Nachdem ich meine Wunde versorgt hatte,
aß ich etwas und starrte die ganze Zeit auf mein Handy. Ruf an,
Nico! Ruf an!, betete ich
innerlich. Ich wollte ihn nicht anrufen, was, wenn er gerade im
Gespräch mit Mila war? Ich will doch nicht stören. Ruhig
Scar, du machst dich nur selbst verrückt. Dann
gab ich es auf, auf mein Handy zu starren, und beschloss ein wenig
durch die Gegend zu fahren.
Nach
20 Minuten Fahrt, hielt ich einfach mitten auf dem Weg an, fuhr noch
ein bisschen aufs Feld damit ich keine anderen Autos blockieren
würde, und stieg dann aus.
Ich
nahm beide Waffen mit und ging ein bisschen aufs Feld raus. Das
Savannengras war sehr hoch, weshalb ich mich quasi durchkämpfen
musste. Plötzlich raschelte etwas vor mir. Automatisch zuckte ich
zusammen und ging in die Hocke. Am Klügsten wäre es gewesen
ab zuhauen, aber ich war einfach zu neugierig. Also schlich ich mich
ein bisschen nach vorne und schob das hohe Gras etwas zur Seite. Vor
mir erblickte ich einen Tiger. Natürlich, was auch sonst?
Er lag ausgestreckt im Gras und seine Atmung ging sehr flach.
Vielleicht liegt er im Sterben?,
dachte ich. Er könnte mich angreifen, jedoch konnte ich nicht sehen
wenn ein Tier leidet.
Ich
ging zu ihm, ruhig und langsam. Der Tiger war dunkel braun mit einem
rötlichen Stich. Unvermittelt musste ich an Nicos Haare denken. Wie
sein brauner Ansatz in die Haarlänge immer dunkler wurde. Ich ging
noch ein bisschen näher und sah, dass seine Augen geschlossen waren.
Ist er schon tot?,
fragte ich mich und strich mit meiner Hand über seinen Hals. Er
hatte dort ein paar Kratzer und als meine Finger sein Fell berührten,
schlug er die Augen auf und wand sich um mich anzuschauen. Ich
schreckte zusammen und ging zwei Schritte rückwärts als ich in
seine hell grünen Augen blickte, die mich nun bedrohlich
an funkelten. Als er mich genau betrachtete wurde sein Blick ruhiger.
Er könnte mich locker töten. Ich habe keine Möglichkeit
ab zuhauen – ich sitze in der Falle!
Panik stieg in mir auf und ich musterte unsere Umgebung. Er wäre so
oder so schneller als ich. Zwar hatte ich meine Waffe, aber ich
könnte einfach kein Tier töten. Verzweifelt ließ ich mich ins Gras
sinken, wobei meine Waffen auf den Boden fielen und starrte ihn an.
Er schrack zusammen und knurrte mich an. Ich stieß die Waffen
schnell zur Seite und er musterte mich von oben bis unten wobei er
eine Mischung aus Knurren und Schnurren ausstieß. Dann legte er
seinen Kopf auf seine Pfoten und schloss die Augen.
Vorsichtig
krabbelte ich ein wenig nach vorne. Ich streckte meine Hand aus und
hielt sie vor seine Nase. Er öffnete langsam die Augen und
schnüffelte an meiner Hand, dann tat er etwas was ich nie von einem
Tiger erwartet hätte – er rieb seinen Kopf an meine Hand und
schloss dabei wieder seine Augen. Ich kraulte ihn und rückte noch
etwas näher an ihn. Er ließ die Augen geschlossen und als ich ihm
über den Hals strich, wo die Wunden waren, schlug er die Augen
wieder auf und blickte mich an. Ich glaubte daran, dass Tiere Gefühle
hatten, und sein Blick stellte dies auch nicht infrage. Ich sah in
seinen Augen Erkenntnis, Ruhe und... Vertrauen?
Seine
Wunden schienen nicht schlimm und nach eine gefühlten Ewigkeit stand
ich langsam auf und wollte zurück zum Auto. Ich war mir nicht sicher
ob der Tiger mich gehen lassen würde, jedoch rührte er sich nicht.
Erst als ich einen Schritt von ihm wegmachte und meine Waffen nahm,
stand er auf und kam in meine Richtung. Sofort blieb ich stehen, aus
Angst, dass er mich angreifen könnte. Jedoch tat er nichts. Er
setzte sich hin und schaute mich erwartungsvoll an. Ich drehte mich
wieder um und ging in Richtung meines Autos. Ich hörte, wie sich der
Tiger erhob und mir folgte. Vielleicht will er nur in die
Richtung?, dachte und
beschleunigte meinen Schritt bis ich zum Auto ankam. Ich setzte mich
hinein, startete den Motor und schaute in die Richtung wo der Tiger
war. Er saß dort und schaute mir in die Augen. Dann fuhr ich los und
bemerkte aus dem Augenwinkel, wie der Tiger loslief. So schnell wie
der Jeep. Will er mir bis nach Hause folgen?
Ich
konzentrierte mich auf die Straße und kam schließlich Zuhause an.
Nachdem ich ausgestiegen war, schaute ich mich um. Er ist
weg...
Beruhigt ging in
die Wohnung und machte mir etwas zum Essen. Während ich aß kam ich
mir seltsam... leer vor. Nico fehlte mir und dieser Tiger hatte
irgendetwas an sich... etwas was sehr vertraut war...
Plötzlich hörte
ich ein tierisches Brüllen. Ich lief zur Tür, öffnete diese und
schaute mich um. Vor meiner Tür saß der Tiger. Er blickt mich aus
seinen strahlenden grünen Augen an und musterte mich wieder. Ich
lächelte ihn an, worauf er sich hinlegte und mich erwartungsvoll
anschaute. Ich ging wieder in den Bungalow, holte ein Steak aus dem
Gefrierschrank, wärmte es ein bisschen auf damit es nicht zu kalt
war und ging wieder zur Tür. Der Tiger hatte den Kopf auf die Pfoten
gelegt, hob jedoch den Kopf als ich zurück kam. Ich warf ihm das
Steak hin worauf er es gierig verschlang.
Mehr kann ich für ihn nicht tun.
Danach ging ich wieder rein, holte mir ein Buch und setzte mich aufs
Sofa. Ich konnte nicht wirklich ruhig lesen, meine Gedanken spielten
verrückt. Wieso ist er mir gefolgt? Was will er? Ist er
immer noch vor meiner Tür?
Schließlich
klappte ich das Buch zu und ging zur Tür. Der Tiger war eingeschlafen. Ich setzte mich zu ihm, lehnte mich an ihn und
las weiter. Der Tiger schaute mich einmal kurz an, schloss dann
wieder die Augen und fing an gleichmäßig zu atmen.
Es fühlt sich an, als hätte ich
seit langem mal wieder jemanden, dem ich vertrauen kann...
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