SAPHIR
Lauf! Lauf!, schrie meine innere
Stimme und das tat ich auch. Überall um mich herum schlugen Blitze
ein, Bäume fielen um und der Wald war nicht mehr der selbe. „Hilfe!
Helft mir doch!“, schrie ich verzweifelt. Was war nur los? Wo war
ich? Plötzlich schlug ein Blitz unmittelbar in meiner Nähe auf. Der
grelle Strahl lief den Boden entlang auf mich zu. Ich machte
automatisch kehrt und lief wieder. Der Strahl erhob sich vom Boden
und kam auf mich zu. Ich schrie erschrocken auf, als der Strahl sich
wie ein Halsband um mein Hals legte. Ich dachte, dass ich nun gewürgt
oder geschockt werden würde, jedoch fühlte es sich erleichternd und
gut an. Was war das den? Ich blickte mich um und sah etwas schwarzes
in einem Busch umher huschen. Seine hellblauen, fast weißen Augen
sahen mich an. Zuerst dachte ich Freundlichkeit in ihnen zu sehen,
jedoch wurde dieses Gefühl schnell von dem lauten Brüllen des
Tigers vertrieben. Ich zuckte
zusammen und hob den Kopf. Alles schien normal zu sein – nirgends
waren Blitze oder Chaos. Es war nur ein Traum!,
dachte ich erleichtert und sah Lian an. Ich bin neben ihm
eingeschlafen und wir hatten noch lange geredet. Er war wirklich nett
und ich glaubte auch, dass ich ihm vertrauen könnte. Er schlief noch
tief und fest, also stupste ich ihn nur leicht mit der Nase an seine
Nase an, und trat aus der Höhle. So ein Stups mit der Nase war wie
bei den Menschen ein Kuss. Es war noch mitten in der Nacht, alle
schliefen sich aus um für das große Fest der Verlobung von Lura und
Shino ausgeschlafen zu sein. Wenn sie beide offiziell alt genug sind
um wirklich zu heiraten, können sie sich ein Rudel aussuchen, bei
dem sie leben wollen. Lura war hin und weg von Shino, hatte sie mir
oft gesagt. Ich glaube sie wollte es mir unter die Nase reiben. Wozu?
Ich hatte doch einen Freund. Natürlich freute ich mich für sie, nur
hatte ich ein komisches Gefühl bei Shino. Ich hatte keine
Vorurteile, gewiss nicht, jedoch hatte er etwas an sich was mich
beunruhigte. Ob es positiv oder negativ war, wusste ich nicht. Er
hat mich heute so fixiert... Kann aber auch daran liegen, dass ich
einfach selten bin. Immerhin bin ich eine silberne Tigerin. Außer
meiner Mutter und mir gab es solche Tiger nicht. Wahrscheinlich hab
ich mir das nur eingebildet. Als
er mich so fixiert hatte, bekam ich zuerst Angst. Deshalb bin ich zu
Lian gelaufen und hab mich an ihn rangekuschelt. Shino sollte wissen,
dass man mir nichts tun könnte mit so einem Freund wie Lian. Er
schien dies auch zu verstehen, denn danach hatte er mich nicht mehr
beachtet. Ist wohl auch gut so, dachte
ich und ging wieder in die Höhle um weiter zu schlafen.
Dieses
mal träumte ich nicht. Beruhigt wachte ich auf, streckte mich und
schaute mich in der Höhle nach Lian um. Er war weg. Vielleicht
ist er ja zum Bach gegangen. Mit
diesen Gedanken trat ich aus der Höhle und lief zum Bach. Lian war
auch nicht dort. Das war mir recht, den so konnte ich mich beruhigt
waschen.
Als
ich fertig war, trabte ich zurück zum Hauptplatz. Mich wunderte es
nicht, als sich schon alle aus dem Rudel auf dem Platz versammelten.
Chayenne würde gleich mit ihrem Rudel kommen. Diese Feier würde
also in friedlicher Stimmung verlaufen, auf jeden Fall hoffte ich das.
Ich setzte mich an den Eingang meiner Höhle und schaute mich um.
Mila lief aufgeregt um Lura herum und versuchte sie sauber zu
bekommen. Silas saß ruhig daneben und blickte stolz auf seine
Tochter, während Aya aufgeregt auf Lura einredete. „Na meine
Schönheit“, begrüßte mich Lian und setzte sich neben mich. Er
stieß sanft mit seiner Nase an meine und fing an zu schnurren. „Wo
warst du heute morgen“, fragte ich ihn mit liebevoll
zusammengekniffenen Augen. „Wir waren alle jagen. Es wird ein
großes Buffet geben und dafür mussten doch die Männer sorgen“,
sagte er und zwinkerte mir zu. Ich wand den Blick von ihm ab und
schaute zum Beutehaufen. Er hatte Recht – dort lag sehr viel
Fleisch. Ich wand meinen Blick wieder ab und schaute zum Eingang des
Platzes. Nero trat auf den Platz, zusammen mit seinem ganzen Rudel.
Viele der Erwachsenen Tiger gesellten sich zu meinen Rudelmitgliedern
und begrüßten ihre alten Freunde. Nero ging zu Lucien und fing ein
Gespräch an, während Chayenne aufgeregt zu Mila lief und mit ihr
Einzelheiten austauschte. Shino trat nun auch auf den Platz und
gesellte sich zu Lura. Ihm folgte ein weiterer schwarzer Tiger und
eine Tigerin. Lura lief Shino entgegen und stieß liebevoll mit ihrer
Nase an seine Nase. Shino zuckte zusammen und schien sich abwenden zu
wollen, hielt dann jedoch inne und lächelte sie einfach an. Ich
verdrehte die Augen und lief mit Lian zu ihnen. Als Shino mich sah,
fixierte er mich wieder. In seinem Blick lag Neugierde und
Verwirrung. Ich wollte meinen Blick von ihm abwenden, konnte es
jedoch nicht. Etwas hielt mich in seinen dunklen, fast schwarzen Augen fest. Er kam mir so bekannt vor... Langsam zeichnete sich ein Lächeln auf Shinos Gesicht und auch ich
fing an zu lächeln. In meinem Augenwinkel erschien Lura und starrte
mich hasserfüllt an. Sofort wand ich meinen Blick ab und schaute
wieder Lian an. Damit Lura sich keine Sorgen machte, kuschelte ich
mich an Lian und fing leise an zu schnurren. Das schien Lura zu
beruhigen, sie fragte Shino ruhig: „Wer ist das?“ Shino
deutete zuerst auf den Tiger und dann auf die Tigerin während er die
Namen 'Kaito' und 'Malou' erwähnte. Sie waren seine Geschwister.
Kaito starrte Aya an und fing an zu lächeln. Mir wurde das langsam
zu viel, deshalb entschuldigte ich mich und lief zum Bach um etwas zu
trinken. Es war einfach ungewohnt so viele Tiger hier zu sehen. „Ist
alles in Ordnung?“, fragte mich jemand hinter mir. Ich schreckte
zusammen und drehte mich um. „Shino! Erschreck mich doch nicht
so!“, rief ich aufgebracht. Er
ist von Lura weggegangen, wieso?
„Wieso bist du nicht bei Lura?“, fragte ich neugierig. Kurz sah
ich etwas trauriges in Shinos Blick aufblitzen, jedoch war es nur so
kurz, sodass ich es dabei beließ es mir eingebildet zu haben. „Es
ist komisch bei so vielen Tigern zu sein. Ich brauchte etwas Freiraum
und du bist so schnell weggegangen, dass ich dachte du hättest
etwas. Und außerdem wollte ich mit dir reden. Ich... ich hab so ein
komisches Gefühl bei dir... Du
scheinst mir vertrauenswürdig zu sein, jedoch auch verdammt
distanziert, aber ich weiß nicht wieso“, sagte er und suchte
meinen Blick. Ich fing seinen Blick und ließ ihn nicht mehr los. Es
schien als würde er mir aus der Seele sprechen und in seinem Blick
lag etwas, was ich nicht einordnen konnte. Unser Blickkontakt
vertiefte sich und ich hatte das Gefühl zu versinken. Am liebsten
hätte ich gerne „Hilfe! Ich versinke!“, geschrien, so hilflos
und verwirrt fühlte ich mich bei ihm. „Stör ich euch?“, fragte
Lura gereizt. Wir waren so sehr abgelenkt, dass ich sie nicht kommen
gehört hatte. „Nein, gar nicht. Ich wollte nur etwas trinken und
bin Shino über den Weg gelaufen“, sagte ich ruhig. Lura starrte
mich böse an und dann etwas liebevoller Shino. Shino schaute mich
verwirrt und auch etwas verletzt an, sagte dann jedoch: „Ich
brauchte etwas Freiraum. Entschuldige das ich dir nicht Bescheid
gesagt hab.“ Lura nickte und kuschelte sich an Shino, wobei sie
ihren Schnurrmotor laufen ließ. Sie wollte offensichtlich beweisen das Shino ihr gehörte. Ich hatte damit kein Problem. Ich war sogar
dankbar, dass sie kam. Es war komisch, ich fühlte mich einfach
unbehaglich in Shinos Nähe. Er schien so ehrlich, vertrauenswürdig
und doch fremd. Ich war es nicht gewohnt, dass jemand so war. Es kam
mir so vor, als wäre ich in einer Umgebung aufgewachsen, in der man
sich verschließt und seine Probleme für sich behält. Mir sollte
das recht sein, es wäre aber auch mal schön jemanden zum Reden zu
haben. Ich lief zum Rudel zurück, drehte mich jedoch noch einmal
kurz um und fing Shinos Blick. Ich
weiß auch nicht wieso.
Es
tut mir leid. Ich weiß nur das du zu Lura gehörst – nicht zu mir,
sagte mein Blick und beantwortete ihm damit seine Frage. Er
ist hier um Lura kennenzulernen, nicht mich,
dachte ich etwas traurig, aber auch erleichtert. Damit drehte ich
mich wieder um und lief zum Rudel zurück, zu der immer noch
laufenden Feier.
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