Montag, 10. Juni 2013

KAPITEL 28 [Ende des ersten Buches]

NICO

„Scarlett! Nein!“, schrie ich mit Lucien wie aus einem Mund und sprang sofort zu ihr. Meine Befürchtungen waren wahr geworden. Vor mir lag Scarlett auf dem Boden. Behutsam legte ich ihren Kopf auf meinen Schoß und Lucien versuchte ihre Blutung zu stoppen. Vorsichtig tupfte er das Blut an ihrem Hals weg. Doch es half alles nichts, denn ihr Atem wurde immer flacher und ihr Herzschlag langsamer. „Bitte nicht! Halte durch Scar“, flüsterte ich und strich ihr über ihr Gesicht. Aber es war zu spät. Ihr Herz kam zum Stillstand und sie lag regungslos auf mir. „Nein, das.. Das kann nicht sein.. Scar“, krächzte ich und schüttelte meinen Kopf. Ich konnte einfach nicht glauben, dass das das Ende war. Meine Kehle schnürte sich zu und der Atem blieb mir weg. Nicht Scarlett.., dachte ich und senkte meinen Kopf. Jemand legte mir eine Hand auf die Schulter. Es war Felicitas, die sich neben mich setzte. „Nico, es tut mir Leid..“, sagte sie zu mir und ich schüttelte ihre Hand ab. Mitleid war das letzte, was ich jetzt brauchte. Ich versuchte aufzustehen, doch meine Beine gaben unter mir nach. Besorgt griff Felicitas nach mir und half mir hoch. „Geht schon“, war alles, was ich an Worten noch finden konnte. Nun nahm ich auch Scarlett auf die Arme und trug sie in meine Höhle, wo ich sie auf einem flachen Felsen nieder legte. Vorsichtig faltete ich ihre Hände und strich ihre Sachen zurecht. „Es tut mir Leid Scar. Ich hätte besser auf dich aufpassen müssen.. Bitte verzeih mir“, flüsterte ich, in der Hoffnung, sie könnte mich wirklich hören. „Ich liebe dich“, sagte ich noch zuletzt und küsste sie auf die Stirn. Dann zerrte mich Mila bereits aus der Höhle und versperrte den Eingang. „Es ist nicht gut für dich“, sagte sie nur und hielt mich davon ab, auch nur noch einen einzigen Blick in die Höhle zu werfen. Alle Augen waren auf mich gerichtet. In diesen lag Mitleid. Ich hatte mich nicht mehr unter Kontrolle. Es war als würde mir jemand ein Messer mitten in mein Herz rammen. Es war Schmerz. Doch Schmerz allein konnte mich nicht unter kriegen. Da war noch etwas. Unkontrollierbare Wut. Sie war so ziemlich das Schlimmste, was man fühlen konnte. Trauer schlich sich noch dazu. Keiner weiß, was Trauer gemischt mit unstillbarer Wut ist. Es ist schrecklich, denn es frisst mich auf. Innerlich war ich bereits am Boden. Es war nur eine Frage der Zeit bis ich auch äußerlich zusammen brach. Immernoch waren alle Augen auf mich gerichtet. Auch Silas hatte ich nun entdeckt. Er machte ein paar Schritte auf mich zu, doch ich knurrte nur laut und nahm mein Tigerwesen an. Ein lautes Brüllen stieß ich aus und Silas blieb stehen. Stille folgte. Ich konnte es hier nicht mehr aushalten, denn alles zerrte an mir und zwang mich zu Boden. Mit gesenktem Kopf verließ ich erst das Dorf, dann den Dschungel. Ziellos trabte ich durch die Gegend ohne zu wissen, wo ich eigentlich war. Gedanken schwirrten mir durch den Kopf und Fragen, welche ich selbst aber nicht beantworten konnte.
Das ist alles meine Schuld. Ich hätte besser auf Scarlett aufpassen müssen. Was hatte ich mir eigentlich dabei gedacht, sie könnte wirklich eine von uns werden? Wie konnte ich einer alten Legende mehr Glauben schenken, als meinem eigenem Verstand? War es nicht klar, dass sie nicht zu uns passte? Nicht in meine Welt? Schließlich sind Menschen nicht ohne Grund bei uns verboten.. Ich hatte Scarlett in Gefahr gebracht. Das alles wäre nicht passiert, hätte ich sie nicht zu mir mitgenommen, sie garnicht erst kennen gelernt. Scarlett, ich hoffe du kannst mir verzeihen. Wieso hatten wir beide geglaubt, du könntest es tatsächlich schaffen? Wieso hatten wir so sehr auf die Legende vertraut? Sie hat doch nicht funktioniert, es hat dein Leben gekostet.. Lucien hätte niemals zulassen dürfen, dass ich dich mitbringe. Silas hätte mir es ausreden sollen, mich mit dir zu verabreden und Felicitas genauso. Dabei, hatten sie dies alles getan, nur ich hatte nicht auf sie gehört.. Das werde ich mir selbst niemals vergeben.
Ich war am Fuße eines hohen Berges angekommen und beschloss, dort hinauf zu steigen. Der Himmel war mein Ziel, auch wenn ich dort selbst nicht hin gelangen konnte, so wollte ich ihm wenigstens näher sein. Kilometerweit war ich gelaufen, doch ich wollte weiter. Jeder Schritt fühlte sich so an, als würde ich über glühend heiße Kohlen laufen und jeder Atemzug, als würde ich Gift einatmen. Es war die Hölle. Trotzdem kämpfte ich mit mir selbst und gelangte nach ganz oben. Dort ließ ich mich nieder und brüllte mir die Seele aus dem Leib. Den Schmerz. Die Wut. Schließlich fielen mir meine Augen zu und ich schlief ein.

Kurze Zeit später wurde ich von Schritten geweckt. Neben mir breitete sich ein Schatten aus und ich öffnete langsam die Augen. Eine anmutige Frau stand nun vor mir. Sie trug ein weißes, langes Kleid, welches im Wind flatterte. Ihre Haare waren Braun und hatten einen zarten Rotstich. Sommersprossen umspielten ihre Nase und Wangen. Ich rieb mir meine Augen und setzte mich aufrichtig auf. Sie ließ sich neben mir nieder und lächelte mir zu. „Es ist schön hier, oder?“, sagte sie mit einer lieblichen Stimme. Ich zuckte nur mit den Schultern und musterte sie. „Wie heißt du?“, fragte sie mich und ich nannte ihr meinen Namen. „Nico also. Du bist doch einer von Luciens Jungs, oder?“
„Ja, aber woher weißt du das?“
„Er hatte mich damals mit Trie gerettet. Apropos, wie geht es ihm denn?“
„Trie ist vor wenigen Tagen gestorben. Er ist in einem Kampf gefallen“, antwortete ich und sie schaute mich erstaunt an. „Nein.. Das kann nicht sein.. Reden wir grade vom selben Tiger?“
„Leider ja“, sagte ich und ihr Gesichtsausdruck verzerrte sich.
„Oh. Ich wollte ihn noch so gerne sehen.. Im übrigen heiße ich Chayenne. Eigentlich wollte ich mich hier mit meinem Freund treffen, doch er scheint noch nicht hier zu sein. Und wieso bist du hier? Wartest du auf deine Freundin?“, fragte sie und versuchte wieder zu lächeln.
„Schön wärs. Sie lebt nicht mehr, und das ist alles meine Schuld..“, wieder bekam ich kaum noch Luft. Chayenne wirkte sehr sympathisch, sie strahlte Freude aus. Lebenslust. Alles, was mir zurzeit fehlt, dachte ich und sie runzelte die Stirn.
„Das tut mir Leid. Wie hieß sie denn?“
„Scarlett.“ Ihr Name flog über meine Lippen und meine Haut fing an zu kribbeln.
„Sie war aber keine Tigern, oder? Sonst würde ich sie kennen.“
 „Nein, sie war ein Mensch. Das ist ja das Problem. Ich wünschte dieser Legende niemals Glauben geschenkt zu haben..“, sagte ich immer leiser werdent und sie schüttelte den Kopf.
„Willst du damit sagen, dass sie eine Tigerin werden wollte? Aber dann ist doch noch nichts verloren!“, sagte sie aufmunternd.
„Was heißt hier noch nichts verloren? Sie ist tot!“
„Ich glaube als du die Legende gehört hast, hast du nur halb zu gehört“, lachte Chayenne und diesmal war ich derjenige, der die Stirn runzelte. „Also, ich möchte es dir ganz erklären. Wenn ein normaler Mensch zu einem Tiger werden möchte, muss dieser sich erstmal einen Stamm suchen, dem er beitreten möchte. Wenn dieser dann die Zusage gibt, den Menschen bei sich auf zu nehmen, muss dieser seine Stärke und Geschicklichkeit in einem Kampf beweisen. Er muss einen ausgewachsenen Tiger, ganz gleich welchen Stammes und unabhängig welches Geschlechtes, töten und den Körper dem Rudelführer vor die Füße legen. Doch ein wichtiges Detail wird meistens vergessen: Um die Verwandlung komplett zu machen, muss auch der Mensch sterben. Dabei stirbt ein Teil der menschlichen Seele und schafft so Platz um der des nun verstorbenden Tigers sich ein zu nisten. Verstehst du das? Die eigene Seele wird in zwei geteilt, um einen neuen Teil zuzulassen. Äußerlich mag deine Freundin vielleicht tot wirken, aber Innerlich steckt sie noch voller Leben!“
Chayennes Augen leuchteten auf und auch meine Mundwinkel zuckten nach Oben. Also gibt es noch Hoffnung? Scarlett ist gar nicht tot? Ich war kurz davor Freudensprünge zu machen, als wieder die altbekannten Zweifel aufkamen.
„Aber woher weißt du das?“, fragte ich und wollte eigentlich keine Antwort. Was sie sagte genügte mir um mich wieder gut zu fühlen.
„In unserem Stamm wird diese Legende mündlich immer weiter überliefert. Meine Urgroßmutter war ein normaler Mensch gewesen, bis sie sich in meinen Urgroßvater verliebte. Die ganze Legende gerät oft in Vergessenheit, deshalb hütet mein Stamm sie gut, damit genau das nicht in Vergessenheit gerät. Und nun lauf zu Scarlett! Vielleicht wartet sie schon auf dich“, befiel sie mir und lachte dabei. „Ich danke dir vielmals. Bitte lass alles was du gesagt hast Stimmen. Ich hoffe wir sehen uns wieder“, sagte ich mit solch einem leuchten in den Augen, welches ich noch nie hatte.
„War nett dich kennen zu lernen, Nico. Richte Lucien schöne Grüße von mir aus!“, rief sie mir nach und schon war ich verschwunden. Zwar wusste ich nicht wo ich war, aber ich hatte ein sehr gutes Gedächtnis. Ich nahm den selben Weg wieder zurück und raste nahezu dabei. Ich hoffe Scarlett ist noch nicht aufgewacht.. Zu gerne würde ich sie als Erster sehen! Glücksgefühle flossen durch meinen Körper und gaben mir das nötige Adrenalin um so schnell wie möglich wieder zu Hause zu sein. Erst im Dorf verlangsamte ich mein Tempo und hielt wenige Meter vor der Höhle an. Erstaunt schauten mich Felicitas und Mila an, die neben der Höhle lagen, die Köpfe auf ihren Pfoten. Ich strahlte Freude aus, der Rest des Dorfes versank in Trauer. „Ist sie schon aufgewacht?“, fragte ich die beiden, doch Mila schenkte mir nur einen „Alles in Ordnung?“- Blick. Bei Felicitas sah es genauso aus. Irritiert starrte sie mich an. „Was meinst du?“, fragte sie. Auch Lucien kam nun zu uns getrottet und musterte mich genau. Doch ich hatte keine Zeit für Erklärungen, denn ich sah etwas unglaubliches. Vor mir trat ein wunderschöner weißer Tiger aus der Höhle. Ihre Augen waren tiefblau. Ich verwandelte mich nun in einen Menschen, um sie in meine Arme schließen zu können. Auch sie tat es mir nach und trat einen Schritt vor. Sie war zwar noch Scarlett, so wie ich sie zuletzt gesehen hatte, doch etwas hatte sich an ihr verändert. Was genau konnte ich nicht sagen, vielleicht war sie einfach noch schöner geworden. Behutsam nahm ich sie in meine Arme. „Oh Gott, Scarlett. Ich dachte.. ich dachte du wärst..“, mehr brachte ich nicht über die Lippen. Ich wollte mich nicht mehr daran erinnern, wie ich mich vorhin noch gefühlt hatte. „Ich habe es geschafft, Nico. Ich habe es tatsächlich geschafft!“, sagte sie kaum hörbar und eine Freudenträne kullerte über ihre Wange. Scarlett strahlte wie die Sonne und ich vermutlich genauso. „Das sehe ich. Und ich lasse dich nie wieder los. Egal was passiert!“
„Versprichst du mir das?“, fragte sie lächelnd.
Ihr Lächeln nach all dem ganzen ist unglaublich. Es ist das schönste was ich seit langem sah. Ich glaube daran, dass alles für etwas bestimmtes geschaffen ist. War es Schicksal oder nur reiner Zufall, dass Scarlett damals angerufen hatte? War es Schicksal oder bloß Zufall, dass ich mich in sie verliebte? Ist es Ihr Schicksal, dass sie nun das ist, was sie ist; eine Tigerin? Also ich glaube schon. Ich glaube an das Schicksal, denn alles hat doch einen bestimmten Grund, warum Dinge geschehen, wie sie geschehen. Früher dachte ich, als ich klein war, Mila wäre mein Schicksal. Doch so ganz stimmt das nicht. Sie ist eher ein Teil davon. Genauso wie alle anderen, die ich bisher getroffen habe. Das Schicksal spielt mit mir. Es hat mich vieles glauben lassen und oft in die Irre geführt, doch nun habe ich den richtigen Weg gefunden. Jetzt spiele ich mit dem Schicksal. Denn egal was es mir noch für Überraschungen über meinen Weg wirft, Scarlett werde ich nicht mehr loslassen. Egal was kommt. Selbst wenn sie mich mal verlassen sollte, werde ich mit ihr gehen. Sie gehört mir, wirklich nur mir. Und das, ein Leben lang.
„Ich verspreche es dir! Denn das Schicksal hat mir dich gebracht, genau wie all die anderen Dinge, die noch kommen werden. In der Zukunft!“

Doch nicht alles war immer so einfach, wie es schien. Denn der Schein trügt oft.. Trotzdem haben wir gemeinsam alles überstanden. Gute Freunde sind gekommen und gegangen, genauso wie Probleme. Nun erwarten wir eine Tochter. Wir tauften sie Saphir, weil ihre Augen genauso funkelten. Immer dachten wir, die Vergangenheit wäre schlimm gewesen, doch da hatten wir noch keine Ahnung von der Zukunft...

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