Gesicht verzog sich. „Und weißt du auch etwas über ihre Vergangenheit?“ „Nein. Was soll schon sein?“ „Ihr Vater vermisst Mila schrecklich“, sagte sie etwas bedrückt. „Aber.. sie ist doch bei Lucien?“, sagte ich verwirrt und verstand nicht was sie meinte. Mila ist Luciens Tochter. Sie ist bei ihm, also warum sollte er sie auch vermissen? „Lucien ist nicht ihr Vater. Ihr Vater ist Maison.“ Mason? Wer ist das? Warum sagten alle Lucien sei ihr Vater? Wusste sie es selbst überhaupt? Aber vorallem wieso erzählt sie mir das alles? „Hör zu Shino, wir möchten Mila wirklich gerne wieder bei uns haben. Du verstehst das doch bestimmt, oder? Immerhin sind wir ihre Familie. Ohne Mila fehlt da einfach etwas bei uns. Aber Lucien lässt uns nicht mit Mila sprechen, könntest du das für uns tun? Damit würdest du uns einen großen Gefallen tun“, bat sie mich und lächelte. „Ich versuche es“, sagte ich und beruhigte mich langsam. Sie lächelte zufrieden und stand auf. „Aber sage niemandem, dass ich hier war. Sonst werden sie auch dich nicht in ihre Nähe lassen“, warnte sie mich und hüpfte davon.
Nach einer Stunde kamen Silas und Nico wieder und hatten einen Wagen dabei, der nicht mehr ansprang. Den ganzen Tag arbeiteten sie daran und ich hatte auch ein wenig mitgeholfen. Als sie fertig waren zogen sie sich um und setzten sich zu mir auf die Bank. Der Rauch ihrer Zigaretten formte sich in der Luft, bis er vom Wind verweht wurde. Silas verabschiedete sich und ging. „Saphir möchte morgen wieder nach hause kommen“, flüsterte ich und starrte auf den Boden. Er nickte. „Danke Shino, für alles. Aber wieso tust du das? Ich dachte du würdest dich nicht gut mit ihr verstehen?“, fragte er mich ohne mich anszuschauen. „Anfangs war das auch so. Doch dann fand ich sie Draußen. Sie hatte geweint. Ich wusste auch nicht dass sie das ist.. Für mich war sie ein einfaches Mädchen, ein Mensch wie ich noch nie gesehen hatte. Saphir saß auf dem Boden und hatte die Haare vor ihrem Gesicht. Ich dachte sie wäre wirklich ein Mensch und bin selbst in meiner menschlichen Gestalt vor sie getreten, damit ich sie nicht verschrecke. Funktioniert hat das aber nicht wirklich, sie wollte sich mir einfach nicht öffnen. Alleine sitzen lassen wollte ich sie aber auch nicht, weil ich Angst um sie hatte. Also hypnotisierte ich sie und brachte sie in die Höhle, wo sie immernoch ist. In diesen paar Tagen haben wir uns angefreundet. Sie vertraut mir. Ich erinnere mich immer wieder an den Tag wo ich sie so hilflos und alleine gefunden hatte.. Es war wirklich kein schönes Gefühl sie so zu sehen“, erzählte ich ihm. Nun wagte ich ihn anzuschauen, doch auch sein Blick war starr auf den Boden gerichtet. Nico sah nachdenklich aus. Hatte ich was falsches gesagt? „Jetzt sehe ich dich aus einem ganz anderem Winkel, Shino. Ich möchte dir auch etwas erzählen. Früher hatten meine Eltern mich Mila versprochen. Wir sollten heiraten, aber ich liebte sie nicht. Ich habe uns beide aber nicht aufgegeben. Ich dachte die Liebe wächst mit der Zeit. Aber dann traf ich auf Scarlett. Sie war ein einfacher Mensch, angereist um hier ein Praktikum beim Tierschutzverein. Ihr Exfreund Leon ist ihr bis hierher gefolgt und ich habe versucht sie vor ihm zu beschützen. Anfangs war ich nur der Typ, der ihr Auto reparierte. Auf den ersten Blick hatte ich etwas besonderes in ihr gesehen. Mir war klar, wenn ich ihr Auto jetzt reparieren würde, würde ich sie nie wieder sehen. Also dachte ich mir eine kleine Lüge aus, um sie wieder zu sehen. Nach und nach haben wir uns immer mehr getroffen und ich habe mich mit jedem mal mehr in sie verliebt. Ich wusste Scarlett war die einzige für mich, also teilte ich das meinem Stamm mit, welcher mich aber verbannte. Das war mir trotzdem egal. Alles was ich wollte war bei Scarlett sein. Das hatte ich auch geschafft. Dann traf es mich wie ein Schlag: Sie war verschwunden. Lange hatte ich sie gesucht und fand sie halbtot in einer abgelegenen Hütte. Das war ihr Exfreund gewesen. Erst brachte ich Scarlett in einen abgelegenen Teil erstmals in unseren Dschungel. Als sie bereit war, wagte ich es wieder in mein Dorf zurück und dort lernte sie erstmals alle kennen. Von diesem Moment haben wir Zwei miteinander gelebt. Wie sie zum Tiger wurde ist eine andere Sache, was wirklich zählt ist, dass sie nun hier ist, bei mir. Und dass wir glücklich sind. Sehr sogar. Wenn ich mir vorstelle, dass ich sie niemals kennen gelernt hätte, wenn ich nicht so ignorant gewesen wäre, wird mir beinahe schlecht. Wir haben unser Schicksal selbst in die Hand genommen, was ein wirklich großer Schritt war. Eigentlich dachten wir, wir würden bei Saphir alles besser machen, sie ihr Leben lassen, doch als Eltern ist das gar nicht mal so einfach, weißt du? Wir haben Angst um unsere Kinder. Shino, beantworte mir bitte eine Frage: Liebst du Lura wirklich?“ Seine Erzählung hatte ich aufmerksam mitverfolgt. Nico war wirklich zu bewundern. Er hatte sich gegen das Gesetz gestellt, und so mit seiner Existenz gespielt und dennoch hat er das erreicht was er wollte. Aus dieser Begebenheit kann ich einiges lernen. Ich will nicht nach dem Gesetz leben; Eingeschränkt und Gefangen. Meinen Willen möchte ich mir auch nicht nehmen lassen. Es dauerte nicht lange bis ich ihm antwortete: „Nein. Das tue ich nicht. Ich glaube ich habe mich in Saphir verliebt..“ Nico konnte sich ein lächeln nicht verkneifen und nickte. „Worauf wartest du dann noch? Wieso sitzt du hier tatenlos rum?“, sagte er und verkniff sich nur mit viel Mühe ein Lachen. Zögerlich stand ich auf. „Shino, du musst das nicht machen. Egal was du jetzt tust, es wird schon das Richtige sein“, sprach er zuversichtlich und es stand fest: Ich werde Saphir sagen, dass ich mich in sie verliebt habe. Jetzt.

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