SHINO
Ein Vorteil ein
Tiger zu sein? Du musst nicht auf die Wochentage achten. Du hast
keinerlei Verpflichtungen und kannst eigentlich tun und lassen was du
willst. Ha, denkste! Du bist dein ganzes Leben lang in diesem
Dschungel eingesperrt und triffst immer nur auf die selben Gesichter.
Ich fühle mich gefangen, wie ein Vogel der nicht fliegen kann..
Einige würden mein Leben als Perfekt beschreiben, andere würden den
Dschungel als Paradies sehen, doch ich sage euch es ist ganz anders:
Es ist die Hölle. Mein Leben soll perfekt sein? Was ist schon
perfekt? Auf ein Leben in dem bereits alle Entscheidungen für mich
getroffen worden und meine Wege genauenstens geplant sind kann ich auch
gerne verzichten. Vielleicht ist es ja Schicksal, ich weiß es nicht,
aber wenn, dann hätte ich gerne ein anderes. Das Schicksal sollte
mit mir spielen, mir einen richtigen Kampf bieten, doch stattdessen
kenne ich dieses in und auswendig. Mein Leben ist langweilig, wie
ein Lied, welches man Millionen mal gehört hat. Das Besondere fehlt.
Aber okay, gut, ich muss mich damit abfinden. Vielleicht brauche ich
einfach nur wieder eine Abwechslung. Seit ich Lura kenne, also 2 Tage
vielleicht mal, bekommt mein Leben wieder einen neuen Takt. Sie ist
neu, besonders. Ein Gesicht, welches ich noch nie zuvor gesehen
hatte, und genau das macht sie ja so interessant. Ich möchte zu ihr.
Jetzt. Ohne zu zögern lief ich
durch mein Rudel. Kaum einer, außer meiner Tante und ein paar
anderen, war hier. Natürlich, alle dürfen sich draußen
austoben, während ich hier festsitze. „Laria?
Wo sind die anderen alle hin? Und wo ist meine Mutter?“, fragte ich
sie. „Chayenne ist mit den anderen jagen gegangen. Ich soll auf
dich aufpassen, was fehlt dir denn mein kleiner?“, fragte sie mich
mit so einem lieben Unterton, dass mir fast schlecht wurde. Trotzdem
versuchte ich mich zusammen zu reißen und konzentrierte mich auf das
Wesentliche, wieso ich sie eigentlich aufgesucht hatte. „Sag mal,
darf ich vielleicht zu Lura?“ „Aber du warst doch erst gestern
bei ihr“, sagte sie etwas misstrauisch und musterte mich genau.
„Bitte, hier ist absolut nichts los!“, bettelte ich meine Tante
an, doch es half alles nichts. „Shino nein, es ist weit bis zu
Luciens Stamm, wer weiß was auf dem Weg alles passieren kann?
Vielleicht wirst du ja angegriffen oder verletzt dich oder..“, fing
sie an, doch ich unterbrach sie direkt wieder: „Dir passiert hier
was, dir passiert da was, du darfst das nicht, du darfst dies nicht..
Ich möchte vielleicht auch ein wenig die Gegend erforschen, ich
sterbe hier vor Langeweile, das ist das selbe wie wenn mich da
draußen jemand umbringt!“ „Shino, das reicht! Du kannst gerne
etwas durch den Dschungel laufen, aber diesen nicht verlassen. Ich
habe deiner Mutter gesagt ich passe auf dich auf und damit ist jetzt
Schluss!“, ermahnte sie mich und ich lief wütend davon. Was
wisst ihr denn schon? Ihr habt meine Probleme ja nicht, ihr lebt euer
Leben wie ihr es wollt! Erst organisiert ihr mir eine Verlobung mit
einer wild Fremden und dann verbietet ihr mir auch noch sie zu
besuchen! Wo bleibt da der Sinn? Wütend
lief ich durch den Dschungel, wie es Laria mir vorgeschlagen
hatte.Ich wollte an den Rand des Dschungels, wo ich wenigstens aus
der Ferne die Freiheit sehen und fühlen konnte. Wie so oft trabte
ich zwischen Bäumen entlang bis ich an einem riesen Felsen ankam.
Diesen kletterte ich hinauf und blickte in die Ferne. Ein kühler
Wind wehte mir durch mein Fell und ich schloss für einen kurzen
Moment die Augen. Freiheit. So fühlte sich das also an. Es
war ein schönes Gefühl, einfach unbeschreiblich. Die Stille drang
in meine Ohren. Man könnte behaupten, dass es so leise war, dass man
sogar das Gras wachsen hören konnte. Faszinierend. Doch irgendetwas
störte mich. Es war nicht so wie immer, nicht wie die anderen Male,
als ich hier oben saß. Vorwärts konnte ich nicht, denn es war ein
sehr hoher Felsen der steil in die Tiefe fiel. Also kletterte ich
vorsichtig wieder hinten herunter und blieb solange stehen, bis ich
diese Stille wieder hörte. Der Felsen war nicht nur sehr hoch,
sondern auch breit. Vielleicht waren es auch mehrere Felsen
aneinander gereiht, der eine größer als der andere, ich wusste es
nicht. So leise ich konnte schlich ich an diesen entlang, ohne diese
Stille zu verlieren. Doch je weiter ich ging, desto lauter wurde sie.
Nein, das war keine Stille, etwas dazwischen hatte sich
dazugeschlichen. Es war ein leises Schluchzen. Aber woher kam das?
Mein Schritt verschnellerte sich und es wurde immer deutlicher,
lauter. Dieses Geräusch konnte unmöglich von einem Tiger kommen.
Ich entdeckte einen kleinen Spalt, an welchem ich ersteinmal nur
lauschte. Das Schluchtzen kam von dort, eindeutig! Vorsichtig schlich
ich durch den Spalt hindurch und sah ein Mädchen. Sie war noch sehr
jung, vielleicht in meinem Alter. Sie saß auf ihren Knien und
weinte. Um sie herum befand sich nichts, nur hohes Savannengras. Wie
war sie hierher gekommen? Wer ist sie? Mein
Verstand sagte mir, ich sollte wieder umkehren, vielleicht ist sie ja
eine Jägerin oder erschreckt sich vor mir, meine Neugier war aber
stärker und ich entschied mich sie von nahmen zu betrachten. Ich
verwandelte mich in einen Menschen, damit sie nicht so sehr
erschrak. Oder fühlte ich mich sicherer wenn ich Mensch war?
Das war ich aber so selten, dass
ich mir selbst völlig fremd schien.
„Warum
weinst du?“, fragte ich und trat aus der Höhle hervor. Sofort
schnellte ihr Kopf hoch und sie blickte mir in die Augen. Auch wenn
ihre Augen voller Tränen waren, so konnte ich doch ihre strahlend
blauen Augen erkennen. „Wer bist du? Hast du mich beobachtet?“,
entfuhr es ihr plötzlich. Sie klang misstrauisch und erschrocken.
„Nein, ich habe dich nicht beobachtet, ich war nur in der Nähe und
habe dich gehört. Verrätst du mir deinen Namen?“, antwortete ich
hier ruhig und versuchte ihr Vertrauen zu gewinnen. „Nein. Was
willst du überhaupt?“, fuhr sie mich an und wischte sich ihre
letzten Tränen weg. „Ich wollte nur.. Ich dachte mir vielleicht
kann ich dir ja irgendwie helfen?“ „Bezweifle ich. Weißt du, du
würdest es nie verstehen. Keiner würde das. Ich brauche keine
Hilfe. Weder von dir, noch von irgendwem anderem! Ich komme auch sehr
gut alleine zurecht!“, sagte sie kalt und ich erstarrte. Was sollte
ich jetzt noch sagen? Sollte ich überhaupt etwas sagen? Langsam
wurde ich wütend. Wie konnte sie nur denken sie sei die einzige mit
Problemen? „Wieso bist du dir da so sicher? Weißt du, du bist
nicht die einzige mit Problemen! Auch mein Leben verläuft nicht
grade traumhaft, aber das ist noch lange kein Grund einen so dumm
anzumachen! Ich habe dir nichts getan okay?“, versuchte ich ihr
klar zu machen und spürte, dass ich immer wütender wurde. Am
liebsten hätte ich ihr alle meine Probleme vor den Kopf geworfen,
ihr gesagt, dass sie sich unmöglich verhält und wie einsam ich mich
fühlte, doch ich verkniff mir das. „Geh! Hau einfach wieder ab!“,
schrie sie mich an und war kurz davor erneut in Tränen auszubrechen.
Sie drehte ihren Kopf weg und ich sah wie eine Träne auf den Boden
fiel. Ich versuche es einfach. Mal schauen wie gut ich das
noch kann.. „Schau mich an“,
befahl ich ihr und wartete. Keine Reaktion. „Schau mir in die
Augen“, wiederholte ich erneut und wartete wieder. Zögerlich
drehte sie ihren Kopf zu mir und schaute mir direkt in die Augen. Ich
versuchte mich zu konzentrieren und schaute sie direkt an. Ihr
trauriger, hilfloser Blick neutralisierte sich langsam und wurde
starr und ausdruckslos. So weit so gut. „Woher
kommst du?“, fragte ich und schaute ihr immer weiter ihre blauen
Augen. „Aus dem Dschungel“, antwortete sie mir ohne zu zögern.
Ich hatte es tatsächlich geschafft sie in Trance zu versetzen! „Wie
aus dem Dschungel? Wer bist du?“, fragte ich sie ein wenig
verwirrt. „Ich bin eine Tigerin“, erwiderte sie. „Wie ist dein
Name?“, fragte ich sie und hielt den Atem an. Eine
Tigerin! Aus welchem Stamm kam sie? Aber vorallem; wieso war sie
hier? Was war passiert? Will ich es überhaupt wissen? „Saphir“,
antwortete sie mir und ich wäre beinahe umgekippt. Was
mache ich nun mit ihr? Es war Saphir, ich weiß nun wer sie ist, aber
sie nicht, wer ich bin. Schließlich haben wir uns noch nie zuvor in
menschlicher Gestalt getroffen. „Saphir“,
flüstere ich und wusste nicht was ich nun machen sollte. „Folge
mir!“, sagte ich zu ihr und wir gingen wieder durch den Spalt. Hier
konnten wir auf keinen Fall bleiben, niemand durfte sie finden. Da
ich jede Ecke dieses Dschungels kannte führte ich sie erst unbemerkt
zum Bach. Die ganze Zeit über überlegte ich wo ich sie verstecken
könnte und plötzlich kam mir ein genialer Einfall! Ich wusste nicht
ob es ein optimales Versteck war, doch spontan fiel mir einfach
nichts besseres ein. Der Wasserfall an dem mich meine Mutter
vorbeigeführt hatte war das Ziel. Möglicherweise befand sich dort
eine kleine Höhle, wo sich Saphir für eine Weile aufhalten konnte.
Also liefen wir zusammen den Bach entlang und sprangen über Steine.
Doch statt wie meine Mutter weiter zu gehen, blieben wir auf den
Steinen und gingen dann ins Wasser. Es war grademal Kniehoch. Zwar
gingen wir gegen die Strömung, doch diese war nicht so stark, dass
sie uns mitzog. Je weiter wir gingen, desto tiefer wurde das Wasser.
Als es uns bis an die Taille reichte, bewegten wir uns an den Rand
des Berges, wo wir uns dann entlang schlichen. Wir standen vor dem
Wasserfall. Einige Tropfen spritzen auf uns und ich nahm Saphirs
Hand. Ich zählte bis drei und lief dann mit ihr durch den Wasserfall
hindurch auf die andere Seite. Klitschnass fanden wir uns in einer
relativ dunklen Höhle wieder. Licht drang nur durch das Wasser in
die Höhle, was aber reichte, um die eigene Hand vor dem Gesicht zu
sehen. „Leg dich für eine Weile hin, es ist schon spät. Wenn du
aufwachst, bleib bitte hier und warte solange bis ich komme“, sagte
ich so deutlich ich konnte und sie folgte meinen Worten und legte
sich auf den Boden. Bis sie einschlief blieb ich noch neben ihr
sitzen und lauschte ihrem Atem. „Schlaf gut, wir sehen uns morgen“,
flüsterte ich ihr zu und stand auf. Mit einer kurzen und leichten
Handbewegung nahm ich den Bann von ihr. Saphir wusste nicht wo sie
war, wusste nicht wie sie hergekommen war und erinnerte sich auch
nicht mehr an mich, denn das alles nahm ich von ihr mit. Alles was
ich ihr an Erinnerung noch da ließ waren meine Worte „Bleib bitte
hier und warte bis ich komme“, den Rest hatte sie vergessen.
Draußen wurde es immer dunkler und ich sollte langsam wirklich mal
wieder zurück. Meine Mutter müsste bereits längst wieder da sein.
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