„Saphir!“, rief mich Lura. Sie war
eine der Zwillingstöchter von Mila und Silas. Lura und ihre Schwester Aya hatten
hell-dunkeles Fell und schöne braune Augen. Aya war im großen und
ganzen ganz lieb, jedoch war sie auch oft zickig. Lura war nicht
anders. Sie waren halt typische Zwillinge – leicht zu verwechseln.
Man konnte sie eine Weile lang ertragen, aber mit der Zeit werden sie
schon ziemlich nervig. Ich sprang zu ihr und wir liefen zum Rudel
zurück. Während sie sich zu ihrer Schwester und ihren Eltern
gesellte, ging ich zu unserer Höhle und ließ mich davor nieder. Ich
ließ meinen Blick über das Rudel schweifen. Lucien lag wie
gewöhnlich auf dem höchsten Platz und neben ihm lag seine
Gefährtin, Felicitas. Unter einem großen schattigen Baum entdeckte
ich ein paar Tigerinnen und am Rand des Platzes sah ich Lian, der
Sohn von Lucien und Felicitas. Lian war eigentlich ganz nett, jedoch
erschien er mir ein bisschen arrogant. Die Zwillinge, Ich und Lian
waren die einzigen Jugendlichen im Rudel. Aya, Lura und Ich waren 14
und Lian war 15. Wenn eine Tigerin 14 Jahre alt wird, erfährt sie
wem sie versprochen werden sollte. Ich wurde – zu meinem Leid –
Lian versprochen. Er sah gut aus und war auch der totale
Mädchenschwarm, jedoch fand ich ihn einfach zu eingebildet. Lura und
Aya finden ihm im Gegensatz zu mir total toll. Aber ich musste mich
damit zurechtfinden, dass Lian mir nunmal versprochen war. Tiger
können ihre zukünftige 'Ehe' nur dann lösen, wenn der Partner
stirbt. Nur mein Vater konnte sich von seiner eigentlichen Gefährtin
– Mila – trennen. Mila liebte jemand anderes und Nico auch.
Jedenfalls waren Aya und Lura noch niemandem versprochen, da es hier
im Rudel keinen für sie gab. Mila und Silas überlegten sie zwei
Tigern aus einem unserer befreundeten Stämme zu versprechen. Es gab
insgesamt an die fünf Stämme. Zwei von diesen liegen in unserer
Nähe, die anderen zwei liegen jedoch weit weg. Wir (Luciens Rudel)
waren mit Neros Rudel befreundet. Aber mit Masons Rudel waren wir
total verfeindet. Wieso wusste ich nicht. Jedes Rudel hat auch seine
eigenen Fähigkeiten, zumindest Manche aus einem Rudel. In unserem
Rudel hatten Nico, Lucien und Silas die Fähigkeit des Feuers. Wir
jungen Tiger müssen selbst herausfinden, ob wir eine Fähigkeit
besitzen. Dies erfährt man meistens durch Zufall. Wenn ja kann man
diese ausprägen und anfangen zu beherrschen. Ich wusste nur, dass
Masons Rudel die Fähigkeit hat, jemanden zu betäuben. Was die
anderen können wusste ich nicht. Ich selber wünschte mir auch, dass
ich die Fähigkeit des Feuers von meinem Vater geerbt hätte.
„Na meine Süße. Ist alles in
Ordnung?“, fragte mich Scarlett, meine Mutter. Sie ließ sich neben
mir nieder und sah mich fragend an. Wir Tiger durften im Rudel nur in
unserer tierischen Gestalt herumlaufen. Menschen waren verboten. Die
Tiger in unserem Rudel waren alle größtenteils dunkel, außer Mila.
Sie war etwas heller, was ihre Töchter teils auch geerbt hatten.
Auch meine Mutter war besonders. Sie hatte mir ihre Geschichte
erzählt, in der sie sich von einem gewöhnlichen Menschen in einen
Tiger verwandeln wollte, nur um mit Nico – meinem Vater –
zusammen sein zu können. Dabei ist ein Teil in ihr gestorben,
welcher sich nun durch einen Tiger ersetzt hatte. Deshalb war sie
eine wunderschöne, seltene weiße Tigerin. Ich hatte einen Teil
davon geerbt, da mein Vater jedoch ein dunkler Tiger war, war ich
eine hell silberne, nahezu weiße Tigerin mit saphirblauen Augen.
Daher kam auch mein Name.
„Ja alles ist in Ordnung, Mutter“,
antwortete ich ihr endlich. Sie sah mich skeptisch an, sagte jedoch
nichts. Ich stand auf und lief zu Lian. Wenn ich schon mein ganzes
Leben mit ihm verbringen muss, sollte ich mich doch wenigstens mit
ihm vertragen. Immerhin bin ich ja quasi mit ihm zusammen, dachte
ich und stupste ihn zur Begrüßung mit der Nase an. „Na meine
Schönheit. Wie geht es dir?“, fragte er mich liebevoll. So
schlimm ist er doch gar nicht,
dachte ich aufmunternd und antwortete: „Mir geht es gut. Eigentlich wie immer.“
Nun
kamen auch Aya und Lura angetapst und fragten Lian mit klimpernden
Augen: „Na Lian? Wie geht es dir?“ „Ganz gut, und euch?“,
fragte Lian und lächelte die Beiden an. „Hey, wisst ihr schon
davon, dass ich auch das Feuer beherrsche?“, fragte Aya aufgeregt.
Zum Beweis lies sie eine kleine Flamme mit viel Mühe im Gras
brennen. Sie ging schnell wieder aus und Aya lächelte uns
triumphierend an. Und das wars? Wenn ich das Feuer
beherrschen könnte, wäre ich bestimmt viel mächtiger als sie!,
dachte ich verächtlich. Ich erschrak über mich selbst das ich so
von ihr dachte. Was ist nur los mit mir? Wahrscheinlich
lag es einfach daran, dass die Beiden immer dann auftauchten,
wenn ich Zeit mit Lian verbringen wollte. Oder vielleicht lag es auch
daran, dass Lian Aya mit großen Augen anschaute. In ihnen lag ein
bewunderndes Glänzen und noch etwas, was ich nicht einschätzen
konnte. „Wow! Aya, das ist ja fantastisch!“, sagte Lian und
lächelte sie wieder an. Aya kicherte und sie und Lura verschwanden
wieder. Als sie so selbstgefällig davon trabten, hatte ich nur einen
Gedanken. Irgendetwas ist doch falsch an denen!
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