Freitag, 31. Mai 2013

KAPITEL 24

NICO

Scarlett hatte beschlossen den Tag mit Felicitas und Mila zu verbringen, was ich ihr nicht übel nehmen konnte, weil auch sie Abwechslung brauchte. Immer war sie mit mir unterwegs und redete nur mit mir. Die anderen kannte sie garnicht wirklich. Was mich allerdings sehr verwundert, dass Scarlett sich mit Mila versteht.. Hat Mila sie Anfangs nicht gehasst?
Wie immer war es ein sonniger Tag und keine einzige Wolke war in Sicht. Da wir zurzeit einen Menschen, also Scarlett, bei uns aufgenommen hatten, brauchten wir Geld, um sie mit Nahrung zu versorgen, also schickte Lucien mich mit Silas wieder auf die Werkstatt. Das war sogar eine ausgeprochen gute Idee, denn ich konnte mich nicht erinnern, wann ich zum letzten Mal was mit meinem Kumpel Silas gemacht hatte. Ständig war etwas dazwischen gekommen, aber heute machten wir uns einen reinen Männer- Tag und machten das, was wir normalerweise so auf der Werkstatt machten – nämlich Nichts. Aber es war nicht unwichtig, im Gegenteil, denn wir machten zusammen Nichts. Im Schatten saßen wir da also, wie früher als Scarlett zum ersten Mal angerufen hatte und um Hilfe bat, auf der kleinen Holzbank und beobachteten die Ferne. Silas kramte aus seiner Jackentasche eine Schachtel Zigaretten hervor und bot mir eine an, doch ich schüttelte nur den Kopf. Er selbst machte sich eine an und schaute mich verwundert an. „Scarlett mag es nicht wenn ich rauche. Ich hatte ihr versprochen damit aufzuhören“, erklärte ich. Ruhig saß er da und musterte mich, bis auch er das Wort fand: „Apropos Scarlett, wo hast du sie gelassen? Man trifft dich nicht oft ohne sie an deiner Seite an.“ „Sie unternimmt was mit den Mädels“, antwortete ich. Silas zog an seiner Zigarette und ich musste mich zusammen reißen. Ich darf nicht!, wiederholte ich ein paar mal in meinem Kopf und wendete meinen Blick von ihm ab. „Und du? Dich sieht man überhaupt nicht mehr“, versuchte ich mich abzulenken und biss die Zähne zusammen.
Silas sah mich ernst an, als stände er vor einer wichtigen Entscheidung. Eine Weile lang saßen wir schweigend nebeneinander und starrten uns an. Silas war Unsicher, er wollte etwas sagen, doch er fand die Worte dafür nicht. „Was ist los?“, fragte ich und versuchte dabei so ernst wie nur möglich zu klingen. Er schaute weg und überlegte, was er sagen konnte. „Ich weiß das klingt jetzt vielleicht komisch aber..“, setzte Silas an und legte eine kurze Pause ein, „also, die Sache ist die, du warst in letzter Zeit so sehr mit Scarlett beschäftigt, da hatte ich mich um Mila gekümmert und.. Naja, jedenfalls finde ich sie sehr Attraktiv und.. Und..“, er suchte nach den richtigen Worten, doch er fand sie nicht. Erstaunt guckte ich ihn an. „Ihr wärt ein wundervolles Paar“, entgegnete ich ihm und seine Mundwinkel zuckten kurz nach Oben. „Nur weiß ich jetzt nicht, ob sie mich auch liebt..“, sagte er und er klang traurig. So habe ich Silas ja noch nie erlebt, den hats diesmal aber wirklich getroffen! „Mach dir darum keinen Kopf, das wird schon. Ich könnte schwören dass sie dich auch liebt“, sagte ich aufmunternd und stand auf. Diese Hitze hier war unerträglich. „Bier?“, fragte ich kurz und er nickte. Langsam ging ich in die Werkstatt. Die Luft war hier sehr stickig, ich hätte sterben können. Kann der liebe Gott uns nicht einmal Regen schicken?, fragte ich mich und holte zwei Dosen Bier aus dem Kühlschrank. Es ist ja nicht so als wenn ich lieber im strömendem Regen arbeite, aber eine nette Abwechslung wäre es auf jeden Fall. Die letzten drei Wochen hatte es hier nicht geregnet, was allerdings auch mehr Touristen hergeführt hatte. Das war woll das Stichwort: Touristen. Als ich nach draußen kam war Silas grade am telefonieren und legte grade auf, als ich kam. Ich drückte ihm sein Bier in die Hand und öffnete meines. „Scheint als bekämen wir gleich arbeit, ein Typ mit Kindern und Frau kommen gleich vorbei und wollen deren Wagen durchchecken lassen und einer jungen Frau ist ein Reifen geplatzt, sie ist in zehn Minuten hier.“
Zusammen stießen wir an uns tranken das gekühlte Bier. Es tat unglaublich gut, wie das kalte Geträng die Kehle hinunter rannte. Neue Energie floss durch meinen Körper und auch Silas wirkte Aktiv. Es gibt doch nichts über ein kaltes Bier mit dem besten Kumpel an einem heißen Tag!

