„Lucien,
ich muss mal kurz mit dir reden!“, rief ich ihm zu und er stand
auf. Kurz nickte er, als Zeichen dafür, dass er gleich kommen würde.
Eigentlich war es bequem, wenn Taten Worte ersetzten, doch ich möchte
mit ihm reden, und nicht tanzen.
„Was
willst du?“, fragte er mich schroff und warf mir einen
desinteressierten Blick zu.
„Wir
müssen reden, es geht um Scarlett“, sagte ich ganz ruhig und
ignorierte seine schlechte Laune. Ein kleiner Funken Interesse
leuchtete in seinen Augen auf und Lucien wollte grade etwas sagen,
als ich fortfuhr: „Sie möchte es versuchen“. Kurze Zeit war es
still und er musterte mich. Es war zwar keine unangenehme Stille,
aber sie zerrte an mir. „Was?“, fragte er ungläubig und ich
nickte.
„Aber
das ist doch unmöglich!“, stellte er fest und fuhr sich durch sein
Haar. „Ich weiß, es ist nur eine Legende, aber sie möchte ihr
glauben schenken und es versuchen..“, versuchte ich ihn zu
überzeugen, war mir aber selbst nicht ganz sicher, ob ich wollte,
dass sie das tut. Was
ist wenn die Legende gar nicht stimmt? Was ist wenn ihr etwas
passiert? Nein, ich kann das nicht verantworten! Gegen einen Tiger zu
gewinnen, ist so gut wie unmöglich, sie würde sterben..
„Das
ist doch verrückt! Es ist lediglich nur eine Legende, niemand weiß
ob sie stimmt!“, lachte er verunsichert und fing an nervös zu
werden. „Aber sowas denkt man sich doch nicht aus..“
„Nico,
sie wird sterben, verstehst du das? Sie ist zu schwach!“, versuchte
er mir klar zu machen und ich wusste, dass er Recht hatte. „Hör
mal, ich bin selbst nicht ganz davon überzeugt, aber die möchte es
wirklich versuchen! Ich werde sie auch trainieren. Gib ihr eine
Chance und etwas Zeit.. Sie kann es schaffen“, versuchte ich zu
argumentieren und versuchte seinem Blick standzuhalten. „Ihr seid
doch verrückt. Macht was ihr wollt“, schnaubte er mir noch beim
umdrehen zu und verschwand kopfschüttelnd. Er
hatte doch Recht. Die Idee ist verrückt, nein, sie ist riskant. Aber
ich kann es Scar nun mal nicht ausreden, sie möchte es unbedingt
versuchen.. Am besten wir fangen morgen an zu trainieren.
Bei
Sonnenaufgang am nächsten Morgen weckte ich Scarlett. „Willst du
das wirklich versuchen?“, fragte ich sie mit der Hoffnung, sie
würde ihre Meinung ändern. Sie nickte und in ihren Augen lag
Kampfgeist. Sie würde kämpfen, auch wenn es so gut wie unmöglich
war, zu gewinnen. Sie würde nicht aufgeben, ehe sie ihr Ziel
erreicht hat. Oder bis sie Tot ist, dachte ich und ich nahm
instinktiv ihre Hand. Ich wollte sie nicht verlieren. War das etwa zu
viel verlangt, ein glückliches und normales Leben? Anscheinend
schon. Aber was war schon normal?
Gemeinsam
gingen wir hinunter zum Fluss und tranken etwas Wasser und wuschen
uns die Müdigkeit ab. Das Wasser war Eiskalt, tat aber richtig gut.
„Zuerst
möchte ich schauen wie fit du bist, um zu schauen woran wir arbeiten
müssen“, sagte ich und wartete auf ihre Reaktion ab. „Folge mir
einfach und versuch mit mir mitzuhalten. Du musst aber auch schnell
reagieren, wenn du nicht mehr kannst ruf einfach kurz Stopp“,
erklärte ich.
Scarlett
nickte und ich ging los.
Zuerst
sprang ich über den Fluss und joggte dann ein wenig. Scarlett folgte
mir auf Schritt und Tritt. Plötzlich rannte ich los und sprintete im
Slalom um die Bäume. Hinter mir hörte ich hastige Schritte. Ohne zu
Überlegen rannte ich einfach weiter. Ich wusste nicht wohin, meine
Beine trugen mich von alleine. Es ist als würde mich etwas
festhalten. Etwas zog mich aus dem Dschungel hinaus, doch ich wehrte
mich gegen diese Kraft. Meine Beine wurden immer schwerer und ich
bemerkte nicht, dass ich soeben einen Felsen hochgeklettert war.
Augenblicklich blieb ich stehen und schaute hinunter. Es war verdammt
hoch, doch irgendetwas zerrte an mir. Wie in Trance breitete ich
meine Arme aus und ließ mich nach Vorne fallen. Wieso tat ich das?
Obwohl ich nur wenige Sekunden in der Luft war, kam es mir vor wie
eine Ewigkeit. Plötzlich riss ich die Augen auf und bevor ich mir
sämtliche Knochen in meinem Körper brach, verwandelte ich mich und
kam sanft mit meinen Pfoten auf. Das ziehen hatte aufgehört und ich
stieß ein lautes Brüllen aus. Mit mit einem kurzen Blick nach oben
sah ich Scarlett, welche von oben auf mich herab schaute. „Nico?“,
rief sie ängstlich und ich versuchte klar zu denken. „Spring!“,
rief ich ihr zu und sie sprang. Sie machte es mir nach, breitete sie
Arme aus und ließ sich nach vorne fallen. Ihre Augen waren
geschlossen, sie wirkte als ob sie schlafen würde. Es überraschte
mich, dass sie nicht schrie, ganz im Gegenteil war sie ganz
entspannt. Ich streckte meine Arme nach ihr aus und fing sie behutsam
auf, wobei ich nach hinten taumelte, mich aber wieder fing. Ihr Atem
war ruhig. Als sie ihre Augen öffnete schaute ich sie an. „Es tut
mir Leid, ich weiß nicht was mit mir los ist, ich.. ich wollte gar
nicht hier runter springen“, stammelte ich und sie lächelte. „Es
ist Okay, ich habe vertrauen in dich. Ich weiß, dass du mich niemals
fallen lassen würdest!“, erwiderte sie und ich stellte sie auf den
Boden. Ich küsste sie, riss mich aber nach wenigen Sekunden aus dem
Kuss und rannte weiter. Auch Scarlett rannte, nicht so schnell wie
ich, aber sie rannte. Ab und zu sprang ich über Baumstämme und
große Steine. Als ich hörte, dass sich ihr Schritt verlangsamte und
ihre Atmung immer stärker wurde, rannte ich schneller, kletterte auf
einen Baum und pflückte einen Pfirsich. Scarlett war inzwischen
ebenfalls am Baum angekommen und stützte sich ab. „Nico?“, rief
sie völlig außer Atem und schaute zu allen Seiten. Sofort sprang
ich hinunter und landete genau vor ihr. Vor Schreck schrie sie laut
auf und fiel rückwärts auf den Boden. „Hier, den hast du dir
verdient“, sagte ich zu ihr und ließ mich neben sie fallen.
Dankbar nahm sie den Pfirsich an und biss einmal ab. „Das hast du
gut gemacht“, fing ich an eine Unterhaltung zu beginnen. Sie
lächelte kurz und aß dann weiter. „Ich bin erstaunt dass du so
lange durch gehalten hast, an Ausdauer mangelt es dir schon mal
nicht, aber dennoch machen wir Training weiter.“ Ungläubig starrte
sie mich mit großen Augen an. Dann
stöhnte sie auf und legte sich hin. Eine ganze Weile blieben wir so
liegen und sagten nichts. Der Wind wehte dezent und ein paar Blätter
schwebten von den Bäumen herab. Der Himmel war nur stellenweise zu
sehen, aber er war richtig blau. Ab und zu flog auch mal ein Vogel
vorbei, oder ein Brüllen aus dem Dorf war zu vernehmen, aber
ansonsten war es Still, nur unser Atem war zu hören. „Bist du
wieder ausgeruht?“, fragte ich und setzte mich auf. „Was wollen
wir denn noch machen?“, fragte sie und ich hatte das Gefühl, dass
sie keine große Lust mehr hatte sich zu bewegen. „Wir gehen jetzt
in die Werkstatt, ich möchte sehen wie stark du bist.“ „Na gut“,
sagte sie nur und spielte vor traurig zu sein. Mein einem Atemzug
verwandelte ich mich und sie setzte sich auf meinen Rücken.
Ruckartig rannte ich los und behielt mein Tempo bis zur Werkstatt
bei.
Heute
war die Werkstatt geschlossen, so wie die Tage zuvor auch, weil
niemand da war, um zu arbeiten. Ich ließ sie ein wenig über
Autoreifen laufen und ein paar Dinge hochheben. Am Ende habe ich ihr
gesagt, sie solle versuchen so fest auf mich einzuschlagen, wie sie
nur konnte. Das tat sie ein paar mal, aber wirklich verletzt hatte
sie mich nicht. Ich taumelte nicht einmal zurück.
Sie
war sehr erschöpft und es war schon später Nachmittag. Ich
glaube ich habe sie genug gequält, dachte
ich und hob sie hoch. Vorsichtig trug ich sie in die Werkstatt und
legte sie auf eine Matte. Aus dem Kühlschrank holte ich eine
Wasserflasche und gab sie ihr. Sie trank die halbe Flasche leer,
legte sich wieder und schloss die Augen. „Ich bin stolz auf dich“,
flüsterte ich und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. Wir
müssen noch viel trainieren, aber sie hat das fürs erste sehr gut
gemacht. Das hätte ich wirklich nicht erwartet.. Aber was war heute
mit mir los? Was hatte mich dazu gebracht unkontrolliert durch den
Dschungel zu laufen und zu springen? Das war krass.. Das hätte mich
mein Leben kosten können, oder noch schlimmer: Scarletts!
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