SHINO
Ich hatte so viel Zeit und wusste
nicht, was ich mit dieser anfangen sollte. Außer meinem
Zwillingsbruder Kaito und meiner älteren Schwester Malou gab es in
unserem Stamm einfach keine Jugendlichen. Wenn ich nicht grade mit
Kaito tobte oder mit Malou stritt, verbrachte ich oft viel Zeit
alleine. Unser Rudel war nicht sonderlich groß, 13 Tiger waren wir
insgesamt. Nero war unser Rudelführer. Eigentlich verstand ich mich
mit allen relativ gut, nur meine Tante Laria fand ich etwas komisch.
Ich hasste sie nicht, keineswegs, ich mochte sie nur nicht
sonderlich. Warum, weiß ich selbst nicht. Sie war immer nett zu mir
und bemühte sich auch sehr um ein gutes Verhältnis zwischen uns,
doch irgendwie klappte das nicht so richtig. Ihren Mann Chaisen, also
meinen Onkel, mochte ich dafür umso mehr. Er war ganz korrekt, ein
cooler Typ. Ich hatte viel Respekt vor ihm, doch wenn er denkt, er
hätte mir irgendetwas zu sagen, was ich tun oder lassen soll, dann
hat er sich gewaltig geirrt. Genauso wie meine Mutter, Chayenne, denn
ich tat das was ich wollte, schließlich war es mein Leben und mein
freier Wille, welchen ich mir niemals nehmen lassen würde. Wer mein
Vater war wusste ich nicht, ich hatte ihn nie kennen gelernt. Ich
trottete hin und her. Es ist so verdammt einsam und öde in diesem
Dschungel. Gibt es hier nicht noch einen anderen Stamm in unserer
Nähe? Meine Mutter hatte mir mal etwas von einem Mann erzählt,
der Nico hieß. Sie hatte ihn auf einem Berg getroffen, wo sie auf
meinen Vater gewartet hatte. Nico war total aufgelöst, weil seine
Freundin gestorben war, was sie im Nachhinein aber doch nicht war und
überlebt hatte. Jedenfalls gehörte er zu Luciens Rudel, welcher ein
guter Freund von uns war. Wieso ist das eigentlich so kompliziert?
Als meine Mutter das erklärt hatte, klang es viel simpler und
verständlicher... In dem Rudel von Lucien müssen doch auch
Jugendliche in meinem Alter sein.
Wo gehe ich eigentlich grade hin?,
fragte ich mich und machte kehrt, zurück zu Kaito und Malou.
Diese lagen auf dem Boden und genossen die warme Mittagssonne. Da ich
sowieso nichts zu tun hatte, legte ich mich zu ihnen. Eine Weile
lagen wir da so herum und ich hatte über vieles nachgedacht. Ich
hatte viele Fragen, auf die ich aber keine Antworten bekommen würde,
zumindest nicht von irgendjemandem aus dem Stamm hier. Fünfzehn
Jahre lang lebte ich nun in diesem Dschungel und hatte ihn noch nicht
ein einziges mal verlassen. Wieso auch, schließlich bekam ich hier
genug zu fressen und einen kleinen Bach gab es hier auch in der Nähe.
Trotz allem wollte ich unbedingt hinaus und schauen, wie das Leben
außerhalb des Dschungels abspielte. Vor kurzem hatte ich auch
entdeckt, dass ich einer der wenigen war, die etwas besonderes
konnten, eine Gabe hatten, welche sehr selten war. Unser Rudel übte
Hypnose aus, womit man andere beeinflussen konnte, indem man
Blickkontakt hat. Selbstverständlich dürfen wir diese Fähigkeit
nicht innerhalb des Rudels einsetzten, was aber auch wirklich nicht
nötig war.
Es war still und ein leichter Wind
wehte um uns umher und trug einige Blätter mit sich. Immernoch lag
ich mit meinen Geschwistern in der Sonne und faulenzte. Wenn jetzt
nicht noch irgendetwas passiert, dann raste ich noch aus. Und das
war wohl das Stichwort, denn aufgeregt kam Chayenne, meine Mutter auf
mich zu. In letzter Zeit wirkte sie etwas gestresst und und verplant,
wofür ich kein Verständnis hatte, denn was gab es für einen so
besonderen Grund für einen im Dschungel lebenden Tiger so viel
Stress zu schieben? Eigentlich keinen. Trotzdem sagte ich nichts,
sondern hörte ihr einfach nur zu. „Shino! Da bist du ja. Also hör
zu, wir müssen uns beeilen, Lura wartet bereits!“, sagte sie
aufgeregt und zwang mich aufzustehen. „Wer ist Lura?“, fragte ich
und verstand nicht, was um Himmels Willen sie von mir wollte. „Deine
wahrscheinlich bald- Verlobte! Mila und Silas wollen sich dich mal
anschauen, Lura ist ihre Tochter und sie ist wirklich eine
Schönheit“, erklärte sie mir. Moment, meine was?! Bald-
Verlobte? Aber.., ich war
sprachlos. Klar denken konnte ich auch nicht mehr. Diese Situation
war einfach zu überfordernd für mich. Aber hey, immerhin
komme ich aus diesem Dschungel hier raus. Wird auch langsam mal
Zeit.. Ich bin gespannt auf diese Lura.. Wenn sie wirklich so schön
ist, wie meine Mutter behauptet, ich meine, wieso nicht? Zusammen
mit meiner Mutter lief ich zuerst aus unserem Dorf hinaus und lief
dann mit ihr zu einem großen Felsen. Diesen kletterten wir hinauf
und liefen dann auf diesem weiter. Weiter Vorne befand sich ein
großer Wasserfall und ein langer Fluss. Hieraus entsprang unser
Bach, was ich auch jetzt erst bemerkte. Wir liefen einen Pfad unter
dem Wasserfall entlang und kamen schließlich auf der Spitze eines
hohen Berges an. Die Aussicht von hier war überwältigend. Zum
ersten Mal hatte ich den Dschungel verlassen und befand mich Draußen
im Freien. Vor mir befand sich eine weite Savannenlandschaft.
Einzeln standen hier Schirmkazien und auch hier floss ein kleiner
Fluss entlang. Der Himmel war hellblau und wurde von ein paar weißen
Tupfen beschmückt. Noch nie hatte ich den ganzen Himmel gesehen.
Immer versperrten mir Baumkronen sie Sicht. „Du kannst die Natur
später bestaunen, wir müssen uns beeilen!“, drängte meine Mutter
und lief bereits einen kleinen Pfad bergab entlang. Sofort folgte ich
ihr. Es war ein relativ weiter Weg, wir waren noch an die zwanzig
Minuten unterwegs, bis wir an einem großen Graben angelangten.
Hinter diesem befand sich ein Dschungel, welcher unserem ähnelte,
aber trotzdem anders war. Dieser war fremd, kein Gebiet Neros
Stammes. Erst als meine Mutter über diesen sprang und in diesem
verschwand, sprang auch ich über den Graben und versuchte mit ihr
Schritt zu halten, was alles andere als einfach war, denn sie bewegte
sich geschmeidig und beinahe lautlos durch den Dschungel und
schlängelte sich so zwischen den Bäumen hindurch, dass ich sie fast
verlor. Wir kamen an einer Lichtung an, wo viele Tiger lagen und
keine Notiz von uns nahmen. Wie das Gebiet in dem ich mich befand, so
waren auch diese Tiger fremd, anders. Ihre Fellfarbe war nicht wie
unsere, unsere war fast vollkommen schwarz, sondern sie hatten ein
dunkles und sehr intensives orange. Es war faszinierend wie gleich
und doch verschieden sie alle aussahen. Mein Blick fiel auf eine
Gruppe von Jugendlichen. Um genau zu sein waren es vier. Doch ehe ich
ihre Aufmerksamkeit erlangen konnte, zog mich meine Mutter in eine
andere Richtung. „Shino! Ich hab dir doch gesagt du sollst mit mir
kommen!“, zischte sie mir zu und blieb vor einer bildschönen
hellen Tigerin stehen. Neben ihr saß ein dunklerer Tiger, so wie die
anderen. „Hallo, und du bist Shino? Mein Name ist Mila und das ist
Silas, mein Mann“, begann die helle Tigerin ein Gespräch
aufzubauen. „Lura! Kommst du mal bitte?“, rief der andere. „Ja,
ähm, nett ihre Bekanntschaft zu machen“, versuchte ich einen
höflichen Satz, wie meine Mutter mir vorgewiesen hatte. Eine junge
dunkle Tigerin kam auf mich zu und verbeugte sich kurz vor mir und
meiner Mutter. „Ich bin Lura. Du musst dann wohl Shino sein“,
sagte sie und ich war direkt fasziniert von ihr. Als sie sich setzte
bemerkte ich, dass ihr Hals und ihre Brust heller waren, als der Rest
ihres Felles. Es war ein schöner Farbüberlauf. „So, ich würde
sagen ihr habt ein wenig Zeit euch kennen zu lernen. Wir müssen noch
ein paar wichtige Dinge mit Chayenne abklären, wir rufen euch
später, okay?“, fragte Mila mich und ich nickte. Wortlos führte
mich Lura hinter eine Höhle unter einen Baum, wo sie sich erstmal im
Schatten niederließ. Sie war schön, aber nicht wirklich
überwältigend. „Du bist schön“, versuchte ich das Schweigen
zwischen uns zu brechen. „Danke, Shino. Deine Mutter hat schon viel
über dich erzählt. Du bist wirklich so charmant wie sie meinte“,
erwiderte sie und ich fragte mich langsam, ob ich mir Sorgen um
meine Mutter machen müsse. Wieso spricht meine Mutter
hinter meinem Rücken über mich? Es
ist nicht so, als wenn mir das nicht egal wäre oder so, aber sie
spricht mit niemandem über mich. Immer war es Malou gewesen, ihr
Lieblingskind. Sie wirkte sehr sympathisch und zuvorkommend, anders
als ich, dem es egal war, der sich einen Dreck um andere scherte. Ich
meine, wieso verdammt sollte ich mich um jemanden kümmern, wenn sich
keiner um mich kümmerte? Ich kam alleine zurecht, genauso wie die
anderen, also wozu das ganze? „Das ist meine Schwester, Aya“,
fuhr Lura fort und deutete auf eine weitere Tigerin, die ihr
verblüffend ähnlich sah. Mir war gar nicht aufgefallen, dass sie
weiter geredet hatte. Gemeinsam gingen wir zu den anderen hinüber
und ich lernte sie allmählich etwas kennen. Jedenfalls genug, um mit
einander herum zu toben. Dabei war noch ein Junge, Lian hieß er,
wenn ich richtig verstanden hatte, der eigentlich ganz nett war, aber
trotzdem hatte er etwas, was ihn im negativen Licht darstehen ließ.
Meinerseits, versteht sich. Warum, weiß ich selbst nicht, vielleicht
aber auch nur weil Lura öfters seine Nähe suchte? Oder war das Aya?
Wie auch immer, jedenfalls traute ich ihm nicht so ganz über den
Weg. Neben den dreien stach aber ein Mädchen besonders heraus,
Saphir. Dieser Stamm war anscheinend bunt zusammen gemixt worden,
denn es waren Tiger verschiedener Farben vertreten, anders als bei
uns, wo alle gleich aussahen. Saphir hatte ein silberschimmerndes
Fell und so blaue und glänzende Augen, wie der Edelstein selbst. Sie
faszinierte mich so sehr, dass ich meine Augen nicht von ihr lassen
konnte. Wieso redet sie nicht mit mir? Möchte sie denn
nicht wissen wer ich bin? Es
schien so, als würde sie meine Blicke auf sich spüren und wendete
sich direkt ab und lief zu Lian, an welchen sie sich drankuschelte.
Verstehe, der Typ da ist also ihr Freund.
Wieso konnte ich mir das schon denken? Bei ihrer Schönheit aber auch
kein Wunder.., dachte
ich erst verächtlich, doch dann fing ich an auch sie zu ignorieren.
Stattdessen schenkte ich meine volle Aufmerksamkeit Lura, welche
diese sichtlich genoss. Sie war, zu meinem Glück, genauso verspielt
und verschmust wie ich. Es war wie in so einem schlechten Liebesfilm
für Jugendliche, etwas zu viel des Guten, aber trotzdem absolut
witzig. Vielleicht ähnelte es auch eher einer Komödie, ich wusste
es nicht. Ein
wenig von beidem ist dabei, dachte
ich und lief Lura hinterher.
Nach
einer Weile hörte ich meine Mutter nach mir rufen. Ich trabte, mit
Lura an meiner Seite, zu ihr und wir verabschiedeten uns voneinander.
Sie war wirklich ein tolles Mädchen. „Ihr scheint euch ja gut zu
verstehen“, nickte mir meine Mutter zu und es war eher sowas wie
eine Danksagung, als einer Feststellung. „Ja Mama, Lura ist
wirklich bezaubernd“,
entgegnete
ich und betonte das so sehr ich konnte. Es sollte keineswegs ironisch
oder so klingen, es war wirklich ernst gemeint, aber ich wollte auch
mal ein wenig übertreiben. Doch sie schüttelte nur den Kopf und
ging weiter. „Beruhig dich, ich meine das im übrigen ernst. Ich
mag Lura wirklich“, bestätigte ich ihr noch einmal. Doch es kam
keine Reaktion ihrerseits. „Darf ich sie morgen wieder sehen?“,
fragte ich und versuchte ihre Aufmerksamkeit zu erlangen, doch sie
schwieg weiterhin, bis wir wieder an unserem Rudel angelangt waren.
„Shino und Lura, die Tochter von Mila und Silas, sind nun offiziell
einander versprochen!“, rief sie in die Runde, ignorierte mich aber
weiterhin. Moment,
was? Darf ich da denn gar nicht mitreden? Es ist schließlich mein
Leben, was ihr ruinieren wollt!, wollte
ich schon losbrüllen, verkniff es mir aber doch in letzter Sekunde
noch. Kaito sprang auf mich zu und fragte mich alles mögliche, was
ich teilweise selbst garnicht beantworten konnte. „Morgen dürft
ihr dann auch alle Lura kennen lernen, wir sind bei ihnen
eingeladen!“, rief meine Mutter noch anschließend in die Runde und
ging zu Maya, Blaise und Elisa, ebenfalls Tigerinnen aus unserem
Stamm.
Schön
Mutter, danke dass ich das auch erfahre, was ich morgen vor habe.
Also ist es jetzt offiziell: Lura ist ab heute meine Verlobte. Nur weiß ich nicht ob ich mich freuen soll oder nicht?
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