Wie Silas bereits angekündigt hatte, kam eine junge Frau in unsere Werkstatt gefahren. Der Wagen fuhr langsam und schief. Der linke Hinterreifen war geplatzt und der Auspuff stieß viel Rauch aus. Das Auto, was übrigens ein weißer und älterer Mercedes war, parkte neben uns und eine junge Brünette stieg aus. Ich schätzte sie auf 23 Jahre. Sie hatte eine große Sonnenbrille an und trug ein enges weißes Top und eine kurze Hotpans. Die Frau zog ihre Sonnenbrille hoch und ich sah ihre dunkel blauen Augen. Sie lächelte und hielt mir ihre Hand hin. „Alice Meyer, ich hatte eben angerufen, wegen meinem Reifen“, sagte sie mit einer hellen Stimme und begrüßte auch Silas. Alice war erstaunlich klein, 1,58m vielleicht, aber nicht mehr, und das obwohl sie hohe Schuhe trug. Silas unterhielt sich kurz mit der Dame und verabschiedete sich dann, weil die nächsten Kunden auch schon eintrafen. „Also, was genau kann ich für sie tun?“, fragte ich höflich und setzte mein freundlichstes Lächeln auf, das ich besaß. „Du kannst mich ruhig Duzen, ich steh nicht so auf dieses Siezen, da fühle ich mich immer so alt“, sagte sie und fing an zu lachen. Auch ich versuchte ein kleines Lachen heraus zu bekommen. Oh je, dachte ich, bitte lass das keine von diesen Frauen sein, die Stundenlang wie ein Wasserfall reden.. „Also, es wäre nett wenn du mir den Reifen wechseln könntest und vielleicht nochmal den ganzen Wagen durchchecken könntest, ich hab nämlich noch eine lange Fahrt vor mir!“ Ich nickte kurz und wollte mich grade an die Arbeit machen, als sie wieder anfing zu reden. Ich nahm Alice garnicht wirklich wahr, sondern nickte und lächelte nur und hoffte, sie stellte keine Fragen. Nach gefühlten zehn Minuten zuhören fragte sie mich, ob sie kurz ins Bad könnte. „Aber natürlich, wenn du jetzt hier rein gehst, direkt die erste Tür links“, erklärte ich ihr und deutete ihr mit eine kurzen Armbewegung die Richtung. Alice bedankte sich und ging schnell davon. Wenn ich mich jetzt nicht beeile, werde ich wohl niemals fertig..
Ich begann mir den Wagen anzuschauen und fuhr ihn in die Werkstatt und fing an den Reifen zu wechseln. Nach wenigen Minuten kam Alice wieder und gesellte sich zu mir. Ohne sie auch nur eines Blickes zu würdigen fuhr ich mit meiner Arbeit fort. Auch wenn ich mit dem Rücken zu ihr stand und sie nict sehen konnte, so spürte ich doch ihre Blicke auf mir ruhen. Es war unangenehm, es fühlte sich an, als würde sie mich mit ihren Blicken durchstechen. Und dieses Gefühl wurde immer schlimmer und unerträglicher. Plötzlich drehte ich mich zu ihr um und blickte in ihre Augen. Ich konnte ein kleines Blitzen vernehmen und sie zuckte zusammen. „Mein Gott, hast du mich erschreckt!