Montag, 24. Juni 2013

(2) KAPITEL 5

SAPHIR

Die Feier war schnell vorbei und nachdem die Gäste wieder gegangen waren ging ich zu Lian. „Was hälst du von Shino?“, fragte er mich. Ich war erst überrascht wieso er mich das fragte, antwortete ihm dann aber höflich: „Ist ganz nett und er scheint Lura glücklich zu machen, wieso?“ „Ach nur so“, meinte er und wand sich ab. Was ist nur los mit ihm? Wieso ist das so wichtig?, dachte ich und schaute ihm hinterher. Komischerweise ging er einfach in den Wald, nicht in die Höhle oder zu seinem Vater wo er sonst immer hingehen würde. Traurig tapste ich zu meinem Urgroßvater Salio. Er lag ruhig unter einem Baum und hatte die Augen geschlossen. „Salio? Bist du noch wach?“, fragte ich leise. Er öffnet ruhig die Augen und schaute mich an. Dann setzte er sich ruhig hin und deutete mir, mich auch hinzusetzen. „Für dich doch immer, Saphir“, sagte er freundlich. Ich setzte mich und musterte ihn. Er war einer der Ältesten im Rudel und er sprühte förmlich vor Weisheit. Man konnte sich ihm immer anvertrauen, er war einfach ein guter Zuhörer, Ratgeber und ein guter Freund. Es kommt mir manchmal so vor, als wäre er hier der Einzige der mich versteht. „Was bedrückt dich?“, fragte er und schaute mich mitfühlend an. „Ich weiß es nicht. Ich finde alles so verwirrend. Wieso müssen wir unbedingt mit anderen versprochen werden? Können wir nicht einfach irgendwann selbst entscheiden mit wem wir unser Leben verbringen wollen? Das ist doch alles nicht fair! Und das auch noch mit anderen Stämmen! Wozu ist das gut, wenn wir nicht mal aus dem Rudel raus dürfen um unsere 'Verlobten' zu besuchen? Manche werden einfach völlig Fremden versprochen. Zum Beispiel jetzt Lura mit Shino. Versteh mich nicht falsch - ich finde es toll Andere kennen zulernen, aber direkt jemandem versprochen zu werden?“, sprudelte es aus mir heraus. „Saphir, du bist noch jung. Eines Tages, wenn du selber Kinder haben wirst, wirst du es verstehen“, „Aber ich will es jetzt verstehen! Erkläre es mir! Wo liegt da der Sinn?“, „Der Sinn liegt darin, dass die Eltern eine Zukunft für ihre Sprösslinge sichern wollen. Sie möchten sich so selbst versichern, dass ihr immer in guten Händen seid. Es gibt den Eltern Halt und Sicherheit um euch euren Weg gehen zu lassen“, „Aber es ist doch nicht unser Weg, wenn jemand ihn schon voraus bestimmt hat! Wieso kann man sich nicht selbst verlieben und seinen eigenen Weg gehen?“, „Weil man sich manchmal nicht in den Richtigen verliebt. Die Eltern wollen euch doch nur vor Fehlern schützen. Meine Kleine, wenn du älter bist wirst du verstehen. Ruh dich nun aus, es war ein langer Tag.“


Ich war zwar nicht mit der Antwort zufrieden, jedoch beruhigte es mich, dass Salio über alles gut Bescheid wusste. Auch wenn wir oft nicht einer Meinung waren. In der Höhle angekommen schaute ich mich um. Wo ist Lian?, fragte ich mich und trat wieder aus der Höhle heraus. Er ist doch vorhin im Wald verschwunden, vielleicht sollte ich ihn dort mal suchen?, dachte ich und trabte in die Richtung in der er verschwunden war. Nach ein paar Minuten hörte ich Gekichere und Geflüstere. Ich verlangsamte meinen Schritt und legte mich flach auf den Boden als die Geräusche ziemlich nah waren. Langsam hob ich den Kopf um zu sehen, was vor mir war. Es war schwer zu erkennen da es so dunkel war, jedoch erkannte ich zwei Tigergestalten. Wer sie waren konnte ich nicht erkennen. Ich kroch ein bisschen näher und erkannte sie. Es durchfuhr mich wie ein Blitz! Ich sah Lian wie er Aya küsste. Sie lagen aneinander gekuschelt in einer Kuhle und bemerkten mich nicht. Meine Gefühle spielten verrückt. Ich war traurig, immerhin war er mein Verlobter. Doch wieso sollte ich traurig sein? Ich liebe ihn doch nicht? Also was würde es bringen, wegen ihm Tränen zu vergießen? Und schlagartig wurde meine Trauer umgewandelt - in Wut. Wie konnte er nur? Er muss mich nicht lieben, ich tue es ja auch nicht, aber treu bleiben? Das wäre doch mal was! Ich war noch nie so wütend gewesen. Ich wollte gerade aufstehen und die beiden auseinander bringen, da schlug plötzlich ein Blitz neben der Kuhle in einen Baum. Dieser knackste laut und fiel auf die Kuhle. Ich blieb regungslos liegen und hörte nur noch Aya schreien. Dann wurde alles still. Nichts regte sich und sogar ich hatte die Luft angehalten. Sind sie tot? Ein Rascheln unter den Blättern des umgefallenen Baumes ließen mich zusammenzucken. Sie sind nicht tot!, dachte ich, sprang auf und lief davon. Nicht zum Rudel. Irgendwohin. Hauptsache weit weg von hier. Ich weiß, ich hätte dort bleiben und ihnen helfen sollen, aber ich konnte nicht! Eigentlich dürfte ich das Rudel nicht einmal verlassen! Aber ich ertrug es einfach nicht. Es verletzte mich auch eine komische Art und Weise. War das berechtigt? Wenn jetzt doch jemand gestorben ist? Aber es war doch nicht meine Schuld, oder? Ich sprang über einen kleinen Bach und blieb in einer Erderhöhung liegen. Traurig und wütend zugleich verwandelte ich mich in einen Menschen, setzte mich hin, zog die Knie an mich und fing an zu weinen. Ich wusste ja nicht einmal wo ich war! Verzweifelt ließ ich meinen Kopf auf meine Knie sinken, sodass mir meine langen, welligen braunen Haare übers Gesicht fielen. Es war manchmal einfach befreiender ein Mensch zu sein, auf diese Weise kann man seine Gefühle besser zum Ausdruck bringen. Aber was war das gerade für ein Gefühl? War ich traurig weil Lian mich betrogen hat? Oder war ich traurig weil einer der Beiden vielleicht tot war? Wieso sollte ich deshalb traurig sein? Sie haben es verdient! Und tot sind die doch eh nicht! Dann könnten sie mich ja nicht mehr ärgern. Und sofort wurde mir klar wieso ich traurig war – ich war einsam. Ich hatte keine Freunde und mein Verlobter hat mich betrogen. Ich hab gerade Gefühle für Lian zugelassen und was tut er? Er tritt sie mit Füßen! Ich darf einfach keinen mehr an mein Herz ranlassen. Niemanden! Ich muss mich einfach selbst schützen, auch wenn es bedeutet, weiterhin einsam zu sein. Wenn dann soll ich doch einsam sein! Wen interessiert es schon? Ich bin niemandem wichtig. Lieber bin ich einsam anstatt von jemandem verletzt zu werden, der mir etwas bedeutet! Denn das macht es nur noch schlimmer...

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