Montag, 22. Juli 2013

(2) KAPITEL 16

SHINO

Es ist ein komisches Gefühl neben der Person zu liegen, die du liebst. Die schlimmste Art jemanden zu vermissen ist bekanntlich die, neben der Person zu liegen und zu wissen, dass es niemals so sein wird, wie du es gerne hättest. Und ja, ich vermisse Saphir, auch, wenn sie sich grade neben mir befindet. Sie zu küssen war das schönste Gefühl auf Erden. Wieso bin ich Lura versprochen und nicht Saphir? Alles wäre so viel einfacher wenn Saphir meine Verlobte wäre.. „Ich liebe dich“, flüsterte ich kaum hörbar. Sie lag an meiner rechten Seite und ich konnte ihren Herzschlag spüren. Tum-Tum. Tum-Tum. Dazu vernahm ich noch das Rauschen des Wasserfalls und ihren Atem. In dieser Höhle herrschte soviel Harmonie, wie ich sie noch nie erlebt hatte. Am liebsten würde ich diesen Moment für die Ewigkeit bewahren. Doch das ging nicht. Wut gemischt mit Trauer füllten meine Seele. Warum ist das Leben nur so ungerecht? Was habe ich der Welt getan? „Ich dich auch“, flüsterte sie genauso leise nach ein paar Minuten. „Ich dich auch“ schwirr es mir durch meine Gedanken. Diese einfachen drei kleinen bedeutungslosen Worte ließen mich für einen Moment lang glücklich sein. Mein Herz setzte kurz aus, um gleich darauf Freudensprünge zu machen. Doch kurz nachdem es ein paar mal gesprungen ist war es so, als würde es stolpern und fiel. Ein schmerzhaftes Stechen ließ mich zurück in die Realität. Ich hasste die Realität. Anscheinend bemerkte Saphir meinen inneren Zustand und kuschelte sich noch näher an mich. Worte passten im Moment nicht zwischen uns, also lagen wir nur schweigend da und schauten aufs Wasser. Die Art und Weise wie die einzelnen Tropfen fielen war interessant. Vielleicht klingt das verrückt, aber es war so als würden sie versuchen etwas datzustellen, etwas zu erzählen. Man muss daran denken wie viele Wassertropfen man braucht, um so einen Wasserfall zu kreiiren. Viele. So viele, dass man sie garnicht zählen kann. Ein Jeder von ihnen verfolgt das selbe Ziel, alle laufen den vorgegeben Weg; den Weg nach unten. Dabei gibt es aber auch ein paar Tropfen, die sich selbstständig machen. Diese sondern sich ab von dem ganzen Rest. Sie gehen ihren eigenen Weg. Wenn man auch auf die geräusche achtete, konnte man deutlich den Unterschied dieser Tropen heraushören: Alle zusammen ergaben ein lautes Rauschen, während die einzelnen ein lautes Platschen von sich gaben und direkt verstummten. Ihr Weg war hier zuende. Nach dem Aufplatschen hörte man nichts mehr von ihnen, während der Rest einen großen Fluss bildete und seinen Weg fortfuhr. Das selbe könnte auch mit uns passieren. Wenn wir uns vom Rest absonderten, unseren eigenen Weg gehen würden, dann würden wir uns verlieren. Deswegen wäre es besser wenn wir einfach so weiter machen, wie vorher auch. So wie es für uns bestimmt war. Ja, das wäre wohl das Beste., dachte ich und spürte wie Saphir ihren Kopf näher an mich schmiegte und ihr Atem immer flacher wurde. Sie war eingeschlafen. An meiner Seite. Es war ein unglaubliches Gefühl, welches ich nie wieder verspüren werde. Morgen früh endet alles wieder. Super. Mein Blick ließ den Wasserfall nicht los. Nein, das kann noch nicht alles sein. Die Tropfen verstummen nicht einfach. Sie bleiben nicht alleine. Da bemerkte ich wie ein paar weitere aus der Reihe tanzten und sich zu dem anderen gesellten. Nach und nach bildeten sie eine Pfütze, welche immer größer wurde. Schließlich war sie groß genug, um zurück zum Wasserfall zu laufen. Auf der anderen Seite liefen die Tropfen auch in meine Richtung und an mir vorbei. Meine Augen fixierten diesen und sahen, wie dieser im hinteren Teil der Höhle verschwand. Platsch. Und weg war er. Das alles erinnerte mich an Nicos Geschichte, die er mir heute Nachmittag erzählte. Sie hatten sich vom Rest abgesondert, sind ihren eigenen Weg gegangen und haben doch den Anschluss zurück zum Rudel gefunden, in dem sie heute noch leben. Sie waren diese Tropfen die zurück zum Wasserfall gelaufen sind. Aber was wäre wenn ich und Saphir es auch versuchen würden, aber nicht zurück zum Wasser kämen, sondern wie der andere Tropfen an mir vorbeigelaufen war und im Nichts verschwand? Das laute, aber beruhigende Rauschen machte mich schläfrig und auch ich entspannte mich nun. Langsam schloss ich die Augen und hörte auf nach zu denken. Morgen endet das alles hier. Damit muss ich mich wohl abfinden, ob ich will oder nicht.

