Freitag, 31. Mai 2013

KAPITEL 24

NICO

Scarlett hatte beschlossen den Tag mit Felicitas und Mila zu verbringen, was ich ihr nicht übel nehmen konnte, weil auch sie Abwechslung brauchte. Immer war sie mit mir unterwegs und redete nur mit mir. Die anderen kannte sie garnicht wirklich. Was mich allerdings sehr verwundert, dass Scarlett sich mit Mila versteht.. Hat Mila sie Anfangs nicht gehasst?
Wie immer war es ein sonniger Tag und keine einzige Wolke war in Sicht. Da wir zurzeit einen Menschen, also Scarlett, bei uns aufgenommen hatten, brauchten wir Geld, um sie mit Nahrung zu versorgen, also schickte Lucien mich mit Silas wieder auf die Werkstatt. Das war sogar eine ausgeprochen gute Idee, denn ich konnte mich nicht erinnern, wann ich zum letzten Mal was mit meinem Kumpel Silas gemacht hatte. Ständig war etwas dazwischen gekommen, aber heute machten wir uns einen reinen Männer- Tag und machten das, was wir normalerweise so auf der Werkstatt machten – nämlich Nichts. Aber es war nicht unwichtig, im Gegenteil, denn wir machten zusammen Nichts. Im Schatten saßen wir da also, wie früher als Scarlett zum ersten Mal angerufen hatte und um Hilfe bat, auf der kleinen Holzbank und beobachteten die Ferne. Silas kramte aus seiner Jackentasche eine Schachtel Zigaretten hervor und bot mir eine an, doch ich schüttelte nur den Kopf. Er selbst machte sich eine an und schaute mich verwundert an. „Scarlett mag es nicht wenn ich rauche. Ich hatte ihr versprochen damit aufzuhören“, erklärte ich. Ruhig saß er da und musterte mich, bis auch er das Wort fand: „Apropos Scarlett, wo hast du sie gelassen? Man trifft dich nicht oft ohne sie an deiner Seite an.“ „Sie unternimmt was mit den Mädels“, antwortete ich. Silas zog an seiner Zigarette und ich musste mich zusammen reißen. Ich darf nicht!, wiederholte ich ein paar mal in meinem Kopf und wendete meinen Blick von ihm ab. „Und du? Dich sieht man überhaupt nicht mehr“, versuchte ich mich abzulenken und biss die Zähne zusammen.
Silas sah mich ernst an, als stände er vor einer wichtigen Entscheidung. Eine Weile lang saßen wir schweigend nebeneinander und starrten uns an. Silas war Unsicher, er wollte etwas sagen, doch er fand die Worte dafür nicht. „Was ist los?“, fragte ich und versuchte dabei so ernst wie nur möglich zu klingen. Er schaute weg und überlegte, was er sagen konnte. „Ich weiß das klingt jetzt vielleicht komisch aber..“, setzte Silas an und legte eine kurze Pause ein, „also, die Sache ist die, du warst in letzter Zeit so sehr mit Scarlett beschäftigt, da hatte ich mich um Mila gekümmert und.. Naja, jedenfalls finde ich sie sehr Attraktiv und.. Und..“, er suchte nach den richtigen Worten, doch er fand sie nicht. Erstaunt guckte ich ihn an. „Ihr wärt ein wundervolles Paar“, entgegnete ich ihm und seine Mundwinkel zuckten kurz nach Oben. „Nur weiß ich jetzt nicht, ob sie mich auch liebt..“, sagte er und er klang traurig. So habe ich Silas ja noch nie erlebt, den hats diesmal aber wirklich getroffen! „Mach dir darum keinen Kopf, das wird schon. Ich könnte schwören dass sie dich auch liebt“, sagte ich aufmunternd und stand auf. Diese Hitze hier war unerträglich. „Bier?“, fragte ich kurz und er nickte. Langsam ging ich in die Werkstatt. Die Luft war hier sehr stickig, ich hätte sterben können. Kann der liebe Gott uns nicht einmal Regen schicken?, fragte ich mich und holte zwei Dosen Bier aus dem Kühlschrank. Es ist ja nicht so als wenn ich lieber im strömendem Regen arbeite, aber eine nette Abwechslung wäre es auf jeden Fall. Die letzten drei Wochen hatte es hier nicht geregnet, was allerdings auch mehr Touristen hergeführt hatte. Das war woll das Stichwort: Touristen. Als ich nach draußen kam war Silas grade am telefonieren und legte grade auf, als ich kam. Ich drückte ihm sein Bier in die Hand und öffnete meines. „Scheint als bekämen wir gleich arbeit, ein Typ mit Kindern und Frau kommen gleich vorbei und wollen deren Wagen durchchecken lassen und einer jungen Frau ist ein Reifen geplatzt, sie ist in zehn Minuten hier.“
Zusammen stießen wir an uns tranken das gekühlte Bier. Es tat unglaublich gut, wie das kalte Geträng die Kehle hinunter rannte. Neue Energie floss durch meinen Körper und auch Silas wirkte Aktiv. Es gibt doch nichts über ein kaltes Bier mit dem besten Kumpel an einem heißen Tag!

Wie Silas bereits angekündigt hatte, kam eine junge Frau in unsere Werkstatt gefahren. Der Wagen fuhr langsam und schief. Der linke Hinterreifen war geplatzt und der Auspuff stieß viel Rauch aus. Das Auto, was übrigens ein weißer und älterer Mercedes war, parkte neben uns und eine junge Brünette stieg aus. Ich schätzte sie auf 23 Jahre. Sie hatte eine große Sonnenbrille an und trug ein enges weißes Top und eine kurze Hotpans. Die Frau zog ihre Sonnenbrille hoch und ich sah ihre dunkel blauen Augen. Sie lächelte und hielt mir ihre Hand hin. „Alice Meyer, ich hatte eben angerufen, wegen meinem Reifen“, sagte sie mit einer hellen Stimme und begrüßte auch Silas. Alice war erstaunlich klein, 1,58m vielleicht, aber nicht mehr, und das obwohl sie hohe Schuhe trug. Silas unterhielt sich kurz mit der Dame und verabschiedete sich dann, weil die nächsten Kunden auch schon eintrafen. „Also, was genau kann ich für sie tun?“, fragte ich höflich und setzte mein freundlichstes Lächeln auf, das ich besaß. „Du kannst mich ruhig Duzen, ich steh nicht so auf dieses Siezen, da fühle ich mich immer so alt“, sagte sie und fing an zu lachen. Auch ich versuchte ein kleines Lachen heraus zu bekommen. Oh je, dachte ich, bitte lass das keine von diesen Frauen sein, die Stundenlang wie ein Wasserfall reden.. „Also, es wäre nett wenn du mir den Reifen wechseln könntest und vielleicht nochmal den ganzen Wagen durchchecken könntest, ich hab nämlich noch eine lange Fahrt vor mir!“ Ich nickte kurz und wollte mich grade an die Arbeit machen, als sie wieder anfing zu reden. Ich nahm Alice garnicht wirklich wahr, sondern nickte und lächelte nur und hoffte, sie stellte keine Fragen. Nach gefühlten zehn Minuten zuhören fragte sie mich, ob sie kurz ins Bad könnte. „Aber natürlich, wenn du jetzt hier rein gehst, direkt die erste Tür links“, erklärte ich ihr und deutete ihr mit eine kurzen Armbewegung die Richtung. Alice bedankte sich und ging schnell davon. Wenn ich mich jetzt nicht beeile, werde ich wohl niemals fertig..
Ich begann mir den Wagen anzuschauen und fuhr ihn in die Werkstatt und fing an den Reifen zu wechseln. Nach wenigen Minuten kam Alice wieder und gesellte sich zu mir. Ohne sie auch nur eines Blickes zu würdigen fuhr ich mit meiner Arbeit fort. Auch wenn ich mit dem Rücken zu ihr stand und sie nict sehen konnte, so spürte ich doch ihre Blicke auf mir ruhen. Es war unangenehm, es fühlte sich an, als würde sie mich mit ihren Blicken durchstechen. Und dieses Gefühl wurde immer schlimmer und unerträglicher. Plötzlich drehte ich mich zu ihr um und blickte in ihre Augen. Ich konnte ein kleines Blitzen vernehmen und sie zuckte zusammen. „Mein Gott, hast du mich erschreckt!“, sagte sie und hielt sich eine Hand an ihre Brust. Nun war ich derjenige, der sie anstarrte und ich sah, wie sie zusammenzuckte. „Silas, bringst du der Dame bitte ein Glas Wasser, sie verdurstet noch!“, rief ich ohne meine Augen von ihr abzuwenden. „Das ist doch nicht nötig!“, rief sie gespielt überrascht und winkte dabei mit den Händen. „Doch, doch. Ich bestehe darauf. Geh doch bitte nach draußen in den Schatten und Silas bringt dir was zu trinken. Dein Auto ist gleich fertig“, sagte ich überzeugend und zögerlich drehte sie sich um und ging. Wer ist sie? Zügig fuhr ich mit der Arbeit fort und wechslete den Reifen. Dann checkte ich noch kurz das Auto durch und fuhr es hinaus auf den Parkplatz. Alice kam natürlich sofort angetrabt - und ich fragte mich wirklich wie sie es schaffte auf diesen Todesabsätzen zu laufen ohne dabei umzuknicken - und stellte sich an meine Seite. „Oh vielen Dank! Wie viel bekommst du?“, sagte sie überschwänglich glücklich und ich hätte ihr am liebsten gesagt gar nichts, es würde reichen wenn sie verschwinde, aber natürlich nannte ich ihr die richtige Summe und sie zuckte ihren Geldbeutel. „So bitteschön, ich rufe wieder an, falls ich erneut Hilfe brauche!“, sagte sie und fiel mir um den Hals. Ihre Haut brannte auf meiner wie Feuer und ich wollte sie von mir stoßen, doch ich wahr bewegungsunfähig. Wie konnte eine junge attraktive Frau so viel Schmerz mit einer einzigen Berührung mit sich bringen? Alice war stark, das spürte ich. Aber wieso war sie dann hier? Ich korriegiere meine Frage von vorhin. WAS ist sie? - „Das wirst du noch früh genug herausfinden“, hallte es durch meinen Kopf und ich erschrack. Konnte sie meine Gedanken lesen? Wie gelangte ihre Stimme in meinen Kopf? Endlich löste sie sich von mir und trat einen Schritt zurück. Ein breites Grinsen hatte sich über ihr Gesicht geschlichen. Sofort hörte das brennen auf meiner Haut auf und ich versuchte ruhig zu bleiben. „Also dann, wir werden uns noch öfter begegnen, glaube ich“, sagte sie während sie in ihren Wagen stieg und ihre Sonnenbrille aufsetzte. Bevor sie wegfuhr warf sie mir noch eine Kusshand zu. Als wäre diese ein Pfeil gewesen, bohrte sich dieser in mich hinein und ich begann zu taumeln. Sofort eilte Silas mir zur Hilfe und stütze mich. „Was ist sie?“, fragte ich in die Richtung zu der Sie verschwunden war und schüttelte dabei den Kopf.

