Mittwoch, 22. Mai 2013

KAPITEL 21


SCARLETT

Du musst jemanden töten, um Tiger zu werden“, hatte er gesagt. Ich ging diesen Satz ungefähr zehn mal in meinen Kopf nach. Niemals werde ich jemanden töten können! Ich bin absolut gegen Gewalt. Ich kann immer noch nicht vergessen, was geschehen war... Nico würde es nicht von mir verlangen, aber ich liebe ihn. Und ich will mit ihm zusammen sein. Vielleicht sollte ich mir erstmals alles anhören? Wenn es die einzige Chance ist, um mit ihm zusammen zu sein, dann werde ich sie auch ergreifen müssen! Oder? Ich kann Nico nicht einfach verlieren. Er bedeutet mir einfach zu viel.
Entschlossen kletterte ich aus der Badewanne, in der ich mich zusammengerollt hatte, und ging wieder ins Wohnzimmer. Nico saß auf dem Sofa und starrte auf seine Hände. Er hatte alles aufgeräumt und blickte mich nun erwartungsvoll an. Langsam ging ich zu ihm und setzte mich neben ihn.
„Wurdest du so... indem du jemanden getötet hast, ein Tiger?“, ich musste die Frage einfach stellen. Nico zuckte zusammen und senkte wieder seinen Blick. „Nein. Ich wurde als Tigermensch geboren. Genau wie alle anderen. Und es ist auch nicht nachgewiesen, dass es funktionieren würde. Bisher hat es noch niemand ausprobiert. Es ist eine Legende. Scarlett, ich verlange es nicht von dir! Würde ich nie! Es ist so ein großes Opfer und niemand zwingt dich, dieses Opfer zu bringen.“
Er hob wieder seinen Blick und schaute mir in die Augen. Es schien als versinke er in meinen.
„Wen müsste ich den töten?“, „Einen anderen Tigermensch. Aus einem anderen Rudel. Dann müsstest du seine Leiche in unser Dorf bringen und darum bitten, Luciens Rudel beitreten zu dürfen. Lucien würde dann entscheiden“, Nicos Blick verdunkelte sich bei Luciens Namen.
Werde ich wirklich dieses Opfer bringen können? Ich würde mir immer Vorwürfe machen, wenn ich es nicht versuchen würde. Sonst würde ich Nico verlieren...
„Ich werde es versuchen!“, entschloss ich mich. Nicos Augen wurden groß und ich wusste genau, was ich darin sah. Hoffnung.

Wir beschlossen, dass ich mich erstmals bei niemanden melden würde. Meine Eltern und Vani hatten schon oft versucht mich zu erreichen, jedoch wäre es fürs erste besser, zu schweigen. Immerhin wissen wir nicht, wie es weiter gehen würde. Nachdem ich mir ein paar Sachen eingepackt hatte, gingen wir zurück zum Rudel. Es war ein ziemlich berauschendes Gefühl auf einem Tiger zu reiten, den Wind im Gesicht zu spüren. Es war so, als könnte ich alles vergessen. Bis zu dem Moment, wo wir über den Graben sprangen und ich abstieg. Nico verwandelte sich zurück und stand nun ein paar Zentimeter von meinem Gesicht entfernt. Langsam beugte er sich vor und küsste mich. Automatisch zuckte ich zusammen. Nicos Kuss war anders – schöner, jedoch erinnerte ich mich sofort an die schlimmen Erinnerungen von damals mit Leon. Plötzlich war es so, als würde mich Leben küssen. Ich schlug die Augen auf und windete mich aus Nicos Kuss. Er trat einen Schritt zurück und blickt mich mit zusammengezogenen Augenbrauen traurig an. Ich dachte er würde dazu etwas sagen, jedoch beließ er es dabei und wir machten uns auf dem Weg ins Dorf. „Falls Lucien dir wieder zu nahe kommt, rufst du mich sofort! Verstanden?“, fragte er mich unterwegs und schaute mich an. Ich nickte und konzentrierte mich auf dem Weg um nicht zu stolpern. „Hast du mitbekommen, was er zu mir gesagt hat?“, fragte ich traurig. „Nein. Ich hab nur gesehen, dass er dich geküsst hat. Wieso, was hat er gesagt?“, fragte er mich und blieb stehen um mich anzusehen. Auch ich blieb stehen, blickte jedoch auf den Boden. „Er sagte, dass du vergeben wärst und dass es gegen das Gesetz verstößt, wenn du mit mir zusammen sein würdest obwohl Mila noch lebt. Er sagte, dass er dich sonst nicht ins Rudel lassen würde und dass ich mir jemand anderen aussuchen könnte, der frei ist.“
Nico blieb still, ich konnte jedoch spüren, wie die Wut in ihm stieg. „Ich werde mit Lucien reden, keine Sorge. Das kriegen wir irgendwie hin“, sagte er, nahm mich an der Hand und ging weiter in Richtung Dorf. Wie kann er nur so voller Hoffnung sein?

Im Dorf angelangt, sah ich Felicitas. Sie lag zusammengerollt unter einem Baum. Lucien saß daneben als Mensch und flüsterte irgendetwas zu ihr, was ich nicht verstand. Nico brachte mich in eine Höhle, wo ich mich in die hinterste Ecke setzte und ich anschaute. „Ich werde mit Lucien reden gehen. Warte hier, ja?“, fragte er mich. Ich nickte und Nico beugte sich vor, hielt jedoch ein paar Zentimeter vor meinem Gesicht inne und wand sich dann ab um zu Lucien zu gehen. Er hat Angst, dass ich ihn abweisen würde..., dachte ich traurig und blickte ihm nach.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen