NICO
Da hatte sie mich was gefragt. Wie sollte ich ihr das sagen? Darf ich
das überhaupt? Natürlich darfst du das, das ist sogar deine
Pflicht! Schließlich möchte sie eine von euch werden.. Es ist ihr
gutes Recht es zu erfahren!, rief mir meine innere Stimme zu.
Wieso verdammt ist das alles so kompliziert? Ich suchte nach den
richtigen Worten, naja, genaugenommen brauchte ich selbst eine
richtige Erklärung für das alles. Erst jetzt wurde mir klar, dass
ich weitaus nicht alles über meinen Stamm, über mich selbst wusste,
als ich eigentlich zugab. Das Geheimnis wurde bei uns nie
angesprochen, ich hatte es nur zufällig entdeckt. Nie hat mir jemand
Fragen beantwortet, wie sollte ich nun also die von Scarlett
beantworten? Eine unangenehme Stille umgab uns und sie saß ganz
ruhig da, wagte es kaum zu atmen. „Das Geheimnis.. Darüber kann ich
dir auch nicht viel erzählen. Alles was ich selbst weiß ist, dass
jeder Stamm eines hütet. Es ist quasi eine bestimmte Fähigkeit, bei
manchen ist es stärker ausgeprägt als bei anderem im Stamm, bei
einigen sogar garnicht. Kein anderer Stamm weiß, welches Geheimnis
wir genau haben, sie können es lediglich erahnen. Deshalb ist es
auch immer ein Risiko, wenn man einen Stamm angreift, denn man weiß
nie über welche besondere Gabe sie verfügen“, versuchte ich zu
erklären. Immernoch saß sie da, still und hörte einfach nur zu.
„Unser Geheimnis ist, dass wir das Feuer bändigen können. Es
erfordert viel Kraft um dieses anzuwenden. Lucien beherrscht das
Feuer einwandfrei, Silas und ich beherrschen es ebenfalls, aber es
ist nicht so ausgeprägt wie bei Lucien. Aber auch mein Großvater
Salio kann es anwenden. Allerdings wendet er es nie an, er möchte es
nicht, warum, keine Ahnung. Von den anderen weiß ich das nicht.
Woher diese Gaben kommen, oder wieso wir sie haben weiß ich selbst
nicht. Es heißt auch, dass man diese trainieren kann, aber keiner
weiß wie.“ Mein Blick wanderte zum Himmel. „Man muss einen nicht
direkt in Flammen aufgehen lassen, man kann auch lediglich eine
Illusion hervorrufen. Zwar ist diese genauso schmerzvoll, nur
verbrennt man sich nicht daran, verstehst du?“, fragte ich sie und
Scarlett nickte stumm. „Das ist unglaublich. Kannst du mir
vielleicht etwas zeigen?“, fragte sie leise und schaute mich an.
Ich versuchte all meine Kraft zu binden. Kraft durchströmte meinen
Körper und mir wurde wärmer. Meine Hände fingen an zu kribbeln und
meine Augen flackerten. Innerlich loderte das Feuer schon in mir, ich
konnte es spüren. Es fühlte sich so an, als würde ich innerlich
verbrennen. Meine Hand wanderte nach oben und direkt vor mir ließ
ich Flammen entzünden. Erst war diese ganz klein, nur ein winziges
Glühen, doch wenige Augenblicke später breitete es sich großflächig
aus. Mit voller Konzentration formte ich das Feuer zu einem Herz.
Dies war garnicht so leicht wie es sich anhört. Meine Finger formten
das eigentliche Herz. Man kann sich das in etwa so verstellen, als
wenn ich das Feuer berühren würde, mit meiner Hand alle Kanten
umfahren würde, nur dass sich zwischen mir und dem Feuer Luft
befand. Eine kleine Weile konnte ich es so in der Luft halten, konnte
beobachten wie die Flammen züngelten und flackerten, bis meine
Finger sich unangenehm verkrampften. Ich formte meine Hand zu einer
Faust und das Feuer, so unlogisch es sich auch anhörte, verbrannte
in sich selbst. Ich schüttelte meine Hand aus, es fühlte sich so an
als würden Messer in diese einstecken. Schmerz überflutete mich,
doch so schnell er gekommen war, verschwand er auch wieder und mein
Zustand verbesserte sich. Scarlett schaute immernoch fasziniert auf
die Stelle, wo ich eben das Feuer entfacht hatte. „Wow. Das.. das
ist ja unglaublich!“, sagte sie mit leuchtenden Augen. Ich freute
mich das es ihr gefallen hatte und dich nahm sie in meinen Arm. Es gab
kein schöneres Gefühl als den Menschen den man über alles liebt
bei sich zu haben, in den Armen zu fühlen. Auch wenn dieser Moment
schön war, so plagten mich dennoch Sorgen. Sie fraßen mich
innerlich auf. Immernoch konnte ich mich nicht mit dem Gedanken
anfreunden, dass Scarlett gegen einen Tiger kämpfen wollte. Als
hätte sie meine Gedanken gelesen drehte sie ihren Kopf zu mir und
flüsterte: „Mach dir keine Sorgen, ich werde das schon schaffen!“
Ich gab ihr einen Kuss auf die Stirn und nahm ihre Hand. Zusammen
gingen wir dann ins Dorf.
Felicitas schien es etwas besser zu gehen, denn sie kam auf uns
zugehüpft und begrüßte uns freundlich. Silas und Mila lagen
aneinander gekuschelt und Lucien lag wie üblich auf dem Felsen und
schaute auf alle herab. Sein Blick ruhte auf Scarlett, was ihr
sichtlich unangenehm war.
„Scarlett, was ich dir noch sagen wollte: dein Einsatz heute war
sehr mutig von dir! Ohne dich wäre es wahrscheinlich nicht so gut
ausgegangen!“, rief er von oben Scarlett zu und ich nickte. „Er
hat Recht, Scar. Du warst unglaublich. So viel Stärke hätte ich dir
nicht zugetraut“, sagte ich mit einem lächeln und sie schaute
verlegen auf den Boden.
„Nico?“, fragte sie nach einer Weile. „Ich wäre glaub ich
bereit. Kannst du mir das nochmal erklären was ich tun muss?“
Bereit? Nein,
du bist noch nicht bereit! Du wirst es niemals sein. ICH werde es
niemals sein, dachte ich, doch
konnte es ihr nicht sagen. „Wir müssen einen potenziellen Gegner
für dich finden, dann erkläre ich dir den Rest. Oder eher Du
musst ihn finden..“, entgegnete ich und meine Gedanken wanderten
sofort zurück zum Angriff. Da war diese Tigerin gewesen, sie hatte
mich lähmen können, aber wie war das möglich? Woher stammte sie?
Ich selbst fände es besser, wenn Scarlett gegen einen weiblichen
Tiger kämpfen würde, diese sind zwar stark, aber nicht so stark wie
männliche.
In
Gedanken versunken schaute ich in eine Richtung. Etwas war hier
falsch..
„Scarlett,
ich möchte dass du jetzt zu Lucien gehst. Ich bin sofort wieder da“,
sagte ich leise und sie nickte. Anscheinend fühlte sie selbst, dass
hier etwas nicht stimmte. Sofort ging sie auf die Empore und ich
wurde Tiger. Meine Augen fixierten einen Baum, ganz weit hinten.
Etwas bewegte sich dort. Langsam schlich ich mich aus dem Dorf
heraus. Im Verborgenem beobachtete ich wie sich eine Tigerin erhob
und hinuntersprang. Sie lief schnurstracks aus dem Dschungel hinaus
und ich folgte ihr im Sprint. Auf einem großen Feld blieb sie
schließlich stehen und drehte sich zu mir um. Es war die selbe
Tigerin die mich heute blockiert hatte. Sie verwandelte sich in einen
Menschen und stand als Alice vor mir. Auch ich tat es ihr nach und
wir standen uns gegenüber. Sicherheitshalber hielt ich Abstand von
ihr, bevor sie mich wieder manipulieren konnte. „Was willst du?“,
fragte ich und schaute sie feindselig an. „Ich hatte dir doch
gesagt, wir werden uns demnächst noch öfters sehen“, entgegnete
sie fröhlich, doch als ich ein bedrohliches Knurren von mir gab,
hörte sie auf zu lachen und fuhr fort: „Nico, Nico. Du bist so
naiv. Eigentlich hatte ich mein Rudel auf euer gehetzt, weil Mila
wieder zu uns kommen sollte, doch dann sah ich das Mädchen. Wie war
ihr Name noch gleich? Scarlett? Wie dem auch sei, du glaubst doch
nicht ernsthaft, du könntest mit einem Menschen zusammen leben“,
sagte sie spöttisch und ging langsam auf mich zu. „Ich mache dir
ein Angebot. Ihr gebt und Mila und dafür lasse ich Scarlett am
leben.“ „Und wenn wir das nicht tuen?“, fragte ich sarkastisch.
„Wenn nicht, dann wird deine Kleine nicht mehr lange durchhalten..
Überlege es dir gut“, sie stand bereits vor mir als sie das sagte.
Eine fremde Kraft durchströmte meinen Körper und drang in mich ein.
Sie versuchte mich erneut zu manipulieren. Innerlich versuchte ich
eine Blockade aufzubauen und kämpfte gegen Alice an. Sie lächelte
siegesicher, doch plötzlich schrack sie zurück. Was sie sah,
waren Flammen in meinen Augen. „Du bist also einer der das Feuer
beherrscht, ein sehr starkes Element“, sagte sie gespielt
beeindruckt. „Doch du bist niemals stärker als ich!“, sagte sie
und fing erneut an zu lachen. Wieder durchströmte ihre Kraft meinen
Körper und riss die Blockaden nieder. Ich fiel auf dem Boden, wo ich
hilflos da lag. Sie fesselte mich von innen. Langsam machte sie
wieder Schritte auf mich zu und schüttelte ihren Kopf. „Du bist
nicht annähernd so stark wie du tust.. Ich bin entteuscht“, rief
sie beleidigt und ich ergriff diesen Moment und versuchte sie mit
ihren eigenen Waffen zu schlagen. Meine Konzentration wanderte zu ihr
und ich ließ sie in Flammen aufgehen. Natürlich nicht wirklich, nur
von Innen. Abrupt blieb sie stehen und fiel auf ihre Knie. Schreie
hallten. Tränen fielen. Immernoch hing ich am Boden und versuchte
mich zusammen zu reißen, denn immernoch hatte ich noch nicht die
völlige Kontrolle über mich selbst. Nun lag auch Alice vor mir auf
dem Boden, erlitt Schmerzen. Ihr Gesicht war von Leid gezeichnet.
Meine Kraft gab nach und ich hörte auf. Trotzdem blieb sie schreiend
am Boden. „Wenn du es wagst, Scarlett auch nur ein Haar zu krümmen,
erfährst du was richtige Qualen sind“, sagte ich drohend und
rappelte mich auf. Ihre Schreie verstummten und ich hörte von weitem
Schritte näher kommen. Und zwar rasant. Sofort machte ich mich aus
dem Staub und legte den schnellsten Sprint meines Lebens hin. Ich
musste mich vergewissern, dass es Scarlett noch gut geht..
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