NICO
So schnell ich konnte sprintete ich
durch die Felder, mit Mila und Silas an meiner Seite. Natürlich, der
einzige Ort an dem wir nicht geschaut hatten war auf der anderen
Seite des Dorfes. Eine scheinbar endlos lange Landstraße Richtung
Osten führte mitten ins Nichts. Auf der linken Seite wuchs hohes
Savannengras. Beim näheren hinschauen konnte man einen kleinen Pfad
entdecken. Diesen liefen wir lang und kamen an einer weiteren großen
Wiese raus, welche ebenfalls endlos weit zu sein schien. Hinter zwei
Schirmkazien stand ein kleiner Holzschuppen. Er war ansehnlich, aber
nicht schön. Ich sprintete die letzten Meter so schnell ich konnte
und meine hohe Geschwindigkeit war von Vorteil; als ich gegen die Tür
rannte, zersprang diese in hunderte Splitter und so konnten auch
Silas und Mila mit hinein. Es war dunkel, die Fenster waren vernagelt
und doch kam durch die durchgebrochene Tür soviel Licht herein, dass
alles erkennbar war. Bei dem was ich in dem Moment sah, verschnürte
mir die Kehle. Ich bekam nur schwer Luft und tabste langsam weiter in
den Schuppen hinein. Silas blieb an der Tür stehen und schaute aufs
weite Land hinaus. Vor mir lag Scarlett, ihre Klamotten waren
zerfetzt und ihr Körper von blauen Flecken übersät. Sie lag in
Ketten auf dem Boden, Schrammen schmückten ihr Handgelenkt. Hinter
mir hörte ich Mila knurren. Ein Schrei. Ich drehte mich um und sah
ihn, es war der selbe Kerl der Scarlett damals an ihren Jeep drückte.
Unkontrollierbare Wut stieg in mir auf. Langsam bewegte ich mich auf
ihn zu und er schrie. Schrei nur, es wird das letzte sein, was man
von dir noch hört. In seinen
Augen lag nackte Angst. Er war kreidebleich im Gesicht geworden und
hing da wie so ein Häufchen Elend. Mein Blick bedeutete Tod. Auch
Mila und Silas umkreisten ihn und nahmen im so die Fluchtmöglichkeit,
die er sowieso nicht hatte. Als Mensch war er nunmal viel zu langsam als ein - in diesem Fall sogar drei - Tiger.
Ich brüllte, fletschte meine Zähne und knurrte so laut, dass der
Boden unter uns bebte. Er sank zu Boden, hielt seine Knie vor seinen
Körper und wimmerte. Du wirst ihr nie wieder Leid antun.
Bei diesem Gedanken sprang ich
auf ihn ein und kratzte ihm erst den Rücken auf. Blut floss, Schreie
hallten. Er lag am Boden, lebte aber noch. Alle hier wussten, dass er
sterben würde, selbst er war sich dessen bewusst. Ich wollte ihn
Leiden sehen. Erneut sprang ich auf ihn ein und es waren Knochen
brechen zu hören. Es war ein wirklich schreckliches Geräusch, aber
das war mir egal. Mir war Er egal.
Ich umkreiste ihn einmal und ließ mich vor seinem Kopf nieder. Eine
Weile betrachtete ich ihn, und er mich. Er hatte die Augen voller
Tränen, voller Schmerz. „Worauf wartest du? Töte mich doch!“,
schrie er mir mitten ins Gesicht. Es war mehr ein Krächtzen, dass in
Tränen ertrank als ein Schreien. Ich warf ihm Blicke zu, die ihn
auch so hätten töten können, doch er hielt ihnen stand. Meine
Augen flackerten kurz auf und da sah er es. Seine Augen weiteten sich
und er starrte mich an. „Töte mich, Nico!“, schrie er erneut,
dieses mal musste er dabei lachen. Bei seinen Worten fiel mir ein,
dass auch ich Mensch war. Plötzlich fühlte auch ich seinen Schmerz.
Ich brüllte und erneut fing alles um uns herum an zu beben. Mein
Brüllen verwandelte sich in ein Schreien und er grinste mich an. Nun
saß auch ich da, schreiend kniete ich vor ihm. Was
geschieht hier nur mit mir? Ich
konnte mich nicht mehr rühren, nicht aufhören zu schreien. Ich
empfand höllischen Schmerz, von dem ich dachte, dass auch er mir den
Tod bringe. Auf einmal sprang Silas dazwischen und biss ihm ins
Genick. Sein Lachen erstickte in einem letzten Schrei. Er war tot.
Nun hörte auch ich auf zu schreien, konnte mich aber immernoch nicht
rühren. Im Schuppen roch es nach Blut. Frischem Blut. Aber es roch
nicht nur so, es schmeckte auch so. Mein Körper wurde ganz weich und
ich musste mich mit meinen Händen am Boden abstützen, um nicht
umzukippen. Mila stand wenige Meter neben mir und starrte mich an.
Auch Silas war keine große Hilfe. Keiner von den beiden war in der
Lage, ihren Blick von mir abzuwenden. Ich musste Blut spucken. Es
schmeckte bitter, wie der Tod. Meine Arme gaben nach und ich fiel
unsanft auf den Boden. Kurz stöhnte ich vor Schmerz auf, dann wurde
alles schwarz.
Licht fiel mir ins
Gesicht und ich öffnete vorsichtig die Augen. Vorsichtig setzte ich
mich auf und hielt mir den Kopf, er dröhnte unerträglich. Ich
schaute mich um. Mila und Silas war weg, auch der Typ war
verschwunden. Alles was von ihm noch blieb, war ein großer Blutfleck
auf dem Boden. Mein Blick wanderte weiter in den Raum hinein, wo
Scarlett lag. „Scarlett?“, fragte ich leise in den eher dunkleren
Teil dieses Schuppens. Keine Reaktion. Ich versuchte aufzustehen,
doch meine Beine gaben unter mir nach. Also versuchte ich es auf
allen Vieren, was meine Knie jedoch mehr belastete, als das Gehen.
„Scar?“, fragte ich leise und legte ihren Kopf behutsam auf
meinen Schoß und strich ihr einzelne Haarstränen aus dem Gesicht.
Erneut keine Reaktion. Ich spürte ihren schwachen Herzschlag und
nahm ihre Hand. Vorsichtig befreite ich ihre Arme und Beine von den
Ketten und nahm sie schließlich in meine Arme. „Was hat er dir nur
angetan?“, flüsterte ich leise. Auf diese Frage wollte ich keine
Antwort, es war eher so was wie lautes Nachdenken. Ich küsste sie auf
die Stirn und drückte sie an mich. „Ich werde mich um dich
kümmern, meine Liebe. Alles wird gut“, flüsterte ich ihr ins Ohr.
Es sollte eher mir, als ihr Kraft geben.
Nach wenigen
Momenten hatte ich mich einigermaßen gesammelt und konnte genug
Energie aufbringen, um wieder aufzustehen. Mit Scarlett in meinen
Armen verließ ich die Hütte. Die Sonne ging langsam unter und nahm
meine Müdigkeit und Schwäche mit. Die Nacht gab mir Kraft, welche
ich dankbar annahm. Ich hatte einen weiten Weg vor mir, wir waren
mitten im Nichts. Als Tiger konnte man im Sprint in zehn bis zwanzig
Minuten am Dschungel sein, als langsamer Fußgänger brauchte man
jedoch Stunden. Trotzdem ging ich unermüdlich weiter, denn ich
wusste, dass ich nur so Scarletts leben retten konnte.
Die halbe Nacht
ging ich die Straße lang, über Wiesen, und meine einzigste
Lichtquelle war der Mond, der mir den Weg nach Hause leuchtete.
Als ich am Graben
ankam, lag der stockdunkle Dschungel vor mir. Ich versuchte Sie
huckepack zu nehmen, was allerdings nicht wirklich leicht was, wenn
sie sich nicht an mir festhalten konnte.
Ich nahm kurz
Schwung und versuchte vorsichtig über den Graben hinweg zu springen.
So sanft ich konnte kam ich mit den Vorderpfoten zuerst auf. Doch
anstatt Richtung Rudel zu traben, schlich ich am Rand entlang und
versuchte eine geeignete Stelle zu finden wo uns niemand finden
würde.
Scarlett lag
immernoch wie am Anfang sicher auf meinem Rücken, also beschloss ich
einen kleinen Felsen hoch zu springen, der selbst nicht großer als
drei Meter war. Oben in dem Felsen befand sich eine Kuhle, welche mit
weichem Moos zugewachsen war. Dort legte ich Scarlett behutsam
hinein. Da ich wusste, dass sie nicht so schnell wieder aufwachen
würde, beschloss ich kurz zum Fluss hinunter zu traben. Er war nicht
sonderlich weit, für einen Tiger versteht sich. Das Wasser war kühl
und erfrischend. Der Mond reflektierte im Wasser und ich konnte einen
kleinen Fisch erkennen. Geschickt versuchte ich ihn zu fangen und
verzehrte ihn. Auch Scarlett brauchte Wasser und glücklicherweise
wusste ich, dass sich zwischen den hohen Baumwurzeln zwei
Plastikflaschen befanden. Eine von ihnen füllte ich auf und ging
zurück zum Felsen, wo Scarlett immernoch regungslos da lag. Die
Flasche legte ich neben sie ins Moos und kletterte selbst auf den
benachbarten, dicken Ast, wo ich mich niederlies und schließlich
einschlief.
Am liebsten würde
ich jetzt von Scarlett träumen, wie sie über die Wiesen lief und
nach mir suchte, doch das ging nicht, denn Tiger träumten nicht.
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