Mittwoch, 15. Mai 2013

KAPITEL 18

NICO

Ich liebte Scarletts Lächeln. Auch wenn die letzten Tage die Hölle für sie waren, so wirkte sie doch wieder glücklich. Sie wirkte voller Leben, doch ich konnte spüren, dass es nicht stimmte. Etwas bedrückte sie, aber ich konnte nicht erkennen was genau. Wortlos schleifte ich sie durch den Dschungel. Meine Schritte waren beinahe lautlos, während die von Scarlett im Laub aufraschelten. Ich musste schmunzeln. „Wo führst du mich hin?“, fragte sie nach einer Weile und schaute mich neugierig an. „Zum Rudel. Ich möchte dass du mein Zuhause und meine Familie kennen lernst“, erwiderte ich mit einem breiten Grinsen im Gesicht und schaute sie ganz kurz an. Dann konzentrierte ich mich wieder auf den Weg. Der Dschungel erscheint viel größer wenn man Mensch ist. Zwischen einem Meer von meterhohen Bäumen und Pflanzen fühlt man sich winzig und verloren.  Aber es ist dennoch überwältigend.. Noch nie hatte ich den Dschungel aus der Sicht eines Menschen betrachtet.
Wir waren kurz vor dem Rudel und ich blieb stehen. Lauschte. Verspieltes Brüllen war zu hören. Und wenn man ganz genau hinhörte, konnte man sogar ihren Atem hören, den der Tiger.
„Psst, bitte bleib hier. Ich hole dich gleich, beweg dich nicht hier weg“, flüsterte ich ihr zu und sie nickte. Ich schaute in ihre Augen und verwandelte mich, ohne den Blick von ihr Abzuwenden. In ihren Augen lag Faszination. Ich wandte mich ab und sprang zum Dorf hinüber.
Felicitas begrüßte mich freudig und auch Ariane schmiegte sich an mich. Es tat gut ihre Nähe, ihren Herzschlag zu spüren. Sie war immerhin alles was ich noch hatte. Wie gewohnt waren alle auf ihren üblichen Positionen, nur Lucien fehlte. Der Felsen auf dem er üblicherweise lag war leer. Das erweckte misstrauen in mir, aber sonst schien alles in Ordnung zu sein. Auch Silas entdeckte mich nun und trabte auf mich zu. Er machte eine Art Verbeugung vor mir. „Willkommen zurück, mein Freund“, raunte er mir zu und stellte sich neben mir auf. „Du hast sie mitgebracht?“, fragte er und musterte mich. Ich nickte kurz. „Wen?“, fragte Felicitas verwundert und schaute in die Richtung, wo ich Scarlett gelassen hatte. Ohne auf ihre Frage zu antworten, ging ich langsam zurück zu Scarlett. Sie stand etwa zehn Meter weiter, versteckt hinter einem großen Busch. Als sie mich erblickte flüsterte sie meinen Namen und ich nickte ihr zu. Vorsichtig ging sie auf mich zu und streichelte mir sanft über den Kopf. Mit einem weiteren Atemzug stand ich vor ihr, als Nico. So, wie sie mich kennen gelernt hatte, als normalen Menschen. „Komm, sie erwarten uns bereits“, sagte ich und nahm ihre Hand. Ich zog sie zum Dorf, wo, wie erwartet, uns alle anstarrten. Auch die Köpfe der Frauen und die der Älteren schnellten in die Höhe. Sogar die Jungen hörten auf zu toben und starrten uns an. Ich drückte die Hand von Scarlett fester und ging auf Felicitas und Silas zu. Ariane umkreiste uns ersteinmal misstrauisch, schmiegte sich dann aber doch an Scarletts Bein. „Sie mag dich“, sagte ich zu Scarlett und musste lächeln. Sie schaute das Rudel an und ihr Blick blieb an Felicitas haften. Langsam löste sie ihre Hand aus meiner und bewegte sich auf sie zu. „Felicitas?“, fragte sie unsicher und blieb kurz vor ihr stehen. „Danke dass du mich damals gerettet hast. Dafür bin ich dir sehr dankbar“, flüsterte sie und kniete sich vor ihr nieder. Felicitas ging auf sie zu und legte sich neben sie. Es war schön zu sehen, dass Scarlett von den anderen freundlich empfangen und direkt ins Herz geschlossen wurde. Auch Ariane legte sich zu Scarlett und schnurrte. Der Rest des Rudels hatte sich ebenso um Scarlett versammelt. Einige von ihnen wussten nicht ob sie sie feindselig anknurren und sie herzlich begrüßen sollten.
Da erkannte ich Lucien. Er kam stolz aus seiner Höhle hervor und fixierte Scarlett. In seinem Blick lag Neugier und.. begehren? Seine Augen glänzten und er hatte seinen Kopf erhoben. Mit einem lauten Brüllen verdeutlichte er, dass er hier das Sagen hatte, denn alle schracken sofort zurück und einige fingen sogar an leise zu winseln. Er kam immer näher, bedrohlich nah. Es war nicht zu übersehen, auch er war von ihrer Schönheit fasziniert. „Ich warne dich, Lucien. Lass deine Finger von ihr!“, rief ich ihm mahnend zu und erntete spöttische Blicke. „Ich denk nicht daran“, knurrte er und lief nun auf mich zu. Mit einem Satz überrannte er mich und schon lag ich unter ihm. Der Aufprall war zwar Schmerzhaft, aber ich konnte mir ein stöhnen verkneifen. Sein Gesicht befand sich direkt über meinem und seine scharfen Krallen bohrten sich in meine Schulterblätter. Bedrohlich fletschte er seine Zähne. „Auch ich erhebe Anspruch auf sie“, knurrte er mir wieder zu und war bereit mich sogar zu töten. „Nico!“, Scarlett schrie erschrocken auf und wollte schon zu mir rennen, doch da sprang Lucien von mir und ging auf sie zu. Sie erstarrte auf der Stelle. Lucien erhob sich im gehen, bis er schließlich Scarlett um einen Kopf überragte. In seinem widerlichen Grinsen lag Überzeugung sie für sich zu gewinnen. Na warte, dachte ich und diesmal war ich derjenige, der die Oberhand gewann. Wir rollten über den Boden, doch ich blieb oben und drückte ihn nieder. „Du rührst sie nicht an, Lucien“, sagte ich energisch und ich spürte wie er leicht zitterte, auch wenn nur ganz kurz. Ich meinte es wirklich ernst. Ich war bereit ihn zu töten, wenn er sie auch nur noch einmal ansah. Es ist der Beschützerinstinkt, den jede Lebensform besitzt. Sowohl Menschen, als auch Tiere. Und Scarlett gehörte von nun an zu mir. Also, glaube ich zumindest. Zugegeben, ich war nicht ganz davon überzeugt, dass sie mich über alles liebte, oder ob sie mich überhaupt liebte, aber ich spürte, dass sie sich von mir hingezogen fühlte, in ihren Augen lag ein leuchten, wenn sie mich sah. Jedenfalls liebte ich sie und ich würde sie so leicht nicht mehr gehen lassen. Lucien zappelte etwas und versuchte sich aus meinem Griff zu befreien, jedoch verstärkte ich meinen Griff nur und wollte bereits ausholen, um ihn zu schlagen, als Scarlett plötzlich aufschrie. Ich verharrte in meiner Bewegung und starrte sie an. Auch Lucien schenkte ihr seine volle Aufmerksamkeit. „STOPP!“, schrie sie und ihre Augen füllten sich mit Tränen. Anscheinend war sie kein Fan von Gewalt, was ich aber auch verstand. Ich sprang auf und lief auf sie zu, nahm sie in meine Arme. „Es tut mir Leid Scarlett, aber..“, ich stockte und dachte kurz nach, „Ich konnte einfach nicht mit ansehen wie er dich anstarrt..“ Lucien rappelte sich auf und zupfte an seinem Hemd rum und strich seine schwarze Hose glatt. „Ich verstehe nicht, Nico. Wer ist das?“, flüsterte Scarlett, ohne mich loszulassen. „Das erkläre ich dir später. Du solltest dich noch ein wenig ausruhen“, sagte ich zu ihr und schob sie etwas von mir weg, um sie anzugucken. Sie zitterte. „Keine Sorge, ich pass auf dich auf“, sagte ich bekräftigend und ihre Mundwinkel zuckten kurz nach oben. Zusammen gingen wir in meine Höhle. „Ich liebe dich“, flüsterte ich ihr zu und drückte ihr einen Kuss auf ihre Lippen. Ich lächelte sie an und verwandelte mich in einen Tiger. Sie legte sich neben mich und berührte sanft mein Fell. „Ich liebe dich auch“, flüsterte sie zurück und rückte näher an mich. Ihr Atem war ruhig, ihr Herzschlag verlangsamte sich. Immernoch lag ihre Hand in meinem Fell. Es tat gut sie so nah bei mir zu spüren.
Ich werde auf dich aufpassen, dachte ich und blickte hinaus. Es war ungewöhnlich still und.. wo war eigentlich Mila?

Am nächsten Morgen, was heißt hier Morgen, es war mitten in der Nacht, wurde ich unsanft geweckt. Vor meiner Höhle stand Trie und deutete mir, ich solle mich sofort hoch bewegen und ihm folgen. Vorsichtig richtete ich mich auf und schaute zu Scarlett, die immernoch fest schlief. Was sie wohl träumte?
Was ist denn los?“, fragte ich ihn mit einem verschlafenem Gesicht. „Wir werden angegriffen, es sind vier Tiger, wir wissen nicht aus welchem Stamm sie kommen, aber wahrscheinlich aus keinem befreundetem..“, erzählte er mir und plötzlich wurde ich hellwach. Die Frauen und Kinder schliefen noch, nur Felicitas war bereit mitzukämpfen. Trie wollte es ihr unbedingt ausreden, da er Angst um sie hatte, doch sie ließ sich nicht von ihm beeindrucken. „Was ihr könnt, kann ich auch“, erwiderte sie nur und schlich mit uns aus dem Dorf heraus. Wir wurden schneller und liefen den Fluss hinauf, bis wir schließlich an einer großflächigen Stelle kamen, wo ein lautes Toben zu vernehmen war. Silas und Lucien waren bereits dort und kämpften gegen vier dunklere Tiger. Sie waren größer und sahen sehr gefährlich aus. Silas rannte mehr, als dass er kämpfte. Und weiter hinten auf einem Felsvorsprung vernahm ich eine weitere Gestalt, die sich im Schatten verborgen hielt. Ich und Trie rannten auf der Stelle los, um Silas und Lucien zu helfen. Auch Felicitas zögerte nicht lange, mit einem kurzen Brüllen sprintete sie ebenfalls auf die Gegner zu und verpasse dem Größten eine Schürfwunde am Schulterblatt. Er knurrte auf und stürzte sich auf Sie. Am liebsten würde ich ihr sofort helfen wollen, doch ich konnte nicht, da sich ein anderer Tiger vor mir aufbaute. Ich kannte ihn, es war Azuro, mein ehemaliger Kumpel. Auch er erkannte mich. „So sieht man sich also wieder, mein Freund“, raunte er mir zu und wir liefen im Kreis, ohne den Blick voneinander abzuwenden. „Was wollt ihr?“, fauchte ich ihn an. „Das weißt du ganz genau. Wir wollen Mila und euren Tod“, erwiderte er und ich erinnerte mich. Mila war einst eine von ihnen, bis Luciens Frau sie als Jungen noch zu uns holte. Es war ihre Tochter gewesen und sie wollte sie unbedingt bei sich haben. Sie hatte ihr Leben aufs Spiel gesetzt, um sie zu sich zu holen. Nach wenigen Tagen wurde unser Stamm dann angegriffen und Kira, die Frau Luciens, wurde schwer verletzt. Lange lebte sie nachdem nicht mehr, denn innerhalb drei Tagen wurde sie immer schwächer und verstarb schließlich. Seitdem kümmert sich Lucien um Mila, als wäre sie seine eigene Tochter und gab sie nicht mehr her. Es war schon eine Weile her, und Mila erinnert sich nicht mehr daran, aber wir wurden stehts von anderen angegriffen. Azuro sah, dass ich abgelenkt war und nutzte die Gelegenheit um sich auf mich zu stürzen. Er biss mir in den Hals und seine scharfen Krallen bohrten sich in meinen Rücken. „Schade, dass es so enden muss. Du warst ein guter Freund gewesen“, raunte Azuro mir noch zu und wollte grade fester zubeißen, als die Gestalt vom Felsen auf uns zusprang und Azuro mit sich riss. Er brüllte, konnte aber den Genickbiss nicht mehr abwehren und lag schließlich regungslos am Boden. Er war tot. Der Tiger drehte sich um und ich konnte es nicht glauben, es war Mila die mich gerettet hatte. Ich wusste nicht, dass sie eine so gute Kämpferin war. Ihre Stärke war überwältigend. „Steh auf“, sagte sie kühl und ich tat was sie mir sagte. Ich hatte zwar höllische Schmerzen, aber ich konnte es mir nicht leisten hier nutzlos herum zu liegen. Mila sprang zu Lucien und ich zu Silas. Trie kämpfte nun gegen den Größten Tiger, gegen den, der Felicitas angefallen hatte. Es war ein Kampf um Leben und Tod. Felicitas rührte sich nicht und Trie umgab eine Wolke aus Zorn und Rache. Er biss, kratze und knurrte, bis der andere am Boden lag. Ein Biss trennte ihn noch von dem sicheren Tod. Doch kurz bevor Trie ihn ins Reich der Toten schicken konnte, brüllte dieser auf und kratze Trie den Hals auf. Wenige Sekunden später lag auch er neben ihm und hörte auf zu Atmen. Nein, nicht Trie!, dachte ich und stieß ein Brüllen aus, welches durch Mark und Knochen ging. Auch Felicitas stimmte mit ein. Die verbliebenen Zwei hörten auf zu kämpfen und ergriffen die Flucht. Nun brüllten auch Lucien und Mila und hinzu kam noch Silas. Zusammen brüllten wir so laut wir konnten, denn wir hatten nicht nur einen Tiger aus dem Rudel verloren, nein, wir haben einen Freund verloren. Am meisten schmerzte es Felicitas, schließlich war er ihr Verlobter gewesen, ihre Zukunft. Ich konnte ihren Schmerz in ihren Augen lesen. Doch aus diesem Schmerz wurde Wut, und aus der Wut wurde Rache. Kein Zweifel, sie wollte sich rächen, für Trie, ihren Lebensgefährten. Eine Weile blieben wir noch um Trie sitzen und trauerten, dann fing es plötzlich an zu regnen. Zuerst ging Mila, dann folgte ihr Silas. Lucien verbeugte sich noch einmal vor Trie und warf Felicitas einen mitfühlenden Blick zu. Dann war auch er unter den Bäumen verschwunden. Es blieben nur noch Felicitas und ich. Stumm saßen wir nebeneinander. Es war uns egal, dass wir bereits völlig durchnässt waren. Wir saßen einfach nur da und betrachteten den reglosen Körper, der einst mal zu unserem Freund gehörte. „Er hat mich gerettet“, sagte sie leise und starrte ihn an. Fassungslos schüttelte sie ihren Kopf. „Feli, lass uns gehen..“, sagte ich zu ihr. Doch sie reagierte nicht. Sie hatte mich anscheinend nicht gehört, sie nahm meine Anwesenheit wahrscheinlich noch nicht einmal richtig wahr.
Ich entschloss mich ebenfalls zum Dorf zurück zu kehren, Felicitas würde schon zurecht kommen. Nachdem ich ein paar Meter weit gegangen war, hörte ich Felicitas laut und kräftig Brüllen. Dann ging dieses Brüllen in ein schmerzhaftes und leidendes Schreien über und verstummte schließlich ganz.

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