Mittwoch, 1. Mai 2013

KAPITEL 12

NICO

Obwohl ich frei war, so frei wie noch nie, fühlte ich mich doch gefangen. Ich konnte überall hin, und doch konnte ich es nicht. Es ist als ob ich mich in einem großen Käfig bewegen würde: Ich hatte genug Freiraum, aber ab einem bestimmten Punkt konnte ich einfach nicht mehr weiter. Der Weg war hier zuende und etwas versperrte mir den Weg.
Dann besaß ich noch die große Freiheit mein Leben als Tiger zu führen. Wenn ich wollte, konnte ich mich für eine Weile in die Welt eines Tigers verkriechen und alle Probleme und Sorgen um mich herum vergessen. Doch das gelang mir nicht immer. Auch wenn ein Tiger ein Einzelgänger war und niemanden außer sich brauchte, so waren unser Rudel und auch viele andere, die im verborgenem Lebten, so wie wir, anders. Da wir auch Menschen waren brauchten wir auch andere, die so waren wie wir. Wir hatten unsere eigene kleine Zivilisation die niemand betreten durfte. Und jetzt wurde ich daraus verstoßen, weil ich anders sein wollte – weil ich anders war. Ich musste irgendwo hin, wo mich die nächsten Tage verstecken konnte, wo ich mich sicher fühlte. Und dieser Ort war bei Scarlett. Ich lag in ihrem Vorgarten und wartete bis sie hinauskam. Am liebsten würde ich sie in meine Arme schließen und bei ihr sein, aber wie sollte ich ihr erklären, wer ich war? Vorallem konnte ich doch nich bei ihr wohnen, was sollte ich ihr sagen? Tut mir leid, aber ich bin zurzeit Obdachlos. Kann ich vielleicht bei dir bleiben? Ha, das ich nicht lache. Das klingt genauso beschissen wie meine derzeitige Situation war. Was sollte sie von mir denken, wenn ich ihr das sagen würde? Nein, ich konnte das einfach nicht, ich war einfach viel zu stolz dafür. Aber das Schlimmste war ja, obwohl das eher untypisch für einen Tiger war, dass ich mich mit meinen Sorgen und Problemen abquälte. Wenn ich Mensch wäre, würden sie mich regelrecht auffressen.
Endlich kam Scarlett wieder hinaus und brachte mir ein Steak mit. Dankbar nahm ich dieses an und verschlang dieses. Auch wenn ich großen Hunger hatte, so wollte ich doch nicht jagen gehen. Ich konnte es einfach nicht, ich war viel zu schwach. Bin ich das wirklich? Fragte ich mich und war beschämt und wütend zugleich. Worüber denkt sie grade nach? Fragte ich mich und musterte sie von Kopf bis Fuß. Kurz lächelte sie verunsichert und begab sich wieder in ihren Bungalow. Ich sah wie das Licht im Flur aus ging. Traurig legte ich meinen Kopf auf meine Pfoten und starrte hoffnungsvoll zur Eingangstür. Scar, dachte ich nur und gab ein leises Winseln von mir. Doch alles blieb wie es war. Also schloss ich langsam die Augen und versuchte zu schlafen.
Eine Weile später ging die Eingangstür erneut auf und ich spürte wie Scarlett sich an mich lehnte. Erleichtert und auch etwas glücklich atmete ich aus. Ich passe auf dich auf, Scar, versprach ich ihr in Gedanken und schlief ein.

Die Sonne kitzelte keine Nase und ich öffnete langsam meine Augen. Scarlett lag immernoch dicht an mich gekuschelt – Ich war erstaunt dass sie keine Angst vor mir hatte. Wahrscheinlich hatte sie sie doch, aber sie vertraute mir. Eine Weile schaute ich sie an und war von ihrer Schönheit fasziniert. Sie öffnete ihre schönen Augen und wich im ersten Moment instinktiv zurück. Doch nachdem wir uns einander länger in die Augen geschaut hatten lächelte sie mir zu und streichelte sanft mein Fell. „Was machst du bloß hier?“, fragte sie verwirrt und glücklich zu gleich. „Du kannst nicht Ewig hier bleiben. Du musst zurück in die Wildnis“, sagte sie behutsam und kraulte mein linkes Ohr. „Na los, geh schon“, sagte sie etwas bedrückt und klopfte mir nun auf meine Schulter. Nur mühsam erhob ich mich und machte ein paar Schritte aus dem Vorgarten hinaus. Dann blieb ich stehen und drehte mich erneut zu ihr. Inzwischen war auch die aufgestanden, hatte ihre Arme vor ihrer Brust verschränkt und nickte mir aufmunternd zu.
Ich komme wieder, sagte ich, was sie aber nicht verstand, sondern als einfaches Brüllen deuten musste. Kurz zuckten ihre Mundwinkel nach oben, sie winkte und ging zurück in ihr Haus.
Grade war ich dabei mir eine junge Gazelle zu fangen als ich sah, wie ein junger Tiger auf mich zugehüpft kam. Natührlich bemerkte die Gazelle diesen und sprintete panisch davon. Der junge Tiger war Ariane, mein geliebtes Schwesterherz. „Nico! Bitte komm zurück. Ohne dich halte ich es da einfach nicht aus!“, sagte sie und ich konnte deutlich ein Zittern ihrer Stimme entnehmen. „Ich kann nicht, Lucien hat mich aus dem Rudel verbannt!“, sagte ich und schüttelte meinen Kopf. „Dann lass mich mit dir gehen!“, flehte sie mich an. „Nein Ari, das kann ich nicht verantworten“, erwiederte ich und schaute ihr tif in ihre Augen. „Ich kann auf mich aufpassen! Bitte Nico, du bist alles was ich noch habe..“, schluchste sie und mein Herz wurde direkt schwerer. Ich konnte sie nicht so sehen, sie ist meine kleine.. „Bitte Ariane.. Ich kann dich nicht mit nehmen. Geh zurück zum Rudel, da passt Felicitas auf dich auf“, sagte ich und versuchte unseren Blickkontakt aufrecht zu erhalten. „Vertrau mir. Es wird alles gut. Sag das bitte auch Felicitas. Versprichst du mir bei ihr zu bleiben?“. Fragte ich und hoffte Ariane würde es verstehen. „Kommst du wieder?“
Ari, versprich es mir!“, drängte ich und versuchte ihrer Frage auszuweichen. Das selbe hatte mich auch Felicitas gefragt, aber ich konnte ihr keine Antwort geben. „Ich.. ich verspreche es“, sagte sie leise und ich war erleichtert. „Alles wird gut meine Kleine“, versicherte ich ihr und ging.
Nachdem ich den ganzen Tag durch die gegend getrottet bin und versucht hatte eine sichere Bleibe zu finden, kehrte ich am Abend erneut zu Scarlett zurück. Ihr Jeep stand in der Einfahrt und ich legte mich erneut vor ihre Türe. Es war still. Etwas stimmt hier nicht.. dachte ich und lief einmal um den Bungalow. Doch nichts rührte sich. Vielleicht schläft sie ja schon? Ich dachte mir nichts dabei und legte mich erneut vor ihre Tür und versuchte zu schlafen.
Die ganze Nacht war ich wach gelegen und hatte gewartet wenigstens ein kleines Geräusch aus dem Inneren der Bungalows zu hören, doch es blieb still.
Es war bereits Mittag und ich brüllte einmal. Zweimal. Doch immer noch rührte sich nichts.
Ich verwandelte mich in einen Menschen und klingelte an ihrer Tür einmal. Zweimal. Doch niemand war da. Besorgt holte ich mein Handy und wählte ihre Nummer.
Nico!“, hörte ich sie unter Tränen schreien. „Scarlett? Wo bist du?“, rief ich ins Handy hinein. Es raschelte kurz, dann war die Leitung tot.
Scheiße! Scar, wo bist du? Ich machte mir große Sorgen. Es hörte sich so an als würde sie gefangen gehalten werden. Es war meine Schuld, ich hätte bei ihr bleiben sollen!
Aber es bringt jetzt nichts mir selbst Vorwürfe zu machen, ich muss Scarlett finden! Doch wo sollte ich anfangen sie zu suchen? Ich wusste weder wo noch bei wem sie ist.. Ich hätte Amok laufen können, so wütend war ich.



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