Mittwoch, 19. Juni 2013

(2) KAPITEL 3

SAPHIR

Lauf! Lauf!, schrie meine innere Stimme und das tat ich auch. Überall um mich herum schlugen Blitze ein, Bäume fielen um und der Wald war nicht mehr der selbe. „Hilfe! Helft mir doch!“, schrie ich verzweifelt. Was war nur los? Wo war ich? Plötzlich schlug ein Blitz unmittelbar in meiner Nähe auf. Der grelle Strahl lief den Boden entlang auf mich zu. Ich machte automatisch kehrt und lief wieder. Der Strahl erhob sich vom Boden und kam auf mich zu. Ich schrie erschrocken auf, als der Strahl sich wie ein Halsband um mein Hals legte. Ich dachte, dass ich nun gewürgt oder geschockt werden würde, jedoch fühlte es sich erleichternd und gut an. Was war das den? Ich blickte mich um und sah etwas schwarzes in einem Busch umher huschen. Seine hellblauen, fast weißen Augen sahen mich an. Zuerst dachte ich Freundlichkeit in ihnen zu sehen, jedoch wurde dieses Gefühl schnell von dem lauten Brüllen des Tigers vertrieben. Ich zuckte zusammen und hob den Kopf. Alles schien normal zu sein – nirgends waren Blitze oder Chaos. Es war nur ein Traum!, dachte ich erleichtert und sah Lian an. Ich bin neben ihm eingeschlafen und wir hatten noch lange geredet. Er war wirklich nett und ich glaubte auch, dass ich ihm vertrauen könnte. Er schlief noch tief und fest, also stupste ich ihn nur leicht mit der Nase an seine Nase an, und trat aus der Höhle. So ein Stups mit der Nase war wie bei den Menschen ein Kuss. Es war noch mitten in der Nacht, alle schliefen sich aus um für das große Fest der Verlobung von Lura und Shino ausgeschlafen zu sein. Wenn sie beide offiziell alt genug sind um wirklich zu heiraten, können sie sich ein Rudel aussuchen, bei dem sie leben wollen. Lura war hin und weg von Shino, hatte sie mir oft gesagt. Ich glaube sie wollte es mir unter die Nase reiben. Wozu? Ich hatte doch einen Freund. Natürlich freute ich mich für sie, nur hatte ich ein komisches Gefühl bei Shino. Ich hatte keine Vorurteile, gewiss nicht, jedoch hatte er etwas an sich was mich beunruhigte. Ob es positiv oder negativ war, wusste ich nicht. Er hat mich heute so fixiert... Kann aber auch daran liegen, dass ich einfach selten bin. Immerhin bin ich eine silberne Tigerin. Außer meiner Mutter und mir gab es solche Tiger nicht. Wahrscheinlich hab ich mir das nur eingebildet. Als er mich so fixiert hatte, bekam ich zuerst Angst. Deshalb bin ich zu Lian gelaufen und hab mich an ihn rangekuschelt. Shino sollte wissen, dass man mir nichts tun könnte mit so einem Freund wie Lian. Er schien dies auch zu verstehen, denn danach hatte er mich nicht mehr beachtet. Ist wohl auch gut so, dachte ich und ging wieder in die Höhle um weiter zu schlafen.

Dieses mal träumte ich nicht. Beruhigt wachte ich auf, streckte mich und schaute mich in der Höhle nach Lian um. Er war weg. Vielleicht ist er ja zum Bach gegangen. Mit diesen Gedanken trat ich aus der Höhle und lief zum Bach. Lian war auch nicht dort. Das war mir recht, den so konnte ich mich beruhigt waschen.
Als ich fertig war, trabte ich zurück zum Hauptplatz. Mich wunderte es nicht, als sich schon alle aus dem Rudel auf dem Platz versammelten. Chayenne würde gleich mit ihrem Rudel kommen. Diese Feier würde also in friedlicher Stimmung verlaufen, auf jeden Fall hoffte ich das. Ich setzte mich an den Eingang meiner Höhle und schaute mich um. Mila lief aufgeregt um Lura herum und versuchte sie sauber zu bekommen. Silas saß ruhig daneben und blickte stolz auf seine Tochter, während Aya aufgeregt auf Lura einredete. „Na meine Schönheit“, begrüßte mich Lian und setzte sich neben mich. Er stieß sanft mit seiner Nase an meine und fing an zu schnurren. „Wo warst du heute morgen“, fragte ich ihn mit liebevoll zusammengekniffenen Augen. „Wir waren alle jagen. Es wird ein großes Buffet geben und dafür mussten doch die Männer sorgen“, sagte er und zwinkerte mir zu. Ich wand den Blick von ihm ab und schaute zum Beutehaufen. Er hatte Recht – dort lag sehr viel Fleisch. Ich wand meinen Blick wieder ab und schaute zum Eingang des Platzes. Nero trat auf den Platz, zusammen mit seinem ganzen Rudel. Viele der Erwachsenen Tiger gesellten sich zu meinen Rudelmitgliedern und begrüßten ihre alten Freunde. Nero ging zu Lucien und fing ein Gespräch an, während Chayenne aufgeregt zu Mila lief und mit ihr Einzelheiten austauschte. Shino trat nun auch auf den Platz und gesellte sich zu Lura. Ihm folgte ein weiterer schwarzer Tiger und eine Tigerin. Lura lief Shino entgegen und stieß liebevoll mit ihrer Nase an seine Nase. Shino zuckte zusammen und schien sich abwenden zu wollen, hielt dann jedoch inne und lächelte sie einfach an. Ich verdrehte die Augen und lief mit Lian zu ihnen. Als Shino mich sah, fixierte er mich wieder. In seinem Blick lag Neugierde und Verwirrung. Ich wollte meinen Blick von ihm abwenden, konnte es jedoch nicht. Etwas hielt mich in seinen dunklen, fast schwarzen Augen fest. Er kam mir so bekannt vor... Langsam zeichnete sich ein Lächeln auf Shinos Gesicht und auch ich fing an zu lächeln. In meinem Augenwinkel erschien Lura und starrte mich hasserfüllt an. Sofort wand ich meinen Blick ab und schaute wieder Lian an. Damit Lura sich keine Sorgen machte, kuschelte ich mich an Lian und fing leise an zu schnurren. Das schien Lura zu beruhigen, sie fragte Shino ruhig: „Wer ist das?“ Shino deutete zuerst auf den Tiger und dann auf die Tigerin während er die Namen 'Kaito' und 'Malou' erwähnte. Sie waren seine Geschwister. Kaito starrte Aya an und fing an zu lächeln. Mir wurde das langsam zu viel, deshalb entschuldigte ich mich und lief zum Bach um etwas zu trinken. Es war einfach ungewohnt so viele Tiger hier zu sehen. „Ist alles in Ordnung?“, fragte mich jemand hinter mir. Ich schreckte zusammen und drehte mich um. „Shino! Erschreck mich doch nicht so!“, rief ich aufgebracht. Er ist von Lura weggegangen, wieso? „Wieso bist du nicht bei Lura?“, fragte ich neugierig. Kurz sah ich etwas trauriges in Shinos Blick aufblitzen, jedoch war es nur so kurz, sodass ich es dabei beließ es mir eingebildet zu haben. „Es ist komisch bei so vielen Tigern zu sein. Ich brauchte etwas Freiraum und du bist so schnell weggegangen, dass ich dachte du hättest etwas. Und außerdem wollte ich mit dir reden. Ich... ich hab so ein komisches Gefühl bei dir... Du scheinst mir vertrauenswürdig zu sein, jedoch auch verdammt distanziert, aber ich weiß nicht wieso“, sagte er und suchte meinen Blick. Ich fing seinen Blick und ließ ihn nicht mehr los. Es schien als würde er mir aus der Seele sprechen und in seinem Blick lag etwas, was ich nicht einordnen konnte. Unser Blickkontakt vertiefte sich und ich hatte das Gefühl zu versinken. Am liebsten hätte ich gerne „Hilfe! Ich versinke!“, geschrien, so hilflos und verwirrt fühlte ich mich bei ihm. „Stör ich euch?“, fragte Lura gereizt. Wir waren so sehr abgelenkt, dass ich sie nicht kommen gehört hatte. „Nein, gar nicht. Ich wollte nur etwas trinken und bin Shino über den Weg gelaufen“, sagte ich ruhig. Lura starrte mich böse an und dann etwas liebevoller Shino. Shino schaute mich verwirrt und auch etwas verletzt an, sagte dann jedoch: „Ich brauchte etwas Freiraum. Entschuldige das ich dir nicht Bescheid gesagt hab.“ Lura nickte und kuschelte sich an Shino, wobei sie ihren Schnurrmotor laufen ließ. Sie wollte offensichtlich beweisen das Shino ihr gehörte. Ich hatte damit kein Problem. Ich war sogar dankbar, dass sie kam. Es war komisch, ich fühlte mich einfach unbehaglich in Shinos Nähe. Er schien so ehrlich, vertrauenswürdig und doch fremd. Ich war es nicht gewohnt, dass jemand so war. Es kam mir so vor, als wäre ich in einer Umgebung aufgewachsen, in der man sich verschließt und seine Probleme für sich behält. Mir sollte das recht sein, es wäre aber auch mal schön jemanden zum Reden zu haben. Ich lief zum Rudel zurück, drehte mich jedoch noch einmal kurz um und fing Shinos Blick. Ich weiß auch nicht wieso. Es tut mir leid. Ich weiß nur das du zu Lura gehörst – nicht zu mir, sagte mein Blick und beantwortete ihm damit seine Frage. Er ist hier um Lura kennenzulernen, nicht mich, dachte ich etwas traurig, aber auch erleichtert. Damit drehte ich mich wieder um und lief zum Rudel zurück, zu der immer noch laufenden Feier.

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