SCARLETT
Ich stolperte Nico hinterher. Meine
eigene Hand konnte ich in dieser Finsternis nicht mehr sehen, jedoch
konnte ich ihm ohne Probleme folgen. Plötzlich knickte ich um und
lag auf dem Boden. Nico rannte sofort zu mir und fragte aufgeregt:
„Scarlett! Alles in Ordnung?“
„Jaja. Wird schon gehen“, sagte ich
und lächelte schmerzhaft. Ich stand auf und versuchte normal ein
Stück zu gehen, jedoch schmerzte jeder Schritt. Nico schaute mich
stirnrunzelnd an, sagte jedoch nichts. „Laufen wir weiter? Bitte,
ich muss trainieren. Sonst werde ich nie bereit sein“, er schaut
mich nochmal nachdenklich an, nickte jedoch schließlich und
sprintete los. Ich ihm hinterher, trotz der Schmerzen.
Ein paar Stunden später lagen wir
aneinander gekuschelt in der Höhle. Ich strich besorgt über meinen
Bauch – ich hatte verdammt viel abgenommen. Vielleicht zuviel? Aber
ich habe auch viele Muskeln bekommen,
dachte ich und rutschte in einen unruhigen Schlaf.
Wenige
Momente später hörten wir Tigergebrüll. Sofort sprangen Nico und
ich auf. „Du bleibst hier! Egal was passiert! Du bleibst hier! Hast
du mich verstanden?“, schrie Nico aufgeregt. Er wartete meine
Antwort nicht ab und rannte hinaus – im Rennen verwandelte er sich
in seine tigerische Hälfte. Ich begab mich in die Ecke und bewegte
mich nicht weg wie mir befohlen worden war. Er hat mir
eigentlich nichts zu sagen!,
dachte ich empört und krabbelte ihm hinaus.
Vor
mir ergab sich ein Blutbad. Nico kämpfte mit einer wunderschönen,
rötlichen Tigerin. Sie war kleiner als er und daher auch flinker.
Sie sprang auf ihn und Nico zuckte zusammen, unfähig sich zu
bewegen. Er schrie, bewegte sich jedoch nicht. Was soll
das? Nico, tu doch etwas!,
dachte ich panisch. Irgendwas fesselte ihn, hielt ihn im Bann. Die
Tigerin riss ihr Maul auf und wollte in sein Genick den tödlichsten
Biss ausführen, den es gab. Nein!,
schrie ich innerlich. Nico bewegte sich immer noch nicht. Ich bewegte
mich auf ihn zu und es kam mir in diesem Moment alles wie in Zeitlupe
vor. Gerade als das Maul der Tigerin Nicos Genick erreichte, sprang
ich auf sie, packte sie im Genick wie ein Katzenbaby, sprang runter
und rollte mich ab. Nun lag ich auf ihr und hielt sie fest. Ich warf
einen Blick zurück und starrte zu Nico. Er lag auf dem Boden mit vor
Schreck aufgerissenen Augen. Als er meinen Blick fing, richtete er
sich auf und kam zu uns. Um uns herum waren viele weitere, kämpfende
Tiger. Nico verwandelte sich und blieb ein Stück vor uns stehen und
schaute sich um. Ich hielt die Tigerin immer noch fest. Locker könnte
ihr das Genick brechen. Sie fing an zu winseln und versuchte sich zu
wenden, was meinen Griff nur noch verstärkte. „Sie... Sie konnte
mich betäuben! Ich konnte mich nicht mehr bewegen und so konnte sie
mir Schmerzen hinzufügen! Scarlett, ich kann nichts gegen sie tun!
