Montag, 22. April 2013

KAPITEL 8 - Teil B

NICO

Wie lange lag ich hier eigentlich schon? Ich sah wie die Sonne langsam unterging. Der Himmel hatte einen Rotton angenommen, welcher immer weiter in ein leichtes Orange überging. Immernoch war es still um uns herum, ich hörte nur Milas und meinen Atem. Seit Stunden hatte sie sich nicht bewegt. Die ganze Zeit über hatte ich sie angeschaut und darüber nachgedacht, wie es wohl weiter gehen würde. Also ich meine das mit uns beiden. Ich sah, wie sie langsam ihre Augen öffnete und mich anblickte. Ihr Blick war verschlafen, ängstlich und doch ein wenig glücklich. „Mila, es tut mir leid“, sagte ich und Sie schüttelte nur ihren schönen Kopf. „Nico, ich liebe Dich.“, sagte sie leise, aber hörbar und schmuste sich an mich.
Als Tiger sagten Gesten mehr als Laute. Allein an der Körpersprache konnte man sehen was der andere denkt. Man musste sich dabei nur in die Augen schauen.. Augen spiegeln die Seele wieder, ich sah in Milas Augen vieles, aber was sah sie in meinen? Wusste sie vielleicht dass ich sie nicht liebte? Ich schaute sie an und sie erwiderte meinen Blick. Ihre Augen füllten sich mit Tränen und ich sah wie eine Träne fiel. „Es tut mir Leid“, wiederholte ich nur und streifte mit meinem Kopf ihren Hals. Eine Weile blieben wir so stehen, bis wir langsam zurück zum Rudel gingen.

Das Essen war bereits zu ende und Ariane kam auf mich zugehüpft. Aber anstatt sie zu Begrüßen knurrte ich nur und sie sprang verschrocken zur Seite. Mit großen Augen schaute sie mich an und ihr Blick durchbohrte mich. Was bin ich eigentlich für ein Mistkerl? Ich war wütend auf mich selber. Kurz schaute ich zurück und entschuldigte mich schnell, ehe ich weiter ging. Dann kam Felicitas auf mich zu und legte mir ein Stück Fleisch vor die Pfoten. Erstaunt sah ich sie an. Sie nickte nur und lächelte. „Danke Felicitas, was würde ich nur ohne dich machen?“, auch ich versuchte zu lächeln, was mir allerdings deutlich schwerer fiel als Ihr. Schnell nahm ich das rohe Fleisch - was noch sehr frisch zu sein schien – und trottete zur Höhle, wo ich Mila sah. Mila lehnte an der Wand. Sie war ganz Ruhig und ihr Blick war ins leere gerichtet. Langsam ging ich auf sie zu und gab ihr das Fleisch. Ich hatte ja sowieso keinen Hunger und sie sah aus, als wäre sie kurz vorm verhungern. Ich legte mich neben sie auf den Boden und schwieg.  
Nachdem sie aufgegessen hatte, schaute sie mich erneut an. „Du bist mein, vergiss das nicht.“
Ich nickte kurz und schaute auf den Boden, doch Ihr Blick ruhte weiterhin auf mir. Ich konnte spüren, wie sie mich musterte und sie musste dabei lächeln. „Du bist mein“, flüsterte sie erneut, kuschelte sich an mich und schlief ein.
Nun lag ich da, mit Mila an meiner Seite. Eigentlich so wie Immer, das war nichts besonderes, aber heute fühlte sich das alles ganz anders an. Es war falsch. Was tue ich hier eigentlich? Nicht nur dass ich Mila unglücklich mache, ich bringe auch Scarlett in Gefahr..
Ich sah wie Lucien am Eingang der Höhle stehen blieb und mich anschaute. Dann wanderte sein Blick auf Mila, die lächelte. Lucien nickte nur und sein Blick wirkte mahnend. „Pass auf Sie auf.“, sagte Lucien und ging wieder.
Es ist ein ewiges Dilemma, mein Leben. Werde ich jemals glücklich sein bei Mila? Oder vielleicht brauche ich Scarlett? Aber wir würden niemals zusammen sein können, Sie würde sterben.. Es ist unnötig mir Hoffnungen zu machen, dass ich jemals mit ihr zusammen sein würde, wir sind einfach zu verschieden. Sie passt nicht in mein Leben, es ist zu gefährlich, ich würde sie nur in Gefahr bringen.. Scheiße ist das alles. Einfach nur Scheiße.

Am nächsten Morgen wurde ich von Silas geweckt. Mila war bereits verschwunden. Silas gab mir ein Zeichen, dass er in der Werkstatt auf mich warten würde. Ich musste gähnen und mich strecken. Noch total verschlafen trabte ich zum Fluss, um mich sauber zu machen und um was zu trinken. Zwar hasste ich es, wenn mein Fell nass wurde, aber ungepflegt wollte ich auch nicht unbedingt rumlaufen. Nachdem ich ein Stück geschwommen bin und mir zwei Fische gefangen hatte, stieg ich aus dem Wasser heraus und schüttelte die Tropfen ab. Die Morgensonne schien auf mein Fell und ein kühler Wind wehte um mich herum. Eigentlich war das der perfekte Morgen, aber ich konnte mich einfach nicht an ihm erfreuen. Auf dem Weg zur Werkstatt war dann mein Fell bereits getrocknet und aufgebauscht. Ich musste grade aussehen, wie so ein Pudel. Na Super, dachte ich nur und nahm meine Menschliche Gestalt an. Mit schnellen Schritten ging ich noch die restlichen paar Meter bis zur Werkstatt, wo Silas bereits ein Gespräch mit einem jungen Mann führte. Ich kam grade auf ihn zu, als er den Mann verabschiedete. „Da bist du ja endlich!“, rief er mir zu und klopfte mir auf die Schulter. „Alles in Ordnung bei dir? Der Mann hat eben seinen Truck gebracht, er hatte einen krassen Unfall, der Motor ist jedenfalls hin. Es muss bis Morgen früh fertig sein, also komm, beweg dich!“, sagte Silas und musste lachen. Außer einem einfachen „Mhm“ brachte ich nichts hervor. Wie konnte er nur so gut gelaunt sein? Am besten ich vergesse einfach alles für eine Weile und widme mich ganz der Arbeit. Gesagt, getan. Zusammen mit Silas brachten wir den Truck in die Halle und nahmen ihn erstmal auseinander. Der Motor rauchte noch und die Vorderreifen waren total platt. Dazu kamen noch eine verbeulte Tür, kaputte Fenster und eine Fehlende Stoßstange. Auch die Kupplung funktionierte nicht mehr gut. Es war eigentlich so gut wie unmöglich die alles zu zweit an nur einem einigen Tag zu schaffen, doch wir gaben unser Bestes.
Gegen Mittag kam dann auch Mila vorbei. Sie trug eine Hotpans und ein enges schwarzes Top. Ihre langen Hellbraunen Haare trug sie Offen, mit einer leicht rosanen Blume im Haar. Als sie mich sah, ging sie etwas schneller und fiel mir um den Hals. „Hallo Nico“, sagte sie lächelnd und küsste mich. „Du siehst wunderschön aus“, erwiderte ich und erzwang ein lächeln. Auch Silas kam hinzu und Begrüßte Mila freudig mit einer Umarmung. „Hey Schöne, was führt dich hierher?“, versucht er sich bei ihr ein zu schmeicheln. Mila musste kurz lachen. „Ich wollte schauen was ihr so macht und euch meine Hilfe anbieten. Habt ihr Hunger? Ich habe euch Brote und Obst mitgebracht.“
„Na Klar!“, rief Silas. „Und Hilfe können wir immer gut gebrauchen“, fügte ich noch rasch hinzu und wir setzten uns an einen Tisch in der Halle.
Zusammen redeten wir, lachten und ich schloss Mila in meine Arme. Ich musste mich einfach daran gewöhnen, meine Zeit nur noch mit ihr zu verbringen. Schließlich wollten es unsere Eltern so und daran war auch nichts mehr zu ändern.. Trotzdem fühlt es sich falsch an! Erneut stieg Wut in mir auf. Wieso haben die das einfach so über ihren Kopf hinweg entschieden? Ist ja nicht so als wäre das meine Zukunft, dachte ich und wollte am liebsten etwas Kaputt schlagen, doch ich versuchte es zu unterdrücken. Stattdessen drückte ich Mila näher an mich. Silas' Blick ruhte auf mir. Er versuchte zu lächeln, aber ich sah dass ihn etwas bedrückte. Mila erzählte irgendetwas, und Silas nickte ein paar mal, obwohl es nicht so aussah, als würde er ihr zuhören.
„Nicht wahr, Schatz?“, fragte sie mich letztendlich und ich wusste nicht was ich darauf antworten sollte. Zum Glück klingelte in genau diesem Moment mein Handy. Ich stand auf und ging ein paar Schritte weiter weg.
„Hey Scar“, sagte ich kurz und ich spürte, wie Mila mich anstarrte. „Wer ist Scar?“, fragte sie Silas und man konnte deutlich raushören, dass sie eifersüchtig war. Ich ging noch ein paar Schritte weiter. „Nein, tut mir Leid, ich kann grad nicht“, antwortete ich Scar. „Mit wem redet er da?“, fragt Mila aufgebracht. „Was? Nein, ich kann grad wirklich nicht..“, sagte ich, aber es war wohl hoffnungslos es ihr auszureden. „Ja, ich bin in der Werkstatt. Okay. Dann bis gleich“. Kurz blieb ich stehen und legte dann auf. Scheiße, dachte ich mir nur. Mila kam stand auf und ich ging auf sie zu.
„Ist alles in Ordnung? Und wer ist Scar?“, fragte sie mich, doch ich zuckte nur mit den Schultern.
Eine Weile blieben wir so stehen, während Silas sich wieder dem Truck widmete.
Von Weitem hörte ich einen Motor, wessen Geräusch immer deutlicher zu hören war. Anscheinend hatte auch Mila gemerkt, dass da ein Auto kam und sie schaute zur Einfahrt. Scarlett fuhr herein und war grade am aussteigen, als Mila sich demonstrativ neben mich stellte. Ich konnte spüren, dass es ihr was ausmachte, dass ein weiteres Mädchen sich auf dem Gelände befand.
Scar stieg aus und lächelte mich an. Ich lächelte zurück. In diesem Moment nahm Mila meine Hand und schaute mich an. „Wer ist dieses Mädchen?“, fragte sie mich und ich hatte das Gefühl, dass sie Scar gleich beißen würde, wenn sie nicht auf der Stelle wieder verschwindet. Kurz schaute ich sie an und wusste nicht was ich darauf antworten sollte. Als ich wieder zu Scarlett schaute, war sie stehen geblieben und starrte uns einfach nur an. Erst mich, dann Mila, dann wieder mich. „Scarlett“, rief ich ihr zu und mir fehlten einfach die Worte. In diesem Moment drückte mir Mila einen Kuss auf meine Lippen und schaute mich dann erwartungsvoll an. Doch ich musste einfach zu Scarlett schauen. Sie stand da wie erstarrt und wusste nicht mehr was sie sagen sollte. Ich sah wie sich ihre Augen mit Tränen füllten. Schnell versuchte ich mich von Mila weg zu zerren, doch Scarlett schüttelte nur den Kopf. „Scarlett, warte bitte!“, rief ich zu ihr herüber und ging auf sie zu. Doch sie machte nur einen Schritt rückwärts. „Nico, wer ist dieses Mädchen?!“, fragte Mila mich mit stolzer und lauter Stimme. Das war zu viel. Ich sah, wie es Scarlett verletzte mich mit ihr zu sehen. Sie drehte sich um und lief zurück zum Auto. Mein Schritt beschleunigte sich, ich lief Scar hinterher. Bevor sie einstieg wandte sie sich noch einmal an mich: „Du hast also keine Zeit? Ich verstehe, ich möchte nicht weiter stören!“ Ihre Stimme zitterte, aber sie war dennoch kräftig.
Ich stand vor ihrem Jeep und sie startete den Motor. „Scar, lass es mir dir bitte erklären! Warte doch!“, rief ich und sah, wie eine Träne an ihrer Wange herunterrollte. Ich sah Wut. Wut und Enttäuschung. Sie drückte auf das Gaspedal, was dazu führte, dass ich zurücksprang. Schneller als erlaubt fuhr sie weg. Sofort holte ich mein Handy und wählte ihre Nummer. Bitte Scar, geh ran!
Es klingelte, dann Drückte sie mich weg. Ich rief erneut an und wieder drückte sie mich weg.
„Scheiße man!“, schrie ich und warf mein Handy auf den Boden. Mila starrte mich entsetzt an und auch Silas hatte davon mitbekommen.  
„Was willst du eigentlich? Was willst du von mir?!“, fuhr ich Mila an. Sie war den Tränen nahe. Erschrocken starrte Silas mich an und wollte was sagen, aber er brachte es nicht über die Lippen. Ich drehte mich um, hob mein Handy auf und verwandelte mich in meine tierische Gestalt.
Ohne zu wissen wohin, rannte ich einfach. Wie so oft rannte ich davon. Mir reichte es langsam, das Leben fickt mich wo es nur kann. Ich brüllte, während ich rannte. Dann noch einmal und noch einmal. Ich brüllte mir mein Leid aus der Seele und sah verschrockene Tiere vor mir zur Seite springen, doch mir war grad nicht nach jagen. Am Gipfel eines Berges blieb ich dann doch letztendlich atemlos stehen und wurde wieder Mensch. Hier war ich allein und hier würde mich vorerst auch niemand finden.
Erneut versuchte ich sie anzurufen. Doch erneut drückte sie mich weg. Das ging noch fünf mal so weiter, dann schaltete sie ihr Handy ab und es ging die Mailbox an.
„Scar, bitte hör mich an! Ich kann dir wirklich alles erklären! Bitte, gib mir eine Chance es dir in Ruhe zu erklären.. Ruf mich zurück! Nico“, sprach ich auf das Band.
Nach einigen Minuten rief ich erneut an und hinterließ noch eine Nachricht: „Scarlett, bitte. Lass und reden. Du bist mir sehr wichtig.. Ruf doch zurück, verzeih mir!“
Es vergingen keine fünf Minuten, als ich erneut bei ihr anrief. Wie auch nicht anders erwartet, ging nur die Mailbox an. „Scarlett? Es tut mir Leid, okay? Es tut mir Leid! Aber ich liebe Mila nicht, ich liebe dich! Hörst du? Ich liebe dich!“, sagte ich und legte auf.
Ich liebe dich. Hatte ich das eben wirklich gesagt? Ja, ich hatte es gesagt und ich meinte es auch so.
Ich liebe dich“, flüsterte ich und schaute dabei auf ihre Nummer in der Hoffnung, sie würde mich zurückrufen..

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