SCARLETT
„Lauf mit mir“, flüsterte Nico
und wir sprinteten über ein großes Feld. Wieso war ich auf einmal
so schnell? Ich blieb stehen und blickte an mir herunter. Ich habe
Tatzen! Ich bin ein Tiger! Mein Fell schien zu leuchten. Es war hell
braun, nahezu weiß. Mit großen Sprüngen sprang ich zum Bach und
blickte in meine schokoladenbraunen Augen die mich nun aus dem Wasser
anblickten. „Du bist wunderschön“, sagte Nico hinter mir. Ich
drehte mich um, machte einen Satz und landete auf ihm. Wir rollten
durch die Gegend und blieben schnurrend nebeneinander im Gras liegen.
„Wie kommt es, dass ich ein Tiger bin?“, „Alles ist möglich
mein Liebling“, „Wir leben in getrennten Welten.. Haben wir
zusammen eine Zukunft?“, fragte ich traurig. „Wir haben Alles!“,
flüsterte Nico so leise, dass ich es kaum verstand. Dann stand er
auf, sprang über mich hinweg und sprintete los.
Ich tat es ihm nach, verlor ihn
jedoch aus den Augen. Plötzlich stand ich im Nichts. Verwirrt drehte
ich mich, versuchte zu verstehen wo ich war. Nun stand Leon vor mir.
Er blickte mich aus seinen hasserfüllten Augen an und schrie: „Ich
werde immer ein Teil von dir sein! Du wirst mich nie los!“
„Nein! Das ist nicht wahr! Nein,
nein, nein!“, schrie ich und brach zusammen. Nun bemerkte ich, dass
ich wieder Mensch war. Mit meinen Fäusten schlug ich um mich, schrie
und weinte.
Zappelnd wachte ich
auf und bemerkte, dass ich allein war. Wo ist Nico? Ich stand
auf und trat aus der Höhle. Vor mir war der Hauptplatz wo Nico und
auch alle anderen Tiger saßen. Sie lagen in einem Kreis, hatten den
Kopf auf die Pfoten gelegt und hatten die Augen geschlossen. Ich
fühlte mich nicht willkommen, hatte das Gefühl am falschen Ort zu
sein. Hinter mir meinte plötzlich jemand flüsternd: „Psscht!“.
Ich drehte mich um und sah denjenigen, mit dem Nico gekämpft hatte.
„Ich bin Lucien. Komm mit, dann erkläre ich dir was hier los ist“,
flüsterte er, drehte sich um und verschwand hinter der Höhle. Ich
zögerte, wusste nicht ob ich ihm vertrauen konnte, beschloss jedoch
ihm zu folgen. Hinter der Höhle erblickte ich wieder Lucien. Er
hatte sich an einen Baum gelehnt und schaute mich erwartungsvoll an.
Ich ging zu ihm und fragte ihn leise: „Was ist dort los?“, „Es
gab einen Kampf. Es gibt fünf verschiedene Rudel hier in der Gegend.
Wir sind einer davon. Mit zwei anderen sind wir befreundet, mit den
anderen zwei verfeindet. Einer dieser hat uns angegriffen“, sagte
Lucien. „Wieso?“, fragte ich geschockt. Luciens Blick verdunkelte
sich und er schaute auf den Boden. „Ich hatte mal eine Frau. Sie
lebte mit ihrem Kind in einem anderem Rudel, jedoch beschloss sie
sich zu mir zu kommen. Ihr Kind musste sie aber dort lassen. Damit
konnte sie nicht leben, also gingen wir einen Monat später zu dem
Rudel und verlangten das Kind. Es endete mit einem Kampf, wir konnten
jedoch ihr Kind zu uns holen. Ein paar Tage später griffen sie uns
an wobei wobei meine Frau – Kira – schwer verwundet wurde. Drei
Tage lang hielt sie diesen Zustand. Jedoch verstarb sie dann“,
Luciens Stimme wurde immer leiser. „Kinder werden einander
versprochen, wenn jedoch einer dieser Beiden stirbt, darf man sich
jemand neuen aussuchen. Und nur in diesem Fall dürfen sie sich
trennen. Sie sind einander versprochen bis zum Tod, Sonst verstößt
es das Gesetz. Kira hatte eine Tochter. Es war Mila und ich zog sie
seit Kiras Tod wie meine eigene Tochter auf.“ Als er ihren Namen
erwähnte zog sich mein Herz zusammen.
„Wir werden
seitdem oft angegriffen. Sie wollen Mila zurück, sie kann sich
jedoch kaum daran erinnern. Heute starb ein sehr loyaler Krieger und
ein guter Freund. Er hieß Trie und er war der Versprochene von
Felicitas. Sie ist am zusammenbrechen, immerhin hat sie ihm vom
ganzen Herz geliebt. Ich wollte das Nico mit Mila versprochen werden
sollte. Nico ist ein guter Kerl und er kann sie beschützen. Und ich
glaube auch das Mila ihn liebt, jedoch hat Nico sich in dich verliebt
und hat sich von Mila getrennt“, erklärte er mir und sein Blick
wanderte über mich. Oh mein Gott! Die arme Felicitas! Und was
versucht mit Lucien hier zu vermitteln?
„Dies geht jedoch
nicht. Es ist einfach gegen das Gesetz! Du musst das akzeptieren. Du
kannst Nico nicht haben! Er ist vergeben! Wir werden ihn wieder
aufnehmen und du hast die Wahl. Entweder du gehst nach Hause, oder du
suchst dir jemand anderen aus dem Rudel aus welcher frei ist“,
stellte er klar. Was?! Er will das ich verschwinde oder mir jemand
anderes aussuche? Ich kann das mit Mila gut verstehen, jedoch liebt
Nico sie nicht! Er liebt mich und ich ihn! Ich werde mich nicht
vertreiben lassen!, dachte ich und bemerkte dabei nicht, dass mir
Lucien immer näher gekommen war. Erst als er mich zärtlich küsste,
reagierte ich. Ich stieß ihn weg und nachdem ich: „Was soll das?!
Ich liebe Nico!“, geschrien hatte, drehte mich um und wollte aus
Fluchtinstinkt weglaufen. Jedoch kam ich nicht weit, da ich über
eine Wurzel stolperte und hinfiel. Auf dem Boden windete ich mich
schnell in Luciens Richtung aus Angst was er tun würde. Er jedoch
war still stehen geblieben und starrte an mir vorbei. Verwirrt und
mit Tränen in den Augen blickte ich in dieselbe Richtung und sah
ihn. Ich hatte ihn nicht bemerkt. Wie lange stand er schon dort?,
fragte ich mich und flüsterte traurig: „Nico...“
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