Freitag, 24. Mai 2013

KAPITEL 22

NICO

Lucien, ich muss mal kurz mit dir reden!“, rief ich ihm zu und er stand auf. Kurz nickte er, als Zeichen dafür, dass er gleich kommen würde. Eigentlich war es bequem, wenn Taten Worte ersetzten, doch ich möchte mit ihm reden, und nicht tanzen.
Was willst du?“, fragte er mich schroff und warf mir einen desinteressierten Blick zu.
Wir müssen reden, es geht um Scarlett“, sagte ich ganz ruhig und ignorierte seine schlechte Laune. Ein kleiner Funken Interesse leuchtete in seinen Augen auf und Lucien wollte grade etwas sagen, als ich fortfuhr: „Sie möchte es versuchen“. Kurze Zeit war es still und er musterte mich. Es war zwar keine unangenehme Stille, aber sie zerrte an mir. „Was?“, fragte er ungläubig und ich nickte.
Aber das ist doch unmöglich!“, stellte er fest und fuhr sich durch sein Haar. „Ich weiß, es ist nur eine Legende, aber sie möchte ihr glauben schenken und es versuchen..“, versuchte ich ihn zu überzeugen, war mir aber selbst nicht ganz sicher, ob ich wollte, dass sie das tut. Was ist wenn die Legende gar nicht stimmt? Was ist wenn ihr etwas passiert? Nein, ich kann das nicht verantworten! Gegen einen Tiger zu gewinnen, ist so gut wie unmöglich, sie würde sterben..
Das ist doch verrückt! Es ist lediglich nur eine Legende, niemand weiß ob sie stimmt!“, lachte er verunsichert und fing an nervös zu werden. „Aber sowas denkt man sich doch nicht aus..“
Nico, sie wird sterben, verstehst du das? Sie ist zu schwach!“, versuchte er mir klar zu machen und ich wusste, dass er Recht hatte. „Hör mal, ich bin selbst nicht ganz davon überzeugt, aber die möchte es wirklich versuchen! Ich werde sie auch trainieren. Gib ihr eine Chance und etwas Zeit.. Sie kann es schaffen“, versuchte ich zu argumentieren und versuchte seinem Blick standzuhalten. „Ihr seid doch verrückt. Macht was ihr wollt“, schnaubte er mir noch beim umdrehen zu und verschwand kopfschüttelnd. Er hatte doch Recht. Die Idee ist verrückt, nein, sie ist riskant. Aber ich kann es Scar nun mal nicht ausreden, sie möchte es unbedingt versuchen.. Am besten wir fangen morgen an zu trainieren.