Einzelne Sonnenstrahlen durchbrachen das Wasser bis in die Höhle. Einige von ihnen kitzelten meine Nase und ich musste niesen. Plötzlich bemerkte ich, dass Saphir nicht mehr an meine Seite war. Panisch schlug ich die Augen auf und sprang hoch. Mein Blick schleifte durch die hell beleuchtete Höhle, doch Saphir war nicht zu sehen. „Saphir?“, fragte ich in die Höhle, doch als Antwort kam nur mein Echo. War sie etwa ohne mich zurück gegangen? Das konnte nicht sein. Ohne sich zu verabschieden? Das würde ich Saphir nicht zutrauen. Draußen sah ich wie sich etwas bewegte, aber nur schemenhaft. Also beschloss ich mal nachzusehen, ob das vielleicht Saphir sein könnte. -Und tatsächlich. Sie saß am Rand und hatte sich soeben einen kleinen Fisch gefangen. Sofort sprang ich zu ihr und schüttelte das Wasser aus meinem Fell. Beide mussten lachen und sie aß noch schnell ihren Fisch auf. „Guten Morgen meine Schöne. Hast du gut geschlafen?“, begrüßte ich sie und sie nickte. „Bist du fertig?“, fragte ich noch schnell und sie nickte wieder, gab mir einen Kuss und sagte mir, wir können los. Seite an Seite traten wir den Rückweg in ihr Dorf an. Kurz blieben wir oben auf dem Berg stehen, wo ich mit meiner Mutter zum ersten Mal vorbeigelaufen bin. Nico hatte mir auch erzählt, dass er hier Chayenne kennen gelrnt hatte. Sie hatte grade auf meinen Vater gewartet. Ich wünschte ich hätte ihn noch kennengelernt, doch er war kurz vor meiner Geburt gestorben. Kaltblütig umgebracht trifft es eher. Wer genau es war, wusste ich nicht. Verzeihen könnte ich dieser Person nie. Ich hasse sie dafür, dass ich ohne Vater aufwachsen musste. Auch Saphir blieb stehen und schaute in die Ferne. Woran sie wohl grade dachte? Dann stupste sie mich an und wir trotteten weiter. Von hier bis zu ihr war es ein weiter Weg, doch wir gingen ihn extra langsam, um noch so lange wie möglich bei einander zu sein. „Ich werde dich vermissen“, sagte ich, um das Schweigen zwischen uns zu brechen. „Shino..“, hauchte sie und schüttelte ihren Kopf. „Es ist kein Abschied für immer“, fuhr sie fort und versuchte mich damit aufzumuntern, doch ich spürte, dass sie selbst nicht ganz davon überzeugt war, was sie grade sagte. „Natürlich ist es kein Abschied für immer, wir werden uns noch oft über den Weg laufen..“, gab ich zurück. „Aber wir können ja Freunde bleiben, einfach nur alles vergessen, was zwischen uns war, die letzten Tage..“, erklärte sie immer leiser werdend. Ich nickte. Alles vergessen, na wenn das mal so einfach wäre..
Endlich kamen wir am Graben an und Saphir schaute mich an. Ich küsste sie ein letztes mal und ließ sie hinüber springen. Die Trauer in ihren Augen war nicht zu übersehen, genauso wie meine. Am liebsten würde ich jetzt einfach gehen, doch das konnte ich nicht. Bis ich sie nicht mehr sehen konnte wartete ich noch, in der Hoffnung sie würde sich noch einmal umdrehen, damit sich unsere Blicke noch einmal treffen. Aber sie drehte sich nicht um. Saphir sprang hinüber und trabte in den Dschungel hinein. Enttäuscht drehte ich mich um und machte ein paar Schritte zurück. Zögerlich setzte ich eine Pfote vor die andere. Plötzlich ertönte ein lautes Brüllen aus dem Dschungel. Saphir. „Danke“, sollte das bedeuten. Sofort drehte ich mich um und antwortete mit einem ebenso kräftigem Brüllen wie ihrem. Dann wurde es still um mich herum. Nicht mal das Lied der Vögel füllte die Stille aus. Ich war alleine. Ok.

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