“, sagte sie und hielt sich eine Hand an ihre Brust. Nun war ich derjenige, der sie anstarrte und ich sah, wie sie zusammenzuckte. „Silas, bringst du der Dame bitte ein Glas Wasser, sie verdurstet noch!“, rief ich ohne meine Augen von ihr abzuwenden. „Das ist doch nicht nötig!“, rief sie gespielt überrascht und winkte dabei mit den Händen. „Doch, doch. Ich bestehe darauf. Geh doch bitte nach draußen in den Schatten und Silas bringt dir was zu trinken. Dein Auto ist gleich fertig“, sagte ich überzeugend und zögerlich drehte sie sich um und ging. Wer ist sie? Zügig fuhr ich mit der Arbeit fort und wechslete den Reifen. Dann checkte ich noch kurz das Auto durch und fuhr es hinaus auf den Parkplatz. Alice kam natürlich sofort angetrabt - und ich fragte mich wirklich wie sie es schaffte auf diesen Todesabsätzen zu laufen ohne dabei umzuknicken - und stellte sich an meine Seite. „Oh vielen Dank! Wie viel bekommst du?“, sagte sie überschwänglich glücklich und ich hätte ihr am liebsten gesagt gar nichts, es würde reichen wenn sie verschwinde, aber natürlich nannte ich ihr die richtige Summe und sie zuckte ihren Geldbeutel. „So bitteschön, ich rufe wieder an, falls ich erneut Hilfe brauche!“, sagte sie und fiel mir um den Hals. Ihre Haut brannte auf meiner wie Feuer und ich wollte sie von mir stoßen, doch ich wahr bewegungsunfähig. Wie konnte eine junge attraktive Frau so viel Schmerz mit einer einzigen Berührung mit sich bringen? Alice war stark, das spürte ich. Aber wieso war sie dann hier? Ich korriegiere meine Frage von vorhin. WAS ist sie? - „Das wirst du noch früh genug herausfinden“, hallte es durch meinen Kopf und ich erschrack. Konnte sie meine Gedanken lesen? Wie gelangte ihre Stimme in meinen Kopf? Endlich löste sie sich von mir und trat einen Schritt zurück. Ein breites Grinsen hatte sich über ihr Gesicht geschlichen. Sofort hörte das brennen auf meiner Haut auf und ich versuchte ruhig zu bleiben. „Also dann, wir werden uns noch öfter begegnen, glaube ich“, sagte sie während sie in ihren Wagen stieg und ihre Sonnenbrille aufsetzte. Bevor sie wegfuhr warf sie mir noch eine Kusshand zu. Als wäre diese ein Pfeil gewesen, bohrte sich dieser in mich hinein und ich begann zu taumeln. Sofort eilte Silas mir zur Hilfe und stütze mich. „Was ist sie?“, fragte ich in die Richtung zu der Sie verschwunden war und schüttelte dabei den Kopf.