Bei Sonnenaufgang am nächsten Morgen weckte ich Scarlett. „Willst du das wirklich versuchen?“, fragte ich sie mit der Hoffnung, sie würde ihre Meinung ändern. Sie nickte und in ihren Augen lag Kampfgeist. Sie würde kämpfen, auch wenn es so gut wie unmöglich war, zu gewinnen. Sie würde nicht aufgeben, ehe sie ihr Ziel erreicht hat. Oder bis sie Tot ist, dachte ich und ich nahm instinktiv ihre Hand. Ich wollte sie nicht verlieren. War das etwa zu viel verlangt, ein glückliches und normales Leben? Anscheinend schon. Aber was war schon normal?
Gemeinsam gingen wir hinunter zum Fluss und tranken etwas Wasser und wuschen uns die Müdigkeit ab. Das Wasser war Eiskalt, tat aber richtig gut.
Zuerst möchte ich schauen wie fit du bist, um zu schauen woran wir arbeiten müssen“, sagte ich und wartete auf ihre Reaktion ab. „Folge mir einfach und versuch mit mir mitzuhalten. Du musst aber auch schnell reagieren, wenn du nicht mehr kannst ruf einfach kurz Stopp“, erklärte ich.
Scarlett nickte und ich ging los.
Zuerst sprang ich über den Fluss und joggte dann ein wenig. Scarlett folgte mir auf Schritt und Tritt. Plötzlich rannte ich los und sprintete im Slalom um die Bäume. Hinter mir hörte ich hastige Schritte. Ohne zu Überlegen rannte ich einfach weiter. Ich wusste nicht wohin, meine Beine trugen mich von alleine. Es ist als würde mich etwas festhalten. Etwas zog mich aus dem Dschungel hinaus, doch ich wehrte mich gegen diese Kraft. Meine Beine wurden immer schwerer und ich bemerkte nicht, dass ich soeben einen Felsen hochgeklettert war. Augenblicklich blieb ich stehen und schaute hinunter. Es war verdammt hoch, doch irgendetwas zerrte an mir. Wie in Trance breitete ich meine Arme aus und ließ mich nach Vorne fallen. Wieso tat ich das? Obwohl ich nur wenige Sekunden in der Luft war, kam es mir vor wie eine Ewigkeit. Plötzlich riss ich die Augen auf und bevor ich mir sämtliche Knochen in meinem Körper brach, verwandelte ich mich und kam sanft mit meinen Pfoten auf. Das ziehen hatte aufgehört und ich stieß ein lautes Brüllen aus. Mit mit einem kurzen Blick nach oben sah ich Scarlett, welche von oben auf mich herab schaute. „Nico?“, rief sie ängstlich und ich versuchte klar zu denken. „Spring!“, rief ich ihr zu und sie sprang. Sie machte es mir nach, breitete sie Arme aus und ließ sich nach vorne fallen. Ihre Augen waren geschlossen, sie wirkte als ob sie schlafen würde. Es überraschte mich, dass sie nicht schrie, ganz im Gegenteil war sie ganz entspannt. Ich streckte meine Arme nach ihr aus und fing sie behutsam auf, wobei ich nach hinten taumelte, mich aber wieder fing. Ihr Atem war ruhig. Als sie ihre Augen öffnete schaute ich sie an. „Es tut mir Leid, ich weiß nicht was mit mir los ist, ich.. ich wollte gar nicht hier runter springen“, stammelte ich und sie lächelte. „Es ist Okay, ich habe vertrauen in dich. Ich weiß, dass du mich niemals fallen lassen würdest!“, erwiderte sie und ich stellte sie auf den Boden. Ich küsste sie, riss mich aber nach wenigen Sekunden aus dem Kuss und rannte weiter. Auch Scarlett rannte, nicht so schnell wie ich, aber sie rannte. Ab und zu sprang ich über Baumstämme und große Steine. Als ich hörte, dass sich ihr Schritt verlangsamte und ihre Atmung immer stärker wurde, rannte ich schneller, kletterte auf einen Baum und pflückte einen Pfirsich. Scarlett war inzwischen ebenfalls am Baum angekommen und stützte sich ab. „Nico?“, rief sie völlig außer Atem und schaute zu allen Seiten. Sofort sprang ich hinunter und landete genau vor ihr. Vor Schreck schrie sie laut auf und fiel rückwärts auf den Boden. „Hier, den hast du dir verdient“, sagte ich zu ihr und ließ mich neben sie fallen. Dankbar nahm sie den Pfirsich an und biss einmal ab. „Das hast du gut gemacht“, fing ich an eine Unterhaltung zu beginnen. Sie lächelte kurz und aß dann weiter. „Ich bin erstaunt dass du so lange durch gehalten hast, an Ausdauer mangelt es dir schon mal nicht, aber dennoch machen wir Training weiter.“ Ungläubig starrte sie mich mit großen Augen an. Dann stöhnte sie auf und legte sich hin. Eine ganze Weile blieben wir so liegen und sagten nichts. Der Wind wehte dezent und ein paar Blätter schwebten von den Bäumen herab. Der Himmel war nur stellenweise zu sehen, aber er war richtig blau. Ab und zu flog auch mal ein Vogel vorbei, oder ein Brüllen aus dem Dorf war zu vernehmen, aber ansonsten war es Still, nur unser Atem war zu hören. „Bist du wieder ausgeruht?“, fragte ich und setzte mich auf. „Was wollen wir denn noch machen?“, fragte sie und ich hatte das Gefühl, dass sie keine große Lust mehr hatte sich zu bewegen. „Wir gehen jetzt in die Werkstatt, ich möchte sehen wie stark du bist.“ „Na gut“, sagte sie nur und spielte vor traurig zu sein. Mein einem Atemzug verwandelte ich mich und sie setzte sich auf meinen Rücken. Ruckartig rannte ich los und behielt mein Tempo bis zur Werkstatt bei.
Heute war die Werkstatt geschlossen, so wie die Tage zuvor auch, weil niemand da war, um zu arbeiten. Ich ließ sie ein wenig über Autoreifen laufen und ein paar Dinge hochheben. Am Ende habe ich ihr gesagt, sie solle versuchen so fest auf mich einzuschlagen, wie sie nur konnte. Das tat sie ein paar mal, aber wirklich verletzt hatte sie mich nicht. Ich taumelte nicht einmal zurück.
Sie war sehr erschöpft und es war schon später Nachmittag. Ich glaube ich habe sie genug gequält, dachte ich und hob sie hoch. Vorsichtig trug ich sie in die Werkstatt und legte sie auf eine Matte. Aus dem Kühlschrank holte ich eine Wasserflasche und gab sie ihr. Sie trank die halbe Flasche leer, legte sich wieder und schloss die Augen. „Ich bin stolz auf dich“, flüsterte ich und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. Wir müssen noch viel trainieren, aber sie hat das fürs erste sehr gut gemacht. Das hätte ich wirklich nicht erwartet.. Aber was war heute mit mir los? Was hatte mich dazu gebracht unkontrolliert durch den Dschungel zu laufen und zu springen? Das war krass.. Das hätte mich mein Leben kosten können, oder noch schlimmer: Scarletts!

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