SHINO
Es ist ein komisches
Gefühl neben der Person zu liegen, die du liebst. Die schlimmste Art
jemanden zu vermissen ist bekanntlich die, neben der Person zu liegen
und zu wissen, dass es niemals so sein wird, wie du es gerne hättest.
Und ja, ich vermisse Saphir, auch, wenn sie sich grade neben mir
befindet. Sie zu küssen war das schönste Gefühl auf Erden. Wieso
bin ich Lura versprochen und nicht Saphir? Alles wäre so viel
einfacher wenn Saphir meine Verlobte wäre.. „Ich liebe dich“,
flüsterte ich kaum hörbar. Sie lag an meiner rechten Seite und ich
konnte ihren Herzschlag spüren. Tum-Tum. Tum-Tum. Dazu
vernahm ich noch das Rauschen des Wasserfalls und ihren Atem. In
dieser Höhle herrschte soviel Harmonie, wie ich sie noch nie erlebt
hatte. Am liebsten würde ich diesen Moment für die Ewigkeit
bewahren. Doch das ging nicht. Wut gemischt mit Trauer füllten meine
Seele. Warum ist das Leben nur so ungerecht? Was habe ich der Welt
getan? „Ich dich auch“, flüsterte sie genauso leise nach ein
paar Minuten. „Ich dich auch“ schwirr es mir durch meine
Gedanken. Diese einfachen drei kleinen bedeutungslosen Worte ließen
mich für einen Moment lang glücklich sein. Mein Herz setzte kurz
aus, um gleich darauf Freudensprünge zu machen. Doch kurz nachdem es
ein paar mal gesprungen ist war es so, als würde es stolpern und
fiel. Ein schmerzhaftes Stechen ließ mich zurück in die Realität.
Ich hasste die Realität. Anscheinend bemerkte Saphir meinen inneren
Zustand und kuschelte sich noch näher an mich. Worte passten im
Moment nicht zwischen uns, also lagen wir nur schweigend da und
schauten aufs Wasser. Die Art und Weise wie die einzelnen Tropfen
fielen war interessant. Vielleicht klingt das verrückt, aber es war
so als würden sie versuchen etwas datzustellen, etwas zu erzählen.
Man muss daran denken wie viele Wassertropfen man braucht, um so
einen Wasserfall zu kreiiren. Viele. So viele, dass man sie garnicht
zählen kann. Ein Jeder von ihnen verfolgt das selbe Ziel, alle
laufen den vorgegeben Weg; den Weg nach unten. Dabei gibt es aber
auch ein paar Tropfen, die sich selbstständig machen. Diese sondern
sich ab von dem ganzen Rest. Sie gehen ihren eigenen Weg. Wenn man
auch auf die geräusche achtete, konnte man deutlich den Unterschied
dieser Tropen heraushören: Alle zusammen ergaben ein lautes
Rauschen, während die einzelnen ein lautes Platschen von sich gaben
und direkt verstummten. Ihr Weg war hier zuende. Nach dem
Aufplatschen hörte man nichts mehr von ihnen, während der Rest
einen großen Fluss bildete und seinen Weg fortfuhr. Das selbe könnte
auch mit uns passieren. Wenn wir uns vom Rest absonderten, unseren
eigenen Weg gehen würden, dann würden wir uns verlieren. Deswegen
wäre es besser wenn wir einfach so weiter machen, wie vorher auch.
So wie es für uns bestimmt war. Ja, das wäre wohl das Beste.,
dachte ich und spürte wie Saphir ihren Kopf näher an mich schmiegte
und ihr Atem immer flacher wurde. Sie war eingeschlafen. An meiner
Seite. Es war ein unglaubliches Gefühl, welches ich nie wieder
verspüren werde. Morgen früh endet alles wieder. Super. Mein Blick
ließ den Wasserfall nicht los. Nein, das kann noch nicht alles
sein. Die Tropfen verstummen nicht einfach. Sie bleiben nicht
alleine. Da bemerkte ich wie ein paar weitere aus der Reihe
tanzten und sich zu dem anderen gesellten. Nach und nach bildeten sie
eine Pfütze, welche immer größer wurde. Schließlich war sie groß
genug, um zurück zum Wasserfall zu laufen. Auf der anderen Seite
liefen die Tropfen auch in meine Richtung und an mir vorbei. Meine
Augen fixierten diesen und sahen, wie dieser im hinteren Teil der
Höhle verschwand. Platsch. Und weg war er. Das alles
erinnerte mich an Nicos Geschichte, die er mir heute Nachmittag
erzählte. Sie hatten sich vom Rest abgesondert, sind ihren eigenen
Weg gegangen und haben doch den Anschluss zurück zum Rudel gefunden,
in dem sie heute noch leben. Sie waren diese Tropfen die zurück zum
Wasserfall gelaufen sind. Aber was wäre wenn ich und Saphir es auch
versuchen würden, aber nicht zurück zum Wasser kämen, sondern wie
der andere Tropfen an mir vorbeigelaufen war und im Nichts
verschwand? Das laute, aber beruhigende Rauschen machte mich
schläfrig und auch ich entspannte mich nun. Langsam schloss ich die
Augen und hörte auf nach zu denken. Morgen endet das alles hier.
Damit muss ich mich wohl abfinden, ob ich will oder nicht.
Einzelne
Sonnenstrahlen durchbrachen das Wasser bis in die Höhle. Einige von
ihnen kitzelten meine Nase und ich musste niesen. Plötzlich bemerkte
ich, dass Saphir nicht mehr an meine Seite war. Panisch schlug ich
die Augen auf und sprang hoch. Mein Blick schleifte durch die hell
beleuchtete Höhle, doch Saphir war nicht zu sehen. „Saphir?“,
fragte ich in die Höhle, doch als Antwort kam nur mein Echo. War sie
etwa ohne mich zurück gegangen? Das konnte nicht sein. Ohne sich zu
verabschieden? Das würde ich Saphir nicht zutrauen. Draußen sah ich
wie sich etwas bewegte, aber nur schemenhaft. Also beschloss ich mal
nachzusehen, ob das vielleicht Saphir sein könnte. -Und tatsächlich.
Sie saß am Rand und hatte sich soeben einen kleinen Fisch gefangen.
Sofort sprang ich zu ihr und schüttelte das Wasser aus meinem Fell.
Beide mussten lachen und sie aß noch schnell ihren Fisch auf. „Guten
Morgen meine Schöne. Hast du gut geschlafen?“, begrüßte ich sie
und sie nickte. „Bist du fertig?“, fragte ich noch schnell und
sie nickte wieder, gab mir einen Kuss und sagte mir, wir können los.
Seite an Seite traten wir den Rückweg in ihr Dorf an. Kurz blieben
wir oben auf dem Berg stehen, wo ich mit meiner Mutter zum ersten Mal
vorbeigelaufen bin. Nico hatte mir auch erzählt, dass er hier
Chayenne kennen gelrnt hatte. Sie hatte grade auf meinen Vater
gewartet. Ich wünschte ich hätte ihn noch kennengelernt, doch er
war kurz vor meiner Geburt gestorben. Kaltblütig umgebracht trifft
es eher. Wer genau es war, wusste ich nicht. Verzeihen könnte ich
dieser Person nie. Ich hasse sie dafür, dass ich ohne Vater
aufwachsen musste. Auch Saphir blieb stehen und schaute in die Ferne.
Woran sie wohl grade dachte? Dann stupste sie mich an und wir
trotteten weiter. Von hier bis zu ihr war es ein weiter Weg, doch wir
gingen ihn extra langsam, um noch so lange wie möglich bei einander
zu sein. „Ich werde dich vermissen“, sagte ich, um das Schweigen
zwischen uns zu brechen. „Shino..“, hauchte sie und schüttelte
ihren Kopf. „Es ist kein Abschied für immer“, fuhr sie fort und
versuchte mich damit aufzumuntern, doch ich spürte, dass sie selbst
nicht ganz davon überzeugt war, was sie grade sagte. „Natürlich
ist es kein Abschied für immer, wir werden uns noch oft über den
Weg laufen..“, gab ich zurück. „Aber wir können ja Freunde
bleiben, einfach nur alles vergessen, was zwischen uns war, die
letzten Tage..“, erklärte sie immer leiser werdend. Ich nickte.
Alles vergessen, na wenn das mal so einfach wäre..
Endlich kamen wir am
Graben an und Saphir schaute mich an. Ich küsste sie ein letztes mal
und ließ sie hinüber springen. Die Trauer in ihren Augen war nicht
zu übersehen, genauso wie meine. Am liebsten würde ich jetzt
einfach gehen, doch das konnte ich nicht. Bis ich sie nicht mehr
sehen konnte wartete ich noch, in der Hoffnung sie würde sich noch
einmal umdrehen, damit sich unsere Blicke noch einmal treffen. Aber
sie drehte sich nicht um. Saphir sprang hinüber und trabte in den
Dschungel hinein. Enttäuscht drehte ich mich um und machte ein paar
Schritte zurück. Zögerlich setzte ich eine Pfote vor die andere.
Plötzlich ertönte ein lautes Brüllen aus dem Dschungel. Saphir.
„Danke“, sollte das bedeuten. Sofort drehte ich mich um
und antwortete mit einem ebenso kräftigem Brüllen wie ihrem. Dann
wurde es still um mich herum. Nicht mal das Lied der Vögel füllte
die Stille aus. Ich war alleine. Ok.
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