Montag, 3. Juni 2013

KAPITEL 25

SCARLETT

Ich stolperte Nico hinterher. Meine eigene Hand konnte ich in dieser Finsternis nicht mehr sehen, jedoch konnte ich ihm ohne Probleme folgen. Plötzlich knickte ich um und lag auf dem Boden. Nico rannte sofort zu mir und fragte aufgeregt: „Scarlett! Alles in Ordnung?“
„Jaja. Wird schon gehen“, sagte ich und lächelte schmerzhaft. Ich stand auf und versuchte normal ein Stück zu gehen, jedoch schmerzte jeder Schritt. Nico schaute mich stirnrunzelnd an, sagte jedoch nichts. „Laufen wir weiter? Bitte, ich muss trainieren. Sonst werde ich nie bereit sein“, er schaut mich nochmal nachdenklich an, nickte jedoch schließlich und sprintete los. Ich ihm hinterher, trotz der Schmerzen.

Ein paar Stunden später lagen wir aneinander gekuschelt in der Höhle. Ich strich besorgt über meinen Bauch – ich hatte verdammt viel abgenommen. Vielleicht zuviel? Aber ich habe auch viele Muskeln bekommen, dachte ich und rutschte in einen unruhigen Schlaf.
Wenige Momente später hörten wir Tigergebrüll. Sofort sprangen Nico und ich auf. „Du bleibst hier! Egal was passiert! Du bleibst hier! Hast du mich verstanden?“, schrie Nico aufgeregt. Er wartete meine Antwort nicht ab und rannte hinaus – im Rennen verwandelte er sich in seine tigerische Hälfte. Ich begab mich in die Ecke und bewegte mich nicht weg wie mir befohlen worden war. Er hat mir eigentlich nichts zu sagen!, dachte ich empört und krabbelte ihm hinaus.
Vor mir ergab sich ein Blutbad. Nico kämpfte mit einer wunderschönen, rötlichen Tigerin. Sie war kleiner als er und daher auch flinker. Sie sprang auf ihn und Nico zuckte zusammen, unfähig sich zu bewegen. Er schrie, bewegte sich jedoch nicht. Was soll das? Nico, tu doch etwas!, dachte ich panisch. Irgendwas fesselte ihn, hielt ihn im Bann. Die Tigerin riss ihr Maul auf und wollte in sein Genick den tödlichsten Biss ausführen, den es gab. Nein!, schrie ich innerlich. Nico bewegte sich immer noch nicht. Ich bewegte mich auf ihn zu und es kam mir in diesem Moment alles wie in Zeitlupe vor. Gerade als das Maul der Tigerin Nicos Genick erreichte, sprang ich auf sie, packte sie im Genick wie ein Katzenbaby, sprang runter und rollte mich ab. Nun lag ich auf ihr und hielt sie fest. Ich warf einen Blick zurück und starrte zu Nico. Er lag auf dem Boden mit vor Schreck aufgerissenen Augen. Als er meinen Blick fing, richtete er sich auf und kam zu uns. Um uns herum waren viele weitere, kämpfende Tiger. Nico verwandelte sich und blieb ein Stück vor uns stehen und schaute sich um. Ich hielt die Tigerin immer noch fest. Locker könnte ihr das Genick brechen. Sie fing an zu winseln und versuchte sich zu wenden, was meinen Griff nur noch verstärkte. „Sie... Sie konnte mich betäuben! Ich konnte mich nicht mehr bewegen und so konnte sie mir Schmerzen hinzufügen! Scarlett, ich kann nichts gegen sie tun! Ich weiß nicht, ob alle diese Fähigkeit haben! Es ist zu riskant“, schrie Nico und schaute mich panisch an. Er ließ seinen Blick zu den anderen Tigern wandern und schaute besorgt zu Mila und Silas, welche sich Seite an Seite durchkämpften. Sie schienen nicht die Probleme zu haben, die Nico zu haben schien. Als er sie so besorgt ansah, war es wie ein Messerstich in mein Herz. Er macht sich nur Sorgen um sie, werd doch nicht direkt eifersüchtig!, mahnte ich mich selbst. Ich wusste was ich zu tun hatte, konnte es jedoch nicht über mich bringen. Ich blickte auf die winselnde Tigerin unter mir, verstärkte meinen Griff sodass sie aufschrie. Mit meiner freien Hand packte ich ihre Vorderpfote und bog sie soweit nach hinten, bis ich ein Knacken hörte. Die Tigerin schrie wieder auf und winselte weiter. Dann ließ ich sie los und sprang schnell von ihr ab. Mit einer gebrochenen Pfote wird sie nicht weiter kämpfen, dachte ich hoffnungsvoll und meine Vermutung bestätigte sich, als sie kehrt machte und verschwand.
Mein Blick wanderte zu den anderen kämpfenden Tigern und mein Blick umfasste Lucien. Er war in die Ecke gedrängt und drei andere Tiger standen um ihn herum. Er fing meinen Blick und ich sah in seinen Augen Verzweiflung und auch Angst. Ohne nachzudenken nahm wieder Anlauf, sprang auf den ersten Tiger und rollte mit ihm auf den Zweiten. Schließlich versuchten sich diese zu winden. Bei einer guten Gelegenheit, packte ich beide an den Ohren und zog dran, sodass sie bluteten. Sie blickten mich verärgert an, brüllten und machten Anstalten auf mich zu springen. Ich duckte mich geschickt und rollte unter ihnen hindurch, sodass sie gegeneinander prallten. Ich trat ihnen beiden in den Bauch und sie machten sich winselnd davon. Der dritte stand nun auch vor mir. Ich lächelte ihn an und bekam Kampflust. Ich bewegte mich um ihn herum und wollte ihn angreifen, jedoch knickte mein Fuß wieder um und ich brach zu Boden. Voller Panik schaute ich in die Richtung von meinem Gegner, jedoch wurde meine Sicht versperrt. Lucien hatte sich vor mich gestellt und brüllte ihn bedrohlich an. Dann sprang Lucien leichtfüßig auf den anderen Tiger. Dieser wollte sich winden, fing dann jedoch an zu jaulen und legte sich langgezogen auf den Boden. Plötzlich roch ich verbranntes Fell und schaute auf Luciens Tatzen. Unter ihnen erhob sich Qualm und Lucien brüllte erfolgreich. Nach weiteren, schmerzvollen Schreien des feindlichen Tigers, ließ Lucien von ihm ab und dieser verschwand. Auch alle anderen folgten ihm, nachdem er traurig, jedoch kräftig brüllte. Lucien blieb vor mir stehen, als Tiger. Er starrte mich unverwand an und verwandelte sich darauf in einen Menschen. Ich schaute ihm während der Verwandlung weiterhin in die Augen. Es war fast unheimlich, wie sich die Pupillen verkleinerten und die Augen an sich kleiner wurden. „Was war das?“, fragte ich geschockt. „Jedes Rudel hat seine eigenen Geheimnisse“, sagte er und wand sich ab. Nico stürzte zu mir und meinte aufgeregt: „Du blutest! Aber du warst fantastisch, Scar! Ich bin so stolz auf dich, und auch ziemlich dankbar.“
Ich lächelte ihn an und bemerkte erst jetzt die Schmerzen an meinem Hals und an meinen Armen. Dort haben sich lange und tiefe Kratzer gefunden. Es war mir jedoch egal und ich zog Nico zu mir runter und küsste ihn. Während ich ihn küsste, hob mich Nico hoch und trug mich zur Höhle. Davor blieb er kurz stehen, löste sich von mir, schaute sich um und vergewisserte sich das niemand schwer verletzt oder gar getötet wurde, und trug mich dann in die Höhle.
Er setzte mich ab und kuschelte sich neben mich. „Geht es allen gut?“, fragte ich besorgt und er nickte. „Nico? Kann ich dich was fragen?“, flüsterte ich. „Natürlich. Alles, mein Liebling“, hauchte er und fing meinen Blick. Ich sah Schmerzen in ihnen und auch Erleichterung.
„Was meint Lucien damit, dass jedes Rudel seine eigenen Geheimnisse hat?“

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