Ich weiß nicht, ob alle diese Fähigkeit haben! Es ist zu riskant“,
schrie Nico und schaute mich panisch an. Er ließ seinen Blick zu den
anderen Tigern wandern und schaute besorgt zu Mila und Silas, welche
sich Seite an Seite durchkämpften. Sie schienen nicht die Probleme
zu haben, die Nico zu haben schien. Als er sie so besorgt ansah, war
es wie ein Messerstich in mein Herz. Er macht sich nur
Sorgen um sie, werd doch nicht direkt eifersüchtig!,
mahnte ich mich selbst. Ich wusste was ich zu tun hatte, konnte es
jedoch nicht über mich bringen. Ich blickte auf die winselnde
Tigerin unter mir, verstärkte meinen Griff sodass sie aufschrie. Mit
meiner freien Hand packte ich ihre Vorderpfote und bog sie soweit
nach hinten, bis ich ein Knacken hörte. Die Tigerin schrie wieder
auf und winselte weiter. Dann ließ ich sie los und sprang schnell
von ihr ab. Mit einer gebrochenen Pfote wird sie nicht
weiter kämpfen, dachte ich
hoffnungsvoll und meine Vermutung bestätigte sich, als sie kehrt
machte und verschwand.
Mein
Blick wanderte zu den anderen kämpfenden Tigern und mein Blick
umfasste Lucien. Er war in die Ecke gedrängt und drei andere Tiger
standen um ihn herum. Er fing meinen Blick und ich sah in seinen
Augen Verzweiflung und auch Angst. Ohne nachzudenken nahm wieder
Anlauf, sprang auf den ersten Tiger und rollte mit ihm auf den
Zweiten. Schließlich versuchten sich diese zu winden. Bei einer
guten Gelegenheit, packte ich beide an den Ohren und zog dran, sodass
sie bluteten. Sie blickten mich verärgert an, brüllten und machten
Anstalten auf mich zu springen. Ich duckte mich geschickt und rollte
unter ihnen hindurch, sodass sie gegeneinander prallten. Ich trat
ihnen beiden in den Bauch und sie machten sich winselnd davon. Der
dritte stand nun auch vor mir. Ich lächelte ihn an und bekam
Kampflust. Ich bewegte mich um ihn herum und wollte ihn angreifen,
jedoch knickte mein Fuß wieder um und ich brach zu Boden. Voller
Panik schaute ich in die Richtung von meinem Gegner, jedoch wurde
meine Sicht versperrt. Lucien hatte sich vor mich gestellt und
brüllte ihn bedrohlich an. Dann sprang Lucien leichtfüßig auf den
anderen Tiger. Dieser wollte sich winden, fing dann jedoch an zu
jaulen und legte sich langgezogen auf den Boden. Plötzlich roch ich
verbranntes Fell und schaute auf Luciens Tatzen. Unter ihnen erhob
sich Qualm und Lucien brüllte erfolgreich. Nach weiteren,
schmerzvollen Schreien des feindlichen Tigers, ließ Lucien von ihm
ab und dieser verschwand. Auch alle anderen folgten ihm, nachdem er
traurig, jedoch kräftig brüllte. Lucien blieb vor mir stehen, als
Tiger. Er starrte mich unverwand an und verwandelte sich darauf in
einen Menschen. Ich schaute ihm während der Verwandlung weiterhin in
die Augen. Es war fast unheimlich, wie sich die Pupillen
verkleinerten und die Augen an sich kleiner wurden. „Was war das?“,
fragte ich geschockt. „Jedes Rudel hat seine eigenen Geheimnisse“,
sagte er und wand sich ab. Nico stürzte zu mir und meinte aufgeregt:
„Du blutest! Aber du warst fantastisch, Scar! Ich bin so stolz auf
dich, und auch ziemlich dankbar.“
Ich
lächelte ihn an und bemerkte erst jetzt die Schmerzen an meinem Hals
und an meinen Armen. Dort haben sich lange und tiefe Kratzer
gefunden. Es war mir jedoch egal und ich zog Nico zu mir runter und
küsste ihn. Während ich ihn küsste, hob mich Nico hoch und trug
mich zur Höhle. Davor blieb er kurz stehen, löste sich von mir,
schaute sich um und vergewisserte sich das niemand schwer verletzt
oder gar getötet wurde, und trug mich dann in die Höhle.
Er
setzte mich ab und kuschelte sich neben mich. „Geht es allen gut?“,
fragte ich besorgt und er nickte. „Nico? Kann ich dich was
fragen?“, flüsterte ich. „Natürlich. Alles, mein Liebling“,
hauchte er und fing meinen Blick. Ich sah Schmerzen in ihnen und auch
Erleichterung.
„Was
meint Lucien damit, dass jedes Rudel seine eigenen Geheimnisse hat?“
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen