NICO
Wie lange lag ich hier eigentlich schon? Ich sah wie die Sonne
langsam unterging. Der Himmel hatte einen Rotton angenommen, welcher
immer weiter in ein leichtes Orange überging. Immernoch war es still
um uns herum, ich hörte nur Milas und meinen Atem. Seit Stunden
hatte sie sich nicht bewegt. Die ganze Zeit über hatte ich sie
angeschaut und darüber nachgedacht, wie es wohl weiter gehen würde.
Also ich meine das mit uns beiden. Ich sah, wie sie langsam ihre
Augen öffnete und mich anblickte. Ihr Blick war verschlafen,
ängstlich und doch ein wenig glücklich. „Mila, es tut mir
leid“, sagte ich und Sie schüttelte nur ihren schönen Kopf.
„Nico, ich liebe Dich.“, sagte sie leise, aber hörbar und
schmuste sich an mich.
Als Tiger sagten Gesten mehr als Laute. Allein an der Körpersprache
konnte man sehen was der andere denkt. Man musste sich dabei nur in
die Augen schauen.. Augen spiegeln die Seele wieder, ich sah in Milas
Augen vieles, aber was sah sie in meinen? Wusste sie vielleicht dass
ich sie nicht liebte? Ich schaute sie an und sie erwiderte meinen
Blick. Ihre Augen füllten sich mit Tränen und ich sah wie eine
Träne fiel. „Es tut mir Leid“, wiederholte ich nur und
streifte mit meinem Kopf ihren Hals. Eine Weile blieben wir so
stehen, bis wir langsam zurück zum Rudel gingen.
Das Essen war bereits zu ende und Ariane kam auf mich zugehüpft. Aber
anstatt sie zu Begrüßen knurrte ich nur und sie sprang verschrocken
zur Seite. Mit großen Augen schaute sie mich an und ihr Blick
durchbohrte mich. Was bin ich eigentlich für ein Mistkerl? Ich
war wütend auf mich selber. Kurz schaute ich zurück und
entschuldigte mich schnell, ehe ich weiter ging. Dann kam Felicitas auf
mich zu und legte mir ein Stück Fleisch vor die Pfoten. Erstaunt sah
ich sie an. Sie nickte nur und lächelte. „Danke Felicitas, was
würde ich nur ohne dich machen?“, auch ich versuchte zu
lächeln, was mir allerdings deutlich schwerer fiel als Ihr. Schnell
nahm ich das rohe Fleisch - was noch sehr frisch zu sein schien –
und trottete zur Höhle, wo ich Mila sah. Mila lehnte an der Wand.
Sie war ganz Ruhig und ihr Blick war ins leere gerichtet. Langsam
ging ich auf sie zu und gab ihr das Fleisch. Ich hatte ja sowieso
keinen Hunger und sie sah aus, als wäre sie kurz vorm verhungern.
Ich legte mich neben sie auf den Boden und schwieg.
Nachdem sie aufgegessen hatte, schaute sie mich erneut an. „Du
bist mein, vergiss das nicht.“
Ich nickte kurz und schaute auf den Boden, doch Ihr Blick ruhte
weiterhin auf mir. Ich konnte spüren, wie sie mich musterte und sie
musste dabei lächeln. „Du bist mein“, flüsterte sie
erneut, kuschelte sich an mich und schlief ein.
Nun lag ich da, mit Mila an meiner Seite. Eigentlich so wie Immer,
das war nichts besonderes, aber heute fühlte sich das alles ganz
anders an. Es war falsch. Was tue ich hier eigentlich? Nicht nur
dass ich Mila unglücklich mache, ich bringe auch Scarlett in
Gefahr..
Ich sah wie Lucien am Eingang der Höhle stehen blieb und mich
anschaute. Dann wanderte sein Blick auf Mila, die lächelte. Lucien
nickte nur und sein Blick wirkte mahnend. „Pass auf Sie auf.“,
sagte Lucien und ging wieder.
Es ist ein ewiges Dilemma, mein Leben. Werde ich jemals glücklich
sein bei Mila? Oder vielleicht brauche ich Scarlett? Aber wir würden
niemals zusammen sein können, Sie würde sterben.. Es ist unnötig
mir Hoffnungen zu machen, dass ich jemals mit ihr zusammen sein
würde, wir sind einfach zu verschieden. Sie passt nicht in mein
Leben, es ist zu gefährlich, ich würde sie nur in Gefahr bringen..
Scheiße ist das alles. Einfach nur Scheiße.
Am nächsten Morgen wurde ich von Silas geweckt. Mila war bereits
verschwunden. Silas gab mir ein Zeichen, dass er in der Werkstatt auf
mich warten würde. Ich musste gähnen und mich strecken. Noch total
verschlafen trabte ich zum Fluss, um mich sauber zu machen und um was
zu trinken. Zwar hasste ich es, wenn mein Fell nass wurde, aber
ungepflegt wollte ich auch nicht unbedingt rumlaufen. Nachdem ich ein
Stück geschwommen bin und mir zwei Fische gefangen hatte, stieg ich
aus dem Wasser heraus und schüttelte die Tropfen ab. Die Morgensonne
schien auf mein Fell und ein kühler Wind wehte um mich herum.
Eigentlich war das der perfekte Morgen, aber ich konnte mich einfach
nicht an ihm erfreuen. Auf dem Weg zur Werkstatt war dann mein Fell
bereits getrocknet und aufgebauscht. Ich musste grade aussehen, wie
so ein Pudel. Na Super, dachte ich nur und nahm meine
Menschliche Gestalt an. Mit schnellen Schritten ging ich noch die
restlichen paar Meter bis zur Werkstatt, wo Silas bereits ein Gespräch
mit einem jungen Mann führte. Ich kam grade auf ihn zu, als er den
Mann verabschiedete. „Da bist du ja endlich!“, rief er mir zu und
klopfte mir auf die Schulter. „Alles in Ordnung bei dir? Der Mann
hat eben seinen Truck gebracht, er hatte einen krassen Unfall, der
Motor ist jedenfalls hin. Es muss bis Morgen früh fertig sein, also
komm, beweg dich!“, sagte Silas und musste lachen. Außer einem
einfachen „Mhm“ brachte ich nichts hervor. Wie konnte er nur
so gut gelaunt sein? Am besten ich vergesse einfach alles für eine
Weile und widme mich ganz der Arbeit. Gesagt, getan. Zusammen mit
Silas brachten wir den Truck in die Halle und nahmen ihn erstmal
auseinander. Der Motor rauchte noch und die Vorderreifen waren total
platt. Dazu kamen noch eine verbeulte Tür, kaputte Fenster und eine
Fehlende Stoßstange. Auch die Kupplung funktionierte nicht mehr gut.
Es war eigentlich so gut wie unmöglich die alles zu zweit an nur
einem einigen Tag zu schaffen, doch wir gaben unser Bestes.
Gegen Mittag kam dann auch Mila vorbei. Sie trug eine Hotpans und ein
enges schwarzes Top. Ihre langen Hellbraunen Haare trug sie Offen,
mit einer leicht rosanen Blume im Haar. Als sie mich sah, ging sie
etwas schneller und fiel mir um den Hals. „Hallo Nico“, sagte
sie lächelnd und küsste mich. „Du siehst wunderschön aus“,
erwiderte ich und erzwang ein lächeln. Auch Silas kam hinzu und
Begrüßte Mila freudig mit einer Umarmung. „Hey Schöne, was führt
dich hierher?“, versucht er sich bei ihr ein zu schmeicheln. Mila
musste kurz lachen. „Ich wollte schauen was ihr so macht und euch
meine Hilfe anbieten. Habt ihr Hunger? Ich habe euch Brote und Obst
mitgebracht.“
„Na Klar!“, rief Silas. „Und Hilfe können wir immer gut
gebrauchen“, fügte ich noch rasch hinzu und wir setzten uns an
einen Tisch in der Halle.
Zusammen redeten wir, lachten und ich schloss Mila in meine Arme. Ich
musste mich einfach daran gewöhnen, meine Zeit nur noch mit ihr zu
verbringen. Schließlich wollten es unsere Eltern so und daran war
auch nichts mehr zu ändern.. Trotzdem fühlt es sich falsch an!
Erneut stieg Wut in mir auf. Wieso haben die das einfach so
über ihren Kopf hinweg entschieden? Ist ja nicht so als wäre das
meine Zukunft, dachte ich und wollte am liebsten etwas Kaputt
schlagen, doch ich versuchte es zu unterdrücken. Stattdessen drückte
ich Mila näher an mich. Silas' Blick ruhte auf mir. Er versuchte zu
lächeln, aber ich sah dass ihn etwas bedrückte. Mila erzählte
irgendetwas, und Silas nickte ein paar mal, obwohl es nicht so aussah,
als würde er ihr zuhören.
„Nicht wahr, Schatz?“, fragte sie mich letztendlich und ich wusste
nicht was ich darauf antworten sollte. Zum Glück klingelte in genau
diesem Moment mein Handy. Ich stand auf und ging ein paar Schritte
weiter weg.
„Hey Scar“, sagte ich kurz und ich spürte, wie Mila mich
anstarrte. „Wer ist Scar?“, fragte sie Silas und man konnte
deutlich raushören, dass sie eifersüchtig war. Ich ging noch ein
paar Schritte weiter. „Nein, tut mir Leid, ich kann grad nicht“,
antwortete ich Scar. „Mit wem redet er da?“, fragt Mila
aufgebracht. „Was? Nein, ich kann grad wirklich nicht..“, sagte
ich, aber es war wohl hoffnungslos es ihr auszureden. „Ja, ich bin
in der Werkstatt. Okay. Dann bis gleich“. Kurz blieb ich stehen und
legte dann auf. Scheiße, dachte ich mir nur. Mila kam stand
auf und ich ging auf sie zu.
„Ist alles in Ordnung? Und wer ist Scar?“, fragte sie mich, doch
ich zuckte nur mit den Schultern.
Eine Weile blieben wir so stehen, während Silas sich wieder dem
Truck widmete.
Von Weitem hörte ich einen Motor, wessen Geräusch immer deutlicher
zu hören war. Anscheinend hatte auch Mila gemerkt, dass da ein Auto
kam und sie schaute zur Einfahrt. Scarlett fuhr herein und war grade
am aussteigen, als Mila sich demonstrativ neben mich stellte. Ich
konnte spüren, dass es ihr was ausmachte, dass ein weiteres Mädchen
sich auf dem Gelände befand.
Scar stieg aus und lächelte mich an. Ich lächelte zurück. In
diesem Moment nahm Mila meine Hand und schaute mich an. „Wer ist
dieses Mädchen?“, fragte sie mich und ich hatte das Gefühl, dass
sie Scar gleich beißen würde, wenn sie nicht auf der Stelle wieder
verschwindet. Kurz schaute ich sie an und wusste nicht was ich darauf
antworten sollte. Als ich wieder zu Scarlett schaute, war sie stehen
geblieben und starrte uns einfach nur an. Erst mich, dann Mila, dann
wieder mich. „Scarlett“, rief ich ihr zu und mir fehlten einfach
die Worte. In diesem Moment drückte mir Mila einen Kuss auf meine
Lippen und schaute mich dann erwartungsvoll an. Doch ich musste
einfach zu Scarlett schauen. Sie stand da wie erstarrt und wusste
nicht mehr was sie sagen sollte. Ich sah wie sich ihre Augen mit
Tränen füllten. Schnell versuchte ich mich von Mila weg zu zerren,
doch Scarlett schüttelte nur den Kopf. „Scarlett, warte bitte!“,
rief ich zu ihr herüber und ging auf sie zu. Doch sie machte nur einen
Schritt rückwärts. „Nico, wer ist dieses Mädchen?!“, fragte
Mila mich mit stolzer und lauter Stimme. Das war zu viel. Ich sah,
wie es Scarlett verletzte mich mit ihr zu sehen. Sie drehte sich um
und lief zurück zum Auto. Mein Schritt beschleunigte sich, ich lief
Scar hinterher. Bevor sie einstieg wandte sie sich noch einmal an
mich: „Du hast also keine Zeit? Ich verstehe, ich möchte nicht
weiter stören!“ Ihre Stimme zitterte, aber sie war dennoch
kräftig.
Ich stand vor ihrem Jeep und sie startete den Motor. „Scar, lass es
mir dir bitte erklären! Warte doch!“, rief ich und sah, wie eine
Träne an ihrer Wange herunterrollte. Ich sah Wut. Wut und
Enttäuschung. Sie drückte auf das Gaspedal, was dazu führte, dass
ich zurücksprang. Schneller als erlaubt fuhr sie weg. Sofort holte
ich mein Handy und wählte ihre Nummer. Bitte Scar, geh ran!
Es klingelte, dann Drückte sie mich weg. Ich rief erneut an und
wieder drückte sie mich weg.
„Scheiße man!“, schrie ich und warf mein Handy auf den Boden.
Mila starrte mich entsetzt an und auch Silas hatte davon mitbekommen.
„Was willst du eigentlich? Was willst du von mir?!“, fuhr ich
Mila an. Sie war den Tränen nahe. Erschrocken starrte Silas mich an
und wollte was sagen, aber er brachte es nicht über die Lippen. Ich
drehte mich um, hob mein Handy auf und verwandelte mich in meine
tierische Gestalt.
Ohne zu wissen wohin, rannte ich einfach. Wie so oft rannte ich
davon. Mir reichte es langsam, das Leben fickt mich wo es nur kann.
Ich brüllte, während ich rannte. Dann noch einmal und noch einmal.
Ich brüllte mir mein Leid aus der Seele und sah verschrockene Tiere
vor mir zur Seite springen, doch mir war grad nicht nach jagen. Am
Gipfel eines Berges blieb ich dann doch letztendlich atemlos stehen
und wurde wieder Mensch. Hier war ich allein und hier würde mich
vorerst auch niemand finden.
Erneut versuchte ich sie anzurufen. Doch erneut drückte sie mich
weg. Das ging noch fünf mal so weiter, dann schaltete sie ihr Handy
ab und es ging die Mailbox an.
„Scar, bitte hör mich an! Ich kann dir wirklich alles erklären!
Bitte, gib mir eine Chance es dir in Ruhe zu erklären.. Ruf mich
zurück! Nico“, sprach ich auf das Band.
Nach einigen Minuten rief ich erneut an und hinterließ noch eine
Nachricht: „Scarlett, bitte. Lass und reden. Du bist mir sehr
wichtig.. Ruf doch zurück, verzeih mir!“
Es vergingen keine fünf Minuten, als ich erneut bei ihr anrief. Wie
auch nicht anders erwartet, ging nur die Mailbox an. „Scarlett? Es
tut mir Leid, okay? Es tut mir Leid! Aber ich liebe Mila nicht, ich
liebe dich! Hörst du? Ich liebe dich!“, sagte ich und legte auf.
Ich liebe dich.
Hatte ich das eben wirklich gesagt? Ja, ich hatte es gesagt und ich
meinte es auch so.
„Ich
liebe dich“, flüsterte ich und schaute dabei auf ihre Nummer in
der Hoffnung, sie würde mich zurückrufen..