Ein kühler Wind wehte mir durchs Fell und ich sprang über den großen Graben. Als ich wieder aufkam, drohte ich wegzuknicken und taumelte ein paar Schritte zur Seite. Silas sah mich fragend an, doch ich ignorierte ihn und setzte zum Sprint an. Ich wollte nur noch so schnell wie möglich zurück nach hause. Auch wenn es bereits spät Abends war hatte ich noch vor mit Scarlett zu trainieren. Schließlich stand ihr eine große Prüfung bevor, in dem es um ihr Leben ging. Sie sollte stark genug sein, um gegen einen Tiger zu kämpfen. Auch wenn das fast unmöglich war, so glaubte ich dennoch an sie. In Wahrheit wollte ich nichts mehr, als dass sie gewinnt. Mittlerweile war sie in den Mittelpunkt meines Lebens gerückt, sie war mein Lebensinn!
Ich war lauter als gewohnt, bei jedem Schritt den ich machte raschelte das Laub unter meinen Pfoten. Anscheinend hatten das auch alle anderen gehört, denn alle starrten mich an, als ich im Dorf ankam. Wütend brüllte ich und sofort wanten sich alle ab. Nur Scarlett kam auf mich zu und ich verwandelte mich, um sie zu umarmen. Im Gegensatz zu Alice verbrannte meine Haut nicht, wenn wir uns berührten, ganz im Gegenteil, sie heilte mich sogar. Ihr Kuss gab mir neue Energie. „Und wie war dein Tag?“, fragte ich sie mit einem lächeln im Gesicht, was selbst alle anderen irritierte. Doch ehe sie mir antworten konnte, ergriff Mila das Wort. Sofort wanderten alle Augen auf sie und einige werwandelten sich sogar zu Menschen, um sie besser verstehen zu können. „Ich möchte euch allen etwas Mitteilen“, rief sie zögerlich in die Runde und warf Felicitas einen verzweifelten Blick zu, aber sie nickte nur und lächelte. Mila lächelte zurück und redete weiter: „Ihr wisst ja dass Nico jetzt mit Scarlett zusammen ist, was mich anfangs auch sehr wütend und verletzt gemacht hat. Ich habe Dinge gesagt und getan, die unverzeihlich sind, trotzdem möchte ich mich dafür entschuldigen.“ Scarlett lächelte und Mila nickte. „Es freut mich dass wir uns jetzt so gut verstehen, Scarlett. Vielleicht muss ich mich sogar bei dir bedanken, denn du hast mir die Augen geöffnet und gezeigt, dass Nico nicht der richtige für mich ist. Und ich glaube, ich habe den Richtigen jetzt gefunden“, ihr Blick wanderte zu Silas, welcher sie aufmerksam betrachtete. „Dieser jemand war die ganze Zeit über bei mir gewesen und ich hatte es nicht gemerkt. Silas, du warst für mich da als ich am Boden zerstört war. Du hast mich beschützt und warst in dieser Zeit nicht einmal von meiner Seite gewichen. Es tut mir Leid, dass ich das nicht schon früher gemerkt habe..“, sagte sie und ihr liefen Tränen über die Wangen. Silas lief auf sie zu und wischte ihr die Tränen trocken. Dann küsste er sie und alle um sie herum fingen an zu klatschen. Auch ich klatschte und küsste Scarlett ebenfalls. Nun war auch Mila glücklich, genauso wie ich. Es gab mir wieder ein gutes Gefühl, ich konnte sie wieder ansehen, ohne dabei gleich an ihre Gefühle für mich zu denken. Es war wohl Schicksal, dass wir uns trennten. Man könnte es auch als dummen Zufall sehen, aber ich glaube es war mehr. Die Frage ums Schicksal beschäftigt mich schon mein Leben lang, aber ich kann keine Antwort darauf finden. Ich meine, wie soll ich an etwas glauben, was ich nicht sehen kann? Es gibt keine eindeutigen Beweise fürs Schicksal. Was ist Schicksal eigentlich? Ich glaube Scarlett ist mein Schicksal, aber da ist es wieder, ich glaube. Ich weiß es nicht, aber ich hoffe es sehr. Diese ganze Ungewissheit bringt mich noch um. Bitte, liebes Schicksal, was auch immer du bist, lass mich einfach für immer bei Scarlett bleiben, mehr will ich doch gar nicht, verdammt. Mehr will ich nicht!

Das Training für heute Abend war kürzer als die zuvor. Es gab einfach jetzt um diese Uhrzeit nichts mehr zu trainieren, es wahr stockdunkel. Sie sollte vertrauen auf ihre Instinkte haben, mit dem Körper sehen und nicht mit den Augen. So wie ein richtiger Tiger. Aber sie sollte auch so viel Vertrauen in mich haben, dass sie mir auch blind durch den Dschungel folgt..

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