Montag, 17. Juni 2013

(2) KAPITEL 2

SHINO

Ich hatte so viel Zeit und wusste nicht, was ich mit dieser anfangen sollte. Außer meinem Zwillingsbruder Kaito und meiner älteren Schwester Malou gab es in unserem Stamm einfach keine Jugendlichen. Wenn ich nicht grade mit Kaito tobte oder mit Malou stritt, verbrachte ich oft viel Zeit alleine. Unser Rudel war nicht sonderlich groß, 13 Tiger waren wir insgesamt. Nero war unser Rudelführer. Eigentlich verstand ich mich mit allen relativ gut, nur meine Tante Laria fand ich etwas komisch. Ich hasste sie nicht, keineswegs, ich mochte sie nur nicht sonderlich. Warum, weiß ich selbst nicht. Sie war immer nett zu mir und bemühte sich auch sehr um ein gutes Verhältnis zwischen uns, doch irgendwie klappte das nicht so richtig. Ihren Mann Chaisen, also meinen Onkel, mochte ich dafür umso mehr. Er war ganz korrekt, ein cooler Typ. Ich hatte viel Respekt vor ihm, doch wenn er denkt, er hätte mir irgendetwas zu sagen, was ich tun oder lassen soll, dann hat er sich gewaltig geirrt. Genauso wie meine Mutter, Chayenne, denn ich tat das was ich wollte, schließlich war es mein Leben und mein freier Wille, welchen ich mir niemals nehmen lassen würde. Wer mein Vater war wusste ich nicht, ich hatte ihn nie kennen gelernt. Ich trottete hin und her. Es ist so verdammt einsam und öde in diesem Dschungel. Gibt es hier nicht noch einen anderen Stamm in unserer Nähe? Meine Mutter hatte mir mal etwas von einem Mann erzählt, der Nico hieß. Sie hatte ihn auf einem Berg getroffen, wo sie auf meinen Vater gewartet hatte. Nico war total aufgelöst, weil seine Freundin gestorben war, was sie im Nachhinein aber doch nicht war und überlebt hatte. Jedenfalls gehörte er zu Luciens Rudel, welcher ein guter Freund von uns war. Wieso ist das eigentlich so kompliziert? Als meine Mutter das erklärt hatte, klang es viel simpler und verständlicher... In dem Rudel von Lucien müssen doch auch Jugendliche in meinem Alter sein.
Wo gehe ich eigentlich grade hin?, fragte ich mich und machte kehrt, zurück zu Kaito und Malou. Diese lagen auf dem Boden und genossen die warme Mittagssonne. Da ich sowieso nichts zu tun hatte, legte ich mich zu ihnen. Eine Weile lagen wir da so herum und ich hatte über vieles nachgedacht. Ich hatte viele Fragen, auf die ich aber keine Antworten bekommen würde, zumindest nicht von irgendjemandem aus dem Stamm hier. Fünfzehn Jahre lang lebte ich nun in diesem Dschungel und hatte ihn noch nicht ein einziges mal verlassen. Wieso auch, schließlich bekam ich hier genug zu fressen und einen kleinen Bach gab es hier auch in der Nähe. Trotz allem wollte ich unbedingt hinaus und schauen, wie das Leben außerhalb des Dschungels abspielte. Vor kurzem hatte ich auch entdeckt, dass ich einer der wenigen war, die etwas besonderes konnten, eine Gabe hatten, welche sehr selten war. Unser Rudel übte Hypnose aus, womit man andere beeinflussen konnte, indem man Blickkontakt hat. Selbstverständlich dürfen wir diese Fähigkeit nicht innerhalb des Rudels einsetzten, was aber auch wirklich nicht nötig war.
Es war still und ein leichter Wind wehte um uns umher und trug einige Blätter mit sich. Immernoch lag ich mit meinen Geschwistern in der Sonne und faulenzte. Wenn jetzt nicht noch irgendetwas passiert, dann raste ich noch aus. Und das war wohl das Stichwort, denn aufgeregt kam Chayenne, meine Mutter auf mich zu. In letzter Zeit wirkte sie etwas gestresst und und verplant, wofür ich kein Verständnis hatte, denn was gab es für einen so besonderen Grund für einen im Dschungel lebenden Tiger so viel Stress zu schieben? Eigentlich keinen. Trotzdem sagte ich nichts, sondern hörte ihr einfach nur zu. „Shino! Da bist du ja. Also hör zu, wir müssen uns beeilen, Lura wartet bereits!“, sagte sie aufgeregt und zwang mich aufzustehen. „Wer ist Lura?“, fragte ich und verstand nicht, was um Himmels Willen sie von mir wollte. „Deine wahrscheinlich bald- Verlobte! Mila und Silas wollen sich dich mal anschauen, Lura ist ihre Tochter und sie ist wirklich eine Schönheit“, erklärte sie mir. Moment, meine was?! Bald- Verlobte? Aber.., ich war sprachlos. Klar denken konnte ich auch nicht mehr. Diese Situation war einfach zu überfordernd für mich. Aber hey, immerhin komme ich aus diesem Dschungel hier raus. Wird auch langsam mal Zeit.. Ich bin gespannt auf diese Lura.. Wenn sie wirklich so schön ist, wie meine Mutter behauptet, ich meine, wieso nicht? Zusammen mit meiner Mutter lief ich zuerst aus unserem Dorf hinaus und lief dann mit ihr zu einem großen Felsen. Diesen kletterten wir hinauf und liefen dann auf diesem weiter. Weiter Vorne befand sich ein großer Wasserfall und ein langer Fluss. Hieraus entsprang unser Bach, was ich auch jetzt erst bemerkte. Wir liefen einen Pfad unter dem Wasserfall entlang und kamen schließlich auf der Spitze eines hohen Berges an. Die Aussicht von hier war überwältigend. Zum ersten Mal hatte ich den Dschungel verlassen und befand mich Draußen im Freien. Vor mir befand sich eine weite Savannenlandschaft. Einzeln standen hier Schirmkazien und auch hier floss ein kleiner Fluss entlang. Der Himmel war hellblau und wurde von ein paar weißen Tupfen beschmückt. Noch nie hatte ich den ganzen Himmel gesehen. Immer versperrten mir Baumkronen sie Sicht. „Du kannst die Natur später bestaunen, wir müssen uns beeilen!“, drängte meine Mutter und lief bereits einen kleinen Pfad bergab entlang. Sofort folgte ich ihr. Es war ein relativ weiter Weg, wir waren noch an die zwanzig Minuten unterwegs, bis wir an einem großen Graben angelangten. Hinter diesem befand sich ein Dschungel, welcher unserem ähnelte, aber trotzdem anders war. Dieser war fremd, kein Gebiet Neros Stammes. Erst als meine Mutter über diesen sprang und in diesem verschwand, sprang auch ich über den Graben und versuchte mit ihr Schritt zu halten, was alles andere als einfach war, denn sie bewegte sich geschmeidig und beinahe lautlos durch den Dschungel und schlängelte sich so zwischen den Bäumen hindurch, dass ich sie fast verlor. Wir kamen an einer Lichtung an, wo viele Tiger lagen und keine Notiz von uns nahmen. Wie das Gebiet in dem ich mich befand, so waren auch diese Tiger fremd, anders. Ihre Fellfarbe war nicht wie unsere, unsere war fast vollkommen schwarz, sondern sie hatten ein dunkles und sehr intensives orange. Es war faszinierend wie gleich und doch verschieden sie alle aussahen. Mein Blick fiel auf eine Gruppe von Jugendlichen. Um genau zu sein waren es vier. Doch ehe ich ihre Aufmerksamkeit erlangen konnte, zog mich meine Mutter in eine andere Richtung. „Shino! Ich hab dir doch gesagt du sollst mit mir kommen!“, zischte sie mir zu und blieb vor einer bildschönen hellen Tigerin stehen. Neben ihr saß ein dunklerer Tiger, so wie die anderen. „Hallo, und du bist Shino? Mein Name ist Mila und das ist Silas, mein Mann“, begann die helle Tigerin ein Gespräch aufzubauen. „Lura! Kommst du mal bitte?“, rief der andere. „Ja, ähm, nett ihre Bekanntschaft zu machen“, versuchte ich einen höflichen Satz, wie meine Mutter mir vorgewiesen hatte. Eine junge dunkle Tigerin kam auf mich zu und verbeugte sich kurz vor mir und meiner Mutter. „Ich bin Lura. Du musst dann wohl Shino sein“, sagte sie und ich war direkt fasziniert von ihr. Als sie sich setzte bemerkte ich, dass ihr Hals und ihre Brust heller waren, als der Rest ihres Felles. Es war ein schöner Farbüberlauf. „So, ich würde sagen ihr habt ein wenig Zeit euch kennen zu lernen. Wir müssen noch ein paar wichtige Dinge mit Chayenne abklären, wir rufen euch später, okay?“, fragte Mila mich und ich nickte. Wortlos führte mich Lura hinter eine Höhle unter einen Baum, wo sie sich erstmal im Schatten niederließ. Sie war schön, aber nicht wirklich überwältigend. „Du bist schön“, versuchte ich das Schweigen zwischen uns zu brechen. „Danke, Shino. Deine Mutter hat schon viel über dich erzählt. Du bist wirklich so charmant wie sie meinte“, erwiderte sie und ich fragte mich langsam, ob ich mir Sorgen um meine Mutter machen müsse. Wieso spricht meine Mutter hinter meinem Rücken über mich? Es ist nicht so, als wenn mir das nicht egal wäre oder so, aber sie spricht mit niemandem über mich. Immer war es Malou gewesen, ihr Lieblingskind. Sie wirkte sehr sympathisch und zuvorkommend, anders als ich, dem es egal war, der sich einen Dreck um andere scherte. Ich meine, wieso verdammt sollte ich mich um jemanden kümmern, wenn sich keiner um mich kümmerte? Ich kam alleine zurecht, genauso wie die anderen, also wozu das ganze? „Das ist meine Schwester, Aya“, fuhr Lura fort und deutete auf eine weitere Tigerin, die ihr verblüffend ähnlich sah. Mir war gar nicht aufgefallen, dass sie weiter geredet hatte. Gemeinsam gingen wir zu den anderen hinüber und ich lernte sie allmählich etwas kennen. Jedenfalls genug, um mit einander herum zu toben. Dabei war noch ein Junge, Lian hieß er, wenn ich richtig verstanden hatte, der eigentlich ganz nett war, aber trotzdem hatte er etwas, was ihn im negativen Licht darstehen ließ. Meinerseits, versteht sich. Warum, weiß ich selbst nicht, vielleicht aber auch nur weil Lura öfters seine Nähe suchte? Oder war das Aya? Wie auch immer, jedenfalls traute ich ihm nicht so ganz über den Weg. Neben den dreien stach aber ein Mädchen besonders heraus, Saphir. Dieser Stamm war anscheinend bunt zusammen gemixt worden, denn es waren Tiger verschiedener Farben vertreten, anders als bei uns, wo alle gleich aussahen. Saphir hatte ein silberschimmerndes Fell und so blaue und glänzende Augen, wie der Edelstein selbst. Sie faszinierte mich so sehr, dass ich meine Augen nicht von ihr lassen konnte. Wieso redet sie nicht mit mir? Möchte sie denn nicht wissen wer ich bin? Es schien so, als würde sie meine Blicke auf sich spüren und wendete sich direkt ab und lief zu Lian, an welchen sie sich drankuschelte. Verstehe, der Typ da ist also ihr Freund. Wieso konnte ich mir das schon denken? Bei ihrer Schönheit aber auch kein Wunder.., dachte ich erst verächtlich, doch dann fing ich an auch sie zu ignorieren. Stattdessen schenkte ich meine volle Aufmerksamkeit Lura, welche diese sichtlich genoss. Sie war, zu meinem Glück, genauso verspielt und verschmust wie ich. Es war wie in so einem schlechten Liebesfilm für Jugendliche, etwas zu viel des Guten, aber trotzdem absolut witzig. Vielleicht ähnelte es auch eher einer Komödie, ich wusste es nicht. Ein wenig von beidem ist dabei, dachte ich und lief Lura hinterher.
Nach einer Weile hörte ich meine Mutter nach mir rufen. Ich trabte, mit Lura an meiner Seite, zu ihr und wir verabschiedeten uns voneinander. Sie war wirklich ein tolles Mädchen. „Ihr scheint euch ja gut zu verstehen“, nickte mir meine Mutter zu und es war eher sowas wie eine Danksagung, als einer Feststellung. „Ja Mama, Lura ist wirklich bezaubernd“, entgegnete ich und betonte das so sehr ich konnte. Es sollte keineswegs ironisch oder so klingen, es war wirklich ernst gemeint, aber ich wollte auch mal ein wenig übertreiben. Doch sie schüttelte nur den Kopf und ging weiter. „Beruhig dich, ich meine das im übrigen ernst. Ich mag Lura wirklich“, bestätigte ich ihr noch einmal. Doch es kam keine Reaktion ihrerseits. „Darf ich sie morgen wieder sehen?“, fragte ich und versuchte ihre Aufmerksamkeit zu erlangen, doch sie schwieg weiterhin, bis wir wieder an unserem Rudel angelangt waren. „Shino und Lura, die Tochter von Mila und Silas, sind nun offiziell einander versprochen!“, rief sie in die Runde, ignorierte mich aber weiterhin. Moment, was? Darf ich da denn gar nicht mitreden? Es ist schließlich mein Leben, was ihr ruinieren wollt!, wollte ich schon losbrüllen, verkniff es mir aber doch in letzter Sekunde noch. Kaito sprang auf mich zu und fragte mich alles mögliche, was ich teilweise selbst garnicht beantworten konnte. „Morgen dürft ihr dann auch alle Lura kennen lernen, wir sind bei ihnen eingeladen!“, rief meine Mutter noch anschließend in die Runde und ging zu Maya, Blaise und Elisa, ebenfalls Tigerinnen aus unserem Stamm.
Schön Mutter, danke dass ich das auch erfahre, was ich morgen vor habe. Also ist es jetzt offiziell: Lura ist ab heute meine Verlobte. Nur weiß ich nicht ob ich mich freuen soll oder nicht? 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen