Freitag, 10. Mai 2013

KAPITEL 16

NICO

So schnell ich konnte sprintete ich durch die Felder, mit Mila und Silas an meiner Seite. Natürlich, der einzige Ort an dem wir nicht geschaut hatten war auf der anderen Seite des Dorfes. Eine scheinbar endlos lange Landstraße Richtung Osten führte mitten ins Nichts. Auf der linken Seite wuchs hohes Savannengras. Beim näheren hinschauen konnte man einen kleinen Pfad entdecken. Diesen liefen wir lang und kamen an einer weiteren großen Wiese raus, welche ebenfalls endlos weit zu sein schien. Hinter zwei Schirmkazien stand ein kleiner Holzschuppen. Er war ansehnlich, aber nicht schön. Ich sprintete die letzten Meter so schnell ich konnte und meine hohe Geschwindigkeit war von Vorteil; als ich gegen die Tür rannte, zersprang diese in hunderte Splitter und so konnten auch Silas und Mila mit hinein. Es war dunkel, die Fenster waren vernagelt und doch kam durch die durchgebrochene Tür soviel Licht herein, dass alles erkennbar war. Bei dem was ich in dem Moment sah, verschnürte mir die Kehle. Ich bekam nur schwer Luft und tabste langsam weiter in den Schuppen hinein. Silas blieb an der Tür stehen und schaute aufs weite Land hinaus. Vor mir lag Scarlett, ihre Klamotten waren zerfetzt und ihr Körper von blauen Flecken übersät. Sie lag in Ketten auf dem Boden, Schrammen schmückten ihr Handgelenkt. Hinter mir hörte ich Mila knurren. Ein Schrei. Ich drehte mich um und sah ihn, es war der selbe Kerl der Scarlett damals an ihren Jeep drückte. Unkontrollierbare Wut stieg in mir auf. Langsam bewegte ich mich auf ihn zu und er schrie. Schrei nur, es wird das letzte sein, was man von dir noch hört. In seinen Augen lag nackte Angst. Er war kreidebleich im Gesicht geworden und hing da wie so ein Häufchen Elend. Mein Blick bedeutete Tod. Auch Mila und Silas umkreisten ihn und nahmen im so die Fluchtmöglichkeit, die er sowieso nicht hatte. Als Mensch war er nunmal viel zu langsam als ein - in diesem Fall sogar drei - Tiger. Ich brüllte, fletschte meine Zähne und knurrte so laut, dass der Boden unter uns bebte. Er sank zu Boden, hielt seine Knie vor seinen Körper und wimmerte. Du wirst ihr nie wieder Leid antun. Bei diesem Gedanken sprang ich auf ihn ein und kratzte ihm erst den Rücken auf. Blut floss, Schreie hallten. Er lag am Boden, lebte aber noch. Alle hier wussten, dass er sterben würde, selbst er war sich dessen bewusst. Ich wollte ihn Leiden sehen. Erneut sprang ich auf ihn ein und es waren Knochen brechen zu hören. Es war ein wirklich schreckliches Geräusch, aber das war mir egal. Mir war Er egal. Ich umkreiste ihn einmal und ließ mich vor seinem Kopf nieder. Eine Weile betrachtete ich ihn, und er mich. Er hatte die Augen voller Tränen, voller Schmerz. „Worauf wartest du? Töte mich doch!“, schrie er mir mitten ins Gesicht. Es war mehr ein Krächtzen, dass in Tränen ertrank als ein Schreien. Ich warf ihm Blicke zu, die ihn auch so hätten töten können, doch er hielt ihnen stand. Meine Augen flackerten kurz auf und da sah er es. Seine Augen weiteten sich und er starrte mich an. „Töte mich, Nico!“, schrie er erneut, dieses mal musste er dabei lachen. Bei seinen Worten fiel mir ein, dass auch ich Mensch war. Plötzlich fühlte auch ich seinen Schmerz. Ich brüllte und erneut fing alles um uns herum an zu beben. Mein Brüllen verwandelte sich in ein Schreien und er grinste mich an. Nun saß auch ich da, schreiend kniete ich vor ihm. Was geschieht hier nur mit mir? Ich konnte mich nicht mehr rühren, nicht aufhören zu schreien. Ich empfand höllischen Schmerz, von dem ich dachte, dass auch er mir den Tod bringe. Auf einmal sprang Silas dazwischen und biss ihm ins Genick. Sein Lachen erstickte in einem letzten Schrei. Er war tot. Nun hörte auch ich auf zu schreien, konnte mich aber immernoch nicht rühren. Im Schuppen roch es nach Blut. Frischem Blut. Aber es roch nicht nur so, es schmeckte auch so. Mein Körper wurde ganz weich und ich musste mich mit meinen Händen am Boden abstützen, um nicht umzukippen. Mila stand wenige Meter neben mir und starrte mich an. Auch Silas war keine große Hilfe. Keiner von den beiden war in der Lage, ihren Blick von mir abzuwenden. Ich musste Blut spucken. Es schmeckte bitter, wie der Tod. Meine Arme gaben nach und ich fiel unsanft auf den Boden. Kurz stöhnte ich vor Schmerz auf, dann wurde alles schwarz.

Licht fiel mir ins Gesicht und ich öffnete vorsichtig die Augen. Vorsichtig setzte ich mich auf und hielt mir den Kopf, er dröhnte unerträglich. Ich schaute mich um. Mila und Silas war weg, auch der Typ war verschwunden. Alles was von ihm noch blieb, war ein großer Blutfleck auf dem Boden. Mein Blick wanderte weiter in den Raum hinein, wo Scarlett lag. „Scarlett?“, fragte ich leise in den eher dunkleren Teil dieses Schuppens. Keine Reaktion. Ich versuchte aufzustehen, doch meine Beine gaben unter mir nach. Also versuchte ich es auf allen Vieren, was meine Knie jedoch mehr belastete, als das Gehen. „Scar?“, fragte ich leise und legte ihren Kopf behutsam auf meinen Schoß und strich ihr einzelne Haarstränen aus dem Gesicht. Erneut keine Reaktion. Ich spürte ihren schwachen Herzschlag und nahm ihre Hand. Vorsichtig befreite ich ihre Arme und Beine von den Ketten und nahm sie schließlich in meine Arme. „Was hat er dir nur angetan?“, flüsterte ich leise. Auf diese Frage wollte ich keine Antwort, es war eher so was wie lautes Nachdenken. Ich küsste sie auf die Stirn und drückte sie an mich. „Ich werde mich um dich kümmern, meine Liebe. Alles wird gut“, flüsterte ich ihr ins Ohr. Es sollte eher mir, als ihr Kraft geben.
Nach wenigen Momenten hatte ich mich einigermaßen gesammelt und konnte genug Energie aufbringen, um wieder aufzustehen. Mit Scarlett in meinen Armen verließ ich die Hütte. Die Sonne ging langsam unter und nahm meine Müdigkeit und Schwäche mit. Die Nacht gab mir Kraft, welche ich dankbar annahm. Ich hatte einen weiten Weg vor mir, wir waren mitten im Nichts. Als Tiger konnte man im Sprint in zehn bis zwanzig Minuten am Dschungel sein, als langsamer Fußgänger brauchte man jedoch Stunden. Trotzdem ging ich unermüdlich weiter, denn ich wusste, dass ich nur so Scarletts leben retten konnte.
Die halbe Nacht ging ich die Straße lang, über Wiesen, und meine einzigste Lichtquelle war der Mond, der mir den Weg nach Hause leuchtete.
Als ich am Graben ankam, lag der stockdunkle Dschungel vor mir. Ich versuchte Sie huckepack zu nehmen, was allerdings nicht wirklich leicht was, wenn sie sich nicht an mir festhalten konnte.  
Ich nahm kurz Schwung und versuchte vorsichtig über den Graben hinweg zu springen. So sanft ich konnte kam ich mit den Vorderpfoten zuerst auf. Doch anstatt Richtung Rudel zu traben, schlich ich am Rand entlang und versuchte eine geeignete Stelle zu finden wo uns niemand finden würde.
Scarlett lag immernoch wie am Anfang sicher auf meinem Rücken, also beschloss ich einen kleinen Felsen hoch zu springen, der selbst nicht großer als drei Meter war. Oben in dem Felsen befand sich eine Kuhle, welche mit weichem Moos zugewachsen war. Dort legte ich Scarlett behutsam hinein. Da ich wusste, dass sie nicht so schnell wieder aufwachen würde, beschloss ich kurz zum Fluss hinunter zu traben. Er war nicht sonderlich weit, für einen Tiger versteht sich. Das Wasser war kühl und erfrischend. Der Mond reflektierte im Wasser und ich konnte einen kleinen Fisch erkennen. Geschickt versuchte ich ihn zu fangen und verzehrte ihn. Auch Scarlett brauchte Wasser und glücklicherweise wusste ich, dass sich zwischen den hohen Baumwurzeln zwei Plastikflaschen befanden. Eine von ihnen füllte ich auf und ging zurück zum Felsen, wo Scarlett immernoch regungslos da lag. Die Flasche legte ich neben sie ins Moos und kletterte selbst auf den benachbarten, dicken Ast, wo ich mich niederlies und schließlich einschlief.
Am liebsten würde ich jetzt von Scarlett träumen, wie sie über die Wiesen lief und nach mir suchte, doch das ging nicht, denn Tiger träumten nicht.

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