SCARLETT
„Du musst jemanden töten, um
Tiger zu werden“, hatte er gesagt. Ich
ging diesen Satz ungefähr zehn mal in meinen Kopf nach. Niemals
werde ich jemanden töten können! Ich bin absolut gegen Gewalt. Ich
kann immer noch nicht vergessen, was geschehen war...
Nico würde es nicht von mir verlangen, aber ich liebe ihn.
Und ich will mit ihm zusammen sein. Vielleicht sollte ich mir
erstmals alles anhören? Wenn es die einzige Chance ist, um mit ihm
zusammen zu sein, dann werde ich sie auch ergreifen müssen! Oder?
Ich kann Nico nicht einfach verlieren. Er bedeutet mir einfach zu
viel.
Entschlossen
kletterte ich aus der Badewanne, in der ich mich zusammengerollt
hatte, und ging wieder ins Wohnzimmer. Nico saß auf dem Sofa und
starrte auf seine Hände. Er hatte alles aufgeräumt und blickte mich
nun erwartungsvoll an. Langsam ging ich zu ihm und setzte mich neben
ihn.
„Wurdest
du so... indem du jemanden getötet hast, ein Tiger?“, ich musste
die Frage einfach stellen. Nico zuckte zusammen und senkte wieder
seinen Blick. „Nein. Ich wurde als Tigermensch geboren. Genau wie
alle anderen. Und es ist auch nicht nachgewiesen, dass es
funktionieren würde. Bisher hat es noch niemand ausprobiert. Es ist
eine Legende. Scarlett, ich verlange es nicht von dir! Würde ich
nie! Es ist so ein großes Opfer und niemand zwingt dich, dieses
Opfer zu bringen.“
Er hob
wieder seinen Blick und schaute mir in die Augen. Es schien als
versinke er in meinen.
„Wen
müsste ich den töten?“, „Einen anderen Tigermensch. Aus einem
anderen Rudel. Dann müsstest du seine Leiche in unser Dorf bringen
und darum bitten, Luciens Rudel beitreten zu dürfen. Lucien würde
dann entscheiden“, Nicos Blick verdunkelte sich bei Luciens Namen.
Werde ich wirklich dieses Opfer
bringen können? Ich würde mir immer Vorwürfe machen, wenn ich es
nicht versuchen würde. Sonst würde ich Nico verlieren...
„Ich werde es
versuchen!“, entschloss ich mich. Nicos Augen wurden groß und ich
wusste genau, was ich darin sah. Hoffnung.
Wir beschlossen,
dass ich mich erstmals bei niemanden melden würde. Meine Eltern und
Vani hatten schon oft versucht mich zu erreichen, jedoch wäre es
fürs erste besser, zu schweigen. Immerhin wissen wir nicht, wie es
weiter gehen würde. Nachdem ich mir ein paar Sachen eingepackt
hatte, gingen wir zurück zum Rudel. Es war ein ziemlich
berauschendes Gefühl auf einem Tiger zu reiten, den Wind im Gesicht
zu spüren. Es war so, als könnte ich alles vergessen. Bis zu dem
Moment, wo wir über den Graben sprangen und ich abstieg. Nico
verwandelte sich zurück und stand nun ein paar Zentimeter von meinem
Gesicht entfernt. Langsam beugte er sich vor und küsste mich.
Automatisch zuckte ich zusammen. Nicos Kuss war anders – schöner,
jedoch erinnerte ich mich sofort an die schlimmen Erinnerungen von
damals mit Leon. Plötzlich war es so, als würde mich Leben küssen.
Ich schlug die Augen auf und windete mich aus Nicos Kuss. Er trat
einen Schritt zurück und blickt mich mit zusammengezogenen
Augenbrauen traurig an. Ich dachte er würde dazu etwas sagen, jedoch
beließ er es dabei und wir machten uns auf dem Weg ins Dorf. „Falls
Lucien dir wieder zu nahe kommt, rufst du mich sofort! Verstanden?“,
fragte er mich unterwegs und schaute mich an. Ich nickte und
konzentrierte mich auf dem Weg um nicht zu stolpern. „Hast du
mitbekommen, was er zu mir gesagt hat?“, fragte ich traurig. „Nein.
Ich hab nur gesehen, dass er dich geküsst hat. Wieso, was hat er
gesagt?“, fragte er mich und blieb stehen um mich anzusehen. Auch
ich blieb stehen, blickte jedoch auf den Boden. „Er sagte, dass du
vergeben wärst und dass es gegen das Gesetz verstößt, wenn du mit
mir zusammen sein würdest obwohl Mila noch lebt. Er sagte, dass er
dich sonst nicht ins Rudel lassen würde und dass ich mir jemand
anderen aussuchen könnte, der frei ist.“
Nico blieb still,
ich konnte jedoch spüren, wie die Wut in ihm stieg. „Ich werde mit
Lucien reden, keine Sorge. Das kriegen wir irgendwie hin“, sagte
er, nahm mich an der Hand und ging weiter in Richtung Dorf. Wie
kann er nur so voller Hoffnung sein?
Im Dorf angelangt,
sah ich Felicitas. Sie lag zusammengerollt unter einem Baum. Lucien
saß daneben als Mensch und flüsterte irgendetwas zu ihr, was ich
nicht verstand. Nico brachte mich in eine Höhle, wo ich mich in die
hinterste Ecke setzte und ich anschaute. „Ich werde mit Lucien
reden gehen. Warte hier, ja?“, fragte er mich. Ich nickte und Nico
beugte sich vor, hielt jedoch ein paar Zentimeter vor meinem Gesicht
inne und wand sich dann ab um zu Lucien zu gehen. Er hat Angst,
dass ich ihn abweisen würde..., dachte ich traurig und blickte
ihm nach.
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