NICO
„Scarlett! Nein!“, schrie ich mit Lucien wie aus einem
Mund und sprang sofort zu ihr. Meine Befürchtungen waren wahr
geworden. Vor mir lag Scarlett auf dem Boden. Behutsam legte ich
ihren Kopf auf meinen Schoß und Lucien versuchte ihre Blutung zu
stoppen. Vorsichtig tupfte er das Blut an ihrem Hals weg. Doch es
half alles nichts, denn ihr Atem wurde immer flacher und ihr
Herzschlag langsamer. „Bitte nicht! Halte durch Scar“, flüsterte
ich und strich ihr über ihr Gesicht. Aber es war zu spät. Ihr Herz
kam zum Stillstand und sie lag regungslos auf mir. „Nein, das.. Das
kann nicht sein.. Scar“, krächzte ich und schüttelte meinen Kopf.
Ich konnte einfach nicht glauben, dass das das Ende war. Meine Kehle
schnürte sich zu und der Atem blieb mir weg. Nicht Scarlett..,
dachte ich und senkte meinen Kopf. Jemand legte mir eine Hand auf
die Schulter. Es war Felicitas, die sich neben mich setzte. „Nico,
es tut mir Leid..“, sagte sie zu mir und ich schüttelte ihre Hand
ab. Mitleid war das letzte, was ich jetzt brauchte. Ich versuchte
aufzustehen, doch meine Beine gaben unter mir nach. Besorgt griff
Felicitas nach mir und half mir hoch. „Geht schon“, war alles,
was ich an Worten noch finden konnte. Nun nahm ich auch Scarlett auf
die Arme und trug sie in meine Höhle, wo ich sie auf einem flachen
Felsen nieder legte. Vorsichtig faltete ich ihre Hände und strich
ihre Sachen zurecht. „Es tut mir Leid Scar. Ich hätte besser auf
dich aufpassen müssen.. Bitte verzeih mir“, flüsterte ich, in der
Hoffnung, sie könnte mich wirklich hören. „Ich liebe dich“,
sagte ich noch zuletzt und küsste sie auf die Stirn. Dann zerrte
mich Mila bereits aus der Höhle und versperrte den Eingang. „Es
ist nicht gut für dich“, sagte sie nur und hielt mich davon ab,
auch nur noch einen einzigen Blick in die Höhle zu werfen. Alle
Augen waren auf mich gerichtet. In diesen lag Mitleid. Ich hatte mich
nicht mehr unter Kontrolle. Es war als würde mir jemand ein Messer
mitten in mein Herz rammen. Es war Schmerz. Doch Schmerz allein
konnte mich nicht unter kriegen. Da war noch etwas. Unkontrollierbare
Wut. Sie war so ziemlich das Schlimmste, was man fühlen konnte.
Trauer schlich sich noch dazu. Keiner weiß, was Trauer gemischt mit
unstillbarer Wut ist. Es ist schrecklich, denn es frisst mich auf.
Innerlich war ich bereits am Boden. Es war nur eine Frage der Zeit
bis ich auch äußerlich zusammen brach. Immernoch waren alle Augen
auf mich gerichtet. Auch Silas hatte ich nun entdeckt. Er machte ein
paar Schritte auf mich zu, doch ich knurrte nur laut und nahm mein
Tigerwesen an. Ein lautes Brüllen stieß ich aus und Silas blieb
stehen. Stille folgte. Ich konnte es hier nicht mehr aushalten, denn
alles zerrte an mir und zwang mich zu Boden. Mit gesenktem Kopf
verließ ich erst das Dorf, dann den Dschungel. Ziellos trabte ich
durch die Gegend ohne zu wissen, wo ich eigentlich war. Gedanken
schwirrten mir durch den Kopf und Fragen, welche ich selbst aber
nicht beantworten konnte.
Das ist alles
meine Schuld. Ich hätte besser auf Scarlett aufpassen müssen. Was
hatte ich mir eigentlich dabei gedacht, sie könnte wirklich eine von
uns werden? Wie konnte ich einer alten Legende mehr Glauben schenken,
als meinem eigenem Verstand? War es nicht klar, dass sie nicht zu uns
passte? Nicht in meine Welt? Schließlich sind Menschen nicht ohne
Grund bei uns verboten.. Ich hatte Scarlett in Gefahr gebracht. Das
alles wäre nicht passiert, hätte ich sie nicht zu mir mitgenommen,
sie garnicht erst kennen gelernt. Scarlett, ich hoffe du kannst mir
verzeihen. Wieso hatten wir beide geglaubt, du könntest es
tatsächlich schaffen? Wieso hatten wir so sehr auf die Legende
vertraut? Sie hat doch nicht funktioniert, es hat dein Leben
gekostet.. Lucien hätte niemals zulassen dürfen, dass ich dich
mitbringe. Silas hätte mir es ausreden sollen, mich mit dir zu
verabreden und Felicitas genauso. Dabei, hatten sie dies alles getan,
nur ich hatte nicht auf sie gehört.. Das werde ich mir selbst
niemals vergeben.
Ich war am Fuße eines hohen Berges angekommen und beschloss, dort
hinauf zu steigen. Der Himmel war mein Ziel, auch wenn ich dort
selbst nicht hin gelangen konnte, so wollte ich ihm wenigstens näher
sein. Kilometerweit war ich gelaufen, doch ich wollte weiter. Jeder
Schritt fühlte sich so an, als würde ich über glühend heiße
Kohlen laufen und jeder Atemzug, als würde ich Gift einatmen. Es war
die Hölle. Trotzdem kämpfte ich mit mir selbst und gelangte nach
ganz oben. Dort ließ ich mich nieder und brüllte mir die Seele aus
dem Leib. Den Schmerz. Die Wut. Schließlich fielen mir meine Augen
zu und ich schlief ein.
Kurze Zeit später wurde ich von Schritten geweckt. Neben mir
breitete sich ein Schatten aus und ich öffnete langsam die Augen.
Eine anmutige Frau stand nun vor mir. Sie trug ein weißes, langes
Kleid, welches im Wind flatterte. Ihre Haare waren Braun und hatten
einen zarten Rotstich. Sommersprossen umspielten ihre Nase und
Wangen. Ich rieb mir meine Augen und setzte mich aufrichtig auf. Sie
ließ sich neben mir nieder und lächelte mir zu. „Es ist schön
hier, oder?“, sagte sie mit einer lieblichen Stimme. Ich zuckte nur
mit den Schultern und musterte sie. „Wie heißt du?“, fragte sie
mich und ich nannte ihr meinen Namen. „Nico also. Du bist doch
einer von Luciens Jungs, oder?“
„Ja, aber woher weißt du das?“
„Er hatte mich damals mit Trie gerettet. Apropos, wie geht es ihm
denn?“
„Trie ist vor wenigen Tagen gestorben. Er ist in einem Kampf
gefallen“, antwortete ich und sie schaute mich erstaunt an. „Nein..
Das kann nicht sein.. Reden wir grade vom selben Tiger?“
„Leider ja“, sagte ich und ihr Gesichtsausdruck verzerrte sich.
„Oh. Ich wollte ihn noch so gerne sehen.. Im übrigen heiße ich
Chayenne. Eigentlich wollte ich mich hier mit meinem Freund treffen,
doch er scheint noch nicht hier zu sein. Und wieso bist du hier?
Wartest du auf deine Freundin?“, fragte sie und versuchte wieder zu
lächeln.
„Schön wärs. Sie lebt nicht mehr, und das ist alles meine
Schuld..“, wieder bekam ich kaum noch Luft. Chayenne wirkte sehr
sympathisch, sie strahlte Freude aus. Lebenslust. Alles, was mir
zurzeit fehlt, dachte ich und sie runzelte die Stirn.
„Das tut mir Leid. Wie hieß sie denn?“
„Scarlett.“ Ihr Name flog über meine Lippen und meine Haut fing
an zu kribbeln.
„Sie war aber keine Tigern, oder? Sonst würde ich sie kennen.“
„Nein, sie war ein Mensch. Das ist ja das Problem. Ich wünschte
dieser Legende niemals Glauben geschenkt zu haben..“, sagte ich
immer leiser werdent und sie schüttelte den Kopf.
„Willst du damit sagen, dass sie eine Tigerin werden wollte?
Aber dann ist doch noch nichts verloren!“, sagte sie
aufmunternd.
„Was heißt hier noch nichts verloren? Sie ist tot!“
„Ich glaube als du die Legende gehört hast, hast du nur halb zu
gehört“, lachte Chayenne und diesmal war ich derjenige, der die
Stirn runzelte. „Also, ich möchte es dir ganz erklären. Wenn ein
normaler Mensch zu einem Tiger werden möchte, muss dieser sich
erstmal einen Stamm suchen, dem er beitreten möchte. Wenn dieser
dann die Zusage gibt, den Menschen bei sich auf zu nehmen, muss
dieser seine Stärke und Geschicklichkeit in einem Kampf beweisen. Er
muss einen ausgewachsenen Tiger, ganz gleich welchen Stammes und
unabhängig welches Geschlechtes, töten und den Körper dem
Rudelführer vor die Füße legen. Doch ein wichtiges Detail wird
meistens vergessen: Um die Verwandlung komplett zu machen, muss auch
der Mensch sterben. Dabei stirbt ein Teil der menschlichen Seele und
schafft so Platz um der des nun verstorbenden Tigers sich ein zu
nisten. Verstehst du das? Die eigene Seele wird in zwei geteilt, um
einen neuen Teil zuzulassen. Äußerlich mag deine Freundin
vielleicht tot wirken, aber Innerlich steckt sie noch voller Leben!“
Chayennes Augen leuchteten auf und auch meine Mundwinkel zuckten nach
Oben. Also gibt es noch Hoffnung? Scarlett ist gar nicht tot? Ich
war kurz davor Freudensprünge zu machen, als wieder die altbekannten
Zweifel aufkamen.
„Aber woher weißt du das?“, fragte ich und wollte eigentlich
keine Antwort. Was sie sagte genügte mir um mich wieder gut zu
fühlen.
„In unserem Stamm wird diese Legende mündlich immer weiter
überliefert. Meine Urgroßmutter war ein normaler Mensch gewesen,
bis sie sich in meinen Urgroßvater verliebte. Die ganze Legende
gerät oft in Vergessenheit, deshalb hütet mein Stamm sie gut, damit
genau das nicht in Vergessenheit gerät. Und nun lauf zu Scarlett!
Vielleicht wartet sie schon auf dich“, befiel sie mir und lachte
dabei. „Ich danke dir vielmals. Bitte lass alles was du gesagt hast
Stimmen. Ich hoffe wir sehen uns wieder“, sagte ich mit solch einem
leuchten in den Augen, welches ich noch nie hatte.
„War nett dich kennen zu lernen, Nico. Richte Lucien schöne Grüße
von mir aus!“, rief sie mir nach und schon war ich verschwunden.
Zwar wusste ich nicht wo ich war, aber ich hatte ein sehr gutes
Gedächtnis. Ich nahm den selben Weg wieder zurück und raste nahezu
dabei. Ich hoffe Scarlett ist noch nicht aufgewacht.. Zu gerne
würde ich sie als Erster sehen! Glücksgefühle flossen durch
meinen Körper und gaben mir das nötige Adrenalin um so schnell wie
möglich wieder zu Hause zu sein. Erst im Dorf verlangsamte ich mein
Tempo und hielt wenige Meter vor der Höhle an. Erstaunt schauten
mich Felicitas und Mila an, die neben der Höhle lagen, die Köpfe
auf ihren Pfoten. Ich strahlte Freude aus, der Rest des Dorfes
versank in Trauer. „Ist sie schon aufgewacht?“, fragte ich
die beiden, doch Mila schenkte mir nur einen „Alles in
Ordnung?“- Blick. Bei Felicitas sah es genauso aus. Irritiert
starrte sie mich an. „Was meinst du?“, fragte sie. Auch
Lucien kam nun zu uns getrottet und musterte mich genau. Doch ich
hatte keine Zeit für Erklärungen, denn ich sah etwas unglaubliches.
Vor mir trat ein wunderschöner weißer Tiger aus der Höhle. Ihre
Augen waren tiefblau. Ich verwandelte mich nun in einen Menschen, um
sie in meine Arme schließen zu können. Auch sie tat es mir nach und
trat einen Schritt vor. Sie war zwar noch Scarlett, so wie ich sie
zuletzt gesehen hatte, doch etwas hatte sich an ihr verändert. Was
genau konnte ich nicht sagen, vielleicht war sie einfach noch schöner
geworden. Behutsam nahm ich sie in meine Arme. „Oh Gott, Scarlett.
Ich dachte.. ich dachte du wärst..“, mehr brachte ich nicht über
die Lippen. Ich wollte mich nicht mehr daran erinnern, wie ich mich
vorhin noch gefühlt hatte. „Ich habe es geschafft, Nico. Ich habe
es tatsächlich geschafft!“, sagte sie kaum hörbar und eine
Freudenträne kullerte über ihre Wange. Scarlett strahlte wie die
Sonne und ich vermutlich genauso. „Das sehe ich. Und ich lasse dich
nie wieder los. Egal was passiert!“
„Versprichst du mir das?“, fragte sie lächelnd.
Ihr Lächeln nach all dem ganzen ist unglaublich. Es ist das
schönste was ich seit langem sah. Ich glaube daran, dass alles für
etwas bestimmtes geschaffen ist. War es Schicksal oder nur reiner
Zufall, dass Scarlett damals angerufen hatte? War es Schicksal oder
bloß Zufall, dass ich mich in sie verliebte? Ist es Ihr Schicksal,
dass sie nun das ist, was sie ist; eine Tigerin? Also ich glaube
schon. Ich glaube an das Schicksal, denn alles hat doch einen
bestimmten Grund, warum Dinge geschehen, wie sie geschehen. Früher
dachte ich, als ich klein war, Mila wäre mein Schicksal. Doch so
ganz stimmt das nicht. Sie ist eher ein Teil davon. Genauso wie alle
anderen, die ich bisher getroffen habe. Das Schicksal spielt mit mir.
Es hat mich vieles glauben lassen und oft in die Irre geführt, doch
nun habe ich den richtigen Weg gefunden. Jetzt spiele ich mit dem
Schicksal. Denn egal was es mir noch für Überraschungen über
meinen Weg wirft, Scarlett werde ich nicht mehr loslassen. Egal was
kommt. Selbst wenn sie mich mal verlassen sollte, werde ich mit ihr
gehen. Sie gehört mir, wirklich nur mir. Und das, ein Leben lang.
„Ich verspreche es dir! Denn das Schicksal hat mir dich gebracht,
genau wie all die anderen Dinge, die noch kommen werden. In der
Zukunft!“
Doch nicht alles war immer so einfach, wie es schien. Denn der Schein
trügt oft.. Trotzdem haben wir gemeinsam alles überstanden. Gute
Freunde sind gekommen und gegangen, genauso wie Probleme. Nun
erwarten wir eine Tochter. Wir tauften sie Saphir, weil ihre Augen
genauso funkelten. Immer dachten wir, die Vergangenheit wäre schlimm
gewesen, doch da hatten wir noch keine Ahnung von der Zukunft...