Mittwoch, 5. Juni 2013

KAPITEL 26

NICO

Da hatte sie mich was gefragt. Wie sollte ich ihr das sagen? Darf ich das überhaupt? Natürlich darfst du das, das ist sogar deine Pflicht! Schließlich möchte sie eine von euch werden.. Es ist ihr gutes Recht es zu erfahren!, rief mir meine innere Stimme zu. Wieso verdammt ist das alles so kompliziert? Ich suchte nach den richtigen Worten, naja, genaugenommen brauchte ich selbst eine richtige Erklärung für das alles. Erst jetzt wurde mir klar, dass ich weitaus nicht alles über meinen Stamm, über mich selbst wusste, als ich eigentlich zugab. Das Geheimnis wurde bei uns nie angesprochen, ich hatte es nur zufällig entdeckt. Nie hat mir jemand Fragen beantwortet, wie sollte ich nun also die von Scarlett beantworten? Eine unangenehme Stille umgab uns und sie saß ganz ruhig da, wagte es kaum zu atmen. „Das Geheimnis.. Darüber kann ich dir auch nicht viel erzählen. Alles was ich selbst weiß ist, dass jeder Stamm eines hütet. Es ist quasi eine bestimmte Fähigkeit, bei manchen ist es stärker ausgeprägt als bei anderem im Stamm, bei einigen sogar garnicht. Kein anderer Stamm weiß, welches Geheimnis wir genau haben, sie können es lediglich erahnen. Deshalb ist es auch immer ein Risiko, wenn man einen Stamm angreift, denn man weiß nie über welche besondere Gabe sie verfügen“, versuchte ich zu erklären. Immernoch saß sie da, still und hörte einfach nur zu. „Unser Geheimnis ist, dass wir das Feuer bändigen können. Es erfordert viel Kraft um dieses anzuwenden. Lucien beherrscht das Feuer einwandfrei, Silas und ich beherrschen es ebenfalls, aber es ist nicht so ausgeprägt wie bei Lucien. Aber auch mein Großvater Salio kann es anwenden. Allerdings wendet er es nie an, er möchte es nicht, warum, keine Ahnung. Von den anderen weiß ich das nicht. Woher diese Gaben kommen, oder wieso wir sie haben weiß ich selbst nicht. Es heißt auch, dass man diese trainieren kann, aber keiner weiß wie.“ Mein Blick wanderte zum Himmel. „Man muss einen nicht direkt in Flammen aufgehen lassen, man kann auch lediglich eine Illusion hervorrufen. Zwar ist diese genauso schmerzvoll, nur verbrennt man sich nicht daran, verstehst du?“, fragte ich sie und Scarlett nickte stumm. „Das ist unglaublich. Kannst du mir vielleicht etwas zeigen?“, fragte sie leise und schaute mich an. Ich versuchte all meine Kraft zu binden. Kraft durchströmte meinen Körper und mir wurde wärmer. Meine Hände fingen an zu kribbeln und meine Augen flackerten. Innerlich loderte das Feuer schon in mir, ich konnte es spüren. Es fühlte sich so an, als würde ich innerlich verbrennen. Meine Hand wanderte nach oben und direkt vor mir ließ ich Flammen entzünden. Erst war diese ganz klein, nur ein winziges Glühen, doch wenige Augenblicke später breitete es sich großflächig aus. Mit voller Konzentration formte ich das Feuer zu einem Herz. Dies war garnicht so leicht wie es sich anhört. Meine Finger formten das eigentliche Herz. Man kann sich das in etwa so verstellen, als wenn ich das Feuer berühren würde, mit meiner Hand alle Kanten umfahren würde, nur dass sich zwischen mir und dem Feuer Luft befand. Eine kleine Weile konnte ich es so in der Luft halten, konnte beobachten wie die Flammen züngelten und flackerten, bis meine Finger sich unangenehm verkrampften. Ich formte meine Hand zu einer Faust und das Feuer, so unlogisch es sich auch anhörte, verbrannte in sich selbst. Ich schüttelte meine Hand aus, es fühlte sich so an als würden Messer in diese einstecken. Schmerz überflutete mich, doch so schnell er gekommen war, verschwand er auch wieder und mein Zustand verbesserte sich. Scarlett schaute immernoch fasziniert auf die Stelle, wo ich eben das Feuer entfacht hatte. „Wow. Das.. das ist ja unglaublich!“, sagte sie mit leuchtenden Augen. Ich freute mich das es ihr gefallen hatte und dich nahm sie in meinen Arm. Es gab kein schöneres Gefühl als den Menschen den man über alles liebt bei sich zu haben, in den Armen zu fühlen. Auch wenn dieser Moment schön war, so plagten mich dennoch Sorgen. Sie fraßen mich innerlich auf. Immernoch konnte ich mich nicht mit dem Gedanken anfreunden, dass Scarlett gegen einen Tiger kämpfen wollte. Als hätte sie meine Gedanken gelesen drehte sie ihren Kopf zu mir und flüsterte: „Mach dir keine Sorgen, ich werde das schon schaffen!“
Ich gab ihr einen Kuss auf die Stirn und nahm ihre Hand. Zusammen gingen wir dann ins Dorf.
Felicitas schien es etwas besser zu gehen, denn sie kam auf uns zugehüpft und begrüßte uns freundlich. Silas und Mila lagen aneinander gekuschelt und Lucien lag wie üblich auf dem Felsen und schaute auf alle herab. Sein Blick ruhte auf Scarlett, was ihr sichtlich unangenehm war.
„Scarlett, was ich dir noch sagen wollte: dein Einsatz heute war sehr mutig von dir! Ohne dich wäre es wahrscheinlich nicht so gut ausgegangen!“, rief er von oben Scarlett zu und ich nickte. „Er hat Recht, Scar. Du warst unglaublich. So viel Stärke hätte ich dir nicht zugetraut“, sagte ich mit einem lächeln und sie schaute verlegen auf den Boden.
„Nico?“, fragte sie nach einer Weile. „Ich wäre glaub ich bereit. Kannst du mir das nochmal erklären was ich tun muss?“
Bereit? Nein, du bist noch nicht bereit! Du wirst es niemals sein. ICH werde es niemals sein, dachte ich, doch konnte es ihr nicht sagen. „Wir müssen einen potenziellen Gegner für dich finden, dann erkläre ich dir den Rest. Oder eher Du musst ihn finden..“, entgegnete ich und meine Gedanken wanderten sofort zurück zum Angriff. Da war diese Tigerin gewesen, sie hatte mich lähmen können, aber wie war das möglich? Woher stammte sie? Ich selbst fände es besser, wenn Scarlett gegen einen weiblichen Tiger kämpfen würde, diese sind zwar stark, aber nicht so stark wie männliche.
In Gedanken versunken schaute ich in eine Richtung. Etwas war hier falsch..
Scarlett, ich möchte dass du jetzt zu Lucien gehst. Ich bin sofort wieder da“, sagte ich leise und sie nickte. Anscheinend fühlte sie selbst, dass hier etwas nicht stimmte. Sofort ging sie auf die Empore und ich wurde Tiger. Meine Augen fixierten einen Baum, ganz weit hinten. Etwas bewegte sich dort. Langsam schlich ich mich aus dem Dorf heraus. Im Verborgenem beobachtete ich wie sich eine Tigerin erhob und hinuntersprang. Sie lief schnurstracks aus dem Dschungel hinaus und ich folgte ihr im Sprint. Auf einem großen Feld blieb sie schließlich stehen und drehte sich zu mir um. Es war die selbe Tigerin die mich heute blockiert hatte. Sie verwandelte sich in einen Menschen und stand als Alice vor mir. Auch ich tat es ihr nach und wir standen uns gegenüber. Sicherheitshalber hielt ich Abstand von ihr, bevor sie mich wieder manipulieren konnte. „Was willst du?“, fragte ich und schaute sie feindselig an. „Ich hatte dir doch gesagt, wir werden uns demnächst noch öfters sehen“, entgegnete sie fröhlich, doch als ich ein bedrohliches Knurren von mir gab, hörte sie auf zu lachen und fuhr fort: „Nico, Nico. Du bist so naiv. Eigentlich hatte ich mein Rudel auf euer gehetzt, weil Mila wieder zu uns kommen sollte, doch dann sah ich das Mädchen. Wie war ihr Name noch gleich? Scarlett? Wie dem auch sei, du glaubst doch nicht ernsthaft, du könntest mit einem Menschen zusammen leben“, sagte sie spöttisch und ging langsam auf mich zu. „Ich mache dir ein Angebot. Ihr gebt und Mila und dafür lasse ich Scarlett am leben.“ „Und wenn wir das nicht tuen?“, fragte ich sarkastisch. „Wenn nicht, dann wird deine Kleine nicht mehr lange durchhalten.. Überlege es dir gut“, sie stand bereits vor mir als sie das sagte. Eine fremde Kraft durchströmte meinen Körper und drang in mich ein. Sie versuchte mich erneut zu manipulieren. Innerlich versuchte ich eine Blockade aufzubauen und kämpfte gegen Alice an. Sie lächelte siegesicher, doch plötzlich schrack sie zurück. Was sie sah, waren Flammen in meinen Augen. „Du bist also einer der das Feuer beherrscht, ein sehr starkes Element“, sagte sie gespielt beeindruckt. „Doch du bist niemals stärker als ich!“, sagte sie und fing erneut an zu lachen. Wieder durchströmte ihre Kraft meinen Körper und riss die Blockaden nieder. Ich fiel auf dem Boden, wo ich hilflos da lag. Sie fesselte mich von innen. Langsam machte sie wieder Schritte auf mich zu und schüttelte ihren Kopf. „Du bist nicht annähernd so stark wie du tust.. Ich bin entteuscht“, rief sie beleidigt und ich ergriff diesen Moment und versuchte sie mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. Meine Konzentration wanderte zu ihr und ich ließ sie in Flammen aufgehen. Natürlich nicht wirklich, nur von Innen. Abrupt blieb sie stehen und fiel auf ihre Knie. Schreie hallten. Tränen fielen. Immernoch hing ich am Boden und versuchte mich zusammen zu reißen, denn immernoch hatte ich noch nicht die völlige Kontrolle über mich selbst. Nun lag auch Alice vor mir auf dem Boden, erlitt Schmerzen. Ihr Gesicht war von Leid gezeichnet. Meine Kraft gab nach und ich hörte auf. Trotzdem blieb sie schreiend am Boden. „Wenn du es wagst, Scarlett auch nur ein Haar zu krümmen, erfährst du was richtige Qualen sind“, sagte ich drohend und rappelte mich auf. Ihre Schreie verstummten und ich hörte von weitem Schritte näher kommen. Und zwar rasant. Sofort machte ich mich aus dem Staub und legte den schnellsten Sprint meines Lebens hin. Ich musste mich vergewissern, dass es Scarlett noch gut geht..

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