SCARLETT
Ich schlug die Augen auf, immer noch
ziemlich angeschlagen. Ich lag auf Moos und neben mir lag eine
Wasserflasche mit Inhalt. Hoffentlich ist es kein Gift – und
wenn ist es mir egal!, dachte
ich und trank. Es war Wasser. Was ist nur passiert? Wie
komm ich hierher?
Ich
befand mich auf einem kleinen Felsen. Langsam und vorsichtig rutschte
ich von diesem runter und knickte, unten angekommen, zusammen.
Langsam stand ich auf und schaute mich um. Ich befand mich im
Dschungel. Hinter mir war ein großer Baum mit starken Ästen. Auf
einem vom diesen lag – zu meinem Leid – ein Tiger! Er schlief,
als ich mich jedoch bewegte, schlug er die Augen auf und ich erkannte
ihn. Es war der Tiger der vor meiner Tür lag. Er wird mir
nichts tun, aber wie komme ich nach Hause? Was ist mit Leon passiert? Ich drehte mich um und lief. Ich lief aus Angst, Leon wäre hier. Aus
Angst das mich jemand findet. Aus Angst das hier noch weitere Tiger
waren. Während ich lief, weinte ich. Ich weinte um den Teil meiner
Seele, den ich seit meiner Gefangenschaft verloren hatte. Ich weinte,
weil ich Angst hatte, dass ich diesen vollkommen verloren haben
könnte.
Plötzlich
hielt ich inne, stolperte noch etwas nach vorne und fiel auf die
Knie. Vor mir befand sich ein tiefer, meterbreiter Graben. Und
ich wäre fast hinein gefallen.
Ich hörte ein Knurren hinter mir. Schlagartig drehte ich mich um und
sprang auf – was dazu führte, dass ich direkt wieder zusammenbrach. Es
war nicht der Tiger, der mir so vertraut war. Es war ein anderer,
kleinerer Tiger.
Verzweifelt
blickte ich mich um. Eine Möglichkeit wegzulaufen gab es nicht. Ich
bin verloren – mal wieder!
Plötzlich
kam Nico aus dem Gebüsch gesprungen, was dazu führte, dass noch mehr Tränen flossen. Dieses mal waren es Freudentränen. „Nico!“, keuchte ich,
völlig außer Atem. Er blickte von mir zum Tiger, welcher mich immer
noch feindlich anstarrte. Sofort sprang er zwischen uns und sagte
ruhig, jedoch eindringlich: „Verschwinde! Sofort!“
Der
Tiger schien kaum zu reagieren, sah jedoch etwas in Nicos Blick, was
ihn zum Gehen aufforderte.
Nachdem
er verschwunden war, kam Nico zu mir und setzte sich neben mich.
„I-I-Ich..“, stotterte ich und starrte ihn dabei an. Wie
kam es, dass er den Tiger verscheuchen konnte?
„Schh!“, sagte Nico und starrte mich mit seinen ruhigen,
wunderschönen Augen an.
Ich
fand meine Kräfte wieder und fragte mit nun festerer Stimme: „Was
bist du?“
Es konnte nicht sein, dass er den
Tiger verscheuchen konnte. Es kann auch nicht sein, dass er hier, genau
zum richtigen Zeitpunkt, bei mir im Dschungel war. Es ergibt einfach
keinen Sinn!
„Ich bin
Halb-Mensch, Halb-Tiger.“
„Was?“, fragte
ich ihn ungläubig. „Es ist wahr... Dieser Tiger, der dich verfolgt
hat, der vor deiner Haustür lag – das war ich! Und was Mila
angeht, sie ist mir seit wir klein sind versprochen. Das ist
Tigergesetz. Jedoch hab ich mich von ihr getrennt, wegen dir!“
Das kann doch nicht sein! Er belügt
mich nur! Oder... doch nicht?
„Dies gerade war
Silas. Und früher, als du angegriffen wurdest, das war Mila.
Felicitas – meine beste Freundin, hat dich beschützt. Ich lebe
hier im Dschungel mit meinem Rudel und arbeite manchmal als
Mechaniker. Wir müssen hier verwandelt sein, sonst dürfen wir uns
nicht innerhalb der Grenze aufhalten um ins Dorf zu gelangen“, sagte
er und deutete auf den Graben. „Deswegen wollte Silas dich gerade
angreifen. Menschen die sich in der Grenze aufhalten, werden
getötet.“
Ich wollte es
einfach nicht glauben. Wackelig stand ich auf und wollte automatisch
weglaufen, Nico stand jedoch auch auf und schloss mich in seine Arme.
Instinktiv lies ich mich in seine Arme fallen und weinte. Er hatte
mich also die ganze Zeit belogen! Und trotzdem war er für mich da
wie kein Anderer. Und verdammt – ich liebe ihn!
Nico hielt mich ein
Stück von sich weg, jedoch mit festen Griff, damit ich nicht wieder
weglief. Er schaute mir in die Augen und sagte mit ruhiger Stimme:
„Komm! Ich zeige dir meine Welt.“
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