Ein kühler Wind wehte mir durchs Fell und ich sprang über den großen Graben. Als ich wieder aufkam, drohte ich wegzuknicken und taumelte ein paar Schritte zur Seite. Silas sah mich fragend an, doch ich ignorierte ihn und setzte zum Sprint an. Ich wollte nur noch so schnell wie möglich zurück nach hause. Auch wenn es bereits spät Abends war hatte ich noch vor mit Scarlett zu trainieren. Schließlich stand ihr eine große Prüfung bevor, in dem es um ihr Leben ging. Sie sollte stark genug sein, um gegen einen Tiger zu kämpfen. Auch wenn das fast unmöglich war, so glaubte ich dennoch an sie. In Wahrheit wollte ich nichts mehr, als dass sie gewinnt. Mittlerweile war sie in den Mittelpunkt meines Lebens gerückt, sie war mein Lebensinn!
Ich war lauter als gewohnt, bei jedem Schritt den ich machte raschelte das Laub unter meinen Pfoten. Anscheinend hatten das auch alle anderen gehört, denn alle starrten mich an, als ich im Dorf ankam. Wütend brüllte ich und sofort wanten sich alle ab. Nur Scarlett kam auf mich zu und ich verwandelte mich, um sie zu umarmen. Im Gegensatz zu Alice verbrannte meine Haut nicht, wenn wir uns berührten, ganz im Gegenteil, sie heilte mich sogar. Ihr Kuss gab mir neue Energie. „Und wie war dein Tag?“, fragte ich sie mit einem lächeln im Gesicht, was selbst alle anderen irritierte. Doch ehe sie mir antworten konnte, ergriff Mila das Wort. Sofort wanderten alle Augen auf sie und einige werwandelten sich sogar zu Menschen, um sie besser verstehen zu können. „Ich möchte euch allen etwas Mitteilen“, rief sie zögerlich in die Runde und warf Felicitas einen verzweifelten Blick zu, aber sie nickte nur und lächelte. Mila lächelte zurück und redete weiter: „Ihr wisst ja dass Nico jetzt mit Scarlett zusammen ist, was mich anfangs auch sehr wütend und verletzt gemacht hat. Ich habe Dinge gesagt und getan, die unverzeihlich sind, trotzdem möchte ich mich dafür entschuldigen.“ Scarlett lächelte und Mila nickte. „Es freut mich dass wir uns jetzt so gut verstehen, Scarlett. Vielleicht muss ich mich sogar bei dir bedanken, denn du hast mir die Augen geöffnet und gezeigt, dass Nico nicht der richtige für mich ist. Und ich glaube, ich habe den Richtigen jetzt gefunden“, ihr Blick wanderte zu Silas, welcher sie aufmerksam betrachtete. „Dieser jemand war die ganze Zeit über bei mir gewesen und ich hatte es nicht gemerkt. Silas, du warst für mich da als ich am Boden zerstört war. Du hast mich beschützt und warst in dieser Zeit nicht einmal von meiner Seite gewichen. Es tut mir Leid, dass ich das nicht schon früher gemerkt habe..“, sagte sie und ihr liefen Tränen über die Wangen. Silas lief auf sie zu und wischte ihr die Tränen trocken. Dann küsste er sie und alle um sie herum fingen an zu klatschen. Auch ich klatschte und küsste Scarlett ebenfalls. Nun war auch Mila glücklich, genauso wie ich. Es gab mir wieder ein gutes Gefühl, ich konnte sie wieder ansehen, ohne dabei gleich an ihre Gefühle für mich zu denken. Es war wohl Schicksal, dass wir uns trennten. Man könnte es auch als dummen Zufall sehen, aber ich glaube es war mehr. Die Frage ums Schicksal beschäftigt mich schon mein Leben lang, aber ich kann keine Antwort darauf finden. Ich meine, wie soll ich an etwas glauben, was ich nicht sehen kann? Es gibt keine eindeutigen Beweise fürs Schicksal. Was ist Schicksal eigentlich? Ich glaube Scarlett ist mein Schicksal, aber da ist es wieder, ich glaube. Ich weiß es nicht, aber ich hoffe es sehr. Diese ganze Ungewissheit bringt mich noch um. Bitte, liebes Schicksal, was auch immer du bist, lass mich einfach für immer bei Scarlett bleiben, mehr will ich doch gar nicht, verdammt. Mehr will ich nicht!

Das Training für heute Abend war kürzer als die zuvor. Es gab einfach jetzt um diese Uhrzeit nichts mehr zu trainieren, es wahr stockdunkel. Sie sollte vertrauen auf ihre Instinkte haben, mit dem Körper sehen und nicht mit den Augen. So wie ein richtiger Tiger. Aber sie sollte auch so viel Vertrauen in mich haben, dass sie mir auch blind durch den Dschungel folgt..

Montag, 27. Mai 2013

KAPITEL 23

SCARLETT

Ich schlug die Augen auf und wachte in der, mir schon vertrauten, Höhle auf. Wahrscheinlich war ich in der Werkstatt eingeschlafen. Nico muss mich wohl zurückgebracht haben. Jedoch war er nicht hier, niemand war hier. Wieso wache ich eigentlich immer allein auf?
Langsam stand ich auf und krabbelte aus der Höhle. Auf dem Hauptplatz entdeckte ich Mila in Form ihrer Tigergestalt. Sie schaute zu mir rüber und funkelte mich böse an. Mir reichts langsam!, dachte ich und stampfte zu ihr. Alles an mir tat vom Training gestern weh. „Können wir bitte mal reden?“, fragte ich sie genervt. Sie funkelte mich weiterhin an, nickte jedoch langsam und tapste weg von den anderen Tigern. Ich folgte ihr bis sie stehen blieb und sich verwandelte. Es war ein komisches Gefühl wenn man die Verwandlung sah. Jedoch wurde sie mir langsam vertraut. „Was willst du?“, fragte sie und schaute mich missbilligend an. „Ich möchte keinen Stress mit dir! Sag mir doch, was ich getan haben soll, damit ich es verdiene, wie du mit mir umgehst!“, „Du hast mir meinen Verlobten weggenommen! Ist das nicht offensichtlich?“, gab sie zurück, senkte den Blick und setzte sich hin. Sie schlang die Arme um die Beine und legte ihren Kopf drauf. Natürlich ist das offensichtlich... Wieso frag ich überhaupt?
„Es tut mir schrecklich leid, Mila. Ich wollte dich nie verletzen, jedoch...“, ich brach ab. Es gab nichts, womit ich das hätte entschuldigen können. „Es ist ja O.K. Ich mache dir keine Vorwürfe, es ist nur... Ich habe ihn geliebt! Er hat mich aber nie geliebt. Und das wusste ich. Er verdient es, glücklich zu sein... Und ich verdiene das auch. Zusammen wären wir das einfach nicht und das verstehe ich jetzt. Es ist jedoch nicht so leicht, dich die ganze Zeit mit ihm zu sehen. Es ist hart zu sehen wir glücklich ihr seid. Wo ich es doch nicht bin“, sagte sie traurig. Ich habe noch nie so darüber nachgedacht. Besonders glücklich fühle ich mich in letzter Zeit nicht. Wenn ich mich jedoch mit Mila verglich, war ich schon ziemlich glücklich. Ich darf Nico nicht so von mir stoßen. Er hat das nicht verdient. „Gibt es denn niemanden anderes?“, fragte ich sie mitfühlend. „Keine Ahnung. Ich hab noch nie so darüber nachgedacht. Hatte nur das Gefühl, dass Nico der Richtige wäre", gestand sie. Nachdem sie eine kurze Zeit nachdachte, sagte sie plötzlich: „Oh Gott, wie konnte ich nur so dumm sein?! Natürlich gibt es jemanden! Scarlett. Vielen Dank. Ich hoffe wir können noch Freundinnen werden, aber ich muss jetzt los!“, sprang auf und umarmte mich hastig. Danach verwandelte sie sich und lief davon.
Ich muss auch mit jemandem sprechen, dachte ich und machte mich auf die Suche nach Nico.

Schließlich fand ich ihn am Bach. Er saß da und schaute ins Wasser. Ich setzte mich neben ihn und fragte ihn leise: „Was machst du?“
„Nachdenken“, flüsterte er und wand seinen Kopf zu mir. Langsam lächelte ich ihn an. Er lächelte zurück, beugte sich vor, hielt jedoch inne und setzte sich wieder normal hin. Das ist einfach zu viel, dachte ich traurig. Dann tat ich etwas, was ich als schüchternder Mensch eigentlich nie tun würde. Ich setzte mich rittlings auf Nicos Schoß, zog ihn zu mir und küsste ihn. Er zuckte kurz vor Schreck zusammen, ging dann jedoch auf den Kuss ein. Nach ein paar Minuten löste ich mich langsam und schaute ihn an. Ich sah so viel Liebe und Vertrauen in seinen Augen. Langsam lehnte sich Nico zurück und zog mich mit sich bis wir schließlich zusammen auf dem Waldboden lagen. „Es tut mir leid“, flüsterte ich leise und kuschelte mich mehr an ihn. „Ist schon O.K. Ich liebe dich“, antwortete er. „Ich dich auch.“


Nach einer gefühlten Ewigkeit stand Nico auf und hielt mir die Hand hin. Er zog mich hoch und lächelte. „Trainieren musst du trotzdem“, sagte er und lachte. Ich lachte ebenfalls und so wiederholte sich der gestrige Tag vom Training her. Außer das er vom Fels sprang. Was das überhaupt sollte - keine Ahnung. Ich denke mal er hat seine eigene Technik, um mit seinen Problemen umzugehen. Das hab ich schließlich auch.

Freitag, 24. Mai 2013

KAPITEL 22

NICO

Lucien, ich muss mal kurz mit dir reden!“, rief ich ihm zu und er stand auf. Kurz nickte er, als Zeichen dafür, dass er gleich kommen würde. Eigentlich war es bequem, wenn Taten Worte ersetzten, doch ich möchte mit ihm reden, und nicht tanzen.
Was willst du?“, fragte er mich schroff und warf mir einen desinteressierten Blick zu.
Wir müssen reden, es geht um Scarlett“, sagte ich ganz ruhig und ignorierte seine schlechte Laune. Ein kleiner Funken Interesse leuchtete in seinen Augen auf und Lucien wollte grade etwas sagen, als ich fortfuhr: „Sie möchte es versuchen“. Kurze Zeit war es still und er musterte mich. Es war zwar keine unangenehme Stille, aber sie zerrte an mir. „Was?“, fragte er ungläubig und ich nickte.
Aber das ist doch unmöglich!“, stellte er fest und fuhr sich durch sein Haar. „Ich weiß, es ist nur eine Legende, aber sie möchte ihr glauben schenken und es versuchen..“, versuchte ich ihn zu überzeugen, war mir aber selbst nicht ganz sicher, ob ich wollte, dass sie das tut. Was ist wenn die Legende gar nicht stimmt? Was ist wenn ihr etwas passiert? Nein, ich kann das nicht verantworten! Gegen einen Tiger zu gewinnen, ist so gut wie unmöglich, sie würde sterben..
Das ist doch verrückt! Es ist lediglich nur eine Legende, niemand weiß ob sie stimmt!“, lachte er verunsichert und fing an nervös zu werden. „Aber sowas denkt man sich doch nicht aus..“
Nico, sie wird sterben, verstehst du das? Sie ist zu schwach!“, versuchte er mir klar zu machen und ich wusste, dass er Recht hatte. „Hör mal, ich bin selbst nicht ganz davon überzeugt, aber die möchte es wirklich versuchen! Ich werde sie auch trainieren. Gib ihr eine Chance und etwas Zeit.. Sie kann es schaffen“, versuchte ich zu argumentieren und versuchte seinem Blick standzuhalten. „Ihr seid doch verrückt. Macht was ihr wollt“, schnaubte er mir noch beim umdrehen zu und verschwand kopfschüttelnd. Er hatte doch Recht. Die Idee ist verrückt, nein, sie ist riskant. Aber ich kann es Scar nun mal nicht ausreden, sie möchte es unbedingt versuchen.. Am besten wir fangen morgen an zu trainieren.

Bei Sonnenaufgang am nächsten Morgen weckte ich Scarlett. „Willst du das wirklich versuchen?“, fragte ich sie mit der Hoffnung, sie würde ihre Meinung ändern. Sie nickte und in ihren Augen lag Kampfgeist. Sie würde kämpfen, auch wenn es so gut wie unmöglich war, zu gewinnen. Sie würde nicht aufgeben, ehe sie ihr Ziel erreicht hat. Oder bis sie Tot ist, dachte ich und ich nahm instinktiv ihre Hand. Ich wollte sie nicht verlieren. War das etwa zu viel verlangt, ein glückliches und normales Leben? Anscheinend schon. Aber was war schon normal?
Gemeinsam gingen wir hinunter zum Fluss und tranken etwas Wasser und wuschen uns die Müdigkeit ab. Das Wasser war Eiskalt, tat aber richtig gut.
Zuerst möchte ich schauen wie fit du bist, um zu schauen woran wir arbeiten müssen“, sagte ich und wartete auf ihre Reaktion ab. „Folge mir einfach und versuch mit mir mitzuhalten. Du musst aber auch schnell reagieren, wenn du nicht mehr kannst ruf einfach kurz Stopp“, erklärte ich.
Scarlett nickte und ich ging los.
Zuerst sprang ich über den Fluss und joggte dann ein wenig. Scarlett folgte mir auf Schritt und Tritt. Plötzlich rannte ich los und sprintete im Slalom um die Bäume. Hinter mir hörte ich hastige Schritte. Ohne zu Überlegen rannte ich einfach weiter. Ich wusste nicht wohin, meine Beine trugen mich von alleine. Es ist als würde mich etwas festhalten. Etwas zog mich aus dem Dschungel hinaus, doch ich wehrte mich gegen diese Kraft. Meine Beine wurden immer schwerer und ich bemerkte nicht, dass ich soeben einen Felsen hochgeklettert war. Augenblicklich blieb ich stehen und schaute hinunter. Es war verdammt hoch, doch irgendetwas zerrte an mir. Wie in Trance breitete ich meine Arme aus und ließ mich nach Vorne fallen. Wieso tat ich das? Obwohl ich nur wenige Sekunden in der Luft war, kam es mir vor wie eine Ewigkeit. Plötzlich riss ich die Augen auf und bevor ich mir sämtliche Knochen in meinem Körper brach, verwandelte ich mich und kam sanft mit meinen Pfoten auf. Das ziehen hatte aufgehört und ich stieß ein lautes Brüllen aus. Mit mit einem kurzen Blick nach oben sah ich Scarlett, welche von oben auf mich herab schaute. „Nico?“, rief sie ängstlich und ich versuchte klar zu denken. „Spring!“, rief ich ihr zu und sie sprang. Sie machte es mir nach, breitete sie Arme aus und ließ sich nach vorne fallen. Ihre Augen waren geschlossen, sie wirkte als ob sie schlafen würde. Es überraschte mich, dass sie nicht schrie, ganz im Gegenteil war sie ganz entspannt. Ich streckte meine Arme nach ihr aus und fing sie behutsam auf, wobei ich nach hinten taumelte, mich aber wieder fing. Ihr Atem war ruhig. Als sie ihre Augen öffnete schaute ich sie an. „Es tut mir Leid, ich weiß nicht was mit mir los ist, ich.. ich wollte gar nicht hier runter springen“, stammelte ich und sie lächelte. „Es ist Okay, ich habe vertrauen in dich. Ich weiß, dass du mich niemals fallen lassen würdest!“, erwiderte sie und ich stellte sie auf den Boden. Ich küsste sie, riss mich aber nach wenigen Sekunden aus dem Kuss und rannte weiter. Auch Scarlett rannte, nicht so schnell wie ich, aber sie rannte. Ab und zu sprang ich über Baumstämme und große Steine. Als ich hörte, dass sich ihr Schritt verlangsamte und ihre Atmung immer stärker wurde, rannte ich schneller, kletterte auf einen Baum und pflückte einen Pfirsich. Scarlett war inzwischen ebenfalls am Baum angekommen und stützte sich ab. „Nico?“, rief sie völlig außer Atem und schaute zu allen Seiten. Sofort sprang ich hinunter und landete genau vor ihr. Vor Schreck schrie sie laut auf und fiel rückwärts auf den Boden. „Hier, den hast du dir verdient“, sagte ich zu ihr und ließ mich neben sie fallen. Dankbar nahm sie den Pfirsich an und biss einmal ab. „Das hast du gut gemacht“, fing ich an eine Unterhaltung zu beginnen. Sie lächelte kurz und aß dann weiter. „Ich bin erstaunt dass du so lange durch gehalten hast, an Ausdauer mangelt es dir schon mal nicht, aber dennoch machen wir Training weiter.“ Ungläubig starrte sie mich mit großen Augen an. Dann stöhnte sie auf und legte sich hin. Eine ganze Weile blieben wir so liegen und sagten nichts. Der Wind wehte dezent und ein paar Blätter schwebten von den Bäumen herab. Der Himmel war nur stellenweise zu sehen, aber er war richtig blau. Ab und zu flog auch mal ein Vogel vorbei, oder ein Brüllen aus dem Dorf war zu vernehmen, aber ansonsten war es Still, nur unser Atem war zu hören. „Bist du wieder ausgeruht?“, fragte ich und setzte mich auf. „Was wollen wir denn noch machen?“, fragte sie und ich hatte das Gefühl, dass sie keine große Lust mehr hatte sich zu bewegen. „Wir gehen jetzt in die Werkstatt, ich möchte sehen wie stark du bist.“ „Na gut“, sagte sie nur und spielte vor traurig zu sein. Mein einem Atemzug verwandelte ich mich und sie setzte sich auf meinen Rücken. Ruckartig rannte ich los und behielt mein Tempo bis zur Werkstatt bei.
Heute war die Werkstatt geschlossen, so wie die Tage zuvor auch, weil niemand da war, um zu arbeiten. Ich ließ sie ein wenig über Autoreifen laufen und ein paar Dinge hochheben. Am Ende habe ich ihr gesagt, sie solle versuchen so fest auf mich einzuschlagen, wie sie nur konnte. Das tat sie ein paar mal, aber wirklich verletzt hatte sie mich nicht. Ich taumelte nicht einmal zurück.
Sie war sehr erschöpft und es war schon später Nachmittag. Ich glaube ich habe sie genug gequält, dachte ich und hob sie hoch. Vorsichtig trug ich sie in die Werkstatt und legte sie auf eine Matte. Aus dem Kühlschrank holte ich eine Wasserflasche und gab sie ihr. Sie trank die halbe Flasche leer, legte sich wieder und schloss die Augen. „Ich bin stolz auf dich“, flüsterte ich und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. Wir müssen noch viel trainieren, aber sie hat das fürs erste sehr gut gemacht. Das hätte ich wirklich nicht erwartet.. Aber was war heute mit mir los? Was hatte mich dazu gebracht unkontrolliert durch den Dschungel zu laufen und zu springen? Das war krass.. Das hätte mich mein Leben kosten können, oder noch schlimmer: Scarletts!

Mittwoch, 22. Mai 2013

KAPITEL 21


SCARLETT

Du musst jemanden töten, um Tiger zu werden“, hatte er gesagt. Ich ging diesen Satz ungefähr zehn mal in meinen Kopf nach. Niemals werde ich jemanden töten können! Ich bin absolut gegen Gewalt. Ich kann immer noch nicht vergessen, was geschehen war... Nico würde es nicht von mir verlangen, aber ich liebe ihn. Und ich will mit ihm zusammen sein. Vielleicht sollte ich mir erstmals alles anhören? Wenn es die einzige Chance ist, um mit ihm zusammen zu sein, dann werde ich sie auch ergreifen müssen! Oder? Ich kann Nico nicht einfach verlieren. Er bedeutet mir einfach zu viel.
Entschlossen kletterte ich aus der Badewanne, in der ich mich zusammengerollt hatte, und ging wieder ins Wohnzimmer. Nico saß auf dem Sofa und starrte auf seine Hände. Er hatte alles aufgeräumt und blickte mich nun erwartungsvoll an. Langsam ging ich zu ihm und setzte mich neben ihn.
„Wurdest du so... indem du jemanden getötet hast, ein Tiger?“, ich musste die Frage einfach stellen. Nico zuckte zusammen und senkte wieder seinen Blick. „Nein. Ich wurde als Tigermensch geboren. Genau wie alle anderen. Und es ist auch nicht nachgewiesen, dass es funktionieren würde. Bisher hat es noch niemand ausprobiert. Es ist eine Legende. Scarlett, ich verlange es nicht von dir! Würde ich nie! Es ist so ein großes Opfer und niemand zwingt dich, dieses Opfer zu bringen.“
Er hob wieder seinen Blick und schaute mir in die Augen. Es schien als versinke er in meinen.
„Wen müsste ich den töten?“, „Einen anderen Tigermensch. Aus einem anderen Rudel. Dann müsstest du seine Leiche in unser Dorf bringen und darum bitten, Luciens Rudel beitreten zu dürfen. Lucien würde dann entscheiden“, Nicos Blick verdunkelte sich bei Luciens Namen.
Werde ich wirklich dieses Opfer bringen können? Ich würde mir immer Vorwürfe machen, wenn ich es nicht versuchen würde. Sonst würde ich Nico verlieren...
„Ich werde es versuchen!“, entschloss ich mich. Nicos Augen wurden groß und ich wusste genau, was ich darin sah. Hoffnung.

Wir beschlossen, dass ich mich erstmals bei niemanden melden würde. Meine Eltern und Vani hatten schon oft versucht mich zu erreichen, jedoch wäre es fürs erste besser, zu schweigen. Immerhin wissen wir nicht, wie es weiter gehen würde. Nachdem ich mir ein paar Sachen eingepackt hatte, gingen wir zurück zum Rudel. Es war ein ziemlich berauschendes Gefühl auf einem Tiger zu reiten, den Wind im Gesicht zu spüren. Es war so, als könnte ich alles vergessen. Bis zu dem Moment, wo wir über den Graben sprangen und ich abstieg. Nico verwandelte sich zurück und stand nun ein paar Zentimeter von meinem Gesicht entfernt. Langsam beugte er sich vor und küsste mich. Automatisch zuckte ich zusammen. Nicos Kuss war anders – schöner, jedoch erinnerte ich mich sofort an die schlimmen Erinnerungen von damals mit Leon. Plötzlich war es so, als würde mich Leben küssen. Ich schlug die Augen auf und windete mich aus Nicos Kuss. Er trat einen Schritt zurück und blickt mich mit zusammengezogenen Augenbrauen traurig an. Ich dachte er würde dazu etwas sagen, jedoch beließ er es dabei und wir machten uns auf dem Weg ins Dorf. „Falls Lucien dir wieder zu nahe kommt, rufst du mich sofort! Verstanden?“, fragte er mich unterwegs und schaute mich an. Ich nickte und konzentrierte mich auf dem Weg um nicht zu stolpern. „Hast du mitbekommen, was er zu mir gesagt hat?“, fragte ich traurig. „Nein. Ich hab nur gesehen, dass er dich geküsst hat. Wieso, was hat er gesagt?“, fragte er mich und blieb stehen um mich anzusehen. Auch ich blieb stehen, blickte jedoch auf den Boden. „Er sagte, dass du vergeben wärst und dass es gegen das Gesetz verstößt, wenn du mit mir zusammen sein würdest obwohl Mila noch lebt. Er sagte, dass er dich sonst nicht ins Rudel lassen würde und dass ich mir jemand anderen aussuchen könnte, der frei ist.“
Nico blieb still, ich konnte jedoch spüren, wie die Wut in ihm stieg. „Ich werde mit Lucien reden, keine Sorge. Das kriegen wir irgendwie hin“, sagte er, nahm mich an der Hand und ging weiter in Richtung Dorf. Wie kann er nur so voller Hoffnung sein?

Im Dorf angelangt, sah ich Felicitas. Sie lag zusammengerollt unter einem Baum. Lucien saß daneben als Mensch und flüsterte irgendetwas zu ihr, was ich nicht verstand. Nico brachte mich in eine Höhle, wo ich mich in die hinterste Ecke setzte und ich anschaute. „Ich werde mit Lucien reden gehen. Warte hier, ja?“, fragte er mich. Ich nickte und Nico beugte sich vor, hielt jedoch ein paar Zentimeter vor meinem Gesicht inne und wand sich dann ab um zu Lucien zu gehen. Er hat Angst, dass ich ihn abweisen würde..., dachte ich traurig und blickte ihm nach.

Montag, 20. Mai 2013

KAPITEL 20

NICO

Ich hatte gesehen, dass Scarlett aufgewacht war, aber wo war sie hin? Zuerst schaute ich in der Höhle, wo sie aber wie erwartet nicht war. Nach kurzem Suchen fand ich sie schließlich unter einem Baum hinter der Höhle mit Lucien. Was verdammt macht sie bei dem?! Plötzlich sah ich wie Lucien auf sie zu kam und sie küsste. Mir blieb die Luft weg. Wieso tut er das? Wieso tut sie mir das an? Dann riss sie sich los und rief dass sie mich lieben würde. Das gab mir wieder etwas Sicherheit und ein beruhigendes Gefühl, wusste aber immer noch nicht was ich denken sollte. Ehe ich mich versah stand ich bereits vor Lucien und schlug ihn so fest ich konnte mit meiner rechten Faust ins Gesicht. Er stöhnte leise auf, hielt sich ans Auge und taumelte zurück, wehrte sich aber nicht. Ich drehte mich um und schaute Scarlett an. Eine ganze Weile blieben wir so stehen, bis sich ihre Augen mit Tränen füllten. Die erste Träne fiel. „Wieso stehst du hier tatenlos rum? Geh zu ihr du Idiot!“, rief mir meine Innere Stimme zu. Die zweite Träne fiel. Ich ging langsam los, wurde aber immer schneller, nahm ihr Gescht in meine Hände und küsste sie. Ihre Tränen wischte ich mit meinen Daumen weg und drückte sie näher an mich. „Lass uns gehen“, flüsterte sie mir zu und ich drückte ihr noch einen Kuss auf ihre Lippen. Ich nickte und nahm ihre Hand. Zusammen liefen wir durch das Dorf. Das wäre eigentlich nicht nötig gewesen, weil es einen viel kürzeren Weg hier hinaus gab, aber ich wollte wissen, ob Felicitas da sei. Aber das war sie nicht. Langsam fing ich an mir Sorgen zu machen. Ich schaue heute Abend nach ihr, sie braucht jetzt ihre Ruhe, beruhigte ich mich und zog Scarlett quer durch den Dschungel. Kurz vor der Grenze blieb ich stehen und schaute sie an. Scarlett nickte nur kurz und ich verwandelte mich. Vorsichtig setzte sie sich auf meinen Rücken und klammerte sich fest an mich. Ich nahm Anlauf und sprang vorsichtig ab. Da es zu Fuß länger gedauert hätte rannte ich einfach weiter. Ich konnte ihren imme schneller werdenden Herzschlag spüren. Wir überholten sogar ein Auto, welches auf der Landstraße fuhr. Nach sechs Minuten wurde ich langsamer, bis ich vor ihrer Haustür stand. Sie stieg runter und taumelte und lachte kurz. Während sie sich sammelte stand ich bereits wieder vor ihr und lächelte. Plötzlich packte ich sie an ihren Armen und drückte sie gegen die Tür, während ich ich küsste. Sie erschrack erst, ließ sich denn aber darauf ein. Wenn ich sie küsste, spürte ich etwas durch mich hindurch rasen. Was genau es war, wusste ich nicht, aber dieses Gefühl war überwältigend.
Langsam machte Scarlett sich von mir los und öffnete ihre Tür. Erst sie, dann betrat ich die Wohnung. „Ich gehe jetzt duschen, wartest du solange?“, fragte sie und wartete bis ich nickte. Nach zwei Sekunden verschwand sie im Badezimmer und ich schaute mich etwas in ihrer Wohnung um. Ich entschloss mich ihr was zu kochen, denn sie sah am verhungern aus. In ihrem Kühlschrank lagen Eier, Salat, Tomaten, Brot.. Da ich nicht wirklich gut im kochen war, entschied ich mich für etwas einfacheres. Ich machte zwei Spiegeleier und machte einen Salat. Nach fünfzehn Minuten war ich fertig und ich fing an den Tisch zu decken. Aus dem Schrank holte ich ein hohes Glas heraus und füllte diesen mit Wasser. Dann ging ich in den Vorgarten und pflückte vier Tulpen, welche ich in das Glas stellte. Dann setze ich mich an den Tisch und wartete.
Nach weiteren zehn Minuten kam Scarlett aus dem Bad, und sie war so schön wie noch nie. Ihr Haar hatte sie nach oben gesteckt und sich geschminkt. Sie trug ein weißes Top und eine kurze Shorts. „Ich habe für dich gekocht“, sagte ich ganz stolz und sie musste lachen. „Danke, ich bin am verhungern!“, erwiderte sie und setzte sich zu mir an den Tisch.
„Am liebsten würde ich für immer bei dir bleiben“, sagte sie und sie wurde plötzlich ganz traurig. „Das würde ich mir auch wünschen, mehr als alles andere sogar, aber es geht nicht..“
„Aber wieso denn nicht?“
„Weil wir zu verschieden sind, du gehörst in deine Welt und ich in meine..“
„Gibt es denn wirklich keine Möglichkeit? Ich kann ja zu dir kommen, bei dir leben.“
„Naja, es würde schon eine geben, aber ich möchte nicht, dass du das auf dich nimmst.. Das würde auf Zeit gehen, aber es ist wirklich zu gefährlich.“
„Das ist mir egal, wenn ich mit dir zusammen sein kann, nehme ich alles auf mich! Was ist es denn?“
„Das wird dir nicht gefallen, genauso wenig wie es mir gefällt..“
„Sag schon!“, sie schrie fast schon, blieb aber dennoch ganz ruhig.
„Du musst jemanden töten, um Tiger zu werden. Bitte Scarlett, du weißt, ich würde das niemals von dir verlangen..“
Auf einmal wurde es ganz still. Ich sah, wie Scarlett mit sich kämpfte.
„Du musst das wirklcih nicht machen..“, sagte ich zu ihr und drückte ihre Hand. Doch sie zuckte nur zurück und verließ die Küche.
Hatte ich eigentlich eine andere Reaktion erwartet?

Freitag, 17. Mai 2013

KAPITEL 19


SCARLETT

Lauf mit mir“, flüsterte Nico und wir sprinteten über ein großes Feld. Wieso war ich auf einmal so schnell? Ich blieb stehen und blickte an mir herunter. Ich habe Tatzen! Ich bin ein Tiger! Mein Fell schien zu leuchten. Es war hell braun, nahezu weiß. Mit großen Sprüngen sprang ich zum Bach und blickte in meine schokoladenbraunen Augen die mich nun aus dem Wasser anblickten. „Du bist wunderschön“, sagte Nico hinter mir. Ich drehte mich um, machte einen Satz und landete auf ihm. Wir rollten durch die Gegend und blieben schnurrend nebeneinander im Gras liegen. „Wie kommt es, dass ich ein Tiger bin?“, „Alles ist möglich mein Liebling“, „Wir leben in getrennten Welten.. Haben wir zusammen eine Zukunft?“, fragte ich traurig. „Wir haben Alles!“, flüsterte Nico so leise, dass ich es kaum verstand. Dann stand er auf, sprang über mich hinweg und sprintete los.
Ich tat es ihm nach, verlor ihn jedoch aus den Augen. Plötzlich stand ich im Nichts. Verwirrt drehte ich mich, versuchte zu verstehen wo ich war. Nun stand Leon vor mir. Er blickte mich aus seinen hasserfüllten Augen an und schrie: „Ich werde immer ein Teil von dir sein! Du wirst mich nie los!“
Nein! Das ist nicht wahr! Nein, nein, nein!“, schrie ich und brach zusammen. Nun bemerkte ich, dass ich wieder Mensch war. Mit meinen Fäusten schlug ich um mich, schrie und weinte.

Zappelnd wachte ich auf und bemerkte, dass ich allein war. Wo ist Nico? Ich stand auf und trat aus der Höhle. Vor mir war der Hauptplatz wo Nico und auch alle anderen Tiger saßen. Sie lagen in einem Kreis, hatten den Kopf auf die Pfoten gelegt und hatten die Augen geschlossen. Ich fühlte mich nicht willkommen, hatte das Gefühl am falschen Ort zu sein. Hinter mir meinte plötzlich jemand flüsternd: „Psscht!“. Ich drehte mich um und sah denjenigen, mit dem Nico gekämpft hatte. „Ich bin Lucien. Komm mit, dann erkläre ich dir was hier los ist“, flüsterte er, drehte sich um und verschwand hinter der Höhle. Ich zögerte, wusste nicht ob ich ihm vertrauen konnte, beschloss jedoch ihm zu folgen. Hinter der Höhle erblickte ich wieder Lucien. Er hatte sich an einen Baum gelehnt und schaute mich erwartungsvoll an. Ich ging zu ihm und fragte ihn leise: „Was ist dort los?“, „Es gab einen Kampf. Es gibt fünf verschiedene Rudel hier in der Gegend. Wir sind einer davon. Mit zwei anderen sind wir befreundet, mit den anderen zwei verfeindet. Einer dieser hat uns angegriffen“, sagte Lucien. „Wieso?“, fragte ich geschockt. Luciens Blick verdunkelte sich und er schaute auf den Boden. „Ich hatte mal eine Frau. Sie lebte mit ihrem Kind in einem anderem Rudel, jedoch beschloss sie sich zu mir zu kommen. Ihr Kind musste sie aber dort lassen. Damit konnte sie nicht leben, also gingen wir einen Monat später zu dem Rudel und verlangten das Kind. Es endete mit einem Kampf, wir konnten jedoch ihr Kind zu uns holen. Ein paar Tage später griffen sie uns an wobei wobei meine Frau – Kira – schwer verwundet wurde. Drei Tage lang hielt sie diesen Zustand. Jedoch verstarb sie dann“, Luciens Stimme wurde immer leiser. „Kinder werden einander versprochen, wenn jedoch einer dieser Beiden stirbt, darf man sich jemand neuen aussuchen. Und nur in diesem Fall dürfen sie sich trennen. Sie sind einander versprochen bis zum Tod, Sonst verstößt es das Gesetz. Kira hatte eine Tochter. Es war Mila und ich zog sie seit Kiras Tod wie meine eigene Tochter auf.“ Als er ihren Namen erwähnte zog sich mein Herz zusammen.
„Wir werden seitdem oft angegriffen. Sie wollen Mila zurück, sie kann sich jedoch kaum daran erinnern. Heute starb ein sehr loyaler Krieger und ein guter Freund. Er hieß Trie und er war der Versprochene von Felicitas. Sie ist am zusammenbrechen, immerhin hat sie ihm vom ganzen Herz geliebt. Ich wollte das Nico mit Mila versprochen werden sollte. Nico ist ein guter Kerl und er kann sie beschützen. Und ich glaube auch das Mila ihn liebt, jedoch hat Nico sich in dich verliebt und hat sich von Mila getrennt“, erklärte er mir und sein Blick wanderte über mich. Oh mein Gott! Die arme Felicitas! Und was versucht mit Lucien hier zu vermitteln?
„Dies geht jedoch nicht. Es ist einfach gegen das Gesetz! Du musst das akzeptieren. Du kannst Nico nicht haben! Er ist vergeben! Wir werden ihn wieder aufnehmen und du hast die Wahl. Entweder du gehst nach Hause, oder du suchst dir jemand anderen aus dem Rudel aus welcher frei ist“, stellte er klar. Was?! Er will das ich verschwinde oder mir jemand anderes aussuche? Ich kann das mit Mila gut verstehen, jedoch liebt Nico sie nicht! Er liebt mich und ich ihn! Ich werde mich nicht vertreiben lassen!, dachte ich und bemerkte dabei nicht, dass mir Lucien immer näher gekommen war. Erst als er mich zärtlich küsste, reagierte ich. Ich stieß ihn weg und nachdem ich: „Was soll das?! Ich liebe Nico!“, geschrien hatte, drehte mich um und wollte aus Fluchtinstinkt weglaufen. Jedoch kam ich nicht weit, da ich über eine Wurzel stolperte und hinfiel. Auf dem Boden windete ich mich schnell in Luciens Richtung aus Angst was er tun würde. Er jedoch war still stehen geblieben und starrte an mir vorbei. Verwirrt und mit Tränen in den Augen blickte ich in dieselbe Richtung und sah ihn. Ich hatte ihn nicht bemerkt. Wie lange stand er schon dort?, fragte ich mich und flüsterte traurig: „Nico...“

Mittwoch, 15. Mai 2013

KAPITEL 18

NICO

Ich liebte Scarletts Lächeln. Auch wenn die letzten Tage die Hölle für sie waren, so wirkte sie doch wieder glücklich. Sie wirkte voller Leben, doch ich konnte spüren, dass es nicht stimmte. Etwas bedrückte sie, aber ich konnte nicht erkennen was genau. Wortlos schleifte ich sie durch den Dschungel. Meine Schritte waren beinahe lautlos, während die von Scarlett im Laub aufraschelten. Ich musste schmunzeln. „Wo führst du mich hin?“, fragte sie nach einer Weile und schaute mich neugierig an. „Zum Rudel. Ich möchte dass du mein Zuhause und meine Familie kennen lernst“, erwiderte ich mit einem breiten Grinsen im Gesicht und schaute sie ganz kurz an. Dann konzentrierte ich mich wieder auf den Weg. Der Dschungel erscheint viel größer wenn man Mensch ist. Zwischen einem Meer von meterhohen Bäumen und Pflanzen fühlt man sich winzig und verloren.  Aber es ist dennoch überwältigend.. Noch nie hatte ich den Dschungel aus der Sicht eines Menschen betrachtet.
Wir waren kurz vor dem Rudel und ich blieb stehen. Lauschte. Verspieltes Brüllen war zu hören. Und wenn man ganz genau hinhörte, konnte man sogar ihren Atem hören, den der Tiger.
„Psst, bitte bleib hier. Ich hole dich gleich, beweg dich nicht hier weg“, flüsterte ich ihr zu und sie nickte. Ich schaute in ihre Augen und verwandelte mich, ohne den Blick von ihr Abzuwenden. In ihren Augen lag Faszination. Ich wandte mich ab und sprang zum Dorf hinüber.
Felicitas begrüßte mich freudig und auch Ariane schmiegte sich an mich. Es tat gut ihre Nähe, ihren Herzschlag zu spüren. Sie war immerhin alles was ich noch hatte. Wie gewohnt waren alle auf ihren üblichen Positionen, nur Lucien fehlte. Der Felsen auf dem er üblicherweise lag war leer. Das erweckte misstrauen in mir, aber sonst schien alles in Ordnung zu sein. Auch Silas entdeckte mich nun und trabte auf mich zu. Er machte eine Art Verbeugung vor mir. „Willkommen zurück, mein Freund“, raunte er mir zu und stellte sich neben mir auf. „Du hast sie mitgebracht?“, fragte er und musterte mich. Ich nickte kurz. „Wen?“, fragte Felicitas verwundert und schaute in die Richtung, wo ich Scarlett gelassen hatte. Ohne auf ihre Frage zu antworten, ging ich langsam zurück zu Scarlett. Sie stand etwa zehn Meter weiter, versteckt hinter einem großen Busch. Als sie mich erblickte flüsterte sie meinen Namen und ich nickte ihr zu. Vorsichtig ging sie auf mich zu und streichelte mir sanft über den Kopf. Mit einem weiteren Atemzug stand ich vor ihr, als Nico. So, wie sie mich kennen gelernt hatte, als normalen Menschen. „Komm, sie erwarten uns bereits“, sagte ich und nahm ihre Hand. Ich zog sie zum Dorf, wo, wie erwartet, uns alle anstarrten. Auch die Köpfe der Frauen und die der Älteren schnellten in die Höhe. Sogar die Jungen hörten auf zu toben und starrten uns an. Ich drückte die Hand von Scarlett fester und ging auf Felicitas und Silas zu. Ariane umkreiste uns ersteinmal misstrauisch, schmiegte sich dann aber doch an Scarletts Bein. „Sie mag dich“, sagte ich zu Scarlett und musste lächeln. Sie schaute das Rudel an und ihr Blick blieb an Felicitas haften. Langsam löste sie ihre Hand aus meiner und bewegte sich auf sie zu. „Felicitas?“, fragte sie unsicher und blieb kurz vor ihr stehen. „Danke dass du mich damals gerettet hast. Dafür bin ich dir sehr dankbar“, flüsterte sie und kniete sich vor ihr nieder. Felicitas ging auf sie zu und legte sich neben sie. Es war schön zu sehen, dass Scarlett von den anderen freundlich empfangen und direkt ins Herz geschlossen wurde. Auch Ariane legte sich zu Scarlett und schnurrte. Der Rest des Rudels hatte sich ebenso um Scarlett versammelt. Einige von ihnen wussten nicht ob sie sie feindselig anknurren und sie herzlich begrüßen sollten.
Da erkannte ich Lucien. Er kam stolz aus seiner Höhle hervor und fixierte Scarlett. In seinem Blick lag Neugier und.. begehren? Seine Augen glänzten und er hatte seinen Kopf erhoben. Mit einem lauten Brüllen verdeutlichte er, dass er hier das Sagen hatte, denn alle schracken sofort zurück und einige fingen sogar an leise zu winseln. Er kam immer näher, bedrohlich nah. Es war nicht zu übersehen, auch er war von ihrer Schönheit fasziniert. „Ich warne dich, Lucien. Lass deine Finger von ihr!“, rief ich ihm mahnend zu und erntete spöttische Blicke. „Ich denk nicht daran“, knurrte er und lief nun auf mich zu. Mit einem Satz überrannte er mich und schon lag ich unter ihm. Der Aufprall war zwar Schmerzhaft, aber ich konnte mir ein stöhnen verkneifen. Sein Gesicht befand sich direkt über meinem und seine scharfen Krallen bohrten sich in meine Schulterblätter. Bedrohlich fletschte er seine Zähne. „Auch ich erhebe Anspruch auf sie“, knurrte er mir wieder zu und war bereit mich sogar zu töten. „Nico!“, Scarlett schrie erschrocken auf und wollte schon zu mir rennen, doch da sprang Lucien von mir und ging auf sie zu. Sie erstarrte auf der Stelle. Lucien erhob sich im gehen, bis er schließlich Scarlett um einen Kopf überragte. In seinem widerlichen Grinsen lag Überzeugung sie für sich zu gewinnen. Na warte, dachte ich und diesmal war ich derjenige, der die Oberhand gewann. Wir rollten über den Boden, doch ich blieb oben und drückte ihn nieder. „Du rührst sie nicht an, Lucien“, sagte ich energisch und ich spürte wie er leicht zitterte, auch wenn nur ganz kurz. Ich meinte es wirklich ernst. Ich war bereit ihn zu töten, wenn er sie auch nur noch einmal ansah. Es ist der Beschützerinstinkt, den jede Lebensform besitzt. Sowohl Menschen, als auch Tiere. Und Scarlett gehörte von nun an zu mir. Also, glaube ich zumindest. Zugegeben, ich war nicht ganz davon überzeugt, dass sie mich über alles liebte, oder ob sie mich überhaupt liebte, aber ich spürte, dass sie sich von mir hingezogen fühlte, in ihren Augen lag ein leuchten, wenn sie mich sah. Jedenfalls liebte ich sie und ich würde sie so leicht nicht mehr gehen lassen. Lucien zappelte etwas und versuchte sich aus meinem Griff zu befreien, jedoch verstärkte ich meinen Griff nur und wollte bereits ausholen, um ihn zu schlagen, als Scarlett plötzlich aufschrie. Ich verharrte in meiner Bewegung und starrte sie an. Auch Lucien schenkte ihr seine volle Aufmerksamkeit. „STOPP!“, schrie sie und ihre Augen füllten sich mit Tränen. Anscheinend war sie kein Fan von Gewalt, was ich aber auch verstand. Ich sprang auf und lief auf sie zu, nahm sie in meine Arme. „Es tut mir Leid Scarlett, aber..“, ich stockte und dachte kurz nach, „Ich konnte einfach nicht mit ansehen wie er dich anstarrt..“ Lucien rappelte sich auf und zupfte an seinem Hemd rum und strich seine schwarze Hose glatt. „Ich verstehe nicht, Nico. Wer ist das?“, flüsterte Scarlett, ohne mich loszulassen. „Das erkläre ich dir später. Du solltest dich noch ein wenig ausruhen“, sagte ich zu ihr und schob sie etwas von mir weg, um sie anzugucken. Sie zitterte. „Keine Sorge, ich pass auf dich auf“, sagte ich bekräftigend und ihre Mundwinkel zuckten kurz nach oben. Zusammen gingen wir in meine Höhle. „Ich liebe dich“, flüsterte ich ihr zu und drückte ihr einen Kuss auf ihre Lippen. Ich lächelte sie an und verwandelte mich in einen Tiger. Sie legte sich neben mich und berührte sanft mein Fell. „Ich liebe dich auch“, flüsterte sie zurück und rückte näher an mich. Ihr Atem war ruhig, ihr Herzschlag verlangsamte sich. Immernoch lag ihre Hand in meinem Fell. Es tat gut sie so nah bei mir zu spüren.
Ich werde auf dich aufpassen, dachte ich und blickte hinaus. Es war ungewöhnlich still und.. wo war eigentlich Mila?

Am nächsten Morgen, was heißt hier Morgen, es war mitten in der Nacht, wurde ich unsanft geweckt. Vor meiner Höhle stand Trie und deutete mir, ich solle mich sofort hoch bewegen und ihm folgen. Vorsichtig richtete ich mich auf und schaute zu Scarlett, die immernoch fest schlief. Was sie wohl träumte?
Was ist denn los?“, fragte ich ihn mit einem verschlafenem Gesicht. „Wir werden angegriffen, es sind vier Tiger, wir wissen nicht aus welchem Stamm sie kommen, aber wahrscheinlich aus keinem befreundetem..“, erzählte er mir und plötzlich wurde ich hellwach. Die Frauen und Kinder schliefen noch, nur Felicitas war bereit mitzukämpfen. Trie wollte es ihr unbedingt ausreden, da er Angst um sie hatte, doch sie ließ sich nicht von ihm beeindrucken. „Was ihr könnt, kann ich auch“, erwiderte sie nur und schlich mit uns aus dem Dorf heraus. Wir wurden schneller und liefen den Fluss hinauf, bis wir schließlich an einer großflächigen Stelle kamen, wo ein lautes Toben zu vernehmen war. Silas und Lucien waren bereits dort und kämpften gegen vier dunklere Tiger. Sie waren größer und sahen sehr gefährlich aus. Silas rannte mehr, als dass er kämpfte. Und weiter hinten auf einem Felsvorsprung vernahm ich eine weitere Gestalt, die sich im Schatten verborgen hielt. Ich und Trie rannten auf der Stelle los, um Silas und Lucien zu helfen. Auch Felicitas zögerte nicht lange, mit einem kurzen Brüllen sprintete sie ebenfalls auf die Gegner zu und verpasse dem Größten eine Schürfwunde am Schulterblatt. Er knurrte auf und stürzte sich auf Sie. Am liebsten würde ich ihr sofort helfen wollen, doch ich konnte nicht, da sich ein anderer Tiger vor mir aufbaute. Ich kannte ihn, es war Azuro, mein ehemaliger Kumpel. Auch er erkannte mich. „So sieht man sich also wieder, mein Freund“, raunte er mir zu und wir liefen im Kreis, ohne den Blick voneinander abzuwenden. „Was wollt ihr?“, fauchte ich ihn an. „Das weißt du ganz genau. Wir wollen Mila und euren Tod“, erwiderte er und ich erinnerte mich. Mila war einst eine von ihnen, bis Luciens Frau sie als Jungen noch zu uns holte. Es war ihre Tochter gewesen und sie wollte sie unbedingt bei sich haben. Sie hatte ihr Leben aufs Spiel gesetzt, um sie zu sich zu holen. Nach wenigen Tagen wurde unser Stamm dann angegriffen und Kira, die Frau Luciens, wurde schwer verletzt. Lange lebte sie nachdem nicht mehr, denn innerhalb drei Tagen wurde sie immer schwächer und verstarb schließlich. Seitdem kümmert sich Lucien um Mila, als wäre sie seine eigene Tochter und gab sie nicht mehr her. Es war schon eine Weile her, und Mila erinnert sich nicht mehr daran, aber wir wurden stehts von anderen angegriffen. Azuro sah, dass ich abgelenkt war und nutzte die Gelegenheit um sich auf mich zu stürzen. Er biss mir in den Hals und seine scharfen Krallen bohrten sich in meinen Rücken. „Schade, dass es so enden muss. Du warst ein guter Freund gewesen“, raunte Azuro mir noch zu und wollte grade fester zubeißen, als die Gestalt vom Felsen auf uns zusprang und Azuro mit sich riss. Er brüllte, konnte aber den Genickbiss nicht mehr abwehren und lag schließlich regungslos am Boden. Er war tot. Der Tiger drehte sich um und ich konnte es nicht glauben, es war Mila die mich gerettet hatte. Ich wusste nicht, dass sie eine so gute Kämpferin war. Ihre Stärke war überwältigend. „Steh auf“, sagte sie kühl und ich tat was sie mir sagte. Ich hatte zwar höllische Schmerzen, aber ich konnte es mir nicht leisten hier nutzlos herum zu liegen. Mila sprang zu Lucien und ich zu Silas. Trie kämpfte nun gegen den Größten Tiger, gegen den, der Felicitas angefallen hatte. Es war ein Kampf um Leben und Tod. Felicitas rührte sich nicht und Trie umgab eine Wolke aus Zorn und Rache. Er biss, kratze und knurrte, bis der andere am Boden lag. Ein Biss trennte ihn noch von dem sicheren Tod. Doch kurz bevor Trie ihn ins Reich der Toten schicken konnte, brüllte dieser auf und kratze Trie den Hals auf. Wenige Sekunden später lag auch er neben ihm und hörte auf zu Atmen. Nein, nicht Trie!, dachte ich und stieß ein Brüllen aus, welches durch Mark und Knochen ging. Auch Felicitas stimmte mit ein. Die verbliebenen Zwei hörten auf zu kämpfen und ergriffen die Flucht. Nun brüllten auch Lucien und Mila und hinzu kam noch Silas. Zusammen brüllten wir so laut wir konnten, denn wir hatten nicht nur einen Tiger aus dem Rudel verloren, nein, wir haben einen Freund verloren. Am meisten schmerzte es Felicitas, schließlich war er ihr Verlobter gewesen, ihre Zukunft. Ich konnte ihren Schmerz in ihren Augen lesen. Doch aus diesem Schmerz wurde Wut, und aus der Wut wurde Rache. Kein Zweifel, sie wollte sich rächen, für Trie, ihren Lebensgefährten. Eine Weile blieben wir noch um Trie sitzen und trauerten, dann fing es plötzlich an zu regnen. Zuerst ging Mila, dann folgte ihr Silas. Lucien verbeugte sich noch einmal vor Trie und warf Felicitas einen mitfühlenden Blick zu. Dann war auch er unter den Bäumen verschwunden. Es blieben nur noch Felicitas und ich. Stumm saßen wir nebeneinander. Es war uns egal, dass wir bereits völlig durchnässt waren. Wir saßen einfach nur da und betrachteten den reglosen Körper, der einst mal zu unserem Freund gehörte. „Er hat mich gerettet“, sagte sie leise und starrte ihn an. Fassungslos schüttelte sie ihren Kopf. „Feli, lass uns gehen..“, sagte ich zu ihr. Doch sie reagierte nicht. Sie hatte mich anscheinend nicht gehört, sie nahm meine Anwesenheit wahrscheinlich noch nicht einmal richtig wahr.
Ich entschloss mich ebenfalls zum Dorf zurück zu kehren, Felicitas würde schon zurecht kommen. Nachdem ich ein paar Meter weit gegangen war, hörte ich Felicitas laut und kräftig Brüllen. Dann ging dieses Brüllen in ein schmerzhaftes und leidendes Schreien über und verstummte schließlich ganz.

Montag, 13. Mai 2013

KAPITEL 17


SCARLETT

Ich schlug die Augen auf, immer noch ziemlich angeschlagen. Ich lag auf Moos und neben mir lag eine Wasserflasche mit Inhalt. Hoffentlich ist es kein Gift – und wenn ist es mir egal!, dachte ich und trank. Es war Wasser. Was ist nur passiert? Wie komm ich hierher?
Ich befand mich auf einem kleinen Felsen. Langsam und vorsichtig rutschte ich von diesem runter und knickte, unten angekommen, zusammen. Langsam stand ich auf und schaute mich um. Ich befand mich im Dschungel. Hinter mir war ein großer Baum mit starken Ästen. Auf einem vom diesen lag – zu meinem Leid – ein Tiger! Er schlief, als ich mich jedoch bewegte, schlug er die Augen auf und ich erkannte ihn. Es war der Tiger der vor meiner Tür lag. Er wird mir nichts tun, aber wie komme ich nach Hause? Was ist mit Leon passiert? Ich drehte mich um und lief. Ich lief aus Angst, Leon wäre hier. Aus Angst das mich jemand findet. Aus Angst das hier noch weitere Tiger waren. Während ich lief, weinte ich. Ich weinte um den Teil meiner Seele, den ich seit meiner Gefangenschaft verloren hatte. Ich weinte, weil ich Angst hatte, dass ich diesen vollkommen verloren haben könnte.
Plötzlich hielt ich inne, stolperte noch etwas nach vorne und fiel auf die Knie. Vor mir befand sich ein tiefer, meterbreiter Graben. Und ich wäre fast hinein gefallen. Ich hörte ein Knurren hinter mir. Schlagartig drehte ich mich um und sprang auf – was dazu führte, dass ich direkt wieder zusammenbrach. Es war nicht der Tiger, der mir so vertraut war. Es war ein anderer, kleinerer Tiger.
Verzweifelt blickte ich mich um. Eine Möglichkeit wegzulaufen gab es nicht. Ich bin verloren – mal wieder!
Plötzlich kam Nico aus dem Gebüsch gesprungen, was dazu führte, dass noch mehr Tränen flossen. Dieses mal waren es Freudentränen. „Nico!“, keuchte ich, völlig außer Atem. Er blickte von mir zum Tiger, welcher mich immer noch feindlich anstarrte. Sofort sprang er zwischen uns und sagte ruhig, jedoch eindringlich: „Verschwinde! Sofort!“
Der Tiger schien kaum zu reagieren, sah jedoch etwas in Nicos Blick, was ihn zum Gehen aufforderte.
Nachdem er verschwunden war, kam Nico zu mir und setzte sich neben mich. „I-I-Ich..“, stotterte ich und starrte ihn dabei an. Wie kam es, dass er den Tiger verscheuchen konnte? „Schh!“, sagte Nico und starrte mich mit seinen ruhigen, wunderschönen Augen an.
Ich fand meine Kräfte wieder und fragte mit nun festerer Stimme: „Was bist du?“
Es konnte nicht sein, dass er den Tiger verscheuchen konnte. Es kann auch nicht sein, dass er hier, genau zum richtigen Zeitpunkt, bei mir im Dschungel war. Es ergibt einfach keinen Sinn!
„Ich bin Halb-Mensch, Halb-Tiger.“

„Was?“, fragte ich ihn ungläubig. „Es ist wahr... Dieser Tiger, der dich verfolgt hat, der vor deiner Haustür lag – das war ich! Und was Mila angeht, sie ist mir seit wir klein sind versprochen. Das ist Tigergesetz. Jedoch hab ich mich von ihr getrennt, wegen dir!“
Das kann doch nicht sein! Er belügt mich nur! Oder... doch nicht?
„Dies gerade war Silas. Und früher, als du angegriffen wurdest, das war Mila. Felicitas – meine beste Freundin, hat dich beschützt. Ich lebe hier im Dschungel mit meinem Rudel und arbeite manchmal als Mechaniker. Wir müssen hier verwandelt sein, sonst dürfen wir uns nicht innerhalb der Grenze aufhalten um ins Dorf zu gelangen“, sagte er und deutete auf den Graben. „Deswegen wollte Silas dich gerade angreifen. Menschen die sich in der Grenze aufhalten, werden getötet.“
Ich wollte es einfach nicht glauben. Wackelig stand ich auf und wollte automatisch weglaufen, Nico stand jedoch auch auf und schloss mich in seine Arme. Instinktiv lies ich mich in seine Arme fallen und weinte. Er hatte mich also die ganze Zeit belogen! Und trotzdem war er für mich da wie kein Anderer. Und verdammt – ich liebe ihn!
Nico hielt mich ein Stück von sich weg, jedoch mit festen Griff, damit ich nicht wieder weglief. Er schaute mir in die Augen und sagte mit ruhiger Stimme: „Komm! Ich zeige dir meine Welt.“

Freitag, 10. Mai 2013

KAPITEL 16

NICO

So schnell ich konnte sprintete ich durch die Felder, mit Mila und Silas an meiner Seite. Natürlich, der einzige Ort an dem wir nicht geschaut hatten war auf der anderen Seite des Dorfes. Eine scheinbar endlos lange Landstraße Richtung Osten führte mitten ins Nichts. Auf der linken Seite wuchs hohes Savannengras. Beim näheren hinschauen konnte man einen kleinen Pfad entdecken. Diesen liefen wir lang und kamen an einer weiteren großen Wiese raus, welche ebenfalls endlos weit zu sein schien. Hinter zwei Schirmkazien stand ein kleiner Holzschuppen. Er war ansehnlich, aber nicht schön. Ich sprintete die letzten Meter so schnell ich konnte und meine hohe Geschwindigkeit war von Vorteil; als ich gegen die Tür rannte, zersprang diese in hunderte Splitter und so konnten auch Silas und Mila mit hinein. Es war dunkel, die Fenster waren vernagelt und doch kam durch die durchgebrochene Tür soviel Licht herein, dass alles erkennbar war. Bei dem was ich in dem Moment sah, verschnürte mir die Kehle. Ich bekam nur schwer Luft und tabste langsam weiter in den Schuppen hinein. Silas blieb an der Tür stehen und schaute aufs weite Land hinaus. Vor mir lag Scarlett, ihre Klamotten waren zerfetzt und ihr Körper von blauen Flecken übersät. Sie lag in Ketten auf dem Boden, Schrammen schmückten ihr Handgelenkt. Hinter mir hörte ich Mila knurren. Ein Schrei. Ich drehte mich um und sah ihn, es war der selbe Kerl der Scarlett damals an ihren Jeep drückte. Unkontrollierbare Wut stieg in mir auf. Langsam bewegte ich mich auf ihn zu und er schrie. Schrei nur, es wird das letzte sein, was man von dir noch hört. In seinen Augen lag nackte Angst. Er war kreidebleich im Gesicht geworden und hing da wie so ein Häufchen Elend. Mein Blick bedeutete Tod. Auch Mila und Silas umkreisten ihn und nahmen im so die Fluchtmöglichkeit, die er sowieso nicht hatte. Als Mensch war er nunmal viel zu langsam als ein - in diesem Fall sogar drei - Tiger. Ich brüllte, fletschte meine Zähne und knurrte so laut, dass der Boden unter uns bebte. Er sank zu Boden, hielt seine Knie vor seinen Körper und wimmerte. Du wirst ihr nie wieder Leid antun. Bei diesem Gedanken sprang ich auf ihn ein und kratzte ihm erst den Rücken auf. Blut floss, Schreie hallten. Er lag am Boden, lebte aber noch. Alle hier wussten, dass er sterben würde, selbst er war sich dessen bewusst. Ich wollte ihn Leiden sehen. Erneut sprang ich auf ihn ein und es waren Knochen brechen zu hören. Es war ein wirklich schreckliches Geräusch, aber das war mir egal. Mir war Er egal. Ich umkreiste ihn einmal und ließ mich vor seinem Kopf nieder. Eine Weile betrachtete ich ihn, und er mich. Er hatte die Augen voller Tränen, voller Schmerz. „Worauf wartest du? Töte mich doch!“, schrie er mir mitten ins Gesicht. Es war mehr ein Krächtzen, dass in Tränen ertrank als ein Schreien. Ich warf ihm Blicke zu, die ihn auch so hätten töten können, doch er hielt ihnen stand. Meine Augen flackerten kurz auf und da sah er es. Seine Augen weiteten sich und er starrte mich an. „Töte mich, Nico!“, schrie er erneut, dieses mal musste er dabei lachen. Bei seinen Worten fiel mir ein, dass auch ich Mensch war. Plötzlich fühlte auch ich seinen Schmerz. Ich brüllte und erneut fing alles um uns herum an zu beben. Mein Brüllen verwandelte sich in ein Schreien und er grinste mich an. Nun saß auch ich da, schreiend kniete ich vor ihm. Was geschieht hier nur mit mir? Ich konnte mich nicht mehr rühren, nicht aufhören zu schreien. Ich empfand höllischen Schmerz, von dem ich dachte, dass auch er mir den Tod bringe. Auf einmal sprang Silas dazwischen und biss ihm ins Genick. Sein Lachen erstickte in einem letzten Schrei. Er war tot. Nun hörte auch ich auf zu schreien, konnte mich aber immernoch nicht rühren. Im Schuppen roch es nach Blut. Frischem Blut. Aber es roch nicht nur so, es schmeckte auch so. Mein Körper wurde ganz weich und ich musste mich mit meinen Händen am Boden abstützen, um nicht umzukippen. Mila stand wenige Meter neben mir und starrte mich an. Auch Silas war keine große Hilfe. Keiner von den beiden war in der Lage, ihren Blick von mir abzuwenden. Ich musste Blut spucken. Es schmeckte bitter, wie der Tod. Meine Arme gaben nach und ich fiel unsanft auf den Boden. Kurz stöhnte ich vor Schmerz auf, dann wurde alles schwarz.

Licht fiel mir ins Gesicht und ich öffnete vorsichtig die Augen. Vorsichtig setzte ich mich auf und hielt mir den Kopf, er dröhnte unerträglich. Ich schaute mich um. Mila und Silas war weg, auch der Typ war verschwunden. Alles was von ihm noch blieb, war ein großer Blutfleck auf dem Boden. Mein Blick wanderte weiter in den Raum hinein, wo Scarlett lag. „Scarlett?“, fragte ich leise in den eher dunkleren Teil dieses Schuppens. Keine Reaktion. Ich versuchte aufzustehen, doch meine Beine gaben unter mir nach. Also versuchte ich es auf allen Vieren, was meine Knie jedoch mehr belastete, als das Gehen. „Scar?“, fragte ich leise und legte ihren Kopf behutsam auf meinen Schoß und strich ihr einzelne Haarstränen aus dem Gesicht. Erneut keine Reaktion. Ich spürte ihren schwachen Herzschlag und nahm ihre Hand. Vorsichtig befreite ich ihre Arme und Beine von den Ketten und nahm sie schließlich in meine Arme. „Was hat er dir nur angetan?“, flüsterte ich leise. Auf diese Frage wollte ich keine Antwort, es war eher so was wie lautes Nachdenken. Ich küsste sie auf die Stirn und drückte sie an mich. „Ich werde mich um dich kümmern, meine Liebe. Alles wird gut“, flüsterte ich ihr ins Ohr. Es sollte eher mir, als ihr Kraft geben.
Nach wenigen Momenten hatte ich mich einigermaßen gesammelt und konnte genug Energie aufbringen, um wieder aufzustehen. Mit Scarlett in meinen Armen verließ ich die Hütte. Die Sonne ging langsam unter und nahm meine Müdigkeit und Schwäche mit. Die Nacht gab mir Kraft, welche ich dankbar annahm. Ich hatte einen weiten Weg vor mir, wir waren mitten im Nichts. Als Tiger konnte man im Sprint in zehn bis zwanzig Minuten am Dschungel sein, als langsamer Fußgänger brauchte man jedoch Stunden. Trotzdem ging ich unermüdlich weiter, denn ich wusste, dass ich nur so Scarletts leben retten konnte.
Die halbe Nacht ging ich die Straße lang, über Wiesen, und meine einzigste Lichtquelle war der Mond, der mir den Weg nach Hause leuchtete.
Als ich am Graben ankam, lag der stockdunkle Dschungel vor mir. Ich versuchte Sie huckepack zu nehmen, was allerdings nicht wirklich leicht was, wenn sie sich nicht an mir festhalten konnte.  
Ich nahm kurz Schwung und versuchte vorsichtig über den Graben hinweg zu springen. So sanft ich konnte kam ich mit den Vorderpfoten zuerst auf. Doch anstatt Richtung Rudel zu traben, schlich ich am Rand entlang und versuchte eine geeignete Stelle zu finden wo uns niemand finden würde.
Scarlett lag immernoch wie am Anfang sicher auf meinem Rücken, also beschloss ich einen kleinen Felsen hoch zu springen, der selbst nicht großer als drei Meter war. Oben in dem Felsen befand sich eine Kuhle, welche mit weichem Moos zugewachsen war. Dort legte ich Scarlett behutsam hinein. Da ich wusste, dass sie nicht so schnell wieder aufwachen würde, beschloss ich kurz zum Fluss hinunter zu traben. Er war nicht sonderlich weit, für einen Tiger versteht sich. Das Wasser war kühl und erfrischend. Der Mond reflektierte im Wasser und ich konnte einen kleinen Fisch erkennen. Geschickt versuchte ich ihn zu fangen und verzehrte ihn. Auch Scarlett brauchte Wasser und glücklicherweise wusste ich, dass sich zwischen den hohen Baumwurzeln zwei Plastikflaschen befanden. Eine von ihnen füllte ich auf und ging zurück zum Felsen, wo Scarlett immernoch regungslos da lag. Die Flasche legte ich neben sie ins Moos und kletterte selbst auf den benachbarten, dicken Ast, wo ich mich niederlies und schließlich einschlief.
Am liebsten würde ich jetzt von Scarlett träumen, wie sie über die Wiesen lief und nach mir suchte, doch das ging nicht, denn Tiger träumten nicht.

Mittwoch, 8. Mai 2013

KAPITEL 15


SCARLETT

Ich wusste nicht, wie lange Leon mich schon gefangen hielt. Das einzige was ich wusste war, dass ich Hunger und Durst hatte. Meine Handgelenke und meine Beine taten höllisch weh. Wieso lässt er mich nicht gehen? Zu was ist er fähig?, fragte ich mich benommen. Ich blickte erschöpft auf meine Beine. Meine Hose war zerrissen und meine Beine waren mit blauen Flecken übersät. An meinen Armen waren Schrammen und sie waren von meinem Blut verkrustet. Leon ist ein paar mal ausgerastet als ich ihn provozierte. Ich bin auch dumm zu versuchen, ihn vorzuwerfen kein richtiger Mann zu sein. Leon gab mir nichts zu essen und auch nichts zu trinken. Mit der Zeit wurde ich auch immer dünner, verlor manchmal aber auch das Bewusstsein. Dann begann ich zu träumen...
Von Tagen an denen noch alles gut war, mit Vanessa und Leon. Manchmal fragte ich mich auch was wohl mit Nico werden würde, falls ich starb... Würde er mit Mila zusammen kommen? Es ist doch zu früh sich deswegen Gedanken zu machen. Ich kannte ihn nur ein paar Tage. Zu kurz um sagen zu können, dass ich ihm vertraute. Dennoch würde ich ihm mein Leben anvertrauen. Innerlich schrie ich nach ihm, will ihm sagen, dass ich ihn liebte und ihn für immer festhalten möchte.
Plötzlich wurde die Tür aufgestoßen und Leon trat herein. Ich hob erschöpft den Kopf, ließ ihn jedoch wieder fallen. Mir tat alles weh.
„Wenn du mich liebst, lass mich gehen. Du bringst mich um“, krächzte ich. „Nein. Du würdest wieder zu diesem Nico rennen“, er betonte Nicos Namen mit purem Hass. Dann kam Leon auf mich zu und blieb ein paar Zentimeter vor meinem Gesicht stehen. Reflexartig schoss mein Kopf nach hinten. Wieder gegen die Wand. Ich stieß schmerzhaft eine Art Schmerzensschrei aus.
Leon ignorierte dies. Er presste, wie so oft schon seit meiner Gefangenschaft, seine Lippen auf meine. Ich hielt meinen Mund geschlossen. Er versuchte meinen Mund zu öffnen, ich ließ es jedoch nicht zu. Aber ich wurde schwächer, war kurz davor wieder das Bewusstsein zu verlieren. Dann tat ich etwas, was ich von mir nicht erwartet hätte – ich biss ihm in die Lippe, so stark, dass sie blutete.
Leon schreckte zurück, hob die Hand und – Klatsch! Meine Hand wollte sofort an meine Wange fassen, jedoch war das einzige was ich damit erreichte weitere Schrammen an meiner Hand durch die Ketten.
„Du Miststück!“, schrie Leon, packte eine Eisenstange die an der Wand lehnte und schlug damit auf meinen Bauch. Ich weinte, hielt jedoch still und versuchte den Schmerz zu ignorieren. Unbewusst fiel ich wieder in Ohnmacht, ohne zu wissen was Leon nun mit mir machen würde.

Ich träumte von Nico. Ich lag in seinen Armen und er strich mir ein paar Haarsträhnen aus dem Gesicht. „Ich liebe dich. Weißt du das? Ich konnte es dir damals nicht sagen... Aber du musst es wissen“, sagte ich leise. „Ich weiß es. Ich wusste es schon immer, seit ich dich damals an deinem Jeep stehen sah“, sagte er und schaute mir in die Augen. Ich wollte etwas erwidern, kam jedoch nicht dazu. Man kann schlecht sprechen, wenn man geküsst wird. Er war zärtlich und in seinem Kuss lag so viel Liebe. Er zeigte mir damit, dass er für mich da sein würde. Für immer.

Langsam öffnete ich meine Augen und schaute an mir herunter. Meine Hose hing mir auf den Knien und mein Slip war am Rand zerrissen, hielt jedoch noch. Oh mein Gott... Hat er...?, ich brach in Tränen aus. Ich hatte so was wie einen Nervenzusammenbruch, soweit man einen haben kann wenn man in Ketten gefangen hing. Das Leben ist einfach scheiße! Wieso nimmt Gott mir nicht einfach das Leben? Wieso befreit er mich nicht einfach? Wie lange bin ich überhaupt schon gefangen?
Nachdem ich mich wieder einigermaßen zusammengerissen hatte, zeigte sich wieder meine Schwäche und ich verlor wieder das Bewusstsein.

Irgendwann spürte ich, dass um mich herum Holz zersprang, Geknurrt wurde und ich hörte Schreie. Ich war einfach zu schwach um aufzuwachen. Auch wenn ich mich anstrengte, wurde kurze Zeit später alles um mich herum wieder schwarz.

Montag, 6. Mai 2013

KAPITEL 14

NICO

Ohne zu zögern sprintete ich instinktiv zum Rudel. Ich war allein und brauchte eindeutig Hilfe, aber wer war schon bereit mir diese zu geben? Scheiße, dachte ich und blieb augenblicklich stehen. Wenn ich jetzt zum Rudel gehen würde, bring mich Lucien um! Doch ich verdrängte diesen Gedanken wieder und bewegte mich Erst zögerlich, dann wurd ich immer schneller und schneller. Ich hatte einfach nicht die Zeit um darüber nachzudenken. Selbst wenn Lucien gegen mich war, so hatte ich mindestens Felicitas und Ariane auf meiner Seite, und bestimmt auch Trie. Trie war ein sehr anmutiger Tiger, auch sehr loyal. Das mochte ich an ihm besonders – seine Loyalität. Allerdings könnte dies auch zu einem Problem werden, denn es war ja schließlich Luciens Rudel, nicht meiner, und ich wurde rausgeschmissen. Ich wusste ich würde alles für Scarlett tun, ich würde um sie kämpfen, sie in Sicherheit bringen. Ich würde jeden Preis zahlen, um sie zu retten. Sogar mein Leben würde ich aufs Spiel setzten, um ihres zu wahren.
Nach wenigen Minuten kam ich endlich an die Grenze und sprang hinüber. Jetzt konnte mich eh nichts mehr halten. Bevor ich anhalten konnte sprang Lucien bereits vor mich. Ein lautes bedrohliches Brüllen hallte durch den ganzen Dschungel und direkt versammelten sich alle Tiger und Tigerinnen um uns herum. Lucien war drauf und dran mich anzugreifen, doch da stellte sich Ariane an meine Seite. „Was willst du hier?“, grollte es verächtlich aus Luciens Maul. „Ich brauche eure Hilfe. Bitte Lucien, ich bin nicht hier um zu kämpfen“, sagte ich ernst und schaute einmal in die Runde. „Damit kommst du jetzt alleine klar. Und jetzt verschwinde!“, fuhr er mich an und kam mir bedrohlich nah. Er hatte dieses Funkeln in den Augen. „Bei allem Respekt, Lucien, bitte. Du weißt ich würde dich nicht darum bitten, wenn das nicht wichtig wäre“, flehte ich ihn an. Doch Lucien ließ sich davon nicht beeindrucken und knurrte mich an. Ariane wich nicht von meiner Seite, auch Felicitas kam dazu. Ich blickte erwartungsvoll in die Runde. Mila stellte sich zu Lucien und auch Silas machte es ihr nach. Du bist mir ja ein guter Kumpel, dachte ich und warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu. Die anderen standen außen vor und ich schaute erneut in die Runde. Wie nicht anders zu erwarten kam auch mein Großvater Salio zu mir, gefolgt von einem weitern älterem Tiger. Der Rest kam ebenfalls zögerlich auf mich zu, nur Trie nicht. Er blieb in der Mitte stehen. Ich sah wie Felicitas versuchte ihm etwas zu sagen, doch ich konnte nicht genau erkennen was sie sagte. Als Lucien anfing zu knurren, ging Trie zu ihm, zögerlich. „Bitte“, versuchte ich noch einmal ihn umzustimmen. Nach ein paar Schritten blieb er direkt vor Lucien stehen und schaute ihn an. Dann wandte er sich um und sprang mit einem Satz zu mir. Ich hatte eindeutig die Mehrheit der Tiger auf meiner Seite und ich konnte Luciens verhassten, aber auch verwunderten Blick. Nach einem lauten Brüllen, bei dem alle zusammenzuckten, verschwand er in seine Höhle und Mila folgte ihm. „Sorry“, sagte Silas und folgte ihnen.
Ich deutete allen mit mir zu kommen und alle folgten mir aus dem Dschungel heraus. Nach kurzem umschauen verwandelten wir uns alle in Menschen, einige sah ich zum ersten mal in ihrer menschlichen Gestalt. Auch Felicitas war selten als Mensch anzutreffen. Sie trug ihr dunkelrotes gelocktes Haar offen und hatte strahlend grüne Augen.
Nachdem ich mir sicher war, dass ich alle Aufmerksamkeit bei mir hatte, fing ich an zu reden: „Ich weiß zu schätzen dass ihr euch alle gegen Lucien aufgestellt habt, Danke“. Ich nickte allen zu und einige der Frauen lächelten sogar. „Folgendes: Ich bin auf der Suche nach einem Mädchen. Ihr Name ist Scarlett und sie wird irgendwo gefangen gehalten. Bitte, ich habe große Angst um Sie..“. „Am besten wir teilen uns auf und durchsuchen die ganze Gegend!“, schlug Felicitas vor. „Wir müssen uns beeilen, es geht im ihr Leben!“, sagte ich und mich durchfuhr ein stechender Schmerz. Nach ein paar kurzen Blicken verschwand einer nach dem anderen und am ende blieben nur noch ich und Felicitas. „Wir finden sie“, sagte sie aufmunternd und ich versuchte ein Lächeln aufzusetzen.
Stunden liefen wir durch die Gegend, suchten auf jedem Berg, waren in jeder Höhle und liefen über weite Felder. Dennoch konnten wir sie nirgens finden. Niedergeschlagen kehrten wir alle mitten in der Nacht zurück in den Dschungel. Ich wusste ich würde nicht eher aufgeben, bis ich sie fand. Und genau das würden auch die anderen mitmachen. Früh morgens lief ich mit Felicitas aus dem Dorf, während die anderen noch schliefen. Unterwegs fingen wir drei Erdmännchen, welches das einzigste war, was wir heute aßen. Ohne Pausen suchten wir weiter und liefen auch ab und zu den anderen über den Weg. Doch auch heute fanden wir nichts. Natürlich nicht. Aber wo verdammt steckte sie nur? Ich konnte die Nacht über nicht schlafen. Mila kam auf mich zu und sie wirkte unsicher. Ihr Blick war leer, aber ihr lag etwas auf dem Herzen.
Ich weiß, wo Sie ist“, sagte sie leise und ich sprang direkt auf.

Freitag, 3. Mai 2013

KAPITEL 13

SCARLETT

Ich ging in den Bungalow, schloss die Tür hinter mir und ließ mich auf den Boden sinken. Jetzt ist er weg... Werde ich ihn wieder sehen? Natürlich, er macht mir schon Angst... aber da ist etwas... etwas was ich nicht verstehe. Es ist so, als hätte er mich verstanden. 
Und was ist eigentlich mit Nico? Wollte er sich nicht melden nachdem er mit Mila gesprochen hat? Was soll dieser Mist?! Kann es sein... Hat er mich doch nur verarscht?! Ich wischte mir ein paar Tränen weg, stand auf und ging wieder raus. Vielleicht sollte ich mal ein bisschen durch die Gegend fahren? Ich wollte mich einfach ablenken lassen.
Auf dem Weg zum Auto hörte ich Schritte hinter mir. Ich drehte mich um, in der Hoffnung das es Nico wäre und starrte Leon an. Sofort fing ich an zu zittern, ließ meine Stimme jedoch stark und fest klingen als ich sprach: „Verschwinde! Sofort!“
Ein ekelhaftes Grinsen bildete sich in seinem Gesicht. „Wer will mich den wegscheuchen? Du? Das ich nicht lache“, sagte er und lachte sarkastisch. Dann blickte er mich wieder an, ich war schon am Jeep angelangt und stützte mich an der Wagentür. „Was willst du von mir?“, flüsterte ich. „Ist das nicht verständlich?“, sagte er und sein Blick ging über meinen Körper. „Dich.“
Nun ging alles ganz schnell. Verzweifelt versuchte ich die Wagentür aufzumachen, er kam jedoch zu schnell zu mir, packte mich am Hals und hob mich hoch.
Ich bekam keine Luft mehr, taumelte in der Luft und versuchte mit meinen Händen seinen Griff zu lockern. Dann wurde alles verschwommen, ich stieß noch einen erstickten Schrei aus als sich meine Augenlider schlossen und ich in Ohnmacht fiel. Ich spürte noch wie ich auf den Boden aufschlug und dann wieder gepackt wurde...

Hey, ich stehe vor deiner Tür. Vanni ist auch schon hier, kommst du raus?“, fragte mich Leon durchs Handy, ich 
antwortete mit 'Ja', legte auf und ging runter. Wir wollten Heute picknicken gehen. Ich war nun seit drei Wochen mit Leon zusammen und es war wunderbar.
Ich sprang die Treppen hinunter, verabschiedete mich von meinen Eltern und ging raus.
Vanni saß auf den Rücksitzen und Leon kam mit entgegen. „Na mein Schatz“, begrüßte er mich und küsste mich. Danach hielt er mir die Tür auf, und nachdem ich Platz genommen hatte, setzte er sich auf den Fahrersitz und fuhr los. Ich war der glücklichste Mensch der Welt. Auf dem Weg schaute Leon mich immer aus dem Augenwinkel an und ich lächelte. „Hört auf so viel zu turteln! Ich komme mir da ja gar nicht einsam vor!“, rief Vanni und wir mussten lachen.
Wir kamen an einer großen Wiese an, welche am Waldrand lag. Leon breitete die Picknickdecke aus und Vanni und ich schossen und den Ball hin und her. Wir waren nicht gerade die unsportlichsten und Leon war ein Gentleman. Außerdem liebte er es, uns zu zugucken. „Mädels, kommt ihr?“, rief Leon und wir kamen. Es gab einen Erdbeerkuchen und eine Wassermelone.
Nachdem wir uns satt gegessen hatten, lehnte ich mich an Leon und genoss die Sonne. Er strich mir die Haare auf dem Gesicht und drückte mir einen Kuss auf die Wange. Ich lächelte ihn an und schreckte zusammen, als Vanni aufsprang und zur Kamera lief. „Lasst uns ein Foto machen, für tolle Erinnerungen!“, sagte sie und strahlte. Ich lächelte, sie stellte die Kamera auf und sprang zu uns um auch noch auf das Bild zu passen. Wir schnitten Grimassen und schauten uns danach das Bild an.

Zu dieser Zeit war noch alles perfekt...

Plötzlich versuchte ich nach Luft zu schnappen, spuckte Wasser und Blut und musste feststellen, das mir jemand Wasser über den Kopf geschüttelt hatte. Ich versuchte die Augen zu öffnen, was mir nur mit Schmerzen gelang, Um mich herum war es dunkel. Die Wände waren aus Holz, daraus schloss ich, dass ich mich in einem Holzschuppen befand. Leon war schlau, wahrscheinlich war ich mitten auf einem Feld wo man mich nicht findet...
Meine Arme und Beine lagen ausgestreckt in Ketten, welche an der Wand befestigt waren. Es war zwar dunkel, und doch konnte ich Leon wahrnehmen. Er saß in der gegenüberliegenden Ecke. „Wieso?“, krächzte ich. Nun stand er auf und kam auf mich zu. Ich wollte automatisch zurückweichen, stieß aber nur mit den Kopf gegen die Wand. Leon stand nun vor mir und mustert mich. Meine Kleider waren zerrissen und meine Haare waren in einen Zopf gebunden welchen ich mir vorhin gemacht hatte. „Weil ich dich nicht verlieren will“, sagte Leon. „Kennst du das Sprichwort 'wenn du sie liebst, lass sie gehen'?“, fragte ich ihn und funkelte ihn böse an. „Wir wissen beide das ich nichts von Sprichwörtern halte. Deine neue Bekanntschaft ist gefährlich. Er hatte etwas in seinem Blick... ich kann es nicht erklären. Hier bist du sicher“, sagte er. „Sicher?! Ist das dein Ernst?! Und außerdem ist er nicht der Gefährliche von euch!“, schrie ich ihn an und mir kamen die Tränen. Plötzlich klingelte mein Handy in meiner Hosentasche. Leon musterte mich, packte dann in meine Hosentasche und zog mein Handy raus. „Willst du noch ein paar letzte Worte an ihn sagen?“, sagte Leon sarkastisch und zeigte mein Handydisplay. Nico. Mein Vater war Erfinder. Ich hatte ein spezielles Handy von ihm bekommen. Leon wusste nicht, wie man mein Handy bediente und nahm versehentlich ab. Erst als ich „Nico!“, schrie, realisierte Leon was er getan hatte und war mein Handy gegen die gegenüberliegenden Wand worauf es in tausend Teilchen zersprang.
Ich spürte den Geschmack von Salz, als meine Tränen meinen Mund erreichten und ich bemerkte, dass ich Hunger und Durst hatte. „Ich werde gehen Liebes, aber ich komme nachher wieder. Du weißt, dass ich nur das Beste für dich will“, sagte Leon und ging zur Tür. „Du bist doch krank! Was ist nur mit dir passiert?!“, schrie ich und erinnerte mich an den Picknicktag. Verdammt! Wie konnte sich alles so entwickeln?, fragte ich mich. Leon blieb in der Tür stehen und ich erhaschte einen Blick nach draußen. Savannengras. Ich hatte Recht. Ich bin mitten im Nirgendwo. Leon dreht sich kurz zu mir um bevor er ging und murmelte noch: „Du weißt, dass ich dich liebe, Scar! Wir sind für einander bestimmt... Und das weißt du!“

Mittwoch, 1. Mai 2013

KAPITEL 12

NICO

Obwohl ich frei war, so frei wie noch nie, fühlte ich mich doch gefangen. Ich konnte überall hin, und doch konnte ich es nicht. Es ist als ob ich mich in einem großen Käfig bewegen würde: Ich hatte genug Freiraum, aber ab einem bestimmten Punkt konnte ich einfach nicht mehr weiter. Der Weg war hier zuende und etwas versperrte mir den Weg.
Dann besaß ich noch die große Freiheit mein Leben als Tiger zu führen. Wenn ich wollte, konnte ich mich für eine Weile in die Welt eines Tigers verkriechen und alle Probleme und Sorgen um mich herum vergessen. Doch das gelang mir nicht immer. Auch wenn ein Tiger ein Einzelgänger war und niemanden außer sich brauchte, so waren unser Rudel und auch viele andere, die im verborgenem Lebten, so wie wir, anders. Da wir auch Menschen waren brauchten wir auch andere, die so waren wie wir. Wir hatten unsere eigene kleine Zivilisation die niemand betreten durfte. Und jetzt wurde ich daraus verstoßen, weil ich anders sein wollte – weil ich anders war. Ich musste irgendwo hin, wo mich die nächsten Tage verstecken konnte, wo ich mich sicher fühlte. Und dieser Ort war bei Scarlett. Ich lag in ihrem Vorgarten und wartete bis sie hinauskam. Am liebsten würde ich sie in meine Arme schließen und bei ihr sein, aber wie sollte ich ihr erklären, wer ich war? Vorallem konnte ich doch nich bei ihr wohnen, was sollte ich ihr sagen? Tut mir leid, aber ich bin zurzeit Obdachlos. Kann ich vielleicht bei dir bleiben? Ha, das ich nicht lache. Das klingt genauso beschissen wie meine derzeitige Situation war. Was sollte sie von mir denken, wenn ich ihr das sagen würde? Nein, ich konnte das einfach nicht, ich war einfach viel zu stolz dafür. Aber das Schlimmste war ja, obwohl das eher untypisch für einen Tiger war, dass ich mich mit meinen Sorgen und Problemen abquälte. Wenn ich Mensch wäre, würden sie mich regelrecht auffressen.
Endlich kam Scarlett wieder hinaus und brachte mir ein Steak mit. Dankbar nahm ich dieses an und verschlang dieses. Auch wenn ich großen Hunger hatte, so wollte ich doch nicht jagen gehen. Ich konnte es einfach nicht, ich war viel zu schwach. Bin ich das wirklich? Fragte ich mich und war beschämt und wütend zugleich. Worüber denkt sie grade nach? Fragte ich mich und musterte sie von Kopf bis Fuß. Kurz lächelte sie verunsichert und begab sich wieder in ihren Bungalow. Ich sah wie das Licht im Flur aus ging. Traurig legte ich meinen Kopf auf meine Pfoten und starrte hoffnungsvoll zur Eingangstür. Scar, dachte ich nur und gab ein leises Winseln von mir. Doch alles blieb wie es war. Also schloss ich langsam die Augen und versuchte zu schlafen.
Eine Weile später ging die Eingangstür erneut auf und ich spürte wie Scarlett sich an mich lehnte. Erleichtert und auch etwas glücklich atmete ich aus. Ich passe auf dich auf, Scar, versprach ich ihr in Gedanken und schlief ein.

Die Sonne kitzelte keine Nase und ich öffnete langsam meine Augen. Scarlett lag immernoch dicht an mich gekuschelt – Ich war erstaunt dass sie keine Angst vor mir hatte. Wahrscheinlich hatte sie sie doch, aber sie vertraute mir. Eine Weile schaute ich sie an und war von ihrer Schönheit fasziniert. Sie öffnete ihre schönen Augen und wich im ersten Moment instinktiv zurück. Doch nachdem wir uns einander länger in die Augen geschaut hatten lächelte sie mir zu und streichelte sanft mein Fell. „Was machst du bloß hier?“, fragte sie verwirrt und glücklich zu gleich. „Du kannst nicht Ewig hier bleiben. Du musst zurück in die Wildnis“, sagte sie behutsam und kraulte mein linkes Ohr. „Na los, geh schon“, sagte sie etwas bedrückt und klopfte mir nun auf meine Schulter. Nur mühsam erhob ich mich und machte ein paar Schritte aus dem Vorgarten hinaus. Dann blieb ich stehen und drehte mich erneut zu ihr. Inzwischen war auch die aufgestanden, hatte ihre Arme vor ihrer Brust verschränkt und nickte mir aufmunternd zu.
Ich komme wieder, sagte ich, was sie aber nicht verstand, sondern als einfaches Brüllen deuten musste. Kurz zuckten ihre Mundwinkel nach oben, sie winkte und ging zurück in ihr Haus.
Grade war ich dabei mir eine junge Gazelle zu fangen als ich sah, wie ein junger Tiger auf mich zugehüpft kam. Natührlich bemerkte die Gazelle diesen und sprintete panisch davon. Der junge Tiger war Ariane, mein geliebtes Schwesterherz. „Nico! Bitte komm zurück. Ohne dich halte ich es da einfach nicht aus!“, sagte sie und ich konnte deutlich ein Zittern ihrer Stimme entnehmen. „Ich kann nicht, Lucien hat mich aus dem Rudel verbannt!“, sagte ich und schüttelte meinen Kopf. „Dann lass mich mit dir gehen!“, flehte sie mich an. „Nein Ari, das kann ich nicht verantworten“, erwiederte ich und schaute ihr tif in ihre Augen. „Ich kann auf mich aufpassen! Bitte Nico, du bist alles was ich noch habe..“, schluchste sie und mein Herz wurde direkt schwerer. Ich konnte sie nicht so sehen, sie ist meine kleine.. „Bitte Ariane.. Ich kann dich nicht mit nehmen. Geh zurück zum Rudel, da passt Felicitas auf dich auf“, sagte ich und versuchte unseren Blickkontakt aufrecht zu erhalten. „Vertrau mir. Es wird alles gut. Sag das bitte auch Felicitas. Versprichst du mir bei ihr zu bleiben?“. Fragte ich und hoffte Ariane würde es verstehen. „Kommst du wieder?“
Ari, versprich es mir!“, drängte ich und versuchte ihrer Frage auszuweichen. Das selbe hatte mich auch Felicitas gefragt, aber ich konnte ihr keine Antwort geben. „Ich.. ich verspreche es“, sagte sie leise und ich war erleichtert. „Alles wird gut meine Kleine“, versicherte ich ihr und ging.
Nachdem ich den ganzen Tag durch die gegend getrottet bin und versucht hatte eine sichere Bleibe zu finden, kehrte ich am Abend erneut zu Scarlett zurück. Ihr Jeep stand in der Einfahrt und ich legte mich erneut vor ihre Türe. Es war still. Etwas stimmt hier nicht.. dachte ich und lief einmal um den Bungalow. Doch nichts rührte sich. Vielleicht schläft sie ja schon? Ich dachte mir nichts dabei und legte mich erneut vor ihre Tür und versuchte zu schlafen.
Die ganze Nacht war ich wach gelegen und hatte gewartet wenigstens ein kleines Geräusch aus dem Inneren der Bungalows zu hören, doch es blieb still.
Es war bereits Mittag und ich brüllte einmal. Zweimal. Doch immer noch rührte sich nichts.
Ich verwandelte mich in einen Menschen und klingelte an ihrer Tür einmal. Zweimal. Doch niemand war da. Besorgt holte ich mein Handy und wählte ihre Nummer.
Nico!“, hörte ich sie unter Tränen schreien. „Scarlett? Wo bist du?“, rief ich ins Handy hinein. Es raschelte kurz, dann war die Leitung tot.
Scheiße! Scar, wo bist du? Ich machte mir große Sorgen. Es hörte sich so an als würde sie gefangen gehalten werden. Es war meine Schuld, ich hätte bei ihr bleiben sollen!
Aber es bringt jetzt nichts mir selbst Vorwürfe zu machen, ich muss Scarlett finden! Doch wo sollte ich anfangen sie zu suchen? Ich wusste weder wo noch bei wem sie ist.. Ich hätte Amok laufen können, so wütend war ich.