NICO
Scarlett hatte beschlossen den Tag mit Felicitas und Mila zu
verbringen, was ich ihr nicht übel nehmen konnte, weil auch sie
Abwechslung brauchte. Immer war sie mit mir unterwegs und redete nur
mit mir. Die anderen kannte sie garnicht wirklich. Was mich
allerdings sehr verwundert, dass Scarlett sich mit Mila versteht..
Hat Mila sie Anfangs nicht gehasst?
Wie immer war es ein sonniger Tag und keine einzige Wolke war in
Sicht. Da wir zurzeit einen Menschen, also Scarlett, bei uns
aufgenommen hatten, brauchten wir Geld, um sie mit Nahrung zu
versorgen, also schickte Lucien mich mit Silas wieder auf die
Werkstatt. Das war sogar eine ausgeprochen gute Idee, denn ich konnte
mich nicht erinnern, wann ich zum letzten Mal was mit meinem Kumpel
Silas gemacht hatte. Ständig war etwas dazwischen gekommen, aber
heute machten wir uns einen reinen Männer- Tag und machten das, was
wir normalerweise so auf der Werkstatt machten – nämlich Nichts.
Aber es war nicht unwichtig, im Gegenteil, denn wir machten zusammen
Nichts. Im Schatten saßen wir da also, wie früher als
Scarlett zum ersten Mal angerufen hatte und um Hilfe bat, auf der
kleinen Holzbank und beobachteten die Ferne. Silas kramte aus seiner
Jackentasche eine Schachtel Zigaretten hervor und bot mir eine an,
doch ich schüttelte nur den Kopf. Er selbst machte sich eine an und
schaute mich verwundert an. „Scarlett mag es nicht wenn ich rauche.
Ich hatte ihr versprochen damit aufzuhören“, erklärte ich. Ruhig
saß er da und musterte mich, bis auch er das Wort fand: „Apropos
Scarlett, wo hast du sie gelassen? Man trifft dich nicht oft ohne sie
an deiner Seite an.“ „Sie unternimmt was mit den Mädels“,
antwortete ich. Silas zog an seiner Zigarette und ich musste mich
zusammen reißen. Ich darf nicht!, wiederholte ich ein paar
mal in meinem Kopf und wendete meinen Blick von ihm ab. „Und du?
Dich sieht man überhaupt nicht mehr“, versuchte ich mich
abzulenken und biss die Zähne zusammen.
Silas sah mich ernst an, als stände er vor einer wichtigen
Entscheidung. Eine Weile lang saßen wir schweigend nebeneinander und
starrten uns an. Silas war Unsicher, er wollte etwas sagen, doch er
fand die Worte dafür nicht. „Was ist los?“, fragte ich und
versuchte dabei so ernst wie nur möglich zu klingen. Er schaute weg
und überlegte, was er sagen konnte. „Ich weiß das klingt jetzt
vielleicht komisch aber..“, setzte Silas an und legte eine kurze
Pause ein, „also, die Sache ist die, du warst in letzter Zeit so
sehr mit Scarlett beschäftigt, da hatte ich mich um Mila gekümmert
und.. Naja, jedenfalls finde ich sie sehr Attraktiv und.. Und..“,
er suchte nach den richtigen Worten, doch er fand sie nicht. Erstaunt
guckte ich ihn an. „Ihr wärt ein wundervolles Paar“, entgegnete
ich ihm und seine Mundwinkel zuckten kurz nach Oben. „Nur weiß ich
jetzt nicht, ob sie mich auch liebt..“, sagte er und er klang
traurig. So habe ich Silas ja noch nie erlebt, den hats diesmal
aber wirklich getroffen! „Mach dir darum keinen Kopf, das wird
schon. Ich könnte schwören dass sie dich auch liebt“, sagte ich
aufmunternd und stand auf. Diese Hitze hier war unerträglich.
„Bier?“, fragte ich kurz und er nickte. Langsam ging ich in die
Werkstatt. Die Luft war hier sehr stickig, ich hätte sterben können.
Kann der liebe Gott uns nicht einmal Regen schicken?, fragte
ich mich und holte zwei Dosen Bier aus dem Kühlschrank. Es ist ja
nicht so als wenn ich lieber im strömendem Regen arbeite, aber eine
nette Abwechslung wäre es auf jeden Fall. Die letzten drei Wochen
hatte es hier nicht geregnet, was allerdings auch mehr Touristen
hergeführt hatte. Das war woll das Stichwort: Touristen. Als ich
nach draußen kam war Silas grade am telefonieren und legte grade
auf, als ich kam. Ich drückte ihm sein Bier in die Hand und öffnete
meines. „Scheint als bekämen wir gleich arbeit, ein Typ mit
Kindern und Frau kommen gleich vorbei und wollen deren Wagen
durchchecken lassen und einer jungen Frau ist ein Reifen geplatzt,
sie ist in zehn Minuten hier.“
Zusammen stießen wir an uns tranken das gekühlte Bier. Es tat
unglaublich gut, wie das kalte Geträng die Kehle hinunter rannte.
Neue Energie floss durch meinen Körper und auch Silas wirkte Aktiv.
Es gibt doch nichts über ein kaltes Bier mit dem besten Kumpel an
einem heißen Tag!
Wie Silas bereits angekündigt hatte, kam eine junge Frau in unsere
Werkstatt gefahren. Der Wagen fuhr langsam und schief. Der linke
Hinterreifen war geplatzt und der Auspuff stieß viel Rauch aus. Das
Auto, was übrigens ein weißer und älterer Mercedes war, parkte
neben uns und eine junge Brünette stieg aus. Ich schätzte sie auf
23 Jahre. Sie hatte eine große Sonnenbrille an und trug ein enges
weißes Top und eine kurze Hotpans. Die Frau zog ihre Sonnenbrille
hoch und ich sah ihre dunkel blauen Augen. Sie lächelte und hielt
mir ihre Hand hin. „Alice Meyer, ich hatte eben angerufen, wegen
meinem Reifen“, sagte sie mit einer hellen Stimme und begrüßte
auch Silas. Alice war erstaunlich klein, 1,58m vielleicht, aber nicht
mehr, und das obwohl sie hohe Schuhe trug. Silas unterhielt sich kurz
mit der Dame und verabschiedete sich dann, weil die nächsten Kunden
auch schon eintrafen. „Also, was genau kann ich für sie tun?“,
fragte ich höflich und setzte mein freundlichstes Lächeln auf, das
ich besaß. „Du kannst mich ruhig Duzen, ich steh nicht so auf
dieses Siezen, da fühle ich mich immer so alt“, sagte sie und fing
an zu lachen. Auch ich versuchte ein kleines Lachen heraus zu
bekommen. Oh je, dachte ich, bitte lass das keine von
diesen Frauen sein, die Stundenlang wie ein Wasserfall reden.. „Also,
es wäre nett wenn du mir den Reifen wechseln könntest und
vielleicht nochmal den ganzen Wagen durchchecken könntest, ich hab
nämlich noch eine lange Fahrt vor mir!“ Ich nickte kurz und wollte
mich grade an die Arbeit machen, als sie wieder anfing zu reden. Ich
nahm Alice garnicht wirklich wahr, sondern nickte und lächelte nur
und hoffte, sie stellte keine Fragen. Nach gefühlten zehn Minuten
zuhören fragte sie mich, ob sie kurz ins Bad könnte. „Aber
natürlich, wenn du jetzt hier rein gehst, direkt die erste Tür
links“, erklärte ich ihr und deutete ihr mit eine kurzen
Armbewegung die Richtung. Alice bedankte sich und ging schnell davon.
Wenn ich mich jetzt nicht beeile, werde ich wohl niemals fertig..
Ich begann mir den Wagen anzuschauen und fuhr ihn in die Werkstatt
und fing an den Reifen zu wechseln. Nach wenigen Minuten kam Alice
wieder und gesellte sich zu mir. Ohne sie auch nur eines Blickes zu
würdigen fuhr ich mit meiner Arbeit fort. Auch wenn ich mit dem
Rücken zu ihr stand und sie nict sehen konnte, so spürte ich doch
ihre Blicke auf mir ruhen. Es war unangenehm, es fühlte sich an, als
würde sie mich mit ihren Blicken durchstechen. Und dieses Gefühl
wurde immer schlimmer und unerträglicher. Plötzlich drehte ich mich
zu ihr um und blickte in ihre Augen. Ich konnte ein kleines Blitzen
vernehmen und sie zuckte zusammen. „Mein Gott, hast du mich
erschreckt!“, sagte sie und hielt sich eine Hand an ihre Brust. Nun
war ich derjenige, der sie anstarrte und ich sah, wie sie
zusammenzuckte. „Silas, bringst du der Dame bitte ein Glas Wasser,
sie verdurstet noch!“, rief ich ohne meine Augen von ihr
abzuwenden. „Das ist doch nicht nötig!“, rief sie gespielt
überrascht und winkte dabei mit den Händen. „Doch, doch. Ich
bestehe darauf. Geh doch bitte nach draußen in den Schatten und
Silas bringt dir was zu trinken. Dein Auto ist gleich fertig“,
sagte ich überzeugend und zögerlich drehte sie sich um und ging.
Wer ist sie? Zügig fuhr ich mit der Arbeit fort und wechslete
den Reifen. Dann checkte ich noch kurz das Auto durch und fuhr es
hinaus auf den Parkplatz. Alice kam natürlich sofort angetrabt - und
ich fragte mich wirklich wie sie es schaffte auf diesen Todesabsätzen
zu laufen ohne dabei umzuknicken - und stellte sich an meine Seite.
„Oh vielen Dank! Wie viel bekommst du?“, sagte sie
überschwänglich glücklich und ich hätte ihr am liebsten gesagt
gar nichts, es würde reichen wenn sie verschwinde, aber natürlich
nannte ich ihr die richtige Summe und sie zuckte ihren Geldbeutel.
„So bitteschön, ich rufe wieder an, falls ich erneut Hilfe
brauche!“, sagte sie und fiel mir um den Hals. Ihre Haut brannte
auf meiner wie Feuer und ich wollte sie von mir stoßen, doch ich
wahr bewegungsunfähig. Wie konnte eine junge attraktive Frau so viel
Schmerz mit einer einzigen Berührung mit sich bringen? Alice war
stark, das spürte ich. Aber wieso war sie dann hier? Ich
korriegiere meine Frage von vorhin. WAS ist sie? - „Das wirst du
noch früh genug herausfinden“, hallte es durch meinen Kopf und
ich erschrack. Konnte sie meine Gedanken lesen? Wie gelangte ihre
Stimme in meinen Kopf? Endlich löste sie sich von mir und trat einen
Schritt zurück. Ein breites Grinsen hatte sich über ihr Gesicht
geschlichen. Sofort hörte das brennen auf meiner Haut auf und ich
versuchte ruhig zu bleiben. „Also dann, wir werden uns noch öfter
begegnen, glaube ich“, sagte sie während sie in ihren Wagen stieg
und ihre Sonnenbrille aufsetzte. Bevor sie wegfuhr warf sie mir noch
eine Kusshand zu. Als wäre diese ein Pfeil gewesen, bohrte sich
dieser in mich hinein und ich begann zu taumeln. Sofort eilte Silas
mir zur Hilfe und stütze mich. „Was ist sie?“, fragte ich in die
Richtung zu der Sie verschwunden war und schüttelte dabei den Kopf.
Ein kühler Wind wehte mir durchs Fell und ich sprang über den
großen Graben. Als ich wieder aufkam, drohte ich wegzuknicken und
taumelte ein paar Schritte zur Seite. Silas sah mich fragend an, doch
ich ignorierte ihn und setzte zum Sprint an. Ich wollte nur noch so
schnell wie möglich zurück nach hause. Auch wenn es bereits spät
Abends war hatte ich noch vor mit Scarlett zu trainieren. Schließlich
stand ihr eine große Prüfung bevor, in dem es um ihr Leben ging.
Sie sollte stark genug sein, um gegen einen Tiger zu kämpfen. Auch
wenn das fast unmöglich war, so glaubte ich dennoch an sie. In
Wahrheit wollte ich nichts mehr, als dass sie gewinnt. Mittlerweile
war sie in den Mittelpunkt meines Lebens gerückt, sie war mein
Lebensinn!
Ich war lauter als gewohnt, bei jedem Schritt den ich machte
raschelte das Laub unter meinen Pfoten. Anscheinend hatten das auch
alle anderen gehört, denn alle starrten mich an, als ich im Dorf
ankam. Wütend brüllte ich und sofort wanten sich alle ab. Nur
Scarlett kam auf mich zu und ich verwandelte mich, um sie zu
umarmen. Im Gegensatz zu Alice verbrannte meine Haut nicht, wenn wir
uns berührten, ganz im Gegenteil, sie heilte mich sogar. Ihr Kuss
gab mir neue Energie. „Und wie war dein Tag?“, fragte ich sie mit
einem lächeln im Gesicht, was selbst alle anderen irritierte. Doch
ehe sie mir antworten konnte, ergriff Mila das Wort. Sofort wanderten
alle Augen auf sie und einige werwandelten sich sogar zu Menschen, um
sie besser verstehen zu können. „Ich möchte euch allen etwas
Mitteilen“, rief sie zögerlich in die Runde und warf Felicitas
einen verzweifelten Blick zu, aber sie nickte nur und lächelte. Mila
lächelte zurück und redete weiter: „Ihr wisst ja dass Nico jetzt
mit Scarlett zusammen ist, was mich anfangs auch sehr wütend und
verletzt gemacht hat. Ich habe Dinge gesagt und getan, die
unverzeihlich sind, trotzdem möchte ich mich dafür entschuldigen.“
Scarlett lächelte und Mila nickte. „Es freut mich dass wir uns
jetzt so gut verstehen, Scarlett. Vielleicht muss ich mich sogar bei
dir bedanken, denn du hast mir die Augen geöffnet und gezeigt, dass
Nico nicht der richtige für mich ist. Und ich glaube, ich habe den
Richtigen jetzt gefunden“, ihr Blick wanderte zu Silas, welcher sie
aufmerksam betrachtete. „Dieser jemand war die ganze Zeit über bei
mir gewesen und ich hatte es nicht gemerkt. Silas, du warst für mich
da als ich am Boden zerstört war. Du hast mich beschützt und warst
in dieser Zeit nicht einmal von meiner Seite gewichen. Es tut mir
Leid, dass ich das nicht schon früher gemerkt habe..“, sagte sie
und ihr liefen Tränen über die Wangen. Silas lief auf sie zu und
wischte ihr die Tränen trocken. Dann küsste er sie und alle um sie
herum fingen an zu klatschen. Auch ich klatschte und küsste Scarlett
ebenfalls. Nun war auch Mila glücklich, genauso wie ich. Es gab mir
wieder ein gutes Gefühl, ich konnte sie wieder ansehen, ohne dabei
gleich an ihre Gefühle für mich zu denken. Es war wohl
Schicksal, dass wir uns trennten. Man könnte es auch als dummen
Zufall sehen, aber ich glaube es war mehr. Die Frage ums Schicksal
beschäftigt mich schon mein Leben lang, aber ich kann keine Antwort
darauf finden. Ich meine, wie soll ich an etwas glauben, was ich
nicht sehen kann? Es gibt keine eindeutigen Beweise fürs Schicksal.
Was ist Schicksal eigentlich? Ich glaube Scarlett ist mein Schicksal,
aber da ist es wieder, ich glaube. Ich weiß es nicht, aber ich hoffe
es sehr. Diese ganze Ungewissheit bringt mich noch um. Bitte, liebes
Schicksal, was auch immer du bist, lass mich einfach für immer bei
Scarlett bleiben, mehr will ich doch gar nicht, verdammt. Mehr will
ich nicht!
Das Training für heute Abend war kürzer als die zuvor. Es gab
einfach jetzt um diese Uhrzeit nichts mehr zu trainieren, es wahr
stockdunkel. Sie sollte vertrauen auf ihre Instinkte haben, mit dem
Körper sehen und nicht mit den Augen. So wie ein richtiger Tiger.
Aber sie sollte auch so viel Vertrauen in mich haben, dass sie mir
auch blind durch den Dschungel folgt..