NICO
Ich liebte Scarletts Lächeln. Auch wenn die letzten Tage die Hölle
für sie waren, so wirkte sie doch wieder glücklich. Sie wirkte
voller Leben, doch ich konnte spüren, dass es nicht stimmte. Etwas
bedrückte sie, aber ich konnte nicht erkennen was genau. Wortlos
schleifte ich sie durch den Dschungel. Meine Schritte waren beinahe
lautlos, während die von Scarlett im Laub aufraschelten. Ich musste
schmunzeln. „Wo führst du mich hin?“, fragte sie nach einer
Weile und schaute mich neugierig an. „Zum Rudel. Ich möchte dass
du mein Zuhause und meine Familie kennen lernst“, erwiderte ich
mit einem breiten Grinsen im Gesicht und schaute sie ganz kurz an.
Dann konzentrierte ich mich wieder auf den Weg. Der Dschungel
erscheint viel größer wenn man Mensch ist. Zwischen einem Meer von
meterhohen Bäumen und Pflanzen fühlt man sich winzig und verloren. Aber es ist dennoch überwältigend.. Noch nie hatte ich den
Dschungel aus der Sicht eines Menschen betrachtet.
Wir waren kurz vor dem Rudel und ich blieb stehen. Lauschte.
Verspieltes Brüllen war zu hören. Und wenn man ganz genau hinhörte,
konnte man sogar ihren Atem hören, den der Tiger.
„Psst, bitte bleib hier. Ich hole dich gleich, beweg dich nicht
hier weg“, flüsterte ich ihr zu und sie nickte. Ich schaute in
ihre Augen und verwandelte mich, ohne den Blick von ihr Abzuwenden.
In ihren Augen lag Faszination. Ich wandte mich ab und sprang zum
Dorf hinüber.
Felicitas begrüßte mich freudig und auch Ariane schmiegte sich an
mich. Es tat gut ihre Nähe, ihren Herzschlag zu spüren. Sie war
immerhin alles was ich noch hatte. Wie gewohnt waren alle auf ihren
üblichen Positionen, nur Lucien fehlte. Der Felsen auf dem er
üblicherweise lag war leer. Das erweckte misstrauen in mir, aber
sonst schien alles in Ordnung zu sein. Auch Silas entdeckte mich nun
und trabte auf mich zu. Er machte eine Art Verbeugung vor mir.
„Willkommen zurück, mein Freund“, raunte er mir zu und
stellte sich neben mir auf. „Du hast sie mitgebracht?“, fragte
er und musterte mich. Ich nickte kurz. „Wen?“, fragte
Felicitas verwundert und schaute in die Richtung, wo ich Scarlett
gelassen hatte. Ohne auf ihre Frage zu antworten, ging ich langsam
zurück zu Scarlett. Sie stand etwa zehn Meter weiter, versteckt
hinter einem großen Busch. Als sie mich erblickte flüsterte sie
meinen Namen und ich nickte ihr zu. Vorsichtig ging sie auf mich zu
und streichelte mir sanft über den Kopf. Mit einem weiteren Atemzug
stand ich vor ihr, als Nico. So, wie sie mich kennen gelernt hatte,
als normalen Menschen. „Komm, sie erwarten uns bereits“, sagte
ich und nahm ihre Hand. Ich zog sie zum Dorf, wo, wie erwartet, uns
alle anstarrten. Auch die Köpfe der Frauen und die der Älteren
schnellten in die Höhe. Sogar die Jungen hörten auf zu toben und
starrten uns an. Ich drückte die Hand von Scarlett fester und ging
auf Felicitas und Silas zu. Ariane umkreiste uns ersteinmal
misstrauisch, schmiegte sich dann aber doch an Scarletts Bein. „Sie
mag dich“, sagte ich zu Scarlett und musste lächeln. Sie schaute
das Rudel an und ihr Blick blieb an Felicitas haften. Langsam löste
sie ihre Hand aus meiner und bewegte sich auf sie zu. „Felicitas?“,
fragte sie unsicher und blieb kurz vor ihr stehen. „Danke dass du
mich damals gerettet hast. Dafür bin ich dir sehr dankbar“,
flüsterte sie und kniete sich vor ihr nieder. Felicitas ging auf sie
zu und legte sich neben sie. Es war schön zu sehen, dass Scarlett
von den anderen freundlich empfangen und direkt ins Herz geschlossen
wurde. Auch Ariane legte sich zu Scarlett und schnurrte. Der Rest des
Rudels hatte sich ebenso um Scarlett versammelt. Einige von ihnen
wussten nicht ob sie sie feindselig anknurren und sie herzlich
begrüßen sollten.
Da erkannte ich Lucien. Er kam stolz aus seiner Höhle hervor und
fixierte Scarlett. In seinem Blick lag Neugier und.. begehren? Seine
Augen glänzten und er hatte seinen Kopf erhoben. Mit einem lauten
Brüllen verdeutlichte er, dass er hier das Sagen hatte, denn alle
schracken sofort zurück und einige fingen sogar an leise zu winseln.
Er kam immer näher, bedrohlich nah. Es war nicht zu übersehen, auch
er war von ihrer Schönheit fasziniert. „Ich warne dich, Lucien.
Lass deine Finger von ihr!“, rief ich ihm mahnend zu und erntete
spöttische Blicke. „Ich denk nicht daran“, knurrte er und lief nun auf mich zu. Mit einem Satz überrannte er mich und
schon lag ich unter ihm. Der Aufprall war zwar Schmerzhaft, aber ich
konnte mir ein stöhnen verkneifen. Sein Gesicht befand sich direkt
über meinem und seine scharfen Krallen bohrten sich in meine
Schulterblätter. Bedrohlich fletschte er seine Zähne. „Auch
ich erhebe Anspruch auf sie“, knurrte er mir wieder zu und war
bereit mich sogar zu töten. „Nico!“, Scarlett schrie erschrocken
auf und wollte schon zu mir rennen, doch da sprang Lucien von mir und
ging auf sie zu. Sie erstarrte auf der Stelle. Lucien erhob sich im
gehen, bis er schließlich Scarlett um einen Kopf überragte. In
seinem widerlichen Grinsen lag Überzeugung sie für sich zu
gewinnen. Na warte, dachte ich und diesmal war ich derjenige,
der die Oberhand gewann. Wir rollten über den Boden, doch ich blieb
oben und drückte ihn nieder. „Du rührst sie nicht an, Lucien“,
sagte ich energisch und ich spürte wie er leicht zitterte, auch wenn
nur ganz kurz. Ich meinte es wirklich ernst. Ich war bereit ihn zu
töten, wenn er sie auch nur noch einmal ansah. Es ist der
Beschützerinstinkt, den jede Lebensform besitzt. Sowohl Menschen,
als auch Tiere. Und Scarlett gehörte von nun an zu mir. Also,
glaube ich zumindest. Zugegeben, ich war nicht ganz davon
überzeugt, dass sie mich über alles liebte, oder ob sie mich
überhaupt liebte, aber ich spürte, dass sie sich von mir hingezogen
fühlte, in ihren Augen lag ein leuchten, wenn sie mich sah.
Jedenfalls liebte ich sie und ich würde sie so leicht nicht mehr
gehen lassen. Lucien zappelte etwas und versuchte sich aus meinem
Griff zu befreien, jedoch verstärkte ich meinen Griff nur und wollte
bereits ausholen, um ihn zu schlagen, als Scarlett plötzlich
aufschrie. Ich verharrte in meiner Bewegung und starrte sie an. Auch
Lucien schenkte ihr seine volle Aufmerksamkeit. „STOPP!“, schrie
sie und ihre Augen füllten sich mit Tränen. Anscheinend war sie
kein Fan von Gewalt, was ich aber auch verstand. Ich sprang auf und
lief auf sie zu, nahm sie in meine Arme. „Es tut mir Leid Scarlett,
aber..“, ich stockte und dachte kurz nach, „Ich konnte einfach
nicht mit ansehen wie er dich anstarrt..“ Lucien rappelte sich auf
und zupfte an seinem Hemd rum und strich seine schwarze Hose glatt.
„Ich verstehe nicht, Nico. Wer ist das?“, flüsterte Scarlett,
ohne mich loszulassen. „Das erkläre ich dir später. Du solltest
dich noch ein wenig ausruhen“, sagte ich zu ihr und schob sie etwas
von mir weg, um sie anzugucken. Sie zitterte. „Keine Sorge, ich
pass auf dich auf“, sagte ich bekräftigend und ihre Mundwinkel
zuckten kurz nach oben. Zusammen gingen wir in meine Höhle. „Ich
liebe dich“, flüsterte ich ihr zu und drückte ihr einen Kuss auf
ihre Lippen. Ich lächelte sie an und verwandelte mich in einen
Tiger. Sie legte sich neben mich und berührte sanft mein Fell. „Ich
liebe dich auch“, flüsterte sie zurück und rückte näher an
mich. Ihr Atem war ruhig, ihr Herzschlag verlangsamte sich. Immernoch
lag ihre Hand in meinem Fell. Es tat gut sie so nah bei mir zu
spüren.
Ich werde auf dich aufpassen, dachte ich und blickte hinaus.
Es war ungewöhnlich still und.. wo war eigentlich Mila?
Am nächsten Morgen, was heißt hier Morgen, es war mitten in der
Nacht, wurde ich unsanft geweckt. Vor meiner Höhle stand Trie und
deutete mir, ich solle mich sofort hoch bewegen und ihm folgen.
Vorsichtig richtete ich mich auf und schaute zu Scarlett, die
immernoch fest schlief. Was sie wohl träumte?
„Was ist denn
los?“, fragte ich ihn mit
einem verschlafenem Gesicht. „Wir werden angegriffen, es
sind vier Tiger, wir wissen nicht aus welchem Stamm sie kommen, aber
wahrscheinlich aus keinem befreundetem..“, erzählte
er mir und plötzlich wurde ich hellwach. Die Frauen und Kinder
schliefen noch, nur Felicitas war bereit mitzukämpfen. Trie wollte
es ihr unbedingt ausreden, da er Angst um sie hatte, doch sie ließ
sich nicht von ihm beeindrucken. „Was ihr könnt, kann
ich auch“, erwiderte sie nur
und schlich mit uns aus dem Dorf heraus. Wir wurden schneller und
liefen den Fluss hinauf, bis wir schließlich an einer großflächigen
Stelle kamen, wo ein lautes Toben zu vernehmen war. Silas und Lucien
waren bereits dort und kämpften gegen vier dunklere Tiger. Sie waren
größer und sahen sehr gefährlich aus. Silas rannte mehr, als dass
er kämpfte. Und weiter hinten auf einem Felsvorsprung vernahm ich
eine weitere Gestalt, die sich im Schatten verborgen hielt. Ich und
Trie rannten auf der Stelle los, um Silas und Lucien zu helfen. Auch
Felicitas zögerte nicht lange, mit einem kurzen Brüllen sprintete
sie ebenfalls auf die Gegner zu und verpasse dem Größten eine
Schürfwunde am Schulterblatt. Er knurrte auf und stürzte sich auf
Sie. Am liebsten würde ich ihr sofort helfen wollen, doch ich konnte
nicht, da sich ein anderer Tiger vor mir aufbaute. Ich kannte ihn, es
war Azuro, mein ehemaliger Kumpel. Auch er erkannte mich. „So
sieht man sich also wieder, mein Freund“,
raunte er mir zu und wir liefen im Kreis, ohne den Blick voneinander
abzuwenden. „Was wollt ihr?“, fauchte
ich ihn an. „Das weißt du ganz genau. Wir wollen Mila
und euren Tod“, erwiderte er
und ich erinnerte mich. Mila war einst eine von ihnen, bis Luciens
Frau sie als Jungen noch zu uns holte. Es war ihre Tochter gewesen
und sie wollte sie unbedingt bei sich haben. Sie hatte ihr Leben aufs
Spiel gesetzt, um sie zu sich zu holen. Nach wenigen Tagen wurde
unser Stamm dann angegriffen und Kira, die Frau Luciens, wurde schwer
verletzt. Lange lebte sie nachdem nicht mehr, denn innerhalb drei
Tagen wurde sie immer schwächer und verstarb schließlich. Seitdem
kümmert sich Lucien um Mila, als wäre sie seine eigene Tochter und
gab sie nicht mehr her. Es war schon eine Weile her, und Mila
erinnert sich nicht mehr daran, aber wir wurden stehts von anderen
angegriffen. Azuro sah, dass ich abgelenkt war und nutzte die
Gelegenheit um sich auf mich zu stürzen. Er biss mir in den Hals und
seine scharfen Krallen bohrten sich in meinen Rücken. „Schade,
dass es so enden muss. Du warst ein guter Freund gewesen“, raunte
Azuro mir noch zu und wollte grade fester zubeißen, als die Gestalt
vom Felsen auf uns zusprang und Azuro mit sich riss. Er brüllte,
konnte aber den Genickbiss nicht mehr abwehren und lag schließlich
regungslos am Boden. Er war tot. Der Tiger drehte sich um und ich
konnte es nicht glauben, es war Mila die mich gerettet hatte. Ich
wusste nicht, dass sie eine so gute Kämpferin war. Ihre Stärke war
überwältigend. „Steh auf“, sagte
sie kühl und ich tat was sie mir sagte. Ich hatte zwar höllische
Schmerzen, aber ich konnte es mir nicht leisten hier nutzlos herum zu
liegen. Mila sprang zu Lucien und ich zu Silas. Trie kämpfte nun
gegen den Größten Tiger, gegen den, der Felicitas angefallen hatte.
Es war ein Kampf um Leben und Tod. Felicitas rührte sich nicht und
Trie umgab eine Wolke aus Zorn und Rache. Er biss, kratze und
knurrte, bis der andere am Boden lag. Ein Biss trennte ihn noch von
dem sicheren Tod. Doch kurz bevor Trie ihn ins Reich der Toten
schicken konnte, brüllte dieser auf und kratze Trie den Hals auf.
Wenige Sekunden später lag auch er neben ihm und hörte auf zu
Atmen. Nein, nicht Trie!, dachte
ich und stieß ein Brüllen aus, welches durch Mark und Knochen ging.
Auch Felicitas stimmte mit ein. Die verbliebenen Zwei hörten auf zu
kämpfen und ergriffen die Flucht. Nun brüllten auch Lucien und Mila
und hinzu kam noch Silas. Zusammen brüllten wir so laut wir konnten,
denn wir hatten nicht nur einen Tiger aus dem Rudel verloren, nein,
wir haben einen Freund verloren. Am meisten schmerzte es Felicitas,
schließlich war er ihr Verlobter gewesen, ihre Zukunft.
Ich konnte ihren Schmerz in ihren Augen lesen. Doch aus diesem
Schmerz wurde Wut, und aus der Wut wurde Rache. Kein Zweifel, sie
wollte sich rächen, für Trie, ihren Lebensgefährten. Eine Weile
blieben wir noch um Trie sitzen und trauerten, dann fing es plötzlich
an zu regnen. Zuerst ging Mila, dann folgte ihr Silas. Lucien
verbeugte sich noch einmal vor Trie und warf Felicitas einen
mitfühlenden Blick zu. Dann war auch er unter den Bäumen
verschwunden. Es blieben nur noch Felicitas und ich. Stumm saßen wir
nebeneinander. Es war uns egal, dass wir bereits völlig durchnässt
waren. Wir saßen einfach nur da und betrachteten den reglosen
Körper, der einst mal zu unserem Freund gehörte. „Er
hat mich gerettet“, sagte sie
leise und starrte ihn an. Fassungslos schüttelte sie ihren Kopf.
„Feli, lass uns gehen..“,
sagte ich zu ihr. Doch sie reagierte nicht. Sie hatte mich
anscheinend nicht gehört, sie nahm meine Anwesenheit wahrscheinlich
noch nicht einmal richtig wahr.
Ich
entschloss mich ebenfalls zum Dorf zurück zu kehren, Felicitas würde
schon zurecht kommen. Nachdem ich ein paar Meter weit gegangen war,
hörte ich Felicitas laut und kräftig Brüllen. Dann ging dieses
Brüllen in ein schmerzhaftes und leidendes Schreien über und
verstummte schließlich ganz.
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