Montag, 29. April 2013

KAPITEL 11

SCARLETT


Nachdem ich meine Wunde versorgt hatte, aß ich etwas und starrte die ganze Zeit auf mein Handy. Ruf an, Nico! Ruf an!, betete ich innerlich. Ich wollte ihn nicht anrufen, was, wenn er gerade im Gespräch mit Mila war? Ich will doch nicht stören. Ruhig Scar, du machst dich nur selbst verrückt. Dann gab ich es auf, auf mein Handy zu starren, und beschloss ein wenig durch die Gegend zu fahren.
Nach 20 Minuten Fahrt, hielt ich einfach mitten auf dem Weg an, fuhr noch ein bisschen aufs Feld damit ich keine anderen Autos blockieren würde, und stieg dann aus.
Ich nahm beide Waffen mit und ging ein bisschen aufs Feld raus. Das Savannengras war sehr hoch, weshalb ich mich quasi durchkämpfen musste. Plötzlich raschelte etwas vor mir. Automatisch zuckte ich zusammen und ging in die Hocke. Am Klügsten wäre es gewesen ab zuhauen, aber ich war einfach zu neugierig. Also schlich ich mich ein bisschen nach vorne und schob das hohe Gras etwas zur Seite. Vor mir erblickte ich einen Tiger. Natürlich, was auch sonst? Er lag ausgestreckt im Gras und seine Atmung ging sehr flach. Vielleicht liegt er im Sterben?, dachte ich. Er könnte mich angreifen, jedoch konnte ich nicht sehen wenn ein Tier leidet.
Ich ging zu ihm, ruhig und langsam. Der Tiger war dunkel braun mit einem rötlichen Stich. Unvermittelt musste ich an Nicos Haare denken. Wie sein brauner Ansatz in die Haarlänge immer dunkler wurde. Ich ging noch ein bisschen näher und sah, dass seine Augen geschlossen waren. Ist er schon tot?, fragte ich mich und strich mit meiner Hand über seinen Hals. Er hatte dort ein paar Kratzer und als meine Finger sein Fell berührten, schlug er die Augen auf und wand sich um mich anzuschauen. Ich schreckte zusammen und ging zwei Schritte rückwärts als ich in seine hell grünen Augen blickte, die mich nun bedrohlich an funkelten. Als er mich genau betrachtete wurde sein Blick ruhiger. Er könnte mich locker töten. Ich habe keine Möglichkeit ab zuhauen – ich sitze in der Falle! Panik stieg in mir auf und ich musterte unsere Umgebung. Er wäre so oder so schneller als ich. Zwar hatte ich meine Waffe, aber ich könnte einfach kein Tier töten. Verzweifelt ließ ich mich ins Gras sinken, wobei meine Waffen auf den Boden fielen und starrte ihn an. Er schrack zusammen und knurrte mich an. Ich stieß die Waffen schnell zur Seite und er musterte mich von oben bis unten wobei er eine Mischung aus Knurren und Schnurren ausstieß. Dann legte er seinen Kopf auf seine Pfoten und schloss die Augen.
Vorsichtig krabbelte ich ein wenig nach vorne. Ich streckte meine Hand aus und hielt sie vor seine Nase. Er öffnete langsam die Augen und schnüffelte an meiner Hand, dann tat er etwas was ich nie von einem Tiger erwartet hätte – er rieb seinen Kopf an meine Hand und schloss dabei wieder seine Augen. Ich kraulte ihn und rückte noch etwas näher an ihn. Er ließ die Augen geschlossen und als ich ihm über den Hals strich, wo die Wunden waren, schlug er die Augen wieder auf und blickte mich an. Ich glaubte daran, dass Tiere Gefühle hatten, und sein Blick stellte dies auch nicht infrage. Ich sah in seinen Augen Erkenntnis, Ruhe und... Vertrauen?
Seine Wunden schienen nicht schlimm und nach eine gefühlten Ewigkeit stand ich langsam auf und wollte zurück zum Auto. Ich war mir nicht sicher ob der Tiger mich gehen lassen würde, jedoch rührte er sich nicht. Erst als ich einen Schritt von ihm wegmachte und meine Waffen nahm, stand er auf und kam in meine Richtung. Sofort blieb ich stehen, aus Angst, dass er mich angreifen könnte. Jedoch tat er nichts. Er setzte sich hin und schaute mich erwartungsvoll an. Ich drehte mich wieder um und ging in Richtung meines Autos. Ich hörte, wie sich der Tiger erhob und mir folgte. Vielleicht will er nur in die Richtung?, dachte und beschleunigte meinen Schritt bis ich zum Auto ankam. Ich setzte mich hinein, startete den Motor und schaute in die Richtung wo der Tiger war. Er saß dort und schaute mir in die Augen. Dann fuhr ich los und bemerkte aus dem Augenwinkel, wie der Tiger loslief. So schnell wie der Jeep. Will er mir bis nach Hause folgen?

Ich konzentrierte mich auf die Straße und kam schließlich Zuhause an. Nachdem ich ausgestiegen war, schaute ich mich um. Er ist weg...
Beruhigt ging in die Wohnung und machte mir etwas zum Essen. Während ich aß kam ich mir seltsam... leer vor. Nico fehlte mir und dieser Tiger hatte irgendetwas an sich... etwas was sehr vertraut war...
Plötzlich hörte ich ein tierisches Brüllen. Ich lief zur Tür, öffnete diese und schaute mich um. Vor meiner Tür saß der Tiger. Er blickt mich aus seinen strahlenden grünen Augen an und musterte mich wieder. Ich lächelte ihn an, worauf er sich hinlegte und mich erwartungsvoll anschaute. Ich ging wieder in den Bungalow, holte ein Steak aus dem Gefrierschrank, wärmte es ein bisschen auf damit es nicht zu kalt war und ging wieder zur Tür. Der Tiger hatte den Kopf auf die Pfoten gelegt, hob jedoch den Kopf als ich zurück kam. Ich warf ihm das Steak hin worauf er es gierig verschlang.
Mehr kann ich für ihn nicht tun. Danach ging ich wieder rein, holte mir ein Buch und setzte mich aufs Sofa. Ich konnte nicht wirklich ruhig lesen, meine Gedanken spielten verrückt. Wieso ist er mir gefolgt? Was will er? Ist er immer noch vor meiner Tür?
Schließlich klappte ich das Buch zu und ging zur Tür. Der Tiger war eingeschlafen. Ich setzte mich zu ihm, lehnte mich an ihn und las weiter. Der Tiger schaute mich einmal kurz an, schloss dann wieder die Augen und fing an gleichmäßig zu atmen.
Es fühlt sich an, als hätte ich seit langem mal wieder jemanden, dem ich vertrauen